Mittwoch, 10. August 2016

Gesang der Geister über den Wassern - von Johann Wolfgang von Goethe



 

Gesang der Geister über den Wassern


von  Johann Wolfgang von Goethe 



 Des Menschen Seele
 Gleicht dem Wasser:
 Vom Himmel kommt es,
 Zum Himmel steigt es,
 Und wieder nieder
 Zur Erde muß es,
 Ewig wechselnd.


 Strömt von der hohen,
 Steilen Felswand
 Der reine Strahl,
 Dann stäubt er lieblich
 In Wolkenwellen
 Zum glatten Fels,
 Und leicht empfangen,
 Wallt er verschleiernd,
 Leisrauschend
 Zur Tiefe nieder.
 

 Ragen Klippen
 Dem Sturz entgegen,
 Schäumt er unmutig
 Stufenweise
 Zum Abgrund.


 Im flachen Bette
 Schleicht er das Wiesental hin,
 Und in dem glatten See
 Weiden ihr Antlitz
 Alle Gestirne.


 Wind ist der Welle
 Lieblicher Buhler;
 Wind mischt vom Grund aus
 Schäumende Wogen.


 Seele des Menschen,
 Wie gleichst du dem Wasser!
 Schicksal des Menschen,
 Wie gleichst du dem Wind !





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