Donnerstag, 27. Oktober 2016

LIEDERKRANZ - von Ulrich von Schlippenbach




Ulrich von Schlippenbach 1774 - 1826



Freiherr Ulrich von Schlippenbach  war ein deutsch-baltischer Dichter, Schriftsteller und Herausgeber der Romantik.


POET  UND  HERAUSGEBER 

Schlippenbach gründete ein eigenes Organ für alle poetischen Kräfte der baltischen Heimat. Er gab zu diesem Zweck die „Kuronia, eine Sammlung vaterländischer Gedichte“ heraus, von der drei Sammlungen 1806–1808 in Mitau erschienen, an die sich als vierte „Wega, ein poetisches Taschenbuch für den Norden“, Mitau 1809, anschloss. Eine Sammlung seiner Gedichte gab Schlippenbach 1812 in Mitau heraus, die jedoch bei weitem nicht alles enthält, was er vorher veröffentlicht hatte. Nach seinem Tode ist dann eine zweite Sammlung unter dem Titel; „Nachgelassene Gedichte“ 1828 gedruckt worden. Schlippenbach war in seiner Zeit der gefeiertste Dichter der baltischen Provinzen. Es gab keine festliche Gelegenheit, sei es die Eröffnung eines Theaters, die Begrüßung hoher Gäste, die Jubiläumsfeier verdienter Männer, kein frohes Ereignis im Kreise seiner Familie oder seiner Freunde, bei welchem Schlippenbach nicht freiwillig oder aufgefordert in die Saiten seiner Leyer griff. Dass es ihm fast immer gelang, etwas Sinniges, Ansprechendes, häufig Schwungvolles und Gedankenreiches in dichterischer Form bei solchen Gelegenheiten zu sagen, beweist am besten, dass er eine wirklich poetische Natur war. 1815 initiierte Schlippenbach die Gesellschaft für Literatur und Kunst in Mitau.

Mit den deutschen belletristischen Zeitschriften blieb er fortwährend in Verbindung und stand in lebhaftem Briefwechsel mit vielen deutschen Dichtern und Schriftstellern, namentlich mit Friedrich Perthes pflegte er eifrigen Gedankenaustausch. Schlippenbach war ein begeisterter Verehrer Jean Pauls und ein leidenschaftlicher Anhänger der Romantiker. Er las nicht nur alle neuen Erscheinungen dieser Richtung, er verbreitete sie auch eifrig im Kreise seiner Bekannten. Goethe übte auf ihn geringere Wirkung aus, dagegen hing er an Schiller mit begeisterter Bewunderung. Dieser und Friedrich von Matthisson haben am meisten auf seine Dichtung eingewirkt. Sie ist vorzugsweise Reflexionspoesie, das eigentlich lyrische Element tritt nur selten hervor und ein eigentliches Lied ist ihm kaum je gelungen. Die Einwirkung der Romantik zeigt sich fast nur in der Wahl des Stoffes und in der Färbung der Stimmung, nur höchst selten in der Form.

Von seinen übrigen Schriften seien hier hervorgehoben: „Malerische Wanderungen durch Kurland“, Mitau 1809, worin er einen Teil Kurlands mit dichterischem Sinn beschreibt. Ferner „Beiträge zur Geschichte des Krieges zwischen Russland und Frankreich in den Jahren 1812 und 1813“, 4 Hefte, sie sind ein lebendiges Spiegelbild der Stimmung jener Zeit und für die Geschichte der zeitweiligen Besitznahme Kurlands durch die Franzosen von Bedeutung.


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Liederkranz.

Dem Andenken
der
verstorbenen Frau Herzogin
Dorothea von Kurland




SONNEN  NIEDERGANG 



Ein Frühlingstag mit hellem Sonnenleben 
Erwacht in blüthenreicher Flur,
 Und was der Himmel segnend ihr gegeben, 
Gab mütterlich ihm die Natur. 
Den lichten Glanz, die reiche Blumenfülle, 
Des reinsten Daseyns warmen Strahl, 
Des wolkenfreyen Himmels heil'ge Stille 
In einem heitren Frühlingsthal. 
O schöner Tag! der Erde aufgegangen, 
Um hell und licht in deinem Reiz zu prangen.


Und wollen auch die Stürme sich erheben, 
Sie weichen vor des Lichtes Strahlenkranz,
Und selbst des Abends kühle Schatten weben 
Den Schleyer nicht um dieses Tages Glanz. 
Er sinkt, so wie er freundlich aufgegangen,
Nur Abendroth zeigt sein Entschwinden an, 
Und wo die fernen Welten ihn empfangen, 
Beschließen Sterne seine Bahn; 
Selbst wenn schon nächtlich tiefe Dunkel wallen, 
Hört man Gebete lange noch erschallen.


So war Dein Aufgang, so Dein Niedersinken, 
Du, Deines Landes holder Frühlingstag; 
Du zogst dahin, wo helle Sterne winken, 
Dahin, wo Deine rechte Heimath lag. 
Du schiedest, Fürstin, so von Deinem Throne,
Wie von dem Leben, in dem höchsten Glanz, 
Und schimmernder als Deine Fürstenkrone 
War Deiner Anmuth Strahlenkranz; 
Dein Abendroth wird noch in Liebe glühen, 
Wenn tiefe Schatten unsre Welt umziehen.






PHANTASIE 

[Zu dem Bilde der Erinnerung.]

Endlich hat mein Auge dich gesehen, 
Treues Bildniß der Erinnerung, 
Wie du schwebest aus des Himmels Höhen, 
Ewig blühend, ewig schön und jung.


Ruhst auf mondeshellen Wolkensäumen, 
Hebst den zarten Schleyer, und dein Blick 
Wendet, wie erwacht aus süßen Träumen, 
Zu der Liebe Denkmal sich zurück.


Und so tragen dich der Weste Schwingen 
Durch der Zeiten weite Kreise hin, 
Wo versunk'ne Bilder dich umringen, 
Bleicher Kränze deutungsvoller Sinn.


Doch der Sehnsucht innigstes Empfinden
Wendet deinen stillgesenkten Blick 
Noch einmal zu jenen Schattengründen 
In ein theures Jugendland zurück.


Und ein Denkmal seh ich dort sich heben, 
Das Arkadien die Stäte nennt; 
Die Erinn'rung feyert hier ein Leben, 
Das sich nimmer von der Seele trennt.


Weile, hohe Göttin, weile, 
O Erinn'rung! weile hier; 
Fliehe nicht mit rascher Eile, 
Unsre Seelen folgen dir. 
Nur auf deinen lichten Schwingen, 
Über Erde, Zeit und Tod, 
Wagt der Geist empor zu dringen 
Zu der Hoffnung Morgenroth.








ERINNERUNG 


Schwebst du nun selbst auf der Erinn'rung Höhen, 
Du schönes Bild, das uns so hold erschien; 
Willst wie ein süßer Traum vergehen, 
Und wie ein Strahl vorüberziehn?


Willst Lichtgestalt dich weit erheben 
Zu ferner Welten besserm Glück? 
Nichts blieb als nur dein Erdenleben 
Und unsere Liebe uns zurück.


So zieht die Wolke hin, doch Segen thaut sie nieder, 
Der in den Blüthen, die sie weckte, lebt, 
Und kehrt so selbst zur Erde wieder, 
Wo diese Himmelsfarben webt.










DIE KRONEN 


Als jedes Herz Dein Jugendglanz entzückte, 
Und höher Dich der Schönheit lichter Tag 
Als jene Fürstenkrone schmückte, 
Die nahe Deiner Wiege lag; 
In jedes Glückes schimmerndem Geschmeide 
Umwallte da so rauschend Dich die Freude.


Es hielt Dir Wort das glanzerfüllte Leben, 
Gabst Du ihm auch die Herrscherkrone hin; 
In jener helleren, die Schönheit Dir gegeben. 
Begrüßte Dich die Welt als Königin. 
Es durften Enkel Deine Knie umfahen, 
Doch nicht das Alter Deinem Reize nahen.


Auch diese Krone nahm sich nun zum Raube 
Mit kalter bleicher Hand der Tod, 
Als abermals die schönere der Glaube
Im hellen Strahlenschimmer bot. 
Im lichten Glanz, wie Dich die Welt empfangen, 
Bist mit der Krone Du zum Himmel eingegangen.









IM SCHLOSSE  ZU  MITAU  NEBEN  
DER   FÜRSTENGRUFT


Es neigte sich der Tag, und Nebelbilder zogen 
Hin an des Stromes grünen Uferrand; 
Ich blickte in die Tiefe blauer Wogen 
Vom Schlosse nieder, wo ich sinnend stand, 
Da war es mir, als stiegen viel Gestalten 
Aus nahem Grabgewölb' hervor, 
Die hin am Strome auf und nieder wallten, 
Nur halb verdeckt vom leichten Nebelflor, 
Gehüllt im Schmuck der fürstlichen Gewande, 
Wie sie die Vorzeit trug in diesem Lande.


Der Ahnherr schritt im goldnen Panzerkleide 
Aus weitem Thor, von Geisterhand gesprengt, 
Ein rothes Kreuz war in dem Glanzgeschmeide 
Der Fürstenkrone strahlend eingesenkt; 
Und Gotthard Kettler war's, den ich erkannte, 
Er legte seine Hand aufs todte Herz, 
Und als er seinen Blick zum Strome wandte, 
Sprach aus den bleichen Zügen Schmerz; 
Tief sinnend schaute er in Stromes Tiefen, 
Als hörte er auf Stimmen, die ihn riefen.



Und Friederich und Jakob folgten weiter, 
Sie hatten Alle sich zum Strom gewandt, 
Der alten Fürsten ganze Stufenleiter 
Begrüßte das geliebte Erdenland. 
Im Geisterchor der Männer und der Frauen, 
Der am Gestade hier versammelt war, 
Stand auch ein Knabe, hold und schön zu schauen,
Mit zartem goldgelockten Haar, 
Und diesen nur, mit jubelndem Entzücken, 
Sah ich zur weiten Ferne blicken.


Da endlich, wo der Strom von Süden ziehend 
Zum Meere hin mit leichten Wogen wallt, 
Da schwebte hell in Engelreizen glühend 
Im Lichtgewande eine Huldgestalt; 
Sie nahte, und mit freudigem Entzücken 
Schloß sie den Knaben an verklärter Brust, 
Und Thränen thauten in den Geisterblicken, 
Sie kündeten der Wehmuth süße Lust. 
Bald hört' ich rauschend, wie der Blätter Fallen, 
Des Ahnherrn Worte am Gestade hallen:


Tochter des Landes, das ich zum Lohne 
Ringend und kämpfend im Leben gewann, 
Trugst Du die letzte, die fürstliche Krone, 
Die wie ein Tropfen im Meere zerrann.


Sind uns doch Allen die Würden zerflossen, 
Allen zertrümmert der irdische Thron, 
Treu doch bewahrten des Grabes Genossen 
Hier in dem Kreise den lieblichen Sohn.


Schwebe mit ihm zu den strahlenden Welten, 
Theile mit ihm der Unsterblichkeit Kranz; 
Dort, wo die Kronen des Himmels nur gelten, 
Strahlet die Deine in ewigem Glanz.


Ich blickte auf. Wie Töne leis' verhallen, 
Entflohn die Bilder; nur im Abendschein 
Sah Dorothea ich zum Himmel wallen 
Mit Ihrem Sohn zum ewigen Verein. 
Da deutete ich der Erscheinung Träumen: 
Den Strom der Zeiten hatte ich gesehn, 
An dessen Ufer in den stillen Räumen 
Nur seliger Geister Schatten gehn. — 
Dahin, dahin, zu jenes Stromes Wogen, 
Bist, holde Fürstin, Du nun fortgezogen.


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