Mittwoch, 17. August 2016

DER LIEBESBRIEF von Ferdinande von Brackel





DER  LIEBESBRIEF  



von  Ferdinande von Brackel



Lieb’ ist süß; an sauren Stunden
 Ist sie aber auch nicht arm,
 Machte wohl zu allen Zeiten
 Manchem Kopf und Herze warm.

 War ein echter Kern-Geselle,
 Durch und durch westfäl’scher Stamm,
 Fest und zähe wie die Eiche,
 Die aus seiner Heimat kam.

 Bärtig' Antlitz, breiter Rücken,
 Sieben Fuß an Längenmaß;
 Große Abneigung vor’m Bücken,
 Eine mächt’ge Adlernas’.

Solche stolze Nase aber
 Man sich gern gefallen lässt,
 Wenn durch sechzehn Ahnenreihen
 Sie auf keinen Fehler stößt.

 Dieses Glück war ihm geworden:
 Reiner Stammbaum, blaues Blut.
 Leichter lässt sich dann verschmerzen,
 Wenn nur wenig irdisch Gut.

 War doch ein zufried’ner Junge,
 Still vergnügt mit Gott und Welt,
 Hinter’m Humper tücht’ger Trinker,
 Tücht’ger Jäger auf dem Feld.

 Nur sein Haus blieb leer und öde
 Noch so manches liebe Jahr;
 Ohne jede schön’re Hälfte
 Er sich selbst ein Ganzes war.

 Doch noblesse nous oblige
 Heißt zu Deutsch: "legt Pflichten auf";
 Und zum Suchen, was ihm fehlte,
 Tat er drum die Augen auf.

 Ging zu Basen und zu Sippen
 Weit herum im ganzen Land,
 Wo er unter vielen Töchtern
 Eine reiche Auswahl fand.

 Blaue Augen, blonde Haare,
 Sind und bleiben hübsche Ding’;
So geschah es binnen Kurzem,
 Dass sein Herze Feuer fing.

 Doch im Land der roten Erde
 Brennt solch’ Feuer zahm und still,
 Und ein echt westfälisch‘ Mädchen
 Weiß von Anfang, was es will.

 Macht nicht lange Zier und Mucken,
 Liebt nicht vieler Worte Kram:
 Kurzes Wort auf kurze Frage,
 Dann ist’s Braut und Bräutigam.

 Nicht viel haben, nicht viel wünschen,
 Ist die Mitgift bald bedacht:
 Bei dem Bräutchen süße Stunden,
 Beim Papa viel schöne Jagd.

 Und da sprecht ihr noch von Plage!
 War denn Liebe süßer je?
 Jede Ros’ hat ihre Dornen,
 Jede Liebe hat ihr Weh’!

Sieben Stunden weite Straße,
 Berg hinab und Berg hinan,
 Ist fürwahr wohl zu bedenken,
 Wenn nicht Post noch Eisenbahn.

 Hat die Liebe auch wohl Flügel,
 Merkt der Gaul doch nichts davon:
 Zieht den Rechten, lahmt am Linken,
 Das ist dann der Liebe Lohn.

 Und so ist denn eingetreten
 Eines Tags der schlimme Fall,
 Dass gar steif an allen Gliedern
 Stand das Rößlein in dem Stall.

 Alle Sehnsucht konnt’ nicht helfen,
 Jede Kur schlägt nicht mehr an;
 Manche lange Trennungsstunde
 Plagte nun den armen Mann.

 Doch, da siehe! eines Abends
 Trat ein Bote schwer herein,
 Zog aus grauer, schmutz’ger Hülle
 Einen Zettel zart und fein.

 Mit gar zierlich nettem Schriftchen,
 Etwas steif und nonnenhaft,
 Frägt in schön gesetzten Worten,
 Was denn der Herr Bräut’gam schafft.

 "Ja, zum Teufel, vierzehn Tage
 Liefen seitdem schon herum!"
 Nein, fürwahr er kann nicht bleiben
 Fürderhin noch länger stumm.

 Doch der Braune lahmt noch immer.
 Schreiben muss er, das ist klar.
 Und er seufzt und streicht bedächtig
 Durch das volle, krause Haar.

 Aber dann zum Sekretär
 Geht er mit entschloss’nem Tritt.
 Tinte, Federn? Vor’gen Monat
 Er die letzte Feder schnitt.

 Prüft nun lange, wählt bedächtig,
 Rückt den Stuhl und rückt den Tisch;
 Staubt erst Akten und Papiere
 Sorglich mit dem Federwisch.

 Nimmt von hinnen manch’ Gekrame:
 Pulverhorn und Flintenlauf,
 Legt ‘nen Bogen, groß gefalten,
 Auf viel and’re Bögen auf.

 Denn er weiß wohl, was sich schicket,
 Was kommt andern Leuten zu;
 Schrieb noch neulich ans Gerichte
 Im Prozesse um die Kuh.

 Unter rubrum Zwei zu finden
 Ist die copia im Archiv;
 Gut vielleicht wär’s, wenn den Stylus
 Er sich ins Gedächtnis rief.

 Denn wenn man, dem Herrn sei Danke,
 Grad kein Federfuchser ist,
 Ist’s natürlich, dass so Manches
 Mit den Jahren sich vergisst.

 Und der Brief war gut gewesen
 Ja, die grundgelehrten Herrn
 Hinter ihrem grünen Tische
 Lasen solchen Brief nicht gern.

 Doch die Feder in die Tinte
 Taucht er nun entschlossen ein,
 Malt da oben hoch am Bogen
 Eine schöne Nummer 1:

 Nummer ein, die erste Akte,
 Die er diesen Mond begann.
 Ja, er weiß Geschäft zu führen,
 Ist ein ordentlicher Mann.

 Freiherr X contra die Freiin -
 Folgt der Name schön und klar,
 "Hochwohllöblich" kann er schreiben,
 Schrieb doch an’s Gericht es gar.

 Und wenn das war Hochwohllöblich,
 Was so manchen Gram ihm macht,
 Hat er’s wohl mit größerm Rechte
 Seiner Jungfer Braut gesagt.

 "Hochwohllöblich wollte melden
 Wegen der" - "nein das geht nicht!"
 Hätt’ ja wahrlich fast vergessen,
 Dass er vom Prozess nicht spricht.

 Wegen der? die? das? Er sinnet:
 Ist’s im Zimmer denn so heiß?
 Auf der hohen Stirne stehen
 Helle, klare Tropfen Schweiß.

 Ob die Luft wohl so beklommen?
 Wie ihn alles engt und presst!
 Ja! solch’ sauer Arbeitsstücke
 Sich im Rock nicht tuen lässt.

 Fort mit ihm! - Um Vieles leichter
 Geht gewiss dann jedes Ding.
 "Wegen Ihres werten Schreiben,
 Das de dato ich empfing,

 Wollte melden, dass der Braune
 Lahmte bis zu dieser Stund’;
Unser bestes Wohlergehen
 Thun wir Euch zu wissen kund.

 Ist der Fuchs wohl aufgefunden,
 Der so schlau im Berg versteckt?
 Bitt’, den Herren Schwieger-Eltern
 Zu vermelden mein Respekt.

 Wenn’s nur eben wieder wettert,
 Bin ich sicher bald am Platz.
 Euer Hoch- und Wohlgeboren
 Wohl affektionierter Schatz."

 Punktum, fertig. Wie er atmet, -
 Sieht sein Werk gefällig an.
 Mit viel schönen, kräft’gen Schnörkeln
 Ziert er die Adresse dann.

 Und dass gar nichts er verfehle,
 Drückt er’s große Siegel auf;
 "Herrschaftliche Liebessachen"
 Schreibt er pünktlich oben drauf.

 Fort damit! Es keucht der Bote;
 Lange schaut der Herr ihm nach.
 Ja, für Beide ist’s gewesen
 Ein recht saurer Werkeltag.

 Doch da legt sich auf die Züge
 Wieder heller Sonnenschein,
 Und mit still vergnügtem Lächeln
 Fährt er in den Rock hinein.

 Reibt zufrieden sich die Hände,
 Streicht die dichte schwarze Brau’;
Weiß ein ganz probates Mittel:
 Wird das Bräutchen seine Frau,

 Dann hat jede Not ein Ende,
 Liebes-Pein und Liebes-Brief!
 Nach dem wohlerwog’nen Plane
 Süß und sanft der Freiherr schlief.

 Doch am andern Morgen frühe,
 Ehe noch der Tag gegraut,
 War er auch schon auf dem Wege
 Zu der liebsten Jungfer Braut. -

 Und allda mit Mund und Auge
 Hat so gründlich er plädiert,
 Dass er schon nach wenig Tagen
 Sie als Weibchen heimgeführt.

 Doch der Brief? Er ist geblieben
 Stets der Einz’ge seiner Art;
 Denn man hat im fernen Leben
 Jede Trennung sich gespart:

 Späte Enkel einst ihn fanden,
 Wohl zu großer Heiterkeit,
 Haben lachend ihn gelesen:
 And’re Leute, and’re Zeit! -

Briefe, ja viel schöne Briefe
 Wohl von ihnen jeder schrieb;
 Wär’ die Frage, ob sie gingen
 Sieben Stund’ der Braut zu lieb








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