Freitag, 26. August 2016

MORGENANDACHT - von Richard Dehmel






MORGENANDACHT 


von  Richard Dehmel 



Sehnsucht hat mich früh geweckt;
 wo die alten Eichen rauschen,
 hier am Waldrand hingestreckt,
 will ich dich, Natur, belauschen.


Jeder Halm steht wie erwacht;
 grüner scheint das Feld zu leben,
 wenn im kühlen Tau der Nacht
 warm die ersten Strahlen beben.


Wie die Fülle mich beengt!
 so viel Grosses! so viel Kleines!
 wie es sich zusammendrängt
 in ein übermachtig Eines!


Wie der Wind im Hafen surrt,
 tief im Gras die Grillen klingen,
 hoch im Holz die Taube gurrt,
 wie die Blätter schauernd schwingen,


wie die Bienen taumelnd sammeln
 und die Käfer lautlos schlüpfen – 
O Natur! was soll mein Stammeln,
 seh ich all das dich verknüpfen:


wie es mir ins Innre dringt,
 all das Grosse, all das Kleine;
 wie’s mit mir zusammenklingt
 in das übermächtig Eine!






                                                                         







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