Mittwoch, 15. Juni 2016

AM LIEBSTEN BEY DER LIEBSTEN - von Sibylla Schwarz (1621 - 1638 )


 


AM LIEBSTEN BEY DER LIEBSTEN

 Schawt doch / wie lustig Leben
 das auff den Dörffern ist ?
 Ich will die Stadt wohl geben
 dem / der sie außerkießt.
     Schawt / wie die Bluhmen stehen /
 wie lieblich sie doch sind /
 und fast im Haus auffgehen /
 schawt / wie man Obst hier findt.
     Hört / hört doch einmahl singen
 die lieben Vögelein /
 last ewre Laut erklingen /
 und stimmet mit ihn ein.
     Fühlt ihr der Sonnen Strahlen
 in ewern Häusern nicht ?
 hier läst sie auff uns fallen
 fast doppelt heisses Licht.
     Schmeckt kecklich diese Früchte /
 die hier beyn Bauren seyn  etc.
     Seht / wie die Kühe weiden!
 und auch der Schaffen Schar /
 ich will die Stadt wohl meiden /
 so bin ich auß Gefahr.
     So schreckt mich die Posaune /
 das Spiel der Schwerdter nicht /
 die grausame Kartaune
 kompt nie mir ins Gesicht.
     Ja / alles was ich finde
 in Dörffern weit und breit /
 der Hirsch / das Schaff / das Rinde /
 der Wälder Zierligkeit /
     Das ist weit vohrzuziehen
 den Sachen in der Stadt /
 da man sich muß bemühen
 und wirds doch niemahl satt.
     Was sag ich ? Nach dem allen
 frag ich nicht sonders vihl;
 mir soll die Stadt gefallen /
 dieweil ich gerne will
     Die Lust im Grünen lassen /
 mein Lieb / mein eigen Ich
 ist hier nicht ümbzufassen /

 die ich lieb inniglich.
     Ist hier auff grühner Awen /
 und bey der Schaffen Schaar
 kein einig mahl zu schawen /
 drümb hat eß hier Gefahr.
     Ich will die Stadt nicht meiden /
 Ich hab sie außerkiest;
 kanst du dein Lieb nicht leiden /
 so sey nicht / wo sie ist.



Sibylla Schwarz   (1621 - 1638 )


 


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