Samstag, 21. Mai 2016

NITIMUR - Albert Ehrenstein ( Zaubermärchen )




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Albert Ehrenstein (23. Dezember 1886 in Ottakring; † 8. April 1950 in New York) war ein deutschsprachiger Lyriker und Erzähler.





Nitimur, ein wohlriechender Künstler, Erbauer der sechs großen Stockwerke, sah eines Tages die wohlwandelnde Königstochter Inve, und nicht genug daran: er wagte es, seine Augen zu ihr zu heben, die auf dem hochgelegenen Steige der Königstöchter knabenleichten Schrittes zur Lust tief und tiefer unten Wandelnder und also auch wohl zur eigenen Lust einherschwebte. Ja, er gewann es über seine in welcher Niedrigkeit aufgeschossene Seele, daß er den dick anschwellenden Kotsee und den jäh darauffolgenden Eisberg der vermeintlichen Glückseligkeit durchschwamm und erstieg.

Diese beiden Stoffe nämlich, Kot und Eis, ausgezeichnet sowohl durch die Menge, in der sie sich an den genannten Orten befinden, als auch durch andere Eigenschaften, sind dazu bestimmt und geschaffen, die Wege der wohlwandelnden Königstöchter und der wohlriechenden Künstler zu trennen.

Wohl war, wie ihr alle recht gut wisset, in diesem unseren Königreich Titumsem die schreckliche Strafe der Spiegelentziehung auf das Erklimmen der Scheideflächen gesetzt. Nitimur aber mag vor, während und nach deren Durchquerung wenig an ein Selbstbespiegeln gedacht haben. Vielmehr: an dem Ort seines Strebens, in welchem Aufzuge, angelangt, warf er sich rücklings zu Boden, auf den heiligen Boden des Einherschwebens der Königstöchter, und schlug ihn dreimal mit dem Hinterhaupt. Dies ist die Art, mit der in diesem unseren Königreich Titumsem Hohlheit und Wohlriechenheit gewiesen wird. Inve konnte nicht anders, sie mußte eine Zeiteinheit lang ihr Einherschweben in ungleichförmig verzögerter Geschwindigkeit vor sich gehen lassen -  gewöhnlich bewegen sich nämlich die Königstöchter in diesem unseren Königreich Titumsem gleichförmig verzögert  - und eine weitere Zeiteinheit lang tat sie sich die Mühe, ihre konkaven Wangen in dem Blaurot des höchsten Unwillens erröten zu lassen. Nitimur nun — war es Absicht oder Unfall? Meine der Verehrung wohlwandelnder Königstöchter sicherlich zuneigenden Zeitgenossen werden mir wohl recht geben, wenn ich steif und fest behaupte, daß es nicht seine Absicht war, und ebenso dürften meine dem Glauben an das Walten einer ursittlichen Welthausordnung herzhaft geneigten Zuhörer meiner wohlweisen Meinung sein, wenn ich statt Zufall Unfall sage.

Nitimur nämlich, der wohlriechende Künstler, rutschte, von der Blauröte des höchsten Unwillens scheinbar gleichgültig durchstrahlt, mit gleichförmig beschleunigter Geschwindigkeit den Gletscher der anscheinenden Glückseligkeit hin und überschlug sich unter den spaßhaftesten Purzelbäumen und Kapriolen im darauffolgenden Kotsee. Wieder unten auf der Straße wohlriechender Künstler angelangt, begab er sich aber nicht in seine sechs großen Stockwerke, denn er wußte wohl, daß ihm sämtliche Spiegel mittlerweile entfremdet worden waren.

Wer aber kann malen das Blaurot des noch sehr viel höheren Unwillens der wohlhabenden Königstochter Inve, als sie nächsten Tages an derselben Stelle Nitimurn gewahrte! Ihre Bewegung setzte sie da mit gleichförmig beschleunigter Geschwindigkeit fort, die sie nur um eine Zeiteinheit verzögerte, als sie in dem wohlriechenden Künstler das heiße Schweigen der Liebe, von dem die wohlseufzenden Königstöchter zu träumen pflegen, nicht kaltes Schweigen der Körperverehrung, das wohlriechende Künstler zu durchstrahlen pflegt, fühlte. Als sie sah, daß er mit weit weniger gleichgültig durchstrahlter Miene seinen schmachvollen Heimweg abkugelte.

Da aber jeder Tag diesen Vorfall gebar, Perku, ihr wenig geschlechtlicher Erzieher, der zwar seine Zeit meist damit füllte, noch weniger geschlechtliche Erzieher zu zerspotten, dennoch beinahe bemerkt hätte, daß seine wohlwandelnde Königstochter die zur Absolvierung ihres Einherschwebens nötige und also vorgeschriebene Anzahl von Zeiteinheiten stets überschritt, schließlich Inve einsah, daß bald ihr ganzer Reichtum an Errötungsnuancen alle werden dürfte, tat sie es eines Tages, über den Wasserberg hinweg, der den Schwindelpfad der wohlschlafenden Könige von dem Steig der wohlwandelnden Königstöchter trennt, sie tat es, ihrem Vater Pimus zuzurufen, der wohlriechende Künstler Nitimur störe täglich die Regel- und Gesetzmäßigkeit ihres Einherschwebens. Der wohlschlafende König Pimus, dem es ein Neues war, und den es mit Verblüffung durchstrahlte, daß ein wohlriechender Künstler auch nach Entfremdung seiner Spiegel vor wohlwandelnden Königstöchtern zu liegen wage - deren heiligen Boden mit dem Hinterhäuptchen schlagend, Hohlheit und Wohlriechenheit weisend  - er erschrak zuerst über das Omen dieser sehr kuriosen Zugetragenheit, das und die in keinem königlichen Orakel- und Traumbuch verzeichnet und vorgesehen waren. Also machte der wohlschlafende König Pimus seinem wohltanzenden Gott Kwene dreiundachtzig und eine halbe Verbeugung und sagte ein Achtel Betrolle her. Kwene nämlich, der wohltanzende Gott, dessen Seil von dem Schwindelpfad der Könige durch einen Sonnenberg geschieden ist, sah sehr gut, hörte aber schlecht: daher dreiundachtzig und eine halbe Verbeugung und bloß ein Achtel Betrolle. Denn ihr wisset sowieso, und ich sage es auch nur, um euch der Abwechslung halber mit eurem Wissen zu ärgern: Man hat seine Freude nur an dem, was man bis in seine süßesten Einzelheiten auszukosten vermag, nicht jedoch an Dingen, die, ach, in höchst summarischer Weise fühlbar werden.

Kwene aber wußte sehr wohl, daß der Thron eine Stütze des Glaubens an ihn sei. Nur darum reichte er dem wohlschlafenden König trotz des Achtels Betrolle schnell seine Ohren, und außerdem drangen gerade in dieser Zeiteinheit labend an des schlachtmesserumgürteten, wohltanzenden Gottes nicht ganz schlecht hörende Ohren des eben von ihm eigenhändigst, nach allen Regeln der Kunst geschächteten Schlachtopfers höchst rituelle Laute des Sterbens und Verzuckens. Dennoch aber unterdrückte der wohltanzende Kwene den wohlweisen Rat: „Sende dem wohlriechenden Künstler einen zweiten Spiegel, auf daß er sich darin besehe !“ Nein, er wollte wieder einmal ein Exempel seiner Allmacht, Gerechtigkeit und ursittlichen Welthausordnung statuieren und gab dem wohlschlafenden König Pimus den minder weisen Rat, die wohlwandelnde Inve hinabzusenden zu dem wohlriechenden Künstler Nitimur, dem Erbauer der sechs großen Stockwerke. „Denn die gebotene Möglichkeit der Befriedigung wird des wohlriechenden Künstlers Sehnsucht und Liebe stracks töten, da sie bloß jener selbsterzeugte Hunger in Gedanken ist, den armgelebte Künstler hie und da aufzuziehen pflegen, der aber immer unbefriedigt stirbt, den sie wohlahnend sich vergehen lassen, wenn der Erfüllung Schmerz ihnen verstattet wird.“ Und geheime, frohe Gedanken der Rache an dem verbeugungsfeindlichen Künstler und dem gern betrollenden König durchstrahlten des Gottes und Tänzers Miene, kaum verborgen durch ein nervöses Zwirbeln des Schnurrbartes.

Nicht vergaß da zum Dank der wohlschlafende König eine halbe und dreiundachtzig Verbeugungen dem seiltanzenden Gott Kwene zu machen, noch weniger vergaß er es, den Heimtückischen durch schnelles Ableiern von einem Achtel Betrolle zu ärgern. Schnell tat er es, über den Wasserberg hinweg seiner wohlwandelnden und gerade einherschwebenden Tochter eine Hymne auf seine Vatertugenden zu halten und ihr zu befehlen, allbereits hinabzuschweben zu dem wohlriechenden Künstler. Welche machte sich sofort auf mit ihren wohlschmeckenden Zofen, die ein wohlklingendes Geschnatter fortflattern ließen, als die Königstochter in einem Sprung hinabsprang zur Straße der wohlriechenden Künstler, die ihr scharenweise zur gefälligen Matratze dienen wollten.

Als aber Nitimur, auf seinem wohlgeborstenen Steine vor den sechs großen Stockwerken sitzend, sie kommen sah, da wandte er sich zur Flucht und sprang lieber hinab über grasbewachsene Wiesen zu den bewußtlos lebenden Bürgern und tauchte lieber unter in ihrem Meer der Gewöhnlichkeit. Tiefbetrübt gebot da die wohlwandelnde Königstochter den wohlriechenden Künstlern, ihre Spiegel zu legen über den Kotsee, ließ sich nur unwillig ihre goldenen Schlittschuhe anschnallen. Denn abwärts zu kugeln über die Grashalden in der häringhaften Bürger Meer von Gewöhnlichkeit, dies war ihr wie jeder echten wohlwandelnden Königstochter unmöglich. In ungleichförmig beschleunigter Geschwindigkeit, ja in rasendem Sturmlauf blitzte sie den spiegelbedeckten Kotsee hinan, hinan den darauffolgenden Gletscher der anscheinenden Glückseligkeit. Wenig kümmerte sie es, daß ihre wohlschmeckenden Zofen, diese Keineswegs-Königstöchter, vor den gefälligen Matratzenkünstlern ihr wohlklingendes Geschnatter fortflattern ließen und sich mit ihnen um die einerseits kotbelegten, andererseits wohlgeborstenen Spiegel balgten, im Schlamme wälzten und schließlich dem Geheul und Geweltschmerz der nicht ganz ausgenützterweise sich um ihre Spiegel gebracht sehenden Wohlgeruchs-Künstler ein Ende taten, indem sie mit ihnen die Grashalde abkugelten in der kaninchengleichen Bürger Meer von Gewöhnlichkeit. Gar nicht kümmerte es die schnellhinwandelnde Königstochter Inve, daß sie, anfahrend ihren Steig, ihrem wenig geschlechtlichen Erzieher Perku und seiner aus noch weniger Geschlechtlichen gebildeten Gesellschaft die restlichen Geschlechtsteile abfuhr und alle tötete.

Nicht mehr war sie bedacht darauf, in allen Zeiteinheiten gleichmäßig einherzuschweben; die wohlwandelnde Königstochter Inve, die früher und bis zu wohlriechenden Nitimurs Flucht zwar eingedrillterweise von Nuancen des Errötens, aber wenig von Liebe gewußt hatte, sie bewegte sich mit höchst ungleichförmiger Geschwindigkeit, und ihre Seele gab sich wild dem Weinen silberner Tränen. Pimus sogar, ihr wohlschlafender Vater, er hörte es, und ohne seinen ewigtanzenden Gott extra zu behelligen, griff er sofort zu dem in solchen Fällen höchst angezeigten und probaten Mittel: er zeigte seiner wohlwandelnden Tochter ihre Verlobung mit dem immer schlafenden Kaiser von Gata an. In ihrem tiefen Gram hört sie es nicht, wie es der wohlschlafende König schlau geträumt oder berechnet haben mochte. Inve, mit Unrecht wahrlich eine wohlwandelnde Königstochter genannt oder etikettiert, fuhr immerzu fort mit ihren unsteten, ungleichförmigen Bewegungen, ihrer Seele Weinen überzog ihre Wangen mit Silberamalgam, machte sie fast konvex, und schon glaubten alle Ärzte und Urinoskopen dieses unseres Königreiches Titumsem, die weiland wohlwandelnde Königstochter Inve würde, ach, für immer der Stetigkeit, Gesetzmäßigkeit ihrer Bewegungen beraubt sein.

Eines gemeinen Tages aber, da der wohlriechende Künstler Nitimur auf der Grashalde lag und in Träumen noch sechs große fahrende Stockwerke für die ochsenartigen Bewohner des Meeres von Gewöhnlichkeit ersann, schreckte ein schreckliches Getöse und Geflimmer ihn aus seinen Fieberträumen. Die Bürgerlein hatten nämlich von dem frohen Fest im allerhöchsten Herrscherhause gehört und feierten es, jeder nach seiner Art, der eine mit verschiedenfarbigen Fetzen, Liedern von gefälligen Matratzenkünstlern, der andere mit Lichtgestank oder Böller- und Kartaunenblähungen. Jäh fuhr der wohlriechende Künstler Nitimur auf, als er den Grund der verschiedenfarbigen Fetzen, der Hurralieder, des Lichtgestankes und der bürgerhaften Schießerei erfuhr. Wo waren da die sechs großen fahrenden Stockwerke für die gleichförmigen Bewohner des Meeres solcher Gewöhnlichkeit  ?!

Jetzt aber möchte ich meine dem Glauben an das Walten einer sittlichen Welthausordnung herzhaft zugeneigten Zuhörer ersucht haben, mir ihren Beifall fühlbar zu machen und sich zu entfernen.

Denn mit einem Satz über die Grashalde hinaus und die Straße der wohlriechenden Künstler, hinaus über den Kotsee und den Gletscher der anscheinenden Glückseligkeit: Nitimur war oben beim Steig der nicht immer wohlwandelnden Königstochter. Und ehe noch der wohlschlafende König von Titumsem und der immerschlafende Kaiser von Gata Zeit errafft, erwachen zu wollen, hatten sich Nitimur und Inve gefunden, in hoher Eintracht gefunden. Jetzt aber möchte ich auch meine dem Glauben an das Walten einer urunsittlichen Welthausordnung herzhaft geneigten Zuhörer ersucht haben, mir ihren Beifall fühlbar zu machen und sich allbereits zu entfernen !

Vielleicht, um nicht tiefe Lust zur Gewohnheitsqual zu verherben, zu verderben; Wer es fassen kann, der fasse es: mit einem Satz über den Wasserberg hinaus und den Schwindelpfad der wohlschlafenden Könige, hinaus über den Sonnenberg und das Seil des im Flug herabgestoßenen wohltanzenden Gottes Kwene, der noch im Falle tanzte und seinen Bart nervös zwirbelte  - waren, war Nitimur-Inve geflohen, geflohen in das Reich des ewig seienden, einzig seienden Todes.

http://jeanalain.monfort.free.fr/06/Nice(gravure~1800).JPG






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