Freitag, 12. Juni 2015

MARC AUREL - SELBSTBETRACHTUNGEN - (Teil zwei)



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SIEBENTES  BUCH


1
Was ist Schlechtigkeit?  Nichts anderes, als was du schon oft gesehen hast.  Und so halte bei jedem Zufall den Gedanken bereit:  “Es ist nur etwas, das du schon oft gesehen hast.”  Dann wirst du erkennen, daß alles, wovon die Geschichte alter, mittlerer und neuer Zeit handelt, und womit sich der Staat wie die Familie jetzt beschäftigt, in jeder Beziehung das nämliche sei.  Nichts Neues, alles gewöhnlich und von kurzer Dauer.
2
Deine Lebensgrundsätze werden stets ihre Gültigkeit für dich behalten, solange dir die ihnen entsprechenden Grundbegriffe nicht abhanden gekommen sind.  Das aber kannst du verhindern, indem du dieselben immer wieder zu neuem Leben in dir anfachst und über das, was notwendig ist, nicht aufhörst nachzudenken — ­:  wobei dich nichts zu stören vermag, weil alles, was zu deinem Gedankenleben von außen hinzutritt, als solches keinen Einfluß auf dasselbe hat.  Halte dich also nur so, daß es dir äußerlich bleibt!  Hast du aber deine Lebenshaltung einmal eingebüßt:  Du kannst sie wieder gewinnen.  Sieh die Dinge wieder gerade so an, wie du sie angesehen hattest!  Darin besteht alles Wiederaufleben.
3
Das Leben ist freilich weiter nichts als ein eitles Jagen nach Pomp, als ein Bühnenspiel, wo Züge von Last- und anderem Vieh erscheinen, oder ein Lanzenrennen, ein Herumbeißen junger Hunde um den hingeworfenen Knochen, ein Geschnappe der Fische nach dem Bissen, die Mühen und Strapazen der Ameisen, das Hin- und Herlaufen unruhig gemachter Fliegen, oder ein Guckkasten, wo ein Bild nach dem andern abschnurrt:  aber mitten in diesem Getreibe festzustehen mit ruhigem und freundlichem Sinn, das eben ist unsere Aufgabe.
4
Bei einer Rede gilt es achtzuhaben auf die Worte, bei einer Handlung auf den erstrebten Erfolg.  Dort ist die Frage nach der Bedeutung jedes Ausdrucks, hier handelt sich´s um den Zweck, der verfolgt wird.
5
Die Frage ist, ob meine Einsicht ausreicht, was ich mir vorgenommen, auszuführen oder nicht.  Genügt sie, so brauche ich sie als ein Werkzeug, das die Natur mir an die Hand gegeben.  Reicht sie nicht aus, dann überlasse ich entweder das Werk dem, der besser imstande ist es zu vollbringen, wofern dies nicht für mich geradezu unziemlich ist, oder ich handle so gut ich kann mit Zuziehung dessen, den zur Vollendung eines gemeinnützigen Werkes eben meine Einsicht als Ergänzung bedarf.  Denn alles, was ich tue, mag ich es nun durch meine eigene Kraft oder mit Hilfe eines andern zustande bringen — ­dem Wohl des Ganzen muß es immer dienen.
6
Wieviel Hochgepriesene sind bereits der Vergessenheit überantwortet und wie viele, die ihnen Loblieder sangen, sind schon hinweggeräumt!
7
Du hast dich nicht zu schämen, wenn du Hilfe brauchst.  Tu nur dein Mögliches! wie bei der Erstürmung einer Mauer jeder Soldat eben auch nur sein Möglichstes tun muß!  Denn wenn du gelähmt auch die Brustwehr allein nicht erklimmen kannst, bist du es mit Hilfe eines andern wohl imstand.
8
Laß dich das Zukünftige nicht anfechten!  Du wirst, wenn´s nötig ist, schon hinkommen, getragen von derselben Geisteskraft, die dich das Gegenwärtige beherrschen läßt.
9
Alles ist wie durch ein heiliges Band miteinander verflochten.  Nahezu nichts ist sich fremd.  Eines schließt sich dem anderen an und schmückt mit ihm vereint dieselbe Welt.  Aus allem, was ist, bildet sich doch nur die eine Welt; in allem, was ist, lebt nur der eine Gott.  Es ist nur ein Stoff und ein Gesetz, in den vernunftbegabten Wesen die eine Vernunft.  Nur eine Wahrheit gibt´s und für die Wesen derselben Gattung auch nur eine Vollkommenheit.
10
Alles Stoffliche verschwindet gar bald im Urstoff des Ganzen und jede wirkende Kraft wird gar bald in die Vernunft des Ganzen aufgenommen.  Aber ebenso schnell findet die Erinnerung an alles ihr Grab im ewigen Zeitlauf.
11
Für die vernünftigen Wesen ist eine naturgemäße Handlungsweise auch immer zugleich eine vernunftgemäße.
12
Von selbst stehe aufrecht — ­nicht aufrecht gehalten!
13
Was in dem einzelnen Organismus die Glieder des Leibes, das sind in dem Gesamtorganismus die einzelnen vernunftbegabten Wesen.  Auch sie sind zum Zusammenwirken geschaffen.  Sagst du dir nur recht oft:  Du seist ein Glied in dem großen System der Geister, so kann ein solcher Gedanke nicht anders als dich aufs tiefste berühren.  Siehst du dich aber nur als einen Teil dieses Ganzen an, so liebst du die Menschen auch noch nicht von Herzen, so macht dir das Gutestun noch nicht an sich selbst Freude, so übst du es nur als eine Pflicht, so ist es noch keine Wohltat für dich selber.
14
Mag den Teilen, die durch den Stoß berührt werden können, von außen her zustoßen, was da will, dann mögen sich die beschädigten Teile, wenn sie wollen, beschweren.  Ich habe jedoch, solange ich ein Ereignis nicht für ein Übel halte, noch nicht dabei gelitten.  Es aber nicht dafür zu halten, steht mir ja ganz frei.
15
Der Smaragd spricht:  was auch einer tun oder sagen mag, ich muß Smaragd sein und meine Farbe bewahren.  So sprech auch ich:  mag einer tun und sagen, was er will, ich muß die Tugend bewahren.
16
Die Seele beunruhige und erschrecke sich nicht.  Kann´s ein anderer, mag er´s tun.  Sie selbst für sich sei solchen Regungen unzugänglich.  Daß aber der Leib nichts leide, dafür mag er, wenn er kann, selbst sorgen, und wenn er leidet, mag er´s sagen.  Doch die Seele, der eigentliche Sitz der Furcht und jeder schmerzlichen Empfindung, kann nicht leiden, wenn du ihr nicht die Meinung, daß sie leide, erst beibringst.  Denn an und für sich, und wenn sie sich nicht selbst die Bedürfnisse schafft, ist die Seele bedürfnislos und deshalb auch, wenn sie sich nicht selbst beunruhigt, unerschütterlich.
17
Glücklich sein heißt einen guten Charakter haben.  Was machst du also hier, Einbildung?  Geh um der Götter willen, wie du kamst, denn ich brauche dich nicht!  Du bist gekommen nach deiner alten Gewohnheit Ich zürne dir nicht, nur geh fort!
18
Wäre es möglich, daß dir der Wechsel, dem alles unterworfen ist, Furcht einjage?  Was könnte denn geschehen, wenn sich die Dinge nicht veränderten?  Was gibt es Angemesseneres für die Natur als diese Veränderung?  Könntest du dich denn nähren, wenn die Speisen sich nicht verwandelten? Überhaupt hängt von dieser Eigenschaft der Nutzen jedes Dinges ab.  Und siehst du nun nicht, daß die Veränderung, der du unterworfen bist, von derselben Art und ebenso notwendig ist für das Ganze?
19
Alle Körper nehmen durch das Weltall, wie durch einen reißenden Strom, ihren Lauf und sind, wie die Glieder unseres Leibes untereinander, so mit jenem Ganzen innig verbunden und wirken mit ihm.  Wie manchen Chrysipp, wie manchen Sokrates, wie manchen Epiktet hat schon die Welle verschlungen!  Diesen Gedanken hege beim Anblick jedes Menschen und jedes Gegenstands.
20
Das eine liegt mir am Herzen, daß ich nichts tue, was dem Willen dermenschlichen Natur zuwider ist, oder was sie in dieser Art oder was sie gerade jetzt nicht will.
21
Bald wird alles bei dir und bald wirst auch du bei allen vergessen sein.
22
Es ist ein dem Menschen eigentümlicher Vorzug, daß er auch die liebt, die ihm weh getan haben.  Und es gelingt ihm, wenn er bedenkt, daß Menschen Brüder sind, daß sie aus Unverstand und unfreiwillig fehlen, daß beide, der Beleidigte und der Beleidiger nach kurzer Zeit den Toten angehören werden, und vor allem:  daß eigentlich niemand ihm schaden, d.h. sein Inneres schlechter machen kann als es vorher gewesen.
23
Wie man aus Wachs etwas formt, so formt die Allnatur aus den Urstoffen die verschiedenen Wesen; jetzt das Roß, dann, wenn dieses zerschmolz, den Baum, bald den Menschen, bald etwas anderes, und ein jegliches nur zu kurzem Bestand.  Aber wie es dem Kistchen gleichgültig war, daß man´s gezimmert, so auch, daß man es nun wieder auseinander nimmt.
24
Ein zorniges Gesicht ist widernatürlich.  Wenn die Sanftmut im Innern erstirbt, erlischt auch die äußere Zier, daß sie nicht überall wieder angefacht werden kann.  Schon daraus geht hervor, daß jeder grollende Blick vernunftwidrig ist.  Wem das Gewissen ausgegangen, der hat keine Ursache zu leben.
25
In kurzem wird die allwaltende Natur alles, was du siehst, verwandeln und aus demselben Stoff andere Dinge bereiten und aus deren Stoff wieder andere Dinge, damit sich die Welt immer verjüngt.
26
Sobald dir jemand weh getan hat, mußt du sogleich untersuchen, welche Ansicht über Gut und Böse ihn dazu vermochte.  Denn sowie dir dies klar geworden wirst du Mitleid fühlen mit ihm und dich weder wundern noch erzürnen.  Entweder nämlich findest du, daß du über das Gute gar keine wesentlich andere Ansicht hast als er; und dann mußt du ihm verzeihen.  Oder du siehst den Unterschied; dann aber ist´s ja nicht so schwer, freundlich zu bleiben dem, der — ­sich geirrt hat. — ­
27
Denke nicht so oft an das, was dir fehlt, als an das, was du hast.  Und wenn dir bewußt wird, was von diesem das Allerbeste sei, mußt du dir klarmachen, wie du´s gewinnen könntest, im Fall du es nicht besäßest.  Je zufriedener dich aber sein Besitz macht, um so mehr mußt du dich hüten, ihn mit einem solchen Wohlgefallen zu betrachten, daß dich sein Verlust beunruhigen könnte.
28
Ziehe dich in dich selbst zurück!  Die uns beherrschende Vernunft ist ja so beschaffen, daß sie am Rechttun und an der daraus hervorgehenden Ruhe Genügen findet.
29
Mache den Einbildungen ein Ende!  Hemme den Zug der Leidenschaften!  Behalte die Gegenwart in deiner Gewalt!  Mache dich mit dem vertraut, was dir oder einem anderen begegnet.  Trenne und zerlege alles in seine Urkraft und seinen Stoff.  Gedenke der letzten Stunde!  Fehler, die andere begehen, laß ruhen, wo sie begangen sind.
30
Richte deine ganze Aufmerksamkeit auf das, wovon gesprochen wird, versenke deinen Geist in die Betrachtung der Begebenheiten und ihrer Ursachen.
31
Dein Schmuck sei Einfalt, Bescheidenheit und Gleichgültigkeit gegen alles, was zwischen Tugend und Laster in der Mitte liegt.  Liebe das Menschengeschlecht, folge der Gottheit!  Alles, sagt jemand, geschieht nach bestimmten Gesetzen, ob Götter sind oder ob aus Atomen alles entsteht, gleichviel.  Genug eben, daß alles gesetzmäßig ist.
32
Vom Tod:  Der Tod ist Zerstreuung oder Auflösung in Atome oder
Vernichtung, ein Auslöschen oder ein Versetzen.
33
Vom Schmerz:  Ist er unerträglich, führt er auch den Tod herbei; ist er anhaltend, so läßt er sich auch ertragen.  Wenn nur die Seele dabei an sich hält, bewahrt sie auch ihre Ruhe und leidet keinen Schaden.  Die vom Schmerz getroffenen Glieder mögen dann, wenn sie können, sich selbst darüber aussprechen.
34
Vom Ruhm:  Betrachte die Gesinnungen der Ruhmsüchtigen, von welcher Art sie sind und was sie einerseits meiden und andererseits suchen!  Bedenke ferner:  Wie bei den übereinandergewirbelten Sandhügeln, die früher hergewehten von den später aufgehäuften bedeckt werden, so wird auch im Leben das Frühere vom Späteren bedeckt.
35
Plato fragt:  “Wem hoher Sinn und Einsicht in die Zeiten und in das Wesen der Dinge verliehen ward — ­glaubst du, daß der das menschliche Leben für etwas Großes halten kann?” und er antwortet:  “Unmöglich kann ich´s.”  Nun, und ebenso unmöglich ist´s, daß ich den Tod für etwas Furchtbares halte.
36
Ein Ausspruch des Antisthenes:  “Königlich ist´s, wohlzutun und
Schmähungen ruhig über sich ergehen zu lassen.”
37
Schändlich ist´s, wenn die Seele nur Macht hat über unsere Mienen, nicht über sich selbst, wenn sie nur jene, nicht aber sich selber umzugestalten vermag.
38
Wie kann dich denn bald dies, bald jenes ärgern, das dich doch nichts angeht?
39
Freude den ewigen Göttern! doch uns auch Freude verleihe!
40
Die Früchte sind zum Pflücken, so das Leben auch.  Hier keimt das Leben, dort der Tod.
41
Wenn ich samt Kind von den Göttern einmal verlassen bin, Grund ist auch dafür. — ­
42
Was recht und gut, trag´ ich mit mir herum.
43
Mit andern weinen oder jubeln, nicht geziemt´s.
44
Blicke oft zu den Sternen empor — ­als wandeltest du mit ihnen.  Solche
Gedanken reinigen die Seele von dem Schmutz des Erdenlebens.
45
Platonische Aussprüche:  “Diesem würde ich mit Recht antworten:  du urteilst unrichtig, o Mensch, wenn du meinst, daß ein Mann, der auch nur einigen Wert hat, die bedenkliche Wahl zwischen Leben und Sterben ins Auge fassen und nicht vielmehr nur das erwägen soll, ob, was er tue, recht oder unrecht und die Tat eines Guten oder Schlechten sei.”
46
“So verhält es sich in der Tat, ihr Männer von Athen.  Den Posten, auf den einer, in der Meinung, daß es der beste sei, sich selbst gestellt hat oder auf den er von seinem Feldherrn gestellt worden ist, muß er — ­dünkt mich — ­auch in Gefahr behaupten und dabei weder Tod noch irgend etwas anderes mehr in Betracht ziehen, als die Schande.”
47
“Sieh gut zu, mein Freund, ob das Edle und Gute nicht in etwas anderem bestehe als in Erhaltung eines fremden oder des eigenen Lebens!  Denn wer wirklich ein Mann ist, soll nicht wünschen, so oder so lange zu leben, noch mit feiger Liebe am Leben hängen, sondern die Bestimmung hierüber Gott überlassen und glauben, was selbst die Weiber wissen, daß auch nicht einer seinem Schicksal entrinne, er denke nur daran, wie er die ihm noch beschiedene Lebenszeit so gut als möglich verbringe.”
48
Schön ist, was Plato gesagt hat, daß, wer vom Menschen reden wolle, das Irdische gleichsam von einem höheren Standpunkt aus betrachten müsse.  So die Versammlungen, Kriegszüge, Feldarbeiten, Ehen, Friedensschlüsse, Geburten, Todesfälle, lärmenden Gerichtsverhandlungen, verödeten Ländereien, die mancherlei fremden Völkerschaften, ihre Feste, Totenklagen, Jahrmärkte, diesen Mischmasch aus den fremdartigsten Bestandteilen.
49
Betrachte die Vergangenheit, den steten Wechsel der Herrschaft.  Daraus kannst du auch die Zukunft vorhersehen, denn sie wird durchaus gleichartig sein und kann unmöglich von der Regel der Gegenwart abweichen.  Daher ist es auch einerlei, ob du das menschliche Leben vierzig oder zehntausend Jahre hindurch erforschest.  Was wirst du mehr sehen?
50
“Zur Erde muß, was von der Erde stammt;
Doch zu des Himmels Pforte drängt
Jegliche Art, die seiner Flur entsprossen — ­”
Was nichts anderes besagt, als daß sich die ineinander verschlungenen
Atome trennen und die empfindungslosen Elemente sich zerstreuen.
51
“Durch Essen, Trinken und durch andres Gaukelwerk Sind wir bemüht, den Tod uns fern zu halten.  Doch müssen wir den Fahrwind, der von oben streicht, Sei´s auch zu unserm Leid, hinnehmen ohne Weh.”
52
Mag jemand immerhin kampfgeübter sein als du!  Er sei nur nicht menschenfreundlicher, nicht anspruchsloser, nicht ergebener in das Schicksal, nicht nachsichtsvoller den Fehlern der Nebenmenschen gegenüber.
53
Bei einer Wirksamkeit, die sich nach göttlichem und menschlichem Gesetz vollzieht, ist niemals Gefahr.  Nichts hast du zu befürchten, sobald deine Tätigkeit, ihr Ziel in aller Ruhe verfolgend, sich nur auf eine deiner Bildung angemessene Art entfaltet.
54
Immer steht es bei dir, das gegenwärtige Geschick zu segnen, mit denen, die dir grade nahe stehen, nach Recht und Billigkeit zu verfahren, und die Gedanken, die sich dir eben darbieten, ruhig durchzudenken, ohne dich an das Unbegreifliche zu kehren.
55
Sieh dich nicht nach den leitenden Grundsätzen anderer um, sondern halte den Blick auf das Ziel gerichtet, worauf dich die Natur hinweist, sowohl die Allnatur durch das Schicksal als deine eigene durch deine Pflichten.  Jeder aber hat die Folgen seiner Natur zu tragen.  Nun sind aber die übrigen Wesen wegen der Vernünftigen geschaffen, wie überhaupt alles weniger Edle für das Edlere.  Die Vernunftwesen aber sind eines um des anderen willen da.  Der erste Trieb des Menschen ist sein Trieb zur Geselligkeit, das zweite in ihm die Überlegenheit gegenüber sinnlichen Reizen.  Denn vernünftiger und verständiger Tatkraft ist es eigen, sich selbst zu beschränken und weder den Anforderungen der Sinne noch der Triebe je zu unterliegen.  Beide sind tierisch.  Die Vernunft will aber den Vorrang haben und sich nicht von jenen meistern lassen und das mit Recht.  Denn sie ist von Natur dazu da, sich jener überall zu ihren Zwecken zu bedienen.  Der dritte Vorzug in der Einrichtung eines vernünftigen Wesens besteht darin, nicht blindlings beizupflichten, noch sich täuschen zu lassen.  Mit diesen Vorzügen ausgestattet, gehe die herrschende Vernunft vorwärts.  Und sie hat, was ihr gebührt.
56
Lebe so, als solltest du jetzt scheiden und als wäre die dir noch vergönnte Zeit ein überflüssiges Geschenk.
57
Liebe das, was dir begegnet und zugemessen ist, denn was könntest du ziemlicher tun?
58
Bei allem, was dir widerfährt, stelle dir diejenigen vor Augen, denen dasselbe widerfahren ist, und die sich dabei widerwillig, voll eitler Verwunderung oder höchst vorwurfsvoll bewiesen haben.  Denn wolltest du diesen wohl gleichen? oder wolltest du nicht lieber solche ungehörige Eigenschaften anderen überlassen, selbst aber nur darauf achten, wie du deine Erfahrungen zu benutzen hast?  Und du wirst sie aufs beste benutzen, sie werden dir einen herrlichen Stoff liefern, wenn du keine andere Absicht hast, als dich bei allem, was du tust, als edler Mensch zu zeigen, dessen eingedenk, daß alles andere gleichgültig für dich ist nur nicht, wie du handelst!
59
Blicke in dein Inneres!  Da drinnen ist eine Quelle des Guten, die nimmer aufhört zu sprudeln, wenn du nur nicht aufhörst nachzugraben.
60
Auch der Körper muß eine feste Haltung haben und weder in der Bewegung noch in der Ruhe diese Festigkeit verleugnen.  Denn wie deine Seele auf deinem Gesicht zu lesen ist und eben darum deine Mienen zu beherrschen und zu formen weiß, so soll auch der ganze Körper ein Ausdruck der Seele sein.  Aber wohlgemerkt! ohne gesuchte Pose!
61
Dieselbe Kunst, die in den Kampfspielen gilt, wo man gerüstet sein muß auch auf solche Streiche, die unvorhergesehen, plötzlich kommen, herrscht auch im Leben.
62
Kenntest du die Quellen, aus denen bei so vielen Urteile und Interessen fließen, du würdest nach der Menschen Lob und Zeugnis nicht begierig sein.
63
Keine Seele, heißt es irgendwo, kommt anders um die Wahrheit als wider ihren Willen.  Nicht anders also auch um die Gerechtigkeit und Mäßigkeit und Güte, um alle diese Tugenden. — ­Je mehr man das beherzigt, desto milder wird man gegen alle.
64
Bei jeder Unlust sei dir der Gedanke zur Hand, daß sie nichts Entehrendes sei, noch die herrschende Denkkraft verschlimmere.  Denn weder an und für sich als etwas Körperliches betrachtet, noch in ihrem Verhältnis zur Gesellschaft, kann diese von jener zerrüttet werden.  Doch möge dir bei den meisten schmerzlichen Empfindungen der Ausspruch Epikurs dienlich sein, daß sie ebensowenig unerträglich als ewig dauernd sind, wofern du nur ihrer Grenzen eingedenk bist und nichts hinzudichtest.  So manches ist dem Schmerze eng verwandt, was nur mehr auf verborgene Weise lästig wird, z.B.  Schläfrigkeit, innere Glut, Appetitlosigkeit.  Drum sage dir, wenn so etwas dich trifft, nur geradezu:  du erliegst ja dem Schmerz.
65
Hüte dich selbst gegen Unmenschen so gesinnt zu sein, wie Menschen gegen
Menschen gesinnt zu sein pflegen.
66
Woher wissen wir, ob nicht Telauges eine edlere Denkungsart hatte, als Sokrates?  Denn hier ist es nicht genug, daß Sokrates auf ruhmvollere Art starb, daß er in seinen Unterredungen mit den Sophisten größere Gewandtheit zeigte, daß er mit mehr Geduld die Nacht unter dem eiskalten Himmel zubrachte, daß er dem Befehle, den Salaminier herbeizuführen, sich, wie es schien, mit noch größerer Seelenstärke widersetzte, daß er, was man, selbst wenn es wahr wäre, allermeist bezweifeln möchte, auf den Straßen stolz einherschritt, sondern man muß vielmehr folgende Fragen in Erwägung ziehen:  Wie war Sokrates´ Seele beschaffen?  Genügte ihm die Gerechtigkeit gegen Menschen und die Frömmigkeit gegen die Götter?  Hat er sich nie ohne Grund über die Schlechtigkeit anderer geärgert, nie ihrer Unwissenheit nachgegeben?  Hat er die vom Ganzen ihm zugeteilten Geschicke nie mit Befremden ausgenommen oder unter sie, als unter ein unerträgliches Joch, sich gebeugt?  Nie seine Vernunft zur Genossin der Leiden des armseligen Fleisches gemacht?
67
Die Natur hat dich nicht so dem großen Teig einverleibt, daß du dich nicht eingrenzen und das deinige allein aus dir selbst heraus tun könntest.  Du kannst fürwahr ein göttlicher Mensch sein, ohne von irgendeiner Seele gekannt zu werden.  Und magst du daran verzweifeln, in der und jener Wissenschaft oder Kunst jemals dich auszuzeichnen:  ein freier, edler, hilfreicher, gottesfürchtiger Mensch kannst du immer werden.
68
Unverrückt kannst du dein Leben in höchster Geistesfreudigkeit hinbringen, wenn auch alle Menschen nach Herzenslust ein Geschrei wider dich erheben und wenn auch wilde Tiere die schwachen Glieder dieses um dich angesammelten Fleischgemenges zerreißen sollten.  Denn was hindert dich, deiner denkenden Seele trotz alledem ihre Heiterkeit, ein richtiges Urteil über die Umstände und eine erfolgreiche Benutzung der ihr dargebotenen Gelegenheiten zu bewahren?  Dann sagt das Urteil zum Ereignis:  “Das bist du dem Wesen nach, auch wenn du der Meinung nach anders erscheinst!” und die Benutzung spricht zur Gelegenheit:  “Dich suchte ich eben; denn immer bietet mir die Gegenwart Stoff zur Ausübung einer vernünftigen und staatsbürgerlichen Tugend und überhaupt einer Kunst, die eines Menschen oder Gottes würdig ist.”  Steht ja doch jedes Begegnis im innigsten Bezuge zu Gott oder zum Menschen und ist mithin nichts Unerhörtes oder schwer zu Behandelndes, sondern vielmehr etwas Bekanntes und Leichtes.
69
Die sittliche Vollkommenheit bringt es mit sich, daß wir jeden Tag leben können, als wäre er der letzte, frei von Zorn, Schlaffheit und Verstellung.
70
Den unsterblichen Göttern ist es keine Last, die ganze Ewigkeit hindurch fortwährend eine solche Masse Nichtswürdiger zu dulden — ­vorausgesetzt, daß sie sich um sie kümmern.  Und du — ­du wolltest ungeduldig werden? und bist vielleicht gar selbst einer von den Bösen?
71
Lächerlich ist es, der Schlechtigkeit anderer aus dem Wege gehen zu wollen, was unmöglich ist, aber der eigenen nicht, was doch möglich ist.
72
Was die vernünftige und zu staatsbürgerlicher Tugend berufene Tatkraft nicht vernünftig, noch gemeinnützig findet, das hält sie mit gutem Grund unter der Würde.
73
Wenn du ein gutes Werk getan und dem anderen wirklich wohl getan hast, warum bist du dann gar so töricht, ein Drittes zu begehren, nämlich den Ruhm ob solcher Tat oder irgendeine Vergeltung?
74
Niemand wird es überdrüssig, sich Vorteile zu verschaffen.  Vorteil verschaffen aber ist eine Tätigkeit an die wir von Natur gewiesen sind.  Darum werde nie müde, dir Vorteile zu verschaffen, indem du selber Vorteil schaffst.
75
Die Allnatur fühlte den Drang zur Weltschöpfung.  Nun aber geschieht alles, was geschieht, nach dem Gesetz der notwendigen Folge, oder es ist auch das Wichtigste dessen Verwirklichung die weltbeherrschende Vernunft eigens anstrebt, ohne Grund vorhanden.  In vielen Fällen wird es deine Seelenruhe erhöhen, wenn du dessen eingedenk bist.

ACHTES BUCH

1
Mag es immerhin deinen Ehrgeiz herabdrücken, daß du nicht allezeit, daß du zumal in deiner Jugend nicht wie ein Philosoph gelebt hast, sondern vielen anderen und dir selbst auch als ein Mensch erschienen bist, der von der Philosophie weit entfernt ist, so daß es dir nicht leicht sein dürfte, dir noch das Ansehen eines Philosophen zu verschaffen.  Ein solcher Strich durch deine Rechnung ist nur heilsam.  Genügen muß es dir nun, von jetzt an so zu leben, wie es deine Natur vorschreibt.  Achte also darauf, was sie will, und laß dich durch nichts davon abbringen.  Du hast so manches versucht, dich hierhin und dorthin gewendet, aber nirgends dein Glück gefunden, nicht im Spekulieren nicht im Reichtum, nicht in der Ehre, nicht in der Sinnenlust, nirgends.  Wo ist es denn nun wirklich?  Nur im Tun dessen, was die menschliche Natur begehrt.  Und wie gelangt man dazu?  Dadurch, daß man die Grundsätze festhält, aus denen ein solches Streben und Handeln mit Notwendigkeit hervorgeht, die Grundsätze, daß dem Menschen nichts gut sei, was ihn nicht gerecht, mäßig, standhaft und frei macht, und daß nichts böse sei, was nicht das Gegenteil von alledem hervorbringt.
2
Bei jeder Handlung frage dich:  wie steht es eigentlich damit? wird es dich auch nicht gereuen?  Eine kurze Zeit nur noch, und du bist tot und alles hat aufgehört.  Wenn aber das, was du vorhast, einem Wesen geziemt, das Vernunft hat, auf die Gemeinschaft angewiesen ist und nach denselben Gesetzen wie die Götter leben soll, was verlangst du mehr?
3
Was sind Alexander, Cajus und Pompejus gegen Diogenes, Heraklit und Sokrates?  Denn diese hatten die Welt der Dinge erforscht und kannten den Grund und die Weise ihres Bestehens, und ihre Seelen blieben sich immer gleich.  Bei jenen aber, welche Furcht vor den Dingen und welche Abhängigkeit von ihnen!
4
­Nur fein ruhig und gelassen:  sie werden dasselbe tun, auch wenn du dich zerrissest!
5
Zunächst laß dich nicht beunruhigen, alles geht seinen Gang, wie es der Natur gemäß ist.  Noch eine kurze Frist und du bist nirgends mehr, wie Hadrian und Augustus.  Dann fasse deine Lebensaufgabe unverwandten Blicks ins Auge und denke daran, daß du ein guter Mensch sein sollst.  Was die menschliche Natur von dir fordert, tue unbeirrt, sage nur, was dir durchaus gerecht erscheint und dies auf wohlwollende, bescheidene und offenherzige Art.
6
Es ist Aufgabe der großen Natur, das Vorhandene von einer Stelle zur anderen zu versetzen, es umzumodeln wegzuräumen und neu einzupflanzen.  Alles ist Wechsel!  Man darf also das Neue nicht bang erwarten.  Alles ist Gewohnheit, aber auch alles gleichmäßig verteilt.
7
In der gesamten Natur liegt die Tendenz, sich wohlzuverhalten.  Die Natur der vernunftbegabten Wesen ist aber nur dann in ihrem normalen Zustande, wenn sie, was das Gedankenleben betrifft, weder der Unwahrheit, noch dem Unerkannten beifällt, wenn sie die Strebungen der Seele nur auf gemeinnützige Werke richtet, unseren Neigungen und Abneigungen nur solche Gegenstände gibt, die in unserer Macht stehen, und wenn sie alles billigt, was die gesamte Natur über uns verhängt.  Denn sie ist ein Teil dieser Allnatur, wie die Natur des Blattes ein Teil der Baumnatur ist, nur daß diese als fühllose und vernunftlose in ihrem Bestehen gehemmt werden kann, während die menschliche Natur ein Teil der ungehinderten, vernünftigen und gerechten Natur ist, vor der die zu ihr gehörigen Einzelwesen untereinander gleich sind, indem sie jedem von Zeit und Stoff und Form und Fähigkeit so viel gibt, als seinem Wesen entspricht, eine Gleichheit, die wir freilich nicht sehen, wenn wir die Einzelwesen untereinander vergleichen, sondern nur, wenn wir deren Gesamtheit mit der der andern Ordnung zusammenhalten.
8
So manches geziemt sich nicht zu jeder Zeit.  Wohl aber geziemt sich´s immer, den Stolz zurückzudrängen, Freud und Leid gering zu achten, über ehrgeizige Gelüste erhaben zu sein, gefühllosen und undankbaren Menschen nicht zu zürnen, ja vielmehr sich ihrer anzunehmen.
9
Niemand höre hinfort von dir, daß du das Leben am Hofe überhaupt oder nur das deinige tadelst.
10
Die Reue ist eine Selbstanklage darüber, daß man sich einen Vorteil hat entgehen lassen.  Das Gute aber ist notwendigerweise vorteilhaft und somit auch die Sorge des guten und edlen Menschen.  Dagegen hat wohl noch nie der edle Mensch darüber Reue gefühlt daß er sich ein Vergnügen hat entgehen lassen; woraus zu entnehmen ist, daß die Lust nichts Vorteilhaftes und nichts Gutes ist.
11
Was ist dieser Gegenstand hier seinem Wesen und seinen Eigenschaften nach?  Was ist er nach seinem Stoff?  Welche Kraft wirkt in ihm?  Was tut er in der Welt und wie lange ist seine Dauer?
12
Sooft du verdrossen vom Schlaf erwachst, bedenke, daß gemeinnützige Handlungen deinen Anlagen und deinem Charakter entsprechen, der Schlaf dir aber mit den vernunftlosen Tieren gemeinsam ist.  Was nun der Natur eines jeden Wesens entspricht, ist demselben verwandter, angemessener, ja sogar angenehmer.
13
Ohne Unterlaß und womöglich bei jedem Gedanken wende die Lehren der
Physik, der Ethik und der Dialektik an!
14
Sobald du weißt, was für Ansichten und Grundsätze einer hat über Gut und Böse, über Lust und Schmerz und über die Wirkungen beider, über Ehre und Schande, Leben und Sterben, kann dir nicht wunderbar und fremdartig vorkommen, was er tut; du weißt alsdann:  er ist gezwungen, so zu handeln.  Und ferner wenn sich doch kein Mensch darüber wundert, daß der Feigenbaum Feigen trägt, und der Arzt nicht, wenn jemand das Fieber hat, noch der Steuermann wenn der Wind entgegensteht; warum also befremdlich finden, daß das Weltganze hervorbringt, was dem Keime nach in ihm liegt?
15
Seine Meinung zu ändern, und dem, der sie berichtigt, Gehör zu schenken, ist nichts, was unsere Selbständigkeit aufhebt.  Es ist ja doch auch dann dein Trieb und Urteil, dein Sinn, aus welchem deine Tätigkeit hervorgeht.
16
Lag´s an dir, warum hast du´s getan?  War ein anderer schuld, wem willst du Vorwürfe machen?  Den Atomen oder den Göttern?  Beides ist Unsinn.  Du hast niemand Vorwürfe zu machen.  Suche den, der schuld war, eines Besseren zu belehren, oder wenn dies nicht möglich, bessere an der Sache selbst.  Aber auch, wenn dieses nicht angeht, wozu dienen die Vorwürfe?  Man muß eben nichts ohne Überlegung tun.
17
Was stirbt, kommt darum noch nicht aus der Welt.  Aber wenn es auch hier bleibt, verändert es sich doch und löst sich auf in seine Grundstoffe, in die Elemente der Welt und in deine.  Und auch diese ändern sich — ­ohne Murren.
18
Jedes Wesen, z.B. ein Pferd, ein Weinstock, dient irgendeinem Zweck.  Was Wunder?  Auch die Sonne wird dir sagen:  “Ich muß wirken” und ebenso die übrigen Gottheiten.  Wozu gibt´s dich?  Etwa zu sinnlichen Freuden?  Sieh doch einmal zu, ob vernünftiges Nachdenken das gestattet!
19
Es ist mit jedem Dinge, seinem Ende, Ursprunge und Bestehen nach nicht anders wie mit einem Ball, den jemand wirft.  Ist´s etwas Gutes, wenn er in die Höhe steigt, oder etwas Schlimmes, wenn er niederfährt und zur Erde fällt?  Was ist´s für eine Wohltat für die Wasserblase, wenn sie zusammenhält, und was für ein Leid, wenn sie zerplatzt?  Und ebenso das Licht, wenn es brennt und wenn es verlischt?
20
Drehe einmal das Innere deines Körpers nach außen und sieh, welcher Art es ist, wenn Alter, Krankheit Ausschweifung ihn aufreiben!  Kurz dauert sowohl das Leben dessen, der lobt, als dessen, der gelobt wird, dessen, der eines anderen gedenkt und dessen gedacht wird. Überdies geschieht dies ja nur in einem kleinen Winkel der Erde und selbst da stimmen nicht alle überein.  Und die ganze Erde ist nur ein Punkt.
21
Was du tust, setze stets in Beziehung auf der Menschen Wohlfahrt; was dir widerfährt, nimm hin und beziehe es auf die Götter, als auf die Quelle aller Dinge, aus der jegliches Geschehen herausfließt.
22
Habe acht auf das, was dir gerade vorliegt, sei es eine Ansicht oder ein Geschehnis oder ein Ausdruck!  Sonst geschieht dir ganz recht.  Du willst lieber erst morgen gut werden, als es heute schon sein.
23
Was siehst du beim Baden? Öl, Schweiß, Schmutz, klebriges Wasser — ­lauter ekelerregende Dinge.  Von ebender Art ist jeder einzelne Teil des Lebens und was darin vorkommt.
24
Lucilla sah den Verus sterben, nachher starb auch Lucilla, Secunda den Marimus und dann folgte ihm Secunda, Epitynchanus den Diotimus und bald folgte diesem Epitynchanus, Antoninus die Faustina und dann folgte ihr Antoninus nach, Celer den Hadrian und dann starb auch Celer.  So ging´s mit allen.
25
Jene scharfsinnigen Menschen, jene Zukunftsdeuter, jene Hohlköpfe — ­wo sind sie?  Wo, z.B., die scharfsinnigen Männer wie Charax, Demetrius, die Platoniker, Eudämon und andere der Art?  Alle vergänglich und längst schon tot.  Von einigen hat sich nicht einmal auf kurze Zeit ein Andenken erhalten.  Aus anderen wurden Helden der Fabel; andere wiederum verschwanden bereits aus dieser Reihe.  Gedenke also dessen, daß auch dein Körperbau sich auflösen, sein Lebensgeist erlöschen oder auswandern oder sich versetzen lassen muß.
26
Die Freude der Menschen besteht darin, wahrhaft menschlich zu handeln.
Wahrhaft menschlich ist aber das Wohlwollen gegen seinesgleichen,
Verachtung der Sinnenreife, Unterscheidung bestechender Vorstellungen,
Betrachtung der Allnatur und ihrer Wirkungen.
27
Für den Menschen sind dreierlei Beziehungen wichtig, erstens die zu seiner eigenen, ihn umgebenden Körperhülle, zweitens die zu seinem göttlichen Ursprung der alles bewirkt, und drittens zu den Zeitgenossen.
28
Der Schmerz ist entweder für den Leib ein Übel — ­dann geht er nur diesen etwas an — ­oder eines für die Seele.  Die Seele kann aber ihre Heiterkeit und Ruhe bewahren und den Schmerz deshalb für kein Übel nehmen.  Denn Urteil, Trieb, Neigung und Abneigung haben sämtlich ihren Sitz im Innern.  Und kein Übel kann da eindringen.
29
Unterdrücke deine Einbildungen und sage dir bei jeder Gelegenheit:  Nun steht es doch bei mir allein, keine Bosheit, keine Begierde und überhaupt keine Leidenschaft in der Seele aufkommen zu lassen.  Dagegen will ich alles nach seinem Wesen betrachten und seinem Wert entsprechend benutzen.  Vergiß nicht diese dir von der Natur geschenkte Gabe!
30
Rede würdevoll im Senat wie im geselligen Verkehr, ohne affektiert zu werden.  Rede mit gesunder Vernunft!
31
Der Hof des Augustus, seine Gemahlin, seine Tochter, seine Enkel, seine Stiefsöhne, seine Schwester, Agrippa, seine Verwandten, Hausgenossen und Freunde, Arius, Mäcenas, seine Leibärzte und Priester, kurz sein ganzer Hof — ­eine Beute des Totes!  Von da geh weiter, nicht etwa zum Tod eines Einzelmenschen, sondern zum Aussterben ganzer Familien, wie der der Pompejer.  Manches Grabmal trägt die Aufschrift:  “Der Letzte seines Stammes.”  Und nun stelle dir vor, wie sehr sich die Vorfahren bemühten, einen Stammhalter zu hinterlassen und doch mußte einer notwendig der letzte sein. Überdies denke an das Vergehen ganzer Geschlechter.
32
Wir müssen in unser Leben Ordnung und Planmäßigkeit bringen, und jede unserer Handlungen muß ihren bestimmten Zweck haben.  Wenn sie den erreicht ist es gut; und eigentlich kann sie niemand daran hindern.  Äußere Hemmnisse können wenigstens nichts tun, um sie minder gerecht, besonnen, überlegt zu machen, und wenn sie sonst deiner Tätigkeit etwas in den Weg legen, bietet sich wohl gerade durch ein Hindernis, wenn man´s nur gelassen aufnimmt und begierig acht hat auf das, was zu tun übrigbleibt, ein neuer Gegenstand der Tätigkeit, dessen Behandlung sich in die Lebensordnung fügen läßt, von der wir reden.
33
Sei bescheiden, wenn du empfangen, und frisch bei der Hand, wenn du etwas weggeben sollst!
34
Solltest du einmal eine abgehauene Hand, einen Fuß, einen Kopf, getrennt vom übrigen Körper zu sehen bekommen:  siehe, das sind Sinnbilder solcher Menschen, die nicht zufrieden sein wollen mit ihrem Schicksal, oder deren Handlungsweise bloß ihrem eigenen Vorteil dient, ein Sinnbild auch deines Wesens, wie du manchmal bist.  Doch sieh, es steht dir frei, dich wieder mit dem großen Ganzen zu vereinigen, von dem du dich geschieden hast.  Anderen Gliedern des Weltalls verstattet die Gottheit nicht, nachdem sie sich abgelöst haben, wieder zusammenzukommen.  Aber dem Menschen hat es ihre Güte gewährt.  Sie legte es von Haus aus in des Menschen Hand, in dem Zusammenhang mit dem Ganzen zu verbleiben und wenn er daraus geschieden war, zurückzukehren, aufs neue mit ihm zu verwachsen und den alten Platz wieder einzunehmen.
35
Wie die Natur jegliches Hindernis als solches zu beseitigen, in ihre Notwendigkeit hereinzuziehen und zu einem Bestandteil ihrer selbst zu machen weiß, so kann auch das vernunftbegabte Wesen jede Hemmung in seinen eigenen Stoff verwandeln und sie benutzen zur Verwirklichung seines Strebens, worauf dasselbe auch gerichtet sein möge.
36
Wenn du dein Leben im ganzen vor dir hättest, wenn du sähest, was dir alles bevorsteht, welche Entmutigung müßte dich ergreifen!  Aber wenn du ruhig wartetest, bis es kommt, und bei jedem einzelnen, wenn es da ist, dich fragtest, was denn dabei eigentlich nicht zu ertragen sei — ­du müßtest dich deiner Verzagtheit schämen.  Kümmern sollten wir uns immer nur um das Gegenwärtige, da uns nur dieses, nicht Zukünftiges und nicht Vergangenes, wirklich lästig fallen kann.  Und unfehlbar wird diese Last gemindert, wenn wir das Gegenwärtige rein so nehmen, wie es ist, ihm nichts Fremdes hinzudichten und uns selber widerlegen, wenn wir meinen, auch dies nicht einmal ertragen zu können.
37
Sitzen etwa auch jetzt noch Panthea und Pergamus am Sarge des Verus?  Oder Chaurias und Diotimus an Hadrians Grab?  Das wäre lächerlich.  Würden es aber jene fühlen, wenn sie daneben säßen und, wenn sie es fühlten, würden sie sich freuen, und wenn sie sich freuten, würden diese dadurch unsterblich sein?  War es nicht auch ihre Bestimmung zuerst, alte Frauen und Männer zu werden und dann zu sterben?  Und können denn die Klagenden dem Tod entrinnen?  Der ganze Körper ist ein Schlauch voll Unrat und Moder.
38
Ist dir Scharfsinn eigen, verwende ihn zu klugem Urteil.
39
Unter den Anlagen vernunftbegabter Wesen finde ich keine, die der
Gerechtigkeit gegenübersteht, wohl aber eine, die der Wollust das
Gleichgewicht hält:  die Enthaltsamkeit.
40
Könntest du deine Ansicht über das, was dich zu schmerzen scheint, ändern, so würdest du vollständig in Sicherheit sein.  Wer ist das du, frage ich:  die Vernunft.  Aber ich bin nicht die Vernunft, entgegnest du.  Mag sein, wenn sich die Vernunft nur eben nicht betrübt.  Alles übrige, wenn es sich schlecht befindet, mag denken und fühlen, was es will.
41
Jede Hemmung des Empfindungslebens sowohl, wie die eines Triebes ist für die tierische Natur ein Übel.  Anders die Hemmungen und Übel im Pflanzenleben.  Für die geistbegabten Wesen aber kann nur das ein Übel sein, was das Geistesleben stört.  Hiervon mache die Anwendung auf dich selbst.  Leid und Freude berühren nur die Sphäre des Empfindens.  Eine Hemmung des Triebes kann allerdings auch schon für die vernünftige Kreatur ein Übel sein; allein nur dann, wenn es ein absoluter Trieb ist.  Dann aber, wenn du so nur das Allgemeine ins Auge fassest, was sollte dir schaden und was dich hindern können?  Denn in die dem Geiste eigentümliche Sphäre kann nichts anderes störend eingreifen, nicht Feuer, nicht Eisen, kein Despot, keine Lästerung, nichts, was nicht vom Geiste selber herrührt.  Solange eine Kugel besteht, so lange bleibt sie eben ­rund nach allen Seiten.
42
Habe ich noch niemals einen andern absichtlich betrübt so ziemt es mir auch nicht, mich selber zu betrüben.
43
Mögen andere ihre Freude haben, woran sie wollen; meine Freude ist, wenn ich eine gesunde Seele habe, ein Herz, das keinem Menschen zürnt, nichts Menschliches sich fernhält, sondern alles mit freundlichem Blick ansieht und aufnimmt und jedem begegnet, wie´s ihm gebührt.
44
Nütze die Gegenwart aus.  Wer dem Nachruhm lieber nachgeht, bedenkt nicht, daß die kommenden Geschlechter ebenso beschaffen sein werden, wie jene, unter denen er leidet.  Auch sie sind ja sterblich. Überhaupt was kümmert es dich, ob unter ihnen diese und jene Stimmen über dich laut werden oder ob sie diese und jene Meinung von dir haben?
45
Nimm mich und versetze mich, wohin du willst!  Bringe ich doch überall den Genius mit, der mir günstig ist, den Geist, der seine Aufgabe darin erkennt, sich so zu verhalten und so zu wirken, wie es seine Bildung verlangt.  Und welche äußere Lebensstellung wäre es wert, daß um ihretwillen meine Seele sich schlecht befinde und herabgedrückt oder gewaltsam erregt, gebunden oder bestürzt gemacht ihres Wertes verlustig ginge?  Was kannst du finden, das solcher Opfer wert wäre?
46
Keinem kann etwas begegnen, das nicht Menschenschicksal wäre, so wenig als dem Stier etwas zustößt, das nicht der Stiernatur, oder dem Weinstock etwas, das nicht dem Wesen des Weinstocks, oder dem Stein etwas, das nicht der Natur des Steins angemessen wäre.  Wenn nun jedem begegnet, was gewöhnlich oder natürlich ist, warum solltest du dich darüber ärgern?  Denn die Natur durfte nichts Unerträgliches über dich verhängen.
47
Wenn in deiner Gemütsverfassung etwas ist, was dich bekümmert, wer hindert dich, den leitenden Gedanken der die Störung verursacht, zu berichtigen?  Ebenso wenn es dir leid ist, das nicht getan zu haben, was dir als das einzig Richtige erscheint, warum tust du es nicht lieber noch, sondern gibst dich dem Schmerz darüber hin?  Du vermagst es nicht, ein Hindernis, stärker als daß du´s beseitigen könntest, hält dich ab?  Nun so wehre der Traurigkeit nur um so mehr:  der Grund, warum du´s unterließest, liegt ja dann nicht in dir!  Aber freilich, wenn man nicht so handeln kann, ist´s nicht wert zu leben.  Und darum scheide du aus dem Leben mit frohem Mut und — ­da du ja auch sterben müßtest, wenn du so gehandelt — ­freundlichen Sinnes gegen die, die dich gehindert!
48
Die Seele des Menschen ist unangreifbar, wenn sie in sich gesammelt daran sich genügen laßt, daß sie nichts tut, was sie nicht will, auch wenn sie sich einmal unvernünftigerweise widersetzen sollte, am meisten aber, wenn sie jederzeit mit Vernunft zu Werke geht.  Darum, sage ich, ist die leidenschaftslose Seele eine wahre Burg und Festung.  Denn der Mensch hat keine stärkere Schutzwehr.  Hat er sich hier geborgen, kann ihn nichts gefangen nehmen.  Wer dies nicht einsieht, ist unverständig; wer es aber einsieht und dennoch seine Zuflucht dort nicht sucht, unglücklich.
49
Zu dem, was dich ein erster scharfer Blick gelehrt, füge weiter nichts hinzu.  Du hast erfahren, der und jener rede schlecht von dir.  Nun gut.  Aber, daß du gekränkt seist, das hast du nicht gehört.  Du siehst, dein Kind ist krank.  Nun gut.  Aber daß es in Gefahr schwebe, das siehst du nicht.  Und so lasse es immer bei dem ersten bewenden, und füge nichts aus deinem Innern hinzu, so wird dir auch nichts geschehen.  Hast du aber dennoch deine weiteren Gedanken dabei, so beweise dich hierin gerade als ein Mensch, der, was im Leben zu geschehen pflegt, durchschaut hat.
50
“Hier, diese Gurke ist bitter.”  Lege sie weg!  “Hier ist ein Dornstrauch.”  Geh ihm aus dem Weg!  Weiter ist darüber nichts zu sagen.  Wolltest du fortfahren und fragen:  aber wozu in aller Welt ist solches Zeug? so würde dich der Naturforscher gründlich auslachen, ebenso wie dich der Tischler und der Schuster auslachen würde, wenn du´s ihnen zum Vorwurf machtest, daß in ihren Werkstätten Späne und Überbleibsel aller Art herumliegen.  Mit dem Unterschiede, daß diese Leute einen Ort haben, wohin sie diese Dinge werfen, die Natur aber hat nichts draußen.  Sondern das Bewunderungswürdige ihrer Kunst besteht eben darin, daß sie, die sich lediglich selber begrenzt, alles, was in ihr zu verderben, alt und unnütz zu werden droht, so in sich hinein verwandelt, daß sie daraus wieder etwas anderes Neues macht, daß sie keines Stoffes außer sich selbst bedarf und das faul Gewordene nicht hinauswerfen muß.  Sie hat an ihrem eigenen Raume, an ihrem eigenen Material und an ihrer eigenen Kunst völlig genug.
51
Sei in deinem Tun nicht fahrlässig, in deinen Reden nicht verworren, in deinen Gedanken nicht zerstreut; laß dein Gemüt nicht eng werden, noch leidenschaftlich aufwallen, noch laß dich von Geschäften vollauf in Beschlag nehmen.  Mögen sie dich ermorden, zerfleischen, verfluchen, was tut´s?  Deine denkende Seele kann dessenungeachtet rein, verständig, besonnen und gerecht bleiben.  Hört denn die reine süße Quelle auf, rein und süß zu quellen, wenn einer, der dabei steht, sie verwünscht?  Und wenn er Schmutz und Schlamm hineinwürfe, würde sie´s nicht sofort ausscheiden und hinwegspülen, um rein zu bleiben wie zuvor?  Du auch bist im Besitz einer solchen ewig reinen Quelle, wenn du die Seele frei, liebevoll, einfältig ehrfurchtsvoll dir zu bewahren weißt.
52
Wer nicht weiß, was die Welt ist, weiß nicht, wo er lebt.  Aber nur, der da weiß, wozu er da ist, weiß, was die Welt ist.  Wem aber eins von diesen Stücken fehlt, der kann auch wohl seine eigene Bestimmung nicht angeben.  In welchem Lichte erscheint dir nun der Mensch, der um den lauten Beifall jener buhlt, die nicht wissen, wo noch wer sie sind?
53
Soll dich ein Mensch loben, der sich in einer Stunde dreimal verflucht?  Wie oft strebst du danach, einem Menschen zu gefallen, der sich selber nicht gefällt?  Oder kann sich der gefallen, der fast alles, was er tut, bereut?
54
Hinfort verkehre du nicht bloß mit der dich umgebenden Luft, sondern ebenso auch mit dem alles umgebenden Geiste!  Denn der Geist ergießt und verteilt sich nicht minder überall dahin, wo jemand ist, der ihn einzusaugen vermag, als die Luft dahin, wo man sie atmen kann.
55
Im allgemeinen schadet das Böse der Welt nicht, und im einzelnen Falle schadet es nur dem, dem es vergönnt ist, sich frei davon zu machen, sobald er nur will.
56
Nach meinem Dafürhalten ist die Ansicht, die mein Nächster hat, etwas ebenso Gleichgültiges für mich als sein ganzes geistiges und leibliches Wesen.  Denn wenn es auch durchaus richtig ist, daß wir einer um des andern willen da sind, so ist doch jede unserer Seelen etwas Selbständiges für sich.  Wäre dies nicht, so müßte ja auch die Schlechtigkeit meines Nebenmenschen mein Verderben sein, was doch der Gottheit nicht gefallen hat, so einzurichten, damit mein Unglück nicht von andern abhängig sei.
57
Die Sonnenstrahlen scheinen von der Sonne herzuströmen, und wiewohl sie sich überallhin ergießen, werden sie doch nicht ausgegossen.  Denn dieses Fließen und Gießen ist nichts als Ausdehnung.  Recht deutlich kann man sehen, was der Strahl sei, wenn die Sonne durch eine enge Öffnung in einen dunkeln Raum scheint.  Ihr Strahl fällt in gerader Richtung und wird, nachdem er die Luft durchschnitten hat, an dem gegenüberstehenden Körper gleichsam gebrochen.  Doch bleibt er an ihm haften und löscht nicht aus.  Ebenso müssen nun die Ausstrahlungen der Seele sein, kein Ausgießen, sondern ein sich Ausdehnen, kein heftiges und stürmisches Aufprallen auf die sich entgegenstellenden Dinge, aber auch kein Herabgleiten von ihnen, sondern ein Beharren und Erleuchten alles dessen, was ihre Strömung begegnet, und so, als beraube jegliches Ding sich selbst ihres Glanzes, wenn es ihn nicht empfängt.
58
Wer sich vor dem Tode fürchtet, fürchtet sich entwedervor dem Erlöschen jeglicher Empfindung, oder vor einem Wechsel des Empfindens.  Aber wenn man gar nichts mehr fühlt, ist auch ein Schmerz nicht mehr möglich.  Erhalten wir aber ein anderes Fühlen, so werden wir andere Wesen, hören also auch nicht auf zu leben.
59
Die Menschen sind füreinander geboren.  So belehre oder dulde, die´s nicht wissen.
60
Anders ist der Flug des Geschosses und anders der, den der Geist nimmt.  Und doch bewegt sich der Geist, wenn er Bedacht nimmt, oder wenn er überlegt, nicht weniger in gerader Richtung und dem Ziel entgegen.
61
Suche einzudringen in jedes Menschen Inneres, aber verstatte es auch jedermann, in deine Seele einzudringen!

NEUNTES BUCH

1
Wer unrecht handelt, handelt gottlos.  Denn die Natur hat die vernünftigen Wesen füreinander geschaffen nicht daß sie einander schaden, sondern nach Würdigkeit einander nützen sollen.  Wer ihr Gebot übertritt, frevelt demnach offenbar wider die älteste der Gottheiten.  Auch der mit Lügen umgeht, ist gottlos.  Denn die Natur ist das Reich des Seienden.  Alles aber, was ist, stimmt als solches überein mit seinem Grunde.  Und diese Übereinstimmung nennt man Wahrheit.  Auf ihr beruht alles, was man wahr nennt im einzelnen Falle.  Der Lügner also handelt gottlos, weil er andere betrügt und somit unrecht handelt, tut er´s mit Absicht.  Geschieht es unwillkürlich weil er nicht mit der Natur im Einklang ist, handelt er gottlos, weil er die Ordnung stört, indem er ankämpft gegen das Ganze.  Denn im Kampf ist jeder, der sich wider die Wahrheit bestimmt, weil er von Natur für sie bestimmt ward.  Wer aber dies außer acht läßt, ist schon so weit, Wahrheit und Lüge nicht unterscheiden zu können.  Endlich handelt auch der gottlos, der dem Vergnügen nachgeht als einem Gute und vor dem Schmerz als einem Übel flieht, da ein solcher notwendig oft in den Fall kommt, die Natur zu tadeln, als teile sie den Guten und den Schlechten ihre Gaben nicht nach Verdienst aus.  Denn wie oft genießen böse Menschen Glück und Freude, und haben, was ihnen Freude schaffen kann, während die Guten dem Leid anheimfallen und dem, was Leiden schafft.  Ferner wird, wer sich vor dem Schmerze fürchtet, auch nicht ohne Furcht in die Zukunft blicken können, was schon gottlos ist, während der, der nach Lust strebt, sich kaum des Unrechts wird enthalten können, was offenbar gottlos ist.  Und jedenfalls muß doch, wer in Übereinstimmung mit der Natur leben und ihr folgen will, gleichgültig gegen das sein, wogegen sich die Natur gleichgültig verhält, das aber tut sie gegen Lust und Schmerz, gegen Tod und Leben, Ehre und Schande.  Wer also alles dies nicht gleichgültig ansieht, ist offenbar gottlos.  Die gemeinsame Natur aber, sage ich, bedient sich derselben nach einerlei Regel (das heißt, sie begegnet nach dem Gesetz der Aufeinanderfolge den jetzigen wie den künftigen nach einerlei Regel) kraft eines uranfänglichen Zuges der Vorsehung, vermöge dessen sie von einem bestimmten Anfang her zur gegenwärtigen Welteinrichtung fortschritt, indem sie gewisse Grundstoffe des Werdenden zusammenfaßte und die erzeugenden Kräfte der Stoffe selbst, ihrer Verwandlungen und ihrer derartigen Aufeinanderfolge abgrenzte.
2
Besser wär´s, wenn man die Welt verlassen könnte, ehe man all die Lüge und Heuchelei, den Prunk und Stolz geschmeckt.  Hat man nun aber diese Dinge einmal schmecken müssen, so ist´s doch wohl der günstigere Fall, dann bald die Seele auszuhauchen, als mitten in dem Elend sitzen zu bleiben?  Oder hat dich die Erfahrung nicht gelehrt, die Pest zu fliehen? und welche Pest ist schlimmer, die Verdorbenheit der uns umgebenden Luft, die Pest, die nur das tierische Wesen als solches trifft, oder die Verderbnis der Seele, die eigentliche Menschenpest?
3
Denke nicht gering vom Sterben, sondern laß es dir wohlgefallen wie eines der Dinge, in denen sich der Wille der Natur ausspricht.  Denn von derselben Art wie das Kindsein und das Altsein, das Wachsen und Mannbarwerden oder das Zahnen und Bärtigwerden und Graues-Haar-Bekommen oder das Zeugen und Gebären und alle diese Tätigkeiten der Natur, wie sie die verschiedenen Zeiten des Lebens mit sich bringen, ist auch das Sterben.  Daher ist es die Sache eines verständigen Menschen, weder mit Gleichgültigkeit noch mit heftiger Gemütsbewegung noch in übermütiger Weise an den Tod zu denken, sondern auf ihn zu blicken eben wie auf eine jener Naturwirkungen.  Und wie du des Augenblickes harrst, wo das Kindlein der Mutter Schoß verlassen haben wird, so erwarte auch die Stunde, da deine Seele dieser Hülle entweichen wird. — ­Eindringlich ist auch jene gewöhnliche Regel, die man gibt, um jemand zur Zufriedenheit mit dem Lose der Sterblichkeit zu stimmen:  einmal, sieh dir die Dinge genau an, von denen du dich trennen mußt, und dann in ethischer Beziehung, welch ein Elend, womit du einst nicht mehr verflochten sein wirst!  Zwar ist es keineswegs nötig, sich daran zu stoßen, Pflicht ist es vielmehr, es zu lindern oder ruhig zu ertragen, allein man darf doch daran denken, daß es nicht eine Trennung gilt von gleichgesinnten Menschen.  Denn dies wäre das einzige, was uns rückwärts ziehen und an das Leben fesseln könnte, wenn es uns vergönnt wäre, mit Menschen zusammenzuleben, die von denselben Grundsätzen und Ideen beseelt sind wie wir.  Nun aber weißt du ja, welches Leiden der Zwiespalt ist, der unter den Menschen herrscht, und kannst nicht anders als den Tod anflehen, daß er eilig kommen möge, damit du nicht auch noch mit dir selbst in Zwiespalt gerätst.
4
Wer unrecht handelt, schadet sich selbst.
5
Oft tut auch der Unrecht, der nichts tut, nicht bloß, der etwas tut.
6
Wenn du gesundes Urteil hast und die Gewohnheit, für andere zu handeln, und ein Gemüt, das mit den äußeren Verhältnissen zufrieden ist, so hast du genug.
7
Unterdrücke die bloße Einbildung, trenne den Trieb, dämpfe die Begierde; erhalte dem herrschenden Teil deiner Seele die Herrschaft über sich selbst!
8
Wie es nur eine Erde gibt für alles Irdische, ein Licht für alles, was sehen, und eine Luft für alles, was atmen kann, so ist es auch nur ein Geist, der unter sämtliche Vernunftwesen verteilt ist.
9
Alle Dinge von derselben Art streben zueinander als zu dem Gleichartigen hin.  Alles, was von Erde ist, gleitet zur Erde, alles Flüssige läuft zusammen, und so auch das Luftige, so daß es der Gewalt bedarf um solche Dinge auseinanderzuhalten.  Das Feuer hat zwar seinen Zug nach oben, vermöge des Elementarfeuers, aber auch da erfaßt es alles ihm Ähnliche und bringt die trockeneren Stoffe zum Brennen, eben weil diesen weniger von dem beigemischt ist, was ein Entflammen hindert.  Ebenso nun und noch mehr strebt auch alles, was der vernünftigen Natur angehört, zueinander hin.  Denn je edler es ist als das übrige, um so bereiter ist es auch, sich dem Verwandten zu einen und mit ihm zusammenzugehen.  Schon auf der Stufe der vernunftlosen Wesen finden sich Scharen und Herden, findet sich das Auffüttern der Jungen, eine Art von Liebe.  Denn schon hier ist Seele und jener Gemeinschaftstrieb in höherer Weise, als er in der Pflanzenwelt und im Gestein sich findet.  Bei den Vernunftbegabten nun kommt es zu Staaten, Freundschaften, Familien, Genossenschaften, und in den Kriegen selbst zu Bündnissen und Waffenstillständen.  Und wenn wir zu den noch höheren Wesen fortschreiten, mögen sie auch um Unendlichsten auseinander sein:  auch da ist Einheit, wie bei den Sternen; so daß, je höher wir kommen, desto entschiedener die Sympathie sich auch auf die Entferntesten erstreckt.  Aber was geschieht?  Die vernünftigen Wesen allein sind es, die dieses Zueinanderstrebens, dieses Zusammenhaltens nicht eingedenk bleiben, und hier allein vermag man jenes Zusammenfließen nicht wahrzunehmen!  Und dennoch — ­:  mögen sie sich immerhin fliehen, sie umschließen sich doch.  Die Natur zwingt sie.  Man sehe nur genau!  Eher findest du Erde, die nicht an Erde hängt, als einen Menschen vom Menschen abgelöst.
10
Frucht bringen Mensch und Gott und Welt, ein jegliches zu seiner Zeit, in anderer Weise freilich als der Weinstock und dergleichen Dinge.  Auch die Vernunft hat ihre Frucht, von allgemeiner und von individueller Art.  Und was aus ihr hervorgeht, ist eben immer wieder — ­Vernunft.
11
Belehre den Fehlenden eines Besseren, wenn du es vermagst.  Wo nicht, erinnere dich, daß dir für diesen Fall Nachsicht verliehen ist.  Auch die Götter sind nachsichtig, ja sie sind den Fehlenden zu einigem, wie Gesundheit, Reichtum, Ehre behilflich.  So gütig sind sie!  Auch du kannst es sein.  Oder, sage, wer hindert dich daran?
12
Leide nicht mit der Miene eines Unglücklichen oder in der Absicht, bewundert oder bemitleidet zu werden.  Wolle vielmehr nur das eine, deine Kraft in Bewegung zu setzen oder zurückzuhalten, wie es das Gemeinwesen erheischt.
13
Heut, sprichst du, bin ich aller meiner Plage entronnen.  Sag lieber:  heut hab ich all meine Plage abgeworfen.  Denn in dir, in deiner Vorstellung war sie, nicht außer dir.
14
Alles bleibt sich gleich.  Gewöhnlich in Hinsicht auf Erfahrung, vergänglich in Hinsicht auf Zeit, schmutzig in Hinsicht des Stoffes.  Alles, was jetzt ist, war ebenso bei denen, die wir bestattet haben.
15
Die sinnlich wahrnehmbaren Gegenstände sind außer uns.  Einsam stehen sie sozusagen vor unserer Tür.  Sie wissen nichts von sich selbst, urteilen auch nicht über sich.  Wer urteilt also über sie?  Der herrschende Teil unserer Seele.
16
Gut und Böse, Tugend und Laster ruhen bei vernunftbegabten Wesen nicht auf einem Zustande, sondern auf einer Tätigkeit.
17
Für den emporgeworfenen Stein ist es ebensowenig ein Glück, in die Höhe zu fliegen, als ein Unglück herabzufallen.
18
Dringe in das Innere der Seele bei den Herrschenden und du wirst sehen, vor was für Richtern du dich fürchtest und was für Richter sie über sich selbst sind.
19
Alles wechselt stets.  Auch du selbst bist im steten Wechsel begriffen, um nicht zu sagen in Verwesung.  Ebenso die ganze Welt.
20
Das Vergehen eines anderen muß man bei ihm lassen.
21
Das Aufhören der Tätigkeit, Stillstehen der Triebe und der Vorstellungen — ­der Tod — ­ist kein Übel.  Denn wie ist es mit den verschiedenen Stufen des Lebens, mit der Kindheit, der Jugend, dem Mannes- und Greisenalter? ist nicht ihr Wechsel — ­Tod? und ist das etwas Schlimmes?  Nicht anders der Wechsel der Zeiten.  Die Zeiten der Vorväter hören auf mit dem Zeitalter der Väter usf.  Ist bei allen diesen Veränderungen etwas Schlimmes?  Also auch nicht, wenn dein Leben wechselt, stillsteht und aufhört.
22
Forsche in deiner eigenen Seele, in der Seele des Weltganzen und in der deines Nächsten.  In deiner eigenen, um ihr Sinn für Gerechtigkeit einzuflößen, in der des Weltganzen, um dich zu erinnern, wovon du ein Teil bist, in der des Nächsten, um zu erkennen, ob er wissentlich oder unwissentlich handelt und um zu fühlen, daß sie der deinigen verwandt sei.
23
So wie deine ganze Persönlichkeit der ergänzende Teil eines Gemeinwesens ist, so soll auch jede deiner Handlungen das gemeinschaftliche Handeln dieses Gemeinwesens ergänzen.  Tut sie dies nicht, ist sie mehr oder weniger diesen Absichten fern, so zerstückelt sie dein Leben, hindert seine Harmonie, ist aufrührerisch wie ein Mensch, der im Volke seine Partei dem Zusammenwirken mit den andern entfremdet.
24
Wie Knabenzänkereien und Kinderspiele, so flüchtig sind unsere Lebensgeister, mit Leichen belastet.  Warum sollte da die Totenfeier einen Eindruck auf uns machen.
25
Gehe auf das Wesen der ursächlichen Kraft jedes Gegenstandes ein und sieh bei deiner Betrachtung von seinem Stoff ab und bestimme zum Schluß die längste Spanne Zeit, die er in seiner ihm eigentümlichen Art dauert.
26
Du hast unendlich gelitten lediglich deshalb, weil deine Seele sich nicht begnügte zu tun, wozu sie gemacht ist.
27
Wenn jemand dich tadelt oder haßt oder Schlechtes von dir redet, so gehe heran an seine Seele, dringe ein, und sieh, was er eigentlich für ein Mensch sei.  Du wirst finden, daß du dich nicht zu beunruhigen brauchst, was er auch von dir denken mag.  Du mußt ihm jedenfalls wohlgesinnt bleiben, da er von Natur dein Freund ist, und da ihm sicherlich auch die Götter helfen, wie dir, in all den Dingen, um die sie Sorge tragen.
28
Alles in der Welt dreht sich im Kreise, von oben nach unten, von Ewigkeit zu Ewigkeit.  Und doch auch in jedes Einzelwesen dringt die Seele des Alls.  Ist dies, so nimm, was sie hervortreibt, mag sie nun einmal nur sich schöpferisch bewiesen haben, so daß nun eins aus dem andern mit Notwendigkeit folgt und alles eigentlich nur eines ist, oder mag alles atomengleich entstehen und bestehen.  Gleichviel.  Denn gibt es einen Gott, so steht alles gut; ist aber alles nur von ungefähr, darfst du doch nicht von ungefähr sein!
29
Einem reißenden Strom gleicht die Welt:  Alles führt sie dahin.  Wie nichtig die Taten des Menschen, die er politisch oder philosophisch nennt, wie eitel Schaum!  Aber was nun, lieber Mensch?  Tue, was die Natur gerade jetzt von dir fordert.  Strebe, wenn dir ein Gegenstand des Strebens gegeben wird, und blicke nicht um dich, ob´s einer sieht.  Auch bilde dir den Platonischen Staat nicht ein, sondern sei zufrieden wenn es nur ein klein wenig vorwärts geht und halte solchen kleinen Fortschritt nicht gering.  Denn wer wird ihre Gesinnung ändern?  Ohne eine solche Änderung der Gesinnung aber, was würde anderes daraus entstehen, als ein Knechtsdienst unter Seufzen, ein Gehorsam solcher, die sich stellen, als wären sie überzeugt.  Die Alexander, Philippus, Demetrius von Phalerum mögen zusehen, ob sie erkannt, was die Natur will, und ob sie sich selbst in Zucht gehalten haben.  Waren es aber Schauspieler, wird mich doch niemand dazu verdammen, sie nachzuahmen.  Einfalt und Würde kennzeichnen das Geschäft der Philosophie.  Verführe du mich nicht zur Aufgeblasenheit!
30
Betrachte wie von einer Anhöhe aus die unzähligen Volkshaufen mit ihren unzähligen Religionsgebräuchen, die Seefahrten nach allen Windrichtungen unter Stürmen und bei ruhiger See und die Verschiedenheiten zwischen den Dingen, die werden, sind und vergehen!  Betrachte auch die Lebensweise, wie sie vormals unter anderen war, wie sie nach dir sein wird und wie sie jetzt unter fremden Völkern herrscht!  Ferner wie viele nicht einmal deinen Namen kennen, wie viele ihn bald vergessen werden, wie viele jetzt vielleicht deine Lobredner, nächstens deine Tadler sind und wie weder der Nachruhm, noch das Ansehen, noch sonst etwas von allem, was dazu gehört, der Rede wert ist.
31
Ein unerschütterliches Herz den Dingen gegenüber, die von außen kommen, ein rechtschaffenes in denen, die von dir abhängen!  Das heißt, dein Streben und Tun finde Ziel und Zweck in gemeinnütziger Tätigkeit; denn das ist deiner Natur gemäß.
32
Viel unnötigen Anlaß zu deiner Beunruhigung, die ganz und gar auf deinem Wahn beruht, kannst du aus dem Weg schaffen und dir selbst unverzüglich weiten Spielraum eröffnen.  Umfasse nur mit deinem Geist das Weltall, betrachte die Ewigkeit und dann wieder die schnelle Verwandlung jedes einzelnen Dings:  welch kurzer Zeitraum liegt zwischen seiner Entstehung und Auflösung, wie unermeßlich ist die Zeit vor seinem Werden, wie unendlich nach seinem Ende.
33
Was du um dich siehst, wird bald zerstört und wer dieser Zerstörung zuschaut, wird selbst auch sehr bald zerstört und durch den Tod wird der älteste Greis mit dem Frühverstorbenen in denselben Zustand versetzt.
34
Wie ihr Inneres beschaffen ist, welche Interessen sie verfolgen, um welcher Dinge willen sie Lieb und Achtung zollen, das suche zu erforschen, mit einem Wort:  die nackten Seelen! — ­Wenn man glaubt, durch Tadel Schaden und durch Lob Nutzen zu stiften, welch ein Glaube!
35
Verlust ist nichts anderes als Veränderung, die die Natur so liebt, wie wir wissen, — ­sie, die doch alles richtig macht.  Oder wolltest du sagen, alles, was geschehen sei oder geschehen werde, sei schlecht?  Aber sollte sich dann unter so vielen Göttern nicht wenigstens eine Macht finden, die es wieder zurechtbrächte? und die Welt sollte verdammt sein, in den Banden unaufhörlicher Übel zu liegen?
36
Der Stoff jeden Dinges ist Fäulnis:  Wasser, Staub, Knochen, Schmutz.  Die Marmorbrüche sind Verhärtungen der Erde, Gold, Silber ihr Bodensatz, unsere Kleider — ­Tierhaare, Purpur, Blut und alles übrige ist von der Art.  Selbst der Lebensgeist ist von solcher Art, denn er ist auch steter Umwandlung unterworfen.
37
Genug des elenden Lebens, des Murrens und des äffischen Benehmens!  Warum bist du unruhig, was findest du hier so unerhört?  Was bringt dich außer Fassung?  Die ursächliche Kraft der Dinge?  Betrachte sie nur!  Aber vielleicht der Stoff?  Sieh ihn nur an!  Sonst gibt es aber nichts.  Sei also doch endlich argloser und freundlicher gegen die Götter!  Es ist ja einerlei, ob du diese Untersuchungen hundert oder nur drei Jahre anstellst.
38
Hat sich jemand vergangen, trägt er den Schaden.  Vielleicht hat er sich aber gar nicht vergangen.
39
Entweder ist ein denkendes Wesen die Urquelle des ganzen Weltalls, von der aus dem All als einem Körper alles zuströmt.  Dann darf sich der Teil über das, was zum Nutzen des Ganzen geschieht, nicht beklagen Oder das All ist ein Gewirr von Atomen, zufällig gemischt und zufällig getrennt.  Wozu dann deine Unruhe?  Sprich nur zu deiner Vernunft:  “Du bist tot, schon in Verwesung und wie ein Tier, das auf die Weide geht und seinen Hunger stillt.”
40
Entweder die Götter vermögen nichts, oder sie haben Macht.  Können sie nichts, was betest du?  Haben sie aber Macht, warum bittest du sie nicht lieber darum, daß sie dir geben, nichts zu fürchten, nichts zu begehren, dich über nichts zu betrüben, als darum, daß sie dich vor solchen Dingen, die du fürchtest, bewahren oder solche, die du möchtest, dir gewähren?  Denn wenn sie den Menschen überhaupt helfen können, so können sie ihnen doch auch dazu verhelfen.  Aber vielleicht entgegnest du, das hätten die Götter in deine Macht gestellt.  Nun, ist es denn da nicht besser, was in unserer Macht steht, mit Freiheit zu gebrauchen, als mit knechtischem gemeinem Sinn dahin zu langen, was nicht in unserer Macht steht?  Wer aber hat dir gesagt, daß die Götter uns in den Dingen, die in unserer Hand liegen, nicht beistehen?  Fange nur an, um solche Dinge zu bitten, dann wirst du ja sehen!  Einer bittet, er möchte frei werden von einer Last? du bitte, wie du´s nicht nötig haben möchtest, davon befreit zu werden.  Jener, daß ihm sein Kind erhalten werden möge? du, daß du nicht fürchten mögest, es zu verlieren usf.  Mit einem Wort, gib allen deinen Gebeten eine solche Richtung, und sieh, was geschehen wird.
41
Epikur erzählt:  in meinen Krankheiten erinnere ich mich nie eines Gesprächs über die Leiden des Menschen; nie sprach ich mit denen, die mich besuchten, darüber.  Sondern ich arbeitete weiter, über naturhistorische Gegenstände im allgemeinen und besonders nachdenkend, wie die Seele, trotzdem, daß sie an den Bewegungen im Körper teilhat, ruhig bleiben und das ihr eigentümliche Gut bewahren möge.  Auch gab ich den Ärzten niemals Gelegenheit, sich meinetwegen zu rühmen, als hätten sie etwas ausgerichtet, sondern lebte nachher nicht angenehmer und besser wie vorher.  So halte es auch du, in Krankheiten nicht bloß, sondern in jeder Widerwärtigkeit.  Den Grundsatz haben alle Philosophenschulen, gerade unter mißlichen Verhältnissen der Philosophie sich treu zu zeigen, mit Leuten, die dem wissenschaftlichen Denken fernstehen, lieber nicht zu schwatzen und seine Gedanken lediglich auf das jedesmal zu Tuende und auf die Mittel zur Ausführung dessen, was uns obliegt zu richten.
42
Sooft dir jemand mit seiner Unverschämtheit zu nahe tritt, lege dir die Frage vor, ob es nicht Unverschämte in der Welt geben müsse?  Denn das Unmögliche wirst du doch nicht verlangen.  Und dieser ist nun eben einer von den Unverschämten, die es in der Welt geben muß.  Dasselbe gilt von den Schlauköpfen, von den Treulosen, von jedem Lasterhaften.  Und sobald dir dieser Gedanke geläufig wird, daß es unmöglich ist, daß solche Leute nicht sind, siehst du dich auch sofort freundlicher gegen sie gestimmt.  Ebenso frommt es, daran zu denken, welche Tugend die Natur jeder dieser bösen Richtungen gegenüber dem Menschen verliehen hat.  So gab sie z.B. der Lieblosigkeit gegenüber, gleichsam als Gegengift die Sanftmut.  Überhaupt aber steht dir frei, den Irrenden eines Besseren zu belehren.  Und ein Irrender ist jeder Böse:  er führt sich durch sein Unrecht selbst vom vorgesteckten Weg ab.  Was aber schadet dir´s?  Vermag er etwas wider deine Seele? — ­Und was ist denn Übles oder Fremdartiges daran, wenn ein zuchtloser Mensch tut, was eben eines solchen Menschen ist.  Eher hättest du dir selbst darüber Vorwürfe zu machen, daß du nicht erwartet hast, er werde solches tun.  Deine Vernunft gibt dir doch Anlaß genug zu dem Gedanken, daß es wahrscheinlich sei, er werde sich auf diese Weise vergehen, und nun, weil du nicht hörst auf das, was sie dir sagt, wunderst du dich, daß er sich vergangen hat!  Jedesmal also, wenn du jemand der Treulosigkeit oder der Undankbarkeit beschuldigst, richte den Blick in dein eigenes Innere.  Denn offenbar ist es doch dein Fehler, wenn du einem Menschen von solchem Charakter dein Vertrauen schenktest oder wenn du ihm eine Wohltat erwiesest mit allerlei Nebenabsichten und ohne den Lohn deiner Handlungsweise nur in ihr selbst zu suchen.  Was willst du denn noch weiter, wenn du einem Menschen wohlgetan?  Ist´s nicht genug, daß du deiner Natur entsprechend gehandelt? strebst du nach einer besonderen Belohnung?  Als ob das Auge Bezahlung forderte dafür, daß es sieht, und die Füße dafür, daß sie schreiten!  Und wie Aug´ und Fuß dazu geschaffen sind, daß sie das Ihrige haben in der Erfüllung ihrer natürlichen Verrichtungen, so hat auch der Mensch, zum Wohltun geschaffen, sooft er ein gutes Werk getan und anderen irgendwie äußerlich beistand, eben nur getan, wozu er bestimmt ist, und empfängt darin das Seinige.

ZEHNTES BUCH

1
Wirst du denn, liebe Seele, wohl einmal gut und lauter und einig mit dir selbst und ohne fremde Umhüllung und durchsichtiger sein, als der dich umgebende Leib?  Froh werden eines liebenswürdigen und liebenden Charakters?  Wirst du einmal befriedigt und bedürfnislos sein, nach nichts dich sehnend, nichts begehrend, weder Geistiges noch Ungeistiges, um daran eben nur Genuß zu haben? weder mehr an Zeit, noch mehr an Raum oder Gelegenheit, um den Genuß weiter auszudehnen? weder eine günstigere Temperatur der Luft, noch eine ansprechendere in deiner menschlichen Umgebung? vielmehr zufrieden sein mit eben der Lage, in der du dich befindest, dich überhaupt des Vorhandenen erfreuen und dich überzeugen, daß dir alles zu Gebote steht, daß sich alles wohl verhält und daß es von den Göttern kommt, sich also wohlverhalten muß, sofern es ihnen selbst wohlgefällig ist und sofern sie´s ja nur geben mit Rücksicht auf die Seligkeit des vollkommensten Wesens, des guten und gerechten und schönen, jenes Wesens, das alles dasjenige erzeugt und zusammenhält und umgibt und in sich faßt, was, wenn es sich auflöst, der Grund zur Entstehung eines anderen von ähnlicher Beschaffenheit wird?  Wirst du mit einem Worte wohl einmal eine Seele sein, die mit Göttern und Menschen so verkehrt, daß du weder an ihnen etwas auszusehen hast, noch daß sie dich beschuldigen können?
2
Nachdem du erforscht, was deine Natur fordert, was rein nur ihrem Gebot entspricht, so führe dasselbe nun auch aus oder laß es zu, sofern dadurch das Triebleben an dir nicht schlechter wird.  Dann frage dich, was ebendieser Seite deines Wesens entspricht und vergönne es dir, sofern dadurch das Vernünftige an dir nicht leidet — ­das Vernünftige, das immer zugleich auch ein Geselliges ist.  Und wenn du diesen Grundsätzen folgst, bedarf es keines anderen Bestrebens.
3
Entweder hast du von Natur die Kraft, jedes dir begegnende Geschick zu ertragen oder es gebricht dir an dieser natürlichen Kraft.  Trifft dich nun ein Schicksal, das zu ertragen du stark genug bist, sei nicht ungehalten und ertrage es durch deine natürliche Kraft. Übersteigt es aber diese natürliche Kraft, sei auch darüber nicht unwillig.  Was dich zugrunde richtet, wird auch zugrunde gehen.  Jedoch vergiß auch nicht, daß du bestimmt bist, alles zu ertragen, was erträglich und leidlich zu machen deine Vorstellung die Macht hat, durch den Gedanken nämlich, daß es dir heilsam oder daß es deine Pflicht sei.
4
Irrt sich jemand, so belehre ihn mit Wohlwollen und zeige ihm, was er übersehen hat!  Vermagst du das aber nicht, so klage dich selbst an oder auch dich selbst nicht einmal!
5
Alles, was dir geschieht, ist dir von Ewigkeit her vorausbestimmt.  Jener große Zusammenhang von Ursache und Wirkung hat beides, dein Dasein und dieses dein Geschick, von Ewigkeit aufs innigste verwoben.
6
Mag die Welt ein Gewirr von Atomen oder ein geordnetes Ganzes sein, mein erster Grundsatz sei:  Ich bin ein Teil des Ganzen und stehe unter der Herrschaft der Natur. — ­Der zweite:  Ich hänge mit allen gleichartigen Teilen eng zusammen.  Eingedenk des ersten Grundsatzes werde ich nicht unzufrieden sein, was mir auch für Anteil am Ganzen zugedacht ist.  Es kann nichts einem Teil schaden, was dem Ganzen zuträglich ist.  Denn das Ganze enthält nichts, was ihm nicht selbst zuträglich wäre.  Sämtliche Wesen haben das miteinander gemein, daß sie von keinem ihnen äußerlichen Umstande gezwungen werden können etwas hervorzubringen, was ihnen selbst schädlich wäre.  Und dasselbe gilt natürlich auch von der ganzen Welt.  Was aber dem Ganzen nützt, kann dem Teile nicht schädlich sein, d.h. ich darf nicht klagen über das, was von dem All mir zugeteilt wird.  Sofern ich aber mit den mir gleichartigen Teilen zusammenhänge, werde ich nichts gegen das Gemeinwohl unternehmen, vielmehr werde ich, mit steter Rücksicht auf die mir gleichartigen Wesen, mein Streben ganz auf das gemeine Beste richten und vom Gegenteil ablenken.  Führe ich diese Vorsätze aus, muß mein Leben glücklich dahinfließen, so glücklich, als nach Erfahrung das Leben eines Bürgers verläuft, das von einer seine Mitbürger beglückenden Tat zur anderen fortschreitet und mit Freuden übernimmt, was ihm der Staat auch auferlegt.
7
Alle Teile des Ganzen, das heißt die vom Weltraum umschlossenen Dinge müssen notwendig zerstört oder mit einem richtigen Ausdruck umgewandelt werden.  Wäre nun dies von Natur aus ein Übel für sie, so stünde das Ganze bei dem steten Wechsel der Teile und ihrem vorausbestimmten Untergang unter keiner guten Leitung.  Denn sollte die Natur selbst die Einrichtung getroffen haben, ihren eigenen Teilen Schlimmes zuzufügen, ja sie nicht nur ins Unglück zu stürzen, sondern diesen Sturz sogar notwendig machen?  Oder sollte es ihr verborgen sein, daß derartiges einträte?  Beides ist nicht zu glauben.  Wollte nun jemand, von der Allnatur absehend, diese Umwandlung nur aus dem Wesen der Dinge ableiten, so ist es bei alledem lächerlich, einerseits zu behaupten, daß die Teile des Ganzen sich ihrer Anlage nach verwandeln müssen, und andererseits sich über manches Naturereignis zu verwundern oder zu ärgern, zumal die Auflösung in jene Teile erfolgt, aus denen das Ding entstanden ist, sei diese nun eine Zerstäubung der Grundstoffe, woraus es zusammengesetzt war, oder ein Übergang, z.B. der festen Teile in das Erdige, der geistigen in das Luftige, so daß auch diese in den Keimstoff des Weltganzen aufgenommen werden, mag dieses nun nach einem bestimmten Kreislauf der Zeit in Feuer auflodern oder sich in stetem Wechsel wieder erneuen.  Bilde dir aber nicht ein, daß jene festen und geistigen Teile von Geburt an dir kleben.  Dies alles ist dir vielmehr erst von gestern und vorgestern durch Speisen und eingeatmete Luft zugeflossen.  Mithin wird nur das, was deine Natur auf solche Art angenommen, nicht aber das, was von der Mutter Natur dir angeboren ist, umgewandelt.  Wolltest du aber auch vorgeben, daß diese jenes mit deiner besonderen Eigentümlichkeit so eng verflochten habe, so halte ich dieses Vorgeben in der Tat für einen nichtigen Einwurf gegen meine Behauptung.
8
Hast du die Namen:  gut, ehrfürchtig, wahrhaft, verständig, gleichmütig, hochherzig dir beigelegt, so sorge dafür, daß du sie nie verlierst oder immer bald wieder erwirbst.  Aber bedenke auch, was sie besagen!  Verstand — ­ein sorgsam erworbenes, gründliches Wissen um einzelnes?  Gleichmut — ­ein bereitwilliges Aufnehmen des von der Natur uns Zuerkannten?  Hochherzigkeit — ­ein Erhabensein des Geistes über jede leise oder laute Regung im Fleisch, über das, was man Ehre nennt, auch über den Tod und alles dieses.  Vermagst du nun, dich diesen Namen zu erhalten, ohne doch gerade danach zu streben, daß andere dich bei ihnen nennen, so wirst du ein anderer Mensch sein und ein anderes Leben anfangen.  Bleibst du aber noch ferner, wie du bisher warst, fährst fort in einer Lebensweise, die dich befleckt und aufreibt, so bist du ein gewissenloser Mensch, ein Mensch, der eben nichts als leben will, und gleichst jenen Halbmenschen, die man mit wilden Tieren kämpfen läßt, die nämlich, wenn sie mit Wunden bedeckt und mit Blut besudelt sind, inständigst bitten, man möchte sie doch bis auf den folgenden Tag aufheben, um — ­wieder vorgeworfen zu werden denselben Krallen und denselben Zähnen.  Also tauche dein Wesen in jene wenigen Namen.  Und wenn du es nur irgend ermöglichen kannst, halte bei ihnen aus, wie einer, der auf den Inseln der Seligen gelandet.  Merkst du aber, daß man dich heraustreiben will und daß du nicht obsiegen wirst, so ziehe dich eilig in einen Winkel zurück wo du dich wahren kannst? oder — ­verlasse das Leben! — ­Um jener Namen eingedenk zu bleiben, ist es kein schlechtes Hilfsmittel, sich die Götter vorzuhalten, die nicht sowohl begehren, daß man sie schmeichelnd verehre, als daß alle vernunftbegabten Wesen ihnen ähnlich werden, und daß der Mensch tue, was des Menschen ist.
9
Hast du hohe und heilige Wahrheiten dir ohne selbständiges Forschen eben nur eingebildet, so werden sie dir auch wieder abhanden kommen, so können Komödienspiel, Anfeindung, Furcht, Schrecken, Knechtschaft sie dir täglich entreißen.  Es gilt aber, sich eine solche Anschauungs- und Lebensweise anzueignen, daß man das Vorliegende sofort abzutun jederzeit bereit ist und doch dabei weder die geistige Ausbildung außer acht läßt, noch das Vertrauen verleugnet, womit uns jede tiefere Erkenntnis der Dinge erfüllt, das zwar an sich ein innerliches ist, doch aber nicht verborgen bleiben kann.  Denn alsdann wirst du deiner Lauterkeit, deiner Würde froh werden, was jedes Ding seinem Wesen nach ist, welche Stelle es in der Welt einnimmt, wie lang es seiner Natur nach dauern wird, aus welchen Teilen es besteht, wem es zufallen, wer es geben und rauben kann.
10
Eine kleine Spinne ist stolz darauf, wenn sie eine Fliege erjagt hat, jener Mensch, wenn er ein Häschen, dieser, wenn er in seinem Netz eine Sardelle, ein dritter, wenn er einen Eber oder Bären, und noch ein anderer, wenn er Sarmaten fängt.  Sind aber diese, wenn man die Triebfeder untersucht, nicht insgesamt Räuber?
11
Erwirb dir die Kenntnis, die Art der Verwandlung aller Dinge ineinander wissenschaftlich zu untersuchen.  Merke beständig darauf und übe dies in diesem Fach!  Denn nichts fördert so gut die Hochherzigkeit.  Wer diese besitzt, hat seinen Leib schon abgestreift und wenn er bedenkt, daß er in nicht gar langer Zeit dieses alles verlassen und aus dem Menschenleben scheiden muß, so übergibt er sich in betreff dessen, was er leistet, ganz allein der Rechtschaffenheit, in betreff seiner Schicksale aber der Natur.  Was jedoch andere von ihm sagen oder urteilen oder ihm zuleid tun mögen, das läßt er sich nicht anfechten.  Denn mit den zwei Punkten, erstens das gut zu tun, was man zu tun hat, und zweitens in Liebe hinzunehmen, was einem beschieden ist, läßt er alle anderen Aufgaben und Ziele fahren.  Er will nichts, als auf dem Pfad des Gesetzes seinen Zweck zu verfolgen und also der Gottheit nachzustreben, die gleichfalls geraden Wegs auf ihr Ziel zugeht.
12
Was für ein Bedenken hält dich ab, vor allem zu sehen, was der Augenblick zu tun gebietet?  Freilich mußt du´s völlig erwogen haben, ehe du getrost und unbeirrt daran gehen kannst.  Ist dir also noch irgend etwas daran unklar, so halte an und ziehe die Besten zu Rat.  Sonst aber, tritt auch ein Hindernis dir in den Weg, schreite nur besonnen vorwärts, den einmal empfundenen Antrieben folgend und treu dich haltend an das, was dir als das Rechte erschienen ist.  Denn dies zu verfolgen bleibt immer das Beste.  Ihm untreu werden heißt von seiner eigenen Natur abfallen.  Darum sage ich, daß wer in allen Stücken der Vernunft gehorcht, ruhig und leicht bewegt, heiter und ernst zugleich zu sein vermag.
13
Frage dich, sobald du des Morgens aufgestanden bist:  geht es dich etwas an, ob ein anderer das Gute und Rechte tut?  Nichts geht´s dich an.  Hast du vergessen, was das für Leute sind, die ewig nur zu loben oder zu tadeln wissen? wie sie´s treiben auf ihrem Lager, bei Tafel, überall, was es für Diebe und Räuber sind, nicht äußerlich mit Händen und Füßen, sondern innerlich an dem kostbarsten Teile ihres Wesens, mit dem sie sich doch, wenn sie wollten, Glauben, Ehrfurcht Wahrheit, Sitte, den guten Genius zu eigen machen könnten.
14
Der wohlgesittete und ehrfurchtsvolle Mensch sagt zur Natur, der alles spendenden und wieder nehmenden:  gib, was du willst, und nimm, was du willst.  Er spricht´s nicht etwa, zu besonderem Mut sich aufraffend, sondern aus reinem Gehorsam und aus Liebe.
15
Du hast nur noch wenig zu leben.  Lebe wie auf einem Berge!  Gleichviel wo in der Welt du lebst, denn die Welt ist ein Menschenverein.  Und die Menschen sollen eben den wahren Menschen, den der Natur gemäß lebenden schauen und beschauen.  Mögen sie ihn immerhin aus dem Wege räumen, wenn sie ihn nicht vertragen können.
16
Nun gilt es nicht mehr zu untersuchen, was ein tüchtiger Mensch sei, sondern einer zu sein.
17
Der Gedanke an die Ewigkeit und an das Weltall sei dir stets nahe:  verglichen mit dem All wird dir dann alles als ein Körnlein und mit der Ewigkeit verglichen wie ein Handumdrehen erscheinen.
18
Jedes Sinnenwesen, das du betrachtest, stelle dir in seiner Auflösung, Verwandlung, gleichsam Verwesung oder Vernichtung vor oder von der Seite, die ihm von der Natur gleichsam als die vergehende bestimmt ist.
19
Was sind denn die Esser und Trinker und Schläfer und Erzeuger und was sie sonst machen? was sind sie, die sich aufblähen und so hoch drein schauen, die so zornig sind und so von oben herab urteilen?  Vor kurzem — ­wem haben sie gedient und um welchen Preis?  Und wieder eine kleine Weile — ­wo sind sie dann?
20
Nicht bloß, was die Natur dem Menschen schickt, ist ihm zuträglich, sondern es ist ihm auch gerade dann von Nutzen, wann sie´s schickt.
21
Der Regen — ­ein Liebling der Erde; doch auch des blauen Himmels Liebling.  Das Weltall liebt zu tun (sagt man nicht:  “liebt, zu tun?”) alles, was eben geschehen soll.  Ich also sage zu ihm:  deine Liebe ist auch meine.
22
Entweder du lebst hier, wie du gewohnt bist, oder du kommst anderswohin, wie du am Ende auch gewollt oder du stirbst und hast ausgedient.  Das ist alles.  Drum sei guten Muts!
23
Vergiß nicht, daß du da, wo du lebst, ganz dasselbe hast, was du im Gebirge oder an der See oder sonstwo, wohin du dich sehnst, haben würdest.  Dem Hirten, sagt Plato, der so bei seiner Hürde auf dem Berge weidet, ist´s nicht anders zumute, wie dem, den eine Stadtmauer umgibt.
24
Wozu das Herrschende in mir?  Und was mache ich jetzt selbst aus ihm?  Oder wozu bediene ich mich jetzt seiner?  Ist es ohne Einsicht?  Oder von der Gemeinschaft getrennt und abgerissen?  Oder so an das Fleisch gekettet und mit ihm verschmolzen, daß es alle seine Bewegungen teilen muß?
25
Wer seinem Herrn entläuft, ist ein Ausreißer.  Der Herr ist das Gesetz; wer also der Befolgung des Gesetzes sich entzieht, ist ein Ausreißer.  Nicht minder aber verdient diesen schimpflichen Namen auch der, der sich erzürnt oder betrübt oder fürchtet.  Denn er will nicht, daß geschehen wäre oder geschehe oder geschehen soll, was der alles Verwaltende, der allen Gesetz ist, bestimmt.
26
Der eine vertraut dem Mutterschoß den Samen und geht dann fort.  Dann nimmt eine andere wirkende Kraft den Samen auf, verarbeitet ihn und vollendet die Bildung des Kindes.  Welch ein Wesen aus solchem Stoff!  Wieder schluckt die Mutter durch den Schlund Nahrung.  Dann nimmt diese eine andere wirkende Kraft auf und bewirkt daraus Empfindung, Reife und überhaupt Leben und Stärke und wer weiß wieviele und welcherlei Dinge sonst!  Betrachte nur die verborgenen Wirkungen und lerne die hierbei tätige Kraft kennen, wie wir auch die Kraft, vermöge der die Körper sich senken oder steigen, zwar nicht sichtbar aber doch geistig wahrnehmen.
27
Denke stets daran, daß alles, wie es jetzt ist, auch einst war und dann schließe, daß es künftig ebenso sein werde.  Stelle dir alle gleichartigen Schauspiele und Auftritte vor, die du aus Erfahrung oder aus der Geschichte kennst, z.B., den ganzen Hof Hadrians, den ganzen Hof Antonins, den ganzen Hof Philipps, Alexanders und den Hof des Krösus.  Überall dasselbe Schauspiel, nur von anderen Personen gegeben.
28
Ein Mensch, der seinem Unwillen über irgend etwas Luft macht und sich beklagt, unterscheidet sich im Grunde genommen gar nicht von — ­einem Stück Vieh, das beim Schlachten mit allen Vieren um sich stößt und dazu schreit.  Und anders ist auch nicht einmal der, der auf seinem Lager hingestreckt stillschweigend seufzt, wenn man ihm den Verband anlegt.  Denn dem vernunftbegabten Wesen ist es doch gegeben — ­und das ist seine Auszeichnung, bereitwillig sich in das zu schicken, was ihm geschieht.  Sich schicken wenigstens ist notwendig für alle.
29
Bei jeglichem Dinge, womit du beschäftigt bist, frage dich, ob der Tod darum, weil er dich seiner beraubt, etwas so Schreckliches ist.
30
Sooft du unter dem Fehler eines anderen zu leiden hast, frage dich, ob du nicht auch in ähnlicher Weise gefehlt, ob du z.B. nicht auch schon das Geld, das Vergnügen, den Ruhm und ähnliches für ein Gut gehalten hast.  Dann wirst du deinen Zorn bald lassen, zumal wenn dir dazu noch einfällt, daß er gezwungen war.  Denn was kann er tun?  Aber wenn es möglich wäre, befreie ihn von jenem Zwang!
31
Siehst du, Satyrio, den Sokratiker, so stelle dir den Eutyches oder Hymenes vor; siehst du den Euphrates, so denke an Eutyches oder Silvanus und auch an Alkiphron und Tropäophorus und auch bei Xenophons Anblick falle dir Kniton oder Severus ein, und indem du auf dich selbst zurückschaust, stelle dir einen anderen Kaiser und bei jedem wieder seinesgleichen vor!  Dann falle dir zugleich die Frage ein:  “Wo sind nun jene?” Nirgends oder wer weiß wo.  Denn auf diese Art wird dir alles Menschliche stets nur als ein Rauch, als ein wahres Nichts erscheinen, zumal, wenn du dich zugleich erinnerst, daß, was sich einmal verwandelt hat, in der unendlichen Zeit nicht mehr sein werde.  Wie lange also du noch?  Warum genügt es dir nicht, diese kurze Spanne Zeit mit Anstand hinter dich zu bringen?  Was für schwierige Dinge und Aufgaben sind es denn, denen du aus dem Wege gehen möchtest?  Aber was ist denn dies alles anders als Übungen für die Vernunft, daß sie die Dinge des Lebens immer tiefer und wahrer erschauen lerne?  Also verweile nur bei jeglichem Gegenstande so lange, bis du ihn dir völlig zu eigen gemacht hast, wie ein starker Magen sich alles zu eigen macht, oder wie ein helles Feuer, was du hineinwerfen magst, in Glanz und Flamme verwandelt.
32
Niemand müsse mit Wahrheit von dir sagen können, daß du nicht lauter, daß du nicht rechtschaffen seist; vielmehr sei der ein Lügner, der also von dir urteilen wollte.  Das alles aber kommt nur auf dich an.  Denn wer will dich hindern, rechtschaffen und lauter zu sein?  Fasse nur den Entschluß, nicht länger zu leben, ohne ein solcher Mann zu werden.  Auch die Vernunft billigt es keineswegs, wenn du es nicht bist.
33
Ruhe nicht eher, als bis du es so weit gebracht hast, daß ein der menschlichen Bestimmung entsprechendes Handeln in jedem einzelnen Falle dir ganz dasselbe ist, was ein Leben in Herrlichkeit und Freude für die Genußsüchtigen.  Denn eben als einen Genuß mußt du es auffassen, wenn dir vergönnt ist, deiner Natur gemäß zu leben.  Und dies ist dir immer vergönnt.  Nicht so den Dingen der unbeseelten Natur:  der Walze ist es oft verwehrt, sich in der ihr natürlichen Weise zu bewegen und ebenso dem Wasser und dem Feuer usf.  Denn hier sind mannigfache Hindernisse.  Geist aber und Vernunft vermögen Kraft ihrer natürlichen Beschaffenheit und in Kraft ihres Willens alle Hindernisse zu überwinden.  Drum gilt es, nichts so lebendig vor Augen zu haben, als diese Leichtigkeit, mit der die Vernunft sich durchzusetzen vermag, mit der sie sich, wie das Feuer nach oben, der Stein nach unten, die Walze um ihre Achse, durch alles hindurch bewegt.  Was es auch für sie an Hindernissen gibt, das gehört entweder dem toten Leibe an, oder es kann sie, ohne Beihilfe des Gedankens und wenn sie nicht selbst die Erlaubnis dazu gibt, nicht verwunden, ihr überhaupt nichts Böses tun.  Sonst müßte sie ja dadurch notwendig schlechter werden, wie man dies bei anderen Schöpfungen sieht, daß, wenn ihnen etwas Übles widerfährt, sie wirklich darunter leiden, d.h. dadurch schlechter werden.  Beim Menschen aber muß man vielmehr sagen, wenn er den Hemmungen, auf die er stößt, richtig begegnet, wird er besser dadurch und preiswürdiger. — ­Überhaupt aber denke daran, daß dem eingesessenen Bürger nichts schadet, was dem Staate nichts schadet, und ebensowenig dem Staat, was dem Gesetz nichts schadet.  Von dem, was man Unglücksfall nennt, schadet aber nichts dem Gesetz.  Was also dem Gesetz nichts schadet, schadet weder dem Staat noch dem Bürger.
34
Für den, den wahre Philosophie erfüllt, reicht die Erinnerung an jene Verse hin: 
“Blätter verweht zur Erde der Wind nun, andere
        treibt dann
  Wieder der knospende Wald, wenn neu auflebet
        der Frühling. — ­
  So der Menschen Geschlecht.” — ­
um Traurigkeit und Furcht ihm zu verscheuchen.  Blätter sind auch deine Kindlein.  Blätter alles, was so laut schreit, um sich Glauben zu verschaffen, was so hohes Lob zu spenden oder so zu verfluchen oder nur so insgeheim zu tadeln oder zu spotten liebt; Blätter auch, die deinen Ruhm verkünden sollen.  Denn um die Frühlingszeit keimt alles hervor.  Dann kommt der Herbstwind und wirft wieder alles zu Boden, damit anderes an seine Stelle trete.  Kurze Lebensdauer ist der Charakter aller Dinge.  Du aber fliehst und verfolgst alles, als sollte es ewig dauern. Über ein Kleines, und auch deine Augen schließen sich, und den, der dich bestattet, beweint bald ein anderer.
35
Ein gesundes Auge muß jeden Anblick ertragen können und darf nicht immer bloß Grünes sehen wollen.  Ein gesundes Ohr, eine gesunde Nase ist auf jeden Schall und jeden Geruch gefaßt.  Ein gesunder Magen verhält sich gegen jede Speise gleich, wie die Mühle eben alles mahlt, was zu mahlen geht.  Ebenso nun muß auch eine gesunde Seele auf jedes Schicksal gefaßt sein.  Wer aber spricht:  meine Kinder müssen am Leben bleiben, oder:  die Leute müssen stets billigen, was ich tue, dessen Seele gleicht dem Auge, welches das Grüne, oder den Zähnen, die nur Weiches haben wollen.
36
Niemand ist so glücklich, daß nicht einst an seinem Sterbelager einige stehen sollten, die diesen Fall willkommen heißen.  Ist´s auch ein trefflicher und weiser Mensch, so findet sich am Ende doch immer jemand, der aufatmend von ihm sagt:  nun werde ich von diesem Zuchtmeister erlöst; er war zwar keinem von uns lästig, aber ich hatte immer das Gefühl, als verdamme er uns stillschweigend alle miteinander!  Und das ist beim Tode eines Trefflichen!  Wie vieles mag unsereiner also an sich haben, um deswillen so mancher wünscht, von uns befreit zu werden.  Daran denke in deiner Sterbestunde!  Denke, du sollst eine Welt verlassen, aus der dich deine Genossen, aus der dich die, für die du so vieles ausgestanden, soviel gebetet und gesorgt hast, nun hinwegwünschen, indem sie aus deinem Scheiden so manche Hoffnung schöpfen.  Was könnte dich also noch länger hier festhalten!  Und doch darfst du deshalb mit nicht geringerem Wohlwollen von ihnen scheiden, sondern mußt um deiner selbst willen ihnen Freund bleiben und freundlich, sanft von ihnen Abschied nehmen, ebenso sanft, wie sich die Seele dessen vom Körper trennt, dem ein seliges Sterben beschieden ist.  Denn die Natur hat dich auch so mit deinen Freunden verbunden.  Und wenn sie dich jetzt von ihnen ablöst, so geschieht dies eben als von deinen Freunden, und nicht so, daß du von ihnen fortgerissen würdest, sondern sanft von ihnen scheidest.  Es ist dies wenigstens auch eine von den Forderungen der Natur.
37
Bei allem, was von anderen geschieht, suche herauszubringen, welchen Zweck sie verfolgen.  Aber fange damit bei dir selbst an, erforsche zuerst immer dich selbst!
38
Das, was dich bewegt, was dich mit unsichtbaren Fäden hierhin und dorthin zieht, das ist in deinem Innern.  Hier schlummert das beredte Wort, hier wurzelt das Leben, hier ist der eigentliche Mensch.  Nie schreibe diese Bedeutung dem Gefäße zu, das dieses dein Inneres umgibt, oder den Organen, die ihm angegliedert sind.  Ohne bewegende Kraft sind sie nicht mehr, als ein Weberschiff ohne Weber, eine Feder ohne Schreiber, eine Peitsche ohne Wagenlenker.

ELFTES BUCH

1
Wir betrachten noch einmal die Eigentümlichkeit der vernünftigen Seele.  Also:  sie sieht sich selbst, sie setzt sich selbst auseinander, die Frucht, die sie hervorbringt erntet sie auch selbst (nicht wie bei den Früchten, die die Pflanzen- oder Tiernatur hervorbringt, die andere ernten).  Ferner, sie erreicht ihr Ziel, wann immer das Leben zu Ende sein mag; anders als bei den Tanzstücken, und bei jedem Schauspiel, wo die ganze Handlung zum bloßen Stückwerk wird, wenn etwas dazwischen kommt.  Denn sie führt, was sie sich vorgesetzt, vollständig und makellos zu Ende, an welchem Teile der Handlung und wo überhaupt sie auch betroffen werden mag, so daß sie sagen kann:  “Ich habe das Meinige beisammen.”  Sie umfaßt ferner die ganze Welt samt dem sie umgebenden Raume, und vermag sich ein Bild von ihr zu machen; sie dringt in die Unendlichkeit der Zeit, nimmt wahr die periodisch stattfindende Wiedergeburt aller Dinge, betrachtet sie und erkennt, daß, die nach uns kommen, nichts anderes sehen werden, so wie auch unsere Vorfahren nichts anderes sahen, sondern daß der, der etwa vierzig Jahre alt geworden, wofern er nur Geist hat, alles was gewesen und was sein wird, gesehen hat.  Endlich ist es der vernünftigen Seele auch eigen, den Nächsten zu lieben, wahr zu sein, Ehrfurcht zu haben und nichts höher zu achten als sich selbst.  Und in dem allen stimmt sie mit den Forderungen des allgemeinen Weltgesetzes überein, so daß zwischen der gesunden Vernunft und dem Wesen der Gerechtigkeit kein Unterschied ist.
2
Ein schöner Gesang, ein schöner Tanz, ein schönes Spiel ist nur so lange schön, solange man das Ganze anschaut.  Zerlegt man aber jenen in seine einzelnen Töne, diese in ihre einzelnen Bewegungen, und hält dieselben für sich fest, so verlieren sie ihren Reiz.  Nur die Tugend und was von ihr ausgeht, ist und bleibt immer schön.  Daher übe nur bei allem andern jene Zergliederung, auch bei der Anschauung des Lebens.
3
Wann ist die Seele wahrhaft bereit, sich von dem Leibe zu trennen und so entweder zu verlöschen oder zu zerstieben, oder mit ihm fortzudauern?  Wenn diese Bereitheit aus dem eigenen Urteil hervorgeht; wenn es nicht bloß aus Hartnäckigkeit geschieht, wie bei den Christen, sondern mit Überlegung und Würde und ohne Schauspielerei, so daß auch andere dem Eindrucke sich nicht entziehen können.
4
Hast du etwas getan zum Wohle anderer?  Dann hast du auch dein eigenes gefördert.  Das kann man gar nicht oft genug sich selber sagen.
5
Was treibst du für eine Kunst?  Die Kunst, gut zu sein.  Wie könnte dies aber anders gelingen als durch klare Einsicht in das Wesen der Natur und des Menschen.
6
Zuerst entstanden die Tragödien, die uns erinnern, daß alles, was geschieht, gerade so geschehen müsse.  Und dann wollen wir doch, was uns auf der Bühne ergötzt, uns nicht zum Anstoß gereichen lassen, wenn´s auf der größeren Bühne uns entgegentritt.  Auf die Tragödie folgt die alte Komödie.  Ihr Freimut war erzieherisch.  Wir wurden durch ihr offenherziges Wesen gemahnt, Prunk und Stolz abzutun.  Daher entlehnte sogar ein Diogenes nicht selten aus ihr.  Dann kam die Komödie der mittleren Zeit und dann die neueste.  Sie artete bald in ein künstliches Wesen der Nachahmung aus.  Und wenn wir auch nicht verkennen daß sie so manches Treffliche enthält, so frage ich doch:  welchen Zweck denn eigentlich diese ganze dramatische Poesie verfolge?
7
Wie weit bist du in der Erkenntnis, daß keine andere Lebensweise zum
Philosophieren so geeignet sei, als die, die du jetzt gerade führst?
8
Ein Zweig von seinem Nachbarzweige losgehauen, ist damit notwendig zugleich auch vom ganzen Baume abgehauen.  So auch der Mensch:  hat er sich nur mit einem einzigen zerspalten, so ist er von der ganzen menschlichen Gesellschaft abgefallen.  Den Zweig nun haut ein anderer ab, der Mensch aber trennt durch seinen Haß und seine Feindschaft sich selbst von seinem Nächsten, freilich, ohne es zu wissen, daß er sich damit auch vom Ganzen losgerissen.  Doch ist es ein Geschenk des Gottes, der die menschliche Gesellschaft gründete, daß es uns freisteht, mit dem, woran wir früher hielten, wiederum zusammenzuwachsen und so zur Vollendung des Ganzen wieder beizutragen, nur daß, je öfter eine solche Lostrennung geschieht, die Einigung und Wiederherstellung desto schwieriger wird, und daß ein Zweig, der von Anfang an im Zusammenhange mit dem Stamme blieb und mit ihm verwachsen stets dasselbe ein- und aushauchte, doch ein ganz ander Ding ist, als der Zweig, der erst getrennt, dann wieder eingepfropft worden.  Denn was auch die Gärtner sagen mögen:  er wächst wohl an, doch nicht zu jener vollen Lebenseinheit.
9
Wer dich auch hindern möchte in der Befolgung rein vernünftiger Grundsätze — ­, wie es ihm nicht gelingen soll, dich deiner gesunden Lebensweise wirklich abwendig zu machen — ­, so soll er noch viel weniger deinem Herzen die freundliche Gesinnung entreißen.  Verrät es doch dieselbe Schwäche, wenn man solchen Leuten gram wird, wie wenn man seinem Vorsatz untreu wird, sich niederschlagen läßt und vom Platze weicht.  Den Fahnenflüchtigen gleichen beide, der sowohl der aus Furcht zurücktritt, wie der, der mit seinem natürlichen Freund und Bruder verfeindet ist.
10
Kein Naturprodukt steht einem Erzeugnisse der Kunst nach, denn die Künste sind Nachahmer der Natur.  Darum dürfte denn wohl dem vollkommensten und umfassendsten Naturwesen die künstlerische Geschicklichkeit nicht fehlen.  Und wie die Künste das Geringere nur leisten um des Besseren willen — ­darin der Natur selber ähnlich — ­:  so auch der Mensch, wofern Gerechtigkeit entstehen soll, aus der dann weiter alle übrigen Tugenden sich entwickeln.  Denn wollten wir uns nur mit sittlich gleichgültigen Dingen zu schaffen machen, wollten wir leichtgläubig, voreilig, wetterwendisch sein, so stände es schlecht um die Gerechtigkeit.
11
Nicht kommen die Dinge, die du mit Leidenschaft suchst oder fliehst, zu dir, nicht sie drängen sich dir auf, sondern du drängst dich ihnen auf.  Kannst du das Nachdenken über sie nur lassen, so bleiben sie auch ruhig wo sie sind, und man wird dich alsdann nicht ihnen nachlaufen oder auf der Flucht vor ihnen sehen.
12
Die Seele gleicht einer vollkommenen Kugel, insofern sie sich weder nach etwas hindehnt, noch nach innen einläuft, weder zerstreut wird, noch zusammenschmilzt.  Sie wird von einem Licht erleuchtet, bei dem sie die allgemeine Wahrheit und die eigene erkennen kann.
13
Wenn ich bereit bin, einem Irrenden das Rechte zu zeigen, so soll ich das nicht etwa tun aus Begierde, ihn bloßzustellen, auch nicht, um mit meiner Langmut zu prahlen, sondern in Liebe und Aufrichtigkeit, wie die Geschichte von Phokion erzählt, wofern dieser Mann nicht etwa wieder mit seiner Aufrichtigkeit geprahlt hat.  Es muß ein innerliches Tun sein, die Götter müssen einen Menschen sehen, der nichts mit Ärger aufnimmt, niemals sich beklagt.  Denn was gäbe es auch wohl Schlimmes für dich, wenn du das stets freiwillig tust, was deiner Natur entspricht, das Gemeinwohl auf jede mögliche Weise zu fördern, was der Allnatur gerade dienlich ist.
14
Die einander verachten, sind gerade die, die einander zu gefallen streben; und die sich untereinander hervortun wollen, gerade die, die sich voreinander bücken.
15
Wie zweideutig und schmutzig ist jeder, der zu einem andern sagt:  sprich, meine ich´s nicht wirklich gut zu dir?  So etwas zu sagen!  Es muß von selber klar werden.  Auf deiner Stirn muß es geschrieben stehen:  so ist´s; aus den Augen muß es hervorleuchten, wie des Liebenden Blick die Liebe gleich verrät.  Geheuchelte Aufrichtigkeit ist wie ein Dolch.  Nichts häßlicher als Wolfsfreundschaft.  Meide sie allermeist!  Der Gutgesinnte, Aufrichtige und Wohlwollende zeigt sich unverkennbar schon in seinen Augen.
16
Wahrhaft gut zu leben — ­das ist eine Kraft und Fertigkeit der Seele? und sie verfügt darüber, wenn sie gegen das, was gleichgültig ist, sich wirklich auch gleichgültig verhält.  Diese Gleichgültigkeit aber beruht wieder darauf, daß man die Dinge sich genau und von allen Seiten ansieht.  Denn wir sind es selbst, die ihnen eine uns ängstigende Bedeutung unterlegen und sie uns so ausmalen, während es doch in unserer Macht steht, sie nicht so auszumalen, oder wenn sich ein solches Bild einmal unvermerkt in unsere Seele geschlichen hat, es sofort wieder auszulöschen.  Auch braucht es solcher Vorsicht ja nur kurze Zeit! das Leben geht zu Ende! — ­Was hat demnach dies richtige Verhalten für große Schwierigkeiten?  Denn ist es naturgemäß, so freue dich und nimm es leicht, ist´s naturwidrig, untersuche, was deiner Natur gemäß ist, strebe danach, auch wenn es dir keinen Ruhm einbringt.  Jedem ist gestattet, sein eigenes Wohl zu suchen.
17
Untersuche, woher jedes Ding seinen Ursprung nimmt und aus welchen Stoffen es besteht und in welche Form es sich verwandelt, wozu es durch die Umwandlung wird und daß ihm damit kein kein Übel widerfährt.
18
Das Wichtigste ist immer zu wissen, in welchem Verhältnisse ich zu anderen stehe, nämlich, daß wir alle, einer um des anderen willen da sind (wobei sich das Verhältnis näher auch so gestalten kann, daß einer der Vorgesetzte der andern ist, wie der Widder der Schafherde, der Stier der Rinderherde).  Dann, daß man die Menschen beobachtet, wie sie´s daheim, bei Tische oder sonstwo zu treiben pflegen, und welche Grundsätze als treibende Kraft in ihnen liegen.  Und zumeist, welche Gewalt haben ihre Grundsätze über sie und mit wieviel Eigendünkel verrichten sie ihre Handlungen?  Drittens, daß man bedenkt, daß alle, die unvernünftig handeln, unfreiwillig und unwissend so handeln — ­und Schmerz genug für sie liegt schon darin, daß sie eben Ungerechte, Undankbare, Geizige oder mit einem Worte Übeltäter heißen.  Ferner, daß auch du so manchen Fehler hast und von derselben Art bist wie sie? daß, wenn du dich von gewissen Vergnügungen fern gehalten hast — ­vielleicht war´s Feigheit oder Ehrgeiz oder etwas dem Ähnliches, was dich fernhielt — ­du doch auch den Charakter hast, aus dem jene Vergehungen entspringen.  Ferner, daß es gar nicht immer so feststeht, ob sie gefehlt haben, wenn es dir auch so scheint.  Denn vieles geschieht aus einer weisen Berechnung der Umstände, die uns verborgen sein können.  Man muß überhaupt erst so manches gelernt haben, ehe man über die Handlungsweise eines anderen richtig urteilen kann.  Dann denke man doch immer wieder an die Kürze des menschlichen Lebens, zumal wenn man so recht aufgelegt ist, unwillig zu werden und aufzubrausen.  Und weiter, daß es ja eben nicht jene Handlungen sind, die uns Beschwerde machen, sondern unsere Vorstellungen, die wir uns über sie machen.  Schicke sie heim, und dein Zorn wird sich legen.  Aber wie?  Durch die Erwägung daß, was dir durch jene widerfährt, in Wahrheit nichts Schlechtes sei.  Wäre es schlecht, dann wärst du ja notwendig selber dadurch schlecht geworden. — ­Und weiter, daß Zorn und Unwille über solche Dinge uns doch viel mehr beschweren, als die Dinge, über die du dich erzürnst.  Und endlich, daß ein liebevolles Gemüt, wenn seine Liebe wirklich echt und ungeheuchelt ist, durch nichts kann überwunden werden.  Auch dein allerärgster Feind kann dir nichts anhaben, wenn du auf deiner Liebe zu ihm beharrst, wenn du bei Gelegenheit ihn ermahnst und gerade, wenn er im Begriff ist, dir weh zu tun, ihm freundlich zusprichst:  nicht doch, Lieber; wir sind zu etwas anderem geboren; mir schadest du ja nicht, du schadest dir selber, Kind! wenn du ihm so in sanfter Weise und alles wohlerwogen zeigst, daß sich dies so verhalte, und daß nicht einmal die Tiere so verfahren, die in Herden beisammen leben.  Freilich muß dies ohne alle Ironie geschehen, nicht mit dem versteckten Wunsche, ihn zu demütigen, sondern aus reiner Liebe und ohne das Gefühl erlittener Kränkung, auch nicht im Schulmeisterton oder im Beisein eines andern, sondern mit ihm allein, selbst wenn andere gegenwärtig wären. — ­Diese neun Punkte also erwäge fleißig, laß sie Eingang bei dir finden, als wären es ebensoviele Gaben der Musen und fange einmal an, ein Mensch zu sein, solange du noch lebst.  Sanftmut und Milde — ­das ist das echte Menschliche und Männliche; hierin liegt Kraft und Tapferkeit und Stärke, nicht im Zorn und im beleidigten Wesen.  Denn je näher etwas an die völlige Leidenschaftslosigkeit grenzt, desto näher kommt es wirklicher Macht.  Und wie die Traurigkeit ein Zeichen der Schwäche ist, so ist es auch der Zorn.  In beiden sind wir verwundete, geschlagene Leute.  Aber freilich, vor Kriecherei muß man sich ebensosehr hüten, wie vor dem Zorn, da sie ebenso gegen die Grundbedingungen der Gemeinschaft ist und ebenso verderblich wirkt. — ­Willst du, so nimm vom Musageten noch ein Zehntes:  Wahnsinnig ist´s zu fordern, daß schlechte Menschen nicht fehlen sollen, unbillig aber und willkürlich, zu verstatten, daß sie sich gegen andere vergehen, nicht aber, daß sie dich verwunden.
19
Viererlei Verirrungen des Geistes gibt es, vor denen man sich stets in acht zu nehmen hat, und denen man, sobald sie ausgespürt sind, ausbiegen muß, indem man sich bewußt wird:  dies ist ein Gedanke, zu dem dich nichts zwingt; dies ist etwas, wodurch die menschliche Gesellschaft aufgelöst wird; dies redest du nicht von dir selbst (und es gibt nichts Törichteres, als nicht aus sich selbst heraus zu sprechen).  Endlich, eine Schmach ist es, die du dir selber zufügst, sooft das göttlichere Teil an dir erniedrigt und herabgewürdigt ist von dem geringeren und sterblichen und dessen groben Lüsten.
20
Alles Luftige und Feurige, was deinem Wesen beigemischt ist, obwohl es von Natur nach oben strebt, gehorcht doch der Anordnung des Alls und bleibt hier ruhig in der gesamten Masse.  Ebenso alles Erdige und Feuchte, das nach unten strebt, wird doch fortwährend gehoben und behauptet den seiner Natur nicht zukommenden Ort.  So gehorchen die Stoffe der Natur, wenn sie gewaltsam irgendwohin gestellt sind, und verweilen hier, bis das Zeichen zu ihrer Auflösung gegeben ist.  Ist es nun nicht schlimm, wenn die Vernunft allein nicht gehorsam sein will und die ihr zugewiesene Stelle mit Unwillen betrachtet?  Und das, wiewohl ihr nirgend Zwang auferlegt wird, sondern nur das, was ihrer Natur entspricht?  Denn jede ihrer Bewegungen nach dem Unrecht oder nach dem Sinnenreiz, nach dem Zorn, nach dem Schmerz und nach der Furcht ist nichts anderes, als ein solches Fortstreben von dem ihr zugewiesenen Orte, als ein Abfall von der Natur.  Und sooft deine Vernunft über irgendein Ereignis mißmutig wird, verläßt sie ihren Posten.  Du bist zur Gleichmütigkeit und Gottesfurcht nicht weniger als zur Gerechtigkeit geschaffen.  Der Begriff des Gemeingeists enthält noch jene Tugenden ja sie sind sogar älter als das Recht.
21
Wer nicht im Leben einen und denselben Zweck verfolgt der ist auch eigentlich nicht ein und derselbe Mensch.  Doch kommt es vor allem darauf an, von welcher Art dieser Zweck ist.  Es hängt dies genau mit dem Begriff der Güter zusammen, der schwankend und unbestimmt bleibt, solange es sich darum handelt, was jedem einzelnen gut ist, und der zur Klarheit und Bestimmtheit nur gebracht werden kann, wenn man das Ganze, die Gemeinschaft aller ins Auge faßt.  Und so muß auch der Zweck des Lebens eines jeden sich nach dem Ganzen richten, mit dem Zweck der Gemeinschaft, der man angehört, harmonisch wirken.  Wer nun alle seine besonderen Neigungen diesem Zweck unterordnet und ihm gemäß gestaltet, der wird dadurch auch Konsequenz in seine Handlungsweise bringen und so immer derselbe Mensch sein.
22
Das menschliche Leben gibt mir oft nichts weiter, als das Bild einer
Haus- oder Feldmaus, die erschrocken hin und her läuft.
23
Sokrates nannte die Meinungen der Menge Lamien, Schreckgestalten für
Kinder.
24
Die Lakedämonier stellten bei ihren Schauspielen die Sitze für Fremde in den Schatten.  Sie selbst setzten sich an den ersten besten Platz.
25
Als Sokrates sich bei Perdikkas entschuldigte, warum er seine Einladung nicht angenommen habe, sagte er:  damit ich nicht vor Schimpf und Schande zu vergehen brauche als einer, der Wohltat empfängt, ohne sie mit Wohltat vergelten zu können.
26
In Epikurs Schriften war die Lebensregel aufgezeichnet, daß man aus der Reihe der alten Tugendfreunde beständig einen im Andenken behalten solle.
27
Die Pythagoräer sagen, man müsse früh zum Himmel aufblicken, damit wir derer gedenken, die immer eines und dasselbe, und die ihr Werk stets auf dieselbe Weise treiben, damit wir ihrer Ordnung, ihrer Reinheit, ihres unverhüllten Wesens gedenken.  Denn die Gestirne haben keine Hülle.
28
Was für ein Mann war Sokrates, der ein Fell umgürtete, als Xanthippe in seinem Obergewand ausgegangen war!  Und was sagte er zu seinen Freunden, als sie ihn in diesem Aufzug erblickten und entsetzt zurücktraten?  Nicht das Kleid macht den Mann!
29
Weder im Schreiben noch im Lesen kannst du Vorschriften erteilen, ehe du mit deren Befolgung vorausgegangen bist.  Im Leben noch viel weniger.
30
“Der Sklavenseele ziemt es mitzusprechen nicht.”
31
“Laß sie die Tugend schmähen, mit was für Worten
      sie wollen”
“ Und es lachte das Herz mir im Busen.”
32
Lästern werden die Schwätzer mit harten Worten die Tugend.
33
Wer im Winter eine Feige sucht, ist wahnwitzig.  Ebenso wer sich nach einem Kind sehnt, wenn ihm ein solches nicht mehr vergönnt ist.
34
Nach Epiktet soll jeder, der sein Kind küßt, bei sich denken:  morgen vielleicht ist es tot.  Das klingt wie eine Lästerung.  Aber, sagt er, kann das eine Lästerung genannt werden, womit ich etwas rein Natürliches bezeichne? wenn ich z.B. sage:  die Ähren werden abgemäht?
35
Jetzt unreife Traube, dann reif, dann getrocknet — ­lauter Wandlungen, doch nicht etwa in ein Nichts, sondern in ein Etwas, das jetzt noch nicht ist.
36
Einen Räuber des Willens gibt es nicht, sagt Epiktet.
37
Du mußt, sagt derselbe, mit dem Beifall kunstgerecht umgehen lernen und bei deinen Zielen die Vorsicht beobachten, daß sie an Bedingungen geknüpft sind, sich aufs Gemeinwohl richten und durch den Wert der Dinge bestimmen lassen.  Aber der Begierden mußt du dich enthalten und meiden, was nicht in deiner Gewalt steht.
38
Der Streit betrifft also (sagt Epiktet) nicht eine Alltagsangelegenheit, sondern vielmehr die Frage, ob man wahnsinnig sei oder nicht.  Denn nach stoischer Anschauung sind alle Lasterhaften wahnsinnig.
39
Sokrates sagte:  Was wollt ihr? wollt ihr Seelen vernünftiger oder unvernünftiger Wesen?  Vernünftiger.  Welcher Vernünftigen?  Gesunder oder verderbter?  Gesunder.  Nun, warum sucht ihr sie nicht auf?  Suchen? weil wir sie haben!  Also warum zankt und streitet ihr euch?

ZWÖLFTE BUCH

1
Alles, was du jetzt auf Umwegen zu erreichen wünschest, könntest du schon besitzen, wenn du nicht mißgünstig gegen dich selber wärest.  Es wäre dein sobald du imstande wärst, was hinter dir liegt, auf sich beruhen zu lassen, was vor dir, der Vorsehung anheimzustellen, und nur das Gegenwärtige der Frömmigkeit und Gerechtigkeit gemäß zu gestalten; der Frömmigkeit, indem du dich deines Schicksals freust, der Gerechtigkeit, indem du freimütig und ohne Umschweif die Wahrheit redest und tust, was das Gesetz und was der Wert jeder Sache erfordern, unbeirrt von anderer Schlechtigkeit, von irgendwelchen übelangebrachten Vorstellungen, von dem Gerede anderer und von den Empfindungen deiner fleischlichen Hülle.  Denn wenn du so deinem Lebensende entgegengehst, alles andere mit Gleichgültigkeit betrachtest, nur das Göttliche in dir, die herrschende Vernunft verehrend, und nicht sowohl das Aufhören des Daseins als vielmehr das Nichtbeginnen eines naturgemäßen Lebens fürchtest, dann darfst du auch ein Mensch heißen, der würdig ist der Welt, die ihn hervorgebracht, und wirst aufhören, ein Fremdling zu sein in deinem Vaterlande.
2
Nackt und von dem Gefäß, der Schale, dem Schmutz des Körpers entblößt sieht Gott die Seele.  Denn die eigentliche Berührung zwischen ihm und seinen Werken findet nur vermittelst seines Geistes statt.  Mach es ihm nach und du befreist dich von so mancher Last und Sorge.  Denn wer erst absehen gelernt hat von seinem Leibe, der ihm das Nächste ist, der achtet dann gewiß auch nicht mehr auf Kleidung, Häuslichkeit, Ansehen bei den Leuten und all dergleichen Äußerlichkeiten.
3
Du bestehst aus drei Teilen:  Leib, Seele und Geist.  Leib und Seele sind dein, nur soweit es deine Pflicht ist, für sie zu sorgen.  Der Geist aber ist ganz eigentlich dein.  Doch nur, wenn du ihn frei zu machen weißt von allen Einflüssen der Außenwelt, des eigenen Leibes und der dem Leibe eingepflanzten Seele, so daß er ein Leben aus sich und für sich selber führt, vollbringt, was die Gerechtigkeit gebietet, will, was das Schicksal auferlegt und wahr ist in seinen Reden, nur dann kannst du die noch übrige Zeit ruhig und heiter leben und wirst treu bleiben deinem Genius.
4
Ich wundere mich oft darüber, wie derselbe Mensch, der sich mehr liebt als alle anderen, dennoch mehr Gewicht auf das Urteil anderer über ihn, als auf das eigene legen kann.  Bedenkt man freilich, daß kein noch so bedeutender Lehrer, ja daß kein Gott es auch nur einen Tag lang von uns erreichen würde, gleich zu sagen, was wir denken, so wie wir den Gedanken nur gefaßt, so ist´s auch wiederum natürlich, daß wir eine weit größere Scheu vor dem haben, was andere von uns denken, als vor unserer eigenen Meinung.
5
Wie mag es nur kommen, daß die Götter, die doch alles so schön und menschenfreundlich eingerichtet haben, das eine übersehen konnten, daß selbst die wenigen trefflichen Menschen, die mit dem Göttlichen aufs innigste verkehrten und sich ihm durch fromme Werke und heiligen Dienst zu besonderen Freunden gemacht haben, wenn sie einmal tot sind, nicht wiederkommen, sondern ganz und gar verschwunden sind?  Allein, wenn sich die Sache wirklich so verhält, so wisse, daß, wenn es anders hätte sein sollen, sie´s auch anders gemacht hätten.  Wäre es gut gewesen, hätte es auch gewiß geschehen können; wäre es natürlich, so würde es die Natur auch einrichten.  Daraus also, daß es nicht so ist, wofern es nämlich nicht so ist, erkennst du, daß es nicht so sein darf.  Und — ­würdest du denn überhaupt auf diese Weise mit den Göttern rechten, wenn nicht die stillschweigende Voraussetzung wäre, daß sie die besten und gerechtesten sind?  Und daraus folgt ja schon von selbst, daß sie in ihren Anordnungen nicht ungerecht und gegen die Vernunft verfahren konnten.
6
Auch daran kann man sich gewöhnen, was einem anfangs verzweifelt erscheint.  Die linke Hand, die zu so vielen Dingen unbrauchbar ist aus Mangel an Gewöhnung, ist doch z.B. zur Führung des Zügels weit geschickter als die rechte.  Weil sie´s gewohnt ist.
7
Denke an die Beschaffenheit des Leibes und der Seele, worin du dich vom Tod ergreifen lassen mußt, sowie an die Kürze des Lebens, an den unermeßlichen Zeitraum hinter dir und vor dir, an die Gebrechlichkeit jeden Stoffes.
8
Betrachte die wirkenden Kräfte der Dinge, von ihrer Hülle entkleidet, ebenso den Zweck jeden Geschehens!  Frage, was Unlust, was Lust, was Tod, was Ruhm sei, an wem die Schuld der eigenen Ruhelosigkeit liege, wie niemand von einem anderen gehindert werde und daß alles auf die Vorstellung ankomme.
9
Bei der Anwendung unserer Grundsätze aufs Leben gilt es mehr dem Ringer, als dem Fechter ähnlich zu sein.  Der nämlich ist verloren, sobald ihm das Schwert abhanden kommt.  Jenem aber steht die Faust immer zu Gebot; er braucht sie eben nur zu ballen.
10
Sieh zu, wie die Dinge in der Welt beschaffen sind, und unterscheide an ihnen Stoff, wirkende Kraft, Zweck.
11
Welche Gewalt hat doch der Mensch, der nichts tut, als was Gott loben kann, und der alles hinnimmt, was Gott ihm sendet!
12
Über das, was eine Folge des natürlichen Verlaufs ist, soll man weder Göttern noch Menschen Vorwürfe machen.  Jene verfehlen sich weder willkürlich noch unwillkürlich, diese nur unwillkürlich.  Also gibt´s keinen Anlaß, ihnen etwas vorzuwerfen.
13
Was für ein lächerlicher Fremdling auf Erden ist der, der über irgendein
Ereignis in seinem Leben erstaunt.
14
Ist alles eine unabänderliche Notwendigkeit, wie kannst du widerstreben?  Gibt´s aber eine Vorsehung, die sich versöhnen läßt, so mache dich des göttlichen Beistands würdig!  Ist aber auch dieses nicht das Richtige, ist vielmehr alles nur die planloseste Verwirrung, dann sei froh, daß du selbst mitten in diesem Wirrwarr an deinem Geiste ein leitendes Triebrad besitzest.  Wohin dich nun auch jene Strömung treiben mag — ­mag sie den Leib, die Seele, alles mit hinwegführen, den Geist wird sie nicht mit sich fortführen!
15
Das Licht der Lampe scheint, bis man es auslöscht; nicht eher gibt es seinen Strahl ab.  Soll denn die Wahrheit, die Gerechtigkeit und Besonnenheit in dir eher verlöschen?
16
Wenn jemand dir die Meinung beigebracht, er habe sich vergangen, weißt du auch gewiß, ob es ein Vergehen ist? und wenn er sich wirklich vergangen hat, ist er selber auch der Meinung?  Oder gliche er dann nicht einem Menschen, der sich selbst das Auge auskratzt?  Wer überhaupt verlangt, daß der Lasterhafte nicht fehlen soll, kommt mir vor wie einer, der nicht will, daß der Feigenbaum den Feigen Saft gibt, daß die Kinder schreien, daß Pferde wiehern und dergleichen natürliche Dinge mehr.  Denn was soll er tun, hat er die Anlage dazu?  Hast du den Mut, heile ihn!
17
Was sich nicht ziemt, das tue auch nicht, und was nicht wahr ist, sage nicht.  Dein Hauptbestreben sei jederzeit, das Ganze im Auge zu haben.
18
Sieh immer auf das Ganze und mache dir klar, was in dir gerade die Vorstellung erzeugt, indem du daran die Urkraft, den Stoff, den Zweck, die Zeit, in der etwas wieder aufhören muß, unterscheide.
19
Merkst du endlich, daß etwas Besseres und Göttlicheres in dir ist, als das, was die Leidenschaften hervorruft und was dich bald hierin, bald dorthin zieht, gleich einer Puppe?  Was waltet jetzt in meinem Denken?  Ist´s Furcht, Argwohn oder Begierde oder etwas anderes?
20
Fürs erste:  Handle nicht ohne Ursache, nicht ohne Zweck!  Zum anderen:
Suche nichts anderes als den allgemeinen Nutzen zu erreichen!
21
Binde dich an keinen Ort, an nichts von dem, was du jetzt siehst, an keinen derer, die jetzt leben.  Denn das alles ist wandelbar und wird vergehen, um anderen Platz zu machen.
22
Alles ist Vorstellung, und diese hängt von dir ab.  Räume, wenn du willst, die Vorstellung aus dem Weg, und du wirst wie ein Seefahrer, der das Vorgebirge umschifft hat, auf ruhiger See in die windstille, wogenfreie Bucht einfahren.
23
Jegliche Tätigkeit, die zur bestimmten Zeit ihr Ende erreicht, leidet dadurch, daß sie es wirklich erreicht hat, keinen Schaden.  Ebensowenig erleidet der, welcher sich hierbei tätig erwiesen hat, durch diese Beendigung einen Nachteil.  Gleichfalls nun leidet der Inbegriff aller dieser Tätigkeitsäußerungen, das heißt das Leben, durch ebendieses Ende keinen Nachteil, und so ist auch der, welcher zu seiner Zeit die Reihe geschlossen hat, hierdurch in keine schlimme Lage versetzt worden.  Jene Zeit aber und diese Lebensgrenze weist die Natur ab, und zwar zuweilen, wenn sie erst im Greisenalter eintritt, zugleich die eigene Natur des Menschen, jedesmal aber jene Allnatur; denn durch Umwandlung ihrer Teile wird das ganze Weltgebäude stets verjüngt und wieder in volle Blüte versetzt.  Alles aber, was dem Ganzen zuträglich, ist jederzeit auch schön und zeitgemäß.  So ist auch das Aufhören des Lebens für niemand nachteilig, zumal da es auch, weil von unserer Willkür unabhängig und dem Gemeinwohl nicht zuwider, niemand Schande macht; vielmehr ist dasselbe ein Gut, insofern es für das Ganze zeitgemäß nützlich und zuträglich ist.  So ist auch der ein von Gott Geführter, der sich von Gott auf dessen Wegen und mit seiner Gesinnung zu gleichen Zielen führen läßt.
24
Folgende drei Grundsätze mußt du stets vor Augen haben:  Erstens nämlich in Ansehung dessen, was du tust, nie ohne Grund noch anders zu verfahren, als die Gerechtigkeit selbst verfahren haben würde; in Ansehung dessen aber, was dir von außen zustößt, mag es nun von einem glücklichen Zufall oder von der Vorsehung herrühren, dich weder über den Zufall zu beschweren, noch die Vorsehung anzuklagen.  Zweitens, bei jedem Wesen darauf zu achten, wie es von seiner Empfängnis an bis zu seiner Beseelung und von seiner Beseelung an bis zu seiner Entseelung beschaffen sei, desgleichen aus welcherlei Bestandteilen es zusammengesetzt und in was für welche es wieder aufgelöst werde.  Drittens, daß, wenn du, plötzlich über die Erde emporgerückt, auf die Menschenwelt herabschauen, den großen, vielgestaltigen Wechsel in derselben wahrnehmen und zugleich den ganzen Umkreis luftiger und ätherischer Wesen mit einem Blicke überschauen könntest, daß du dennoch, sage ich, sooft du emporgerückt würdest, immer wieder dasselbe, nämlich alles gleichförmig und kurzdauernd finden müßtest.  Und hierauf dürftest du stolz sein?
25
Mache dich nur von deinem Wahne los, und du bist gerettet!  Wer hindert dich denn, ihn abzutun?
26
Trägst du an irgend etwas schwer, so hast du vergessen, daß alles sich der Allnatur gemäß ereignet und daß fremde Vergehungen dich nicht anfechten sollen, ferner vergessen, daß alles, was geschieht, immer so geschehen ist, immer so geschehen wird und überall jetzt so geschieht, vergessen, welch innige Verwandtschaft zwischen dem einzelnen Menschen und dem ganzen Menschengeschlecht besteht; denn hier ist nicht eine Gemeinschaft von Blut oder Samen, sondern der Vernunft.  Du hast aber auch das vergessen, daß der denkende Geist eines jeden ein Gott und ein Ausfluß der Gottheit ist, vergessen, daß niemand etwas ihm ausschließlich Eigenes besitzt, sondern sein Kind sowohl als sein Leib und selbst seine Seele aus jener Quelle ihm zugekommen ist, vergessen endlich, daß jeder nur den gegenwärtigen Augenblick lebt und folglich auch nur diesen verliert.
27
Rufe dir immerfort diejenigen wieder ins Andenken zurück, die sich über irgend etwas gar zu sehr betrübt oder die durch Unglücksfälle, Feindschaften, durch die größten Ehrenstellen oder durch andere Glücksumstände großes Aufsehen erregt haben.  Dann lege deinem Nachdenken die Frage vor:  “Wo ist jetzt das alles?” Rauch ist´s und Asche, eine Märe oder auch nicht einmal eine Märe.  Daneben laß dir auch so vieles andere der Art einfallen, zum Beispiel was Fabius Catullinus auf seinem Landgut, Lusius Lupus in seinen Gärten, Stertinius in Bajä, Tiberius auf Capri, Rufus in Velia getrieben haben und alle jene, die auf Meinungen beruhendes Interesse für irgend etwas hatten.  Bedenke, wie geringfügig jeder Gegenstand ihrer Bestrebungen gewesen sei und wieviel philosophischer es wäre, sich bei jeder dargebotenen Gelegenheit als gerecht, besonnen, den Göttern folgsam, ohne Gleißnerei zu zeigen.  Denn der Hochmut, der sich mit Demut brüstet, ist der allerunerträglichste.
28
Die dich etwa fragen möchten, wo du denn eigentlich die Götter gesehen, und woraus du entnommen habest, daß sie sind, so daß du sie verehren magst, denen gib zur Antwort:  Einmal, sie sind wirklich mit Augen zu sehen.  Dann, auch meine Seele habe ich ja noch nie gesehen, und halte sie doch in Ehren.  Daraus, daß ich ihre Macht immer gespürt, habe ich entnommen, daß die Götter sind, und darum verehre ich sie.
29
Bei jedem Gegenstand zu sehen, was er im ganzen, was er nach seinem Stoff, was nach seiner Kraft sei, von ganzer Seele das Rechte tun und das Wahre reden, darauf beruht das Heil des Lebens.  Eine gute Tat der andern so anreihen, daß auch nicht der kleinste Zwischenraum bleibt, was heißt das anders, als das Leben genießen?
30
Es gibt nur ein Sonnenlicht, obwohl gebrochen durch Mauern, Berge, tausend anderes.  Ein gemeinsamer Stoff, obwohl hindurchgehend durch tausend eigentümliche Bildungen.  Ein Leben, obwohl verteilt auf unzählige Wesen, deren jedes seine Besonderheit hat.  Eine Vernunft, obwohl auch sie zerteilt erscheint.  Alles übrige, die Welt der Dinge, der empfindungslosen, ist ohne Zusammenhang in sich, obgleich auch hier der Geist waltet und alles in seine Wagschale fällt, nur das Menschenherz hat seinen ihm eigentümlichen Zug nach dem, was ihm verwandt ist, und läßt sich diesen Gemeinschaftstrieb nicht nehmen.
31
Was wünschest du?  Bloß fortzudauern?  Nein, vielmehr zu empfinden, dich zu bewegen, zu wachsen, wiederum stille zu stehen, deine Stimme zu gebrauchen, nachzudenken.  Was von allem diesem scheint dir noch wünschenswert?  Ist aber eines wie das andere geringfügig, so wende dich dem zu, was zuletzt allein noch übrigbleibt:  dem Gehorsam gegen die Vernunft und gegen die Gottheit.  Der Verehrung von diesen widerspricht es jedoch, wenn man sich vom Gedanken gedrückt fühlt, durch den Tod der erstgenannten Dinge beraubt zu werden.
32
Welch kleines Teilchen der unendlichen und unermeßlichen Zeit ist jedem von uns zugemessen!  So schnell wird es ja von der Ewigkeit verschlungen.  Welch kleines Teilchen von der ganzen Wesenheit!  Welch kleines Teilchen von der ganzen Weltseele!  Wie klein ist das Erdklümpchen, auf dem du umherschleichst!  Dies alles bedenke und halte dann nichts für groß als das:  zu tun, wie deine Natur dich leitet, und zu leiden, was die Allnatur mit sich bringt.
33
Welchen Gebrauch macht die herrschende Vernunft von sich selbst?  Hierauf kommt ja alles an.  Das übrige aber, mag es von deiner Willkür abhängen oder nicht, ist nur Totenstaub und Dunst.
34
Der zur Verachtung des Todes dienlichste Gedanke ist der, daß selbst diejenigen, welche Sinnenlust für ein Gut und Unlust für ein Übel erklärten, ihn doch verachtet haben.
35
Wer nur das, was zur rechten Zeit geschieht, für ein Gut hält, wem es gleichgültig ist, ob er eine größere oder kleinere Zahl vernunftgemäßer Handlungen aufzuweisen habe, wer zwischen einer länger oder kürzer dauernden Betrachtung der Welt keinen Unterschied macht, für den ist auch der Tod nichts Furchtbares.
36
So hast du denn dein Bürgerrecht gehabt, o Mensch, in diesem großen Reiche.  Wie lange es gedauert, darauf kommt´s nicht an.  Was den Gesetzen gemäß ist, ist auch jedem billig.  Was also wäre Schlimmes daran wenn du entlassen wirst? entlassen ja nicht von einem Despoten oder ungerechten Richter, sondern von der Natur, derselben, die dich eingeführt.  So darf ja wohl der Schauspielleiter, der einen Schauspieler angestellt, ihm wieder kündigen.  Aber, sagst du, von fünf Akten sind ja erst drei abgespielt!  Sehr gut.  Doch sind im Leben auch drei Akte das ganze Stück.  Der ehemals die Stoffe zusammenfügte und der jetzt sie wieder löst, der hat das Ende zu bestimmen.  Du bist unschuldig an beidem.  So gehe denn versöhnt!  Der dich abspannt, ist´s auch.





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