Samstag, 28. Mai 2016

DER ROTE KOMET - von Robert Heymann (Dritter Teil )

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  V

Der Taumel, in dem Berlin seit Monaten dahingelebt, hatte seinen Höhepunkt erreicht. Der Komet stand jetzt so nahe der Erde, daß man längst keines Fernrohres mehr bedurfte, ihn zu sehen. Man erblickte ihn allerdings nur des Nachts; allein nun gesellte sich zu dem intensiven roten Licht eine Hitze, die von Tag zu Tag größer wurde. Während das fabelhafte Licht die Nerven der Menschen immer mehr erregt hatte, daß überhaupt keine Norm mehr gegeben war für den Charakter, und alle sich in einem Zustand der Raserei befanden, brachte die intensive Wärme, welche von dem neuen Kometen ausstrahlte, das Blut zum Sieden und erweckte in allen Lebewesen neue Begierden, Leidenschaften und Laster.

Und doch behauptete Romulus Futurus, daß der rote Komet noch durch einen unendlichen Raum von der Erde getrennt sei.

„Es ist eine neue Sonne !“ sagte er, „ein gewaltiger Körper, der lange Zeit hindurch, vielleicht ungezählte Jahrmillionen und abermals Jahrmillionen am Ende des Weltalls gestanden hat !“

Bald aber zeigten sich neue Rätsel. Romulus Futurus mußte zugeben, daß der rote Komet der Erde nahe genug stand, daß seine Wärme den Zwischenraum bis zur Erde längst durchmessen haben mußte. In diesem Falle aber wäre bereits jetzt die ganze Erde in Flammen aufgegangen. Vorläufig jedoch hatte das Nahen des Kometen keine andere Folge, als daß mitten im Winter die Schneemassen schmolzen, so daß die Provinzen unter ungeheuren Ueberschwemmungen litten. In den süddeutschen Staaten z. B. wurden ganze Städte unter Wasser gesetzt. Durch Austreten des Walchensees wurde die Stadt München an einem einzigen Tage vernichtet und die riesige bayrische Hochebene verwandelte sich in einen See, in ein neues Meer.

Das waren nun Angelegenheiten, die die Berliner nicht allzusehr aufregten. Dagegen sahen sie nicht ohne große Besorgnis nach der Nord und Ostsee; denn Ausmessungen hatten ergeben, daß auch diese bedeutend gestiegen waren.

Man kannte keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht als den, daß die Farbe des Lichtes wechselte. Am Tage regierte noch immer noch der weißglühende Körper der Sonne. Sie sandte ihr Licht über die Stadt, ein Licht, das die Augen kaum mehr vertrugen, so daß ihr Schein eine Reihe von Erblindungen hervorrief. So sehr hatten sich die Blicke an das Glühen des roten Kometen gewöhnt. Das Auge war nämlich ganz außerordentlich empfindsam gerade für das Purpurlicht, und es gab Menschen, die viele Stunden oft mit brennenden Blicken hinaufsahen zu dem roten Kometen, indem sie sein Leuchten förmlich in sich einsogen, um schließlich davonzustürzen wie wilde Tiere, irgendeine Schandtat zu begehen. Selbstverständlich traf die Regierung in Berlin die umfassendsten Maßnahmen, um dem Ueberhandnehmen der Verbrechen zu begegnen. Da die vorhandenen Polizeibehörden nicht mehr ausreichten, so zog man neue Beamte in den Dienst.

Die erste Macht wurde nun dem Kultusminister Romulus Futurus übertragen, weil die Regierung sehr richtig von der Ueberzeugung ausging, daß das Ressort dieses Ministers sehr enge mit den öffentlichen Sitten, dem öffentlichen Wohle und der öffentlichen Sicherheit verwandt war.

Langsam kehrten die deutschen Heere aus dem Kriege zurück. Zwar war die deutsche Flotte im Kattegatt von der Uebermacht der englischen Riesenschiffe dezimiert worden. Die deutsche Landarmee aber war in einem unaufhaltsamen Ansturm in Frankreich eingedrungen, hatte die festen Plätze mit ihren furchtbaren Geschützen fast ohne Widerstand genommen und eine Schlacht geliefert, die sowohl in ihren Einzelheiten wie in ihrem Ausgang einzig in der Geschichte dastand.

In Pean war durch den deutschen Oberbefehlshaber der Friede diktiert worden. Inzwischen hatte General Treufest durch eine ausgezeichnete Verteidigungstaktik den Angriff englischer Kriegsschiffe in Kiel und Wilhelmshaven mit großem Erfolge zurückgewiesen, so daß die englische Flotte einen Viertteil ihrer Schiffe durch gewaltige Sprengminen verlor.

Allein, obgleich in dieser Weise die deutschen Angelegenheiten aufs beste standen, mehrten sich doch die Stimmen derer, die eine furchtbare Katastrophe vorhersagten, und wirklich lag etwas wie ängstliche Beklemmung, wie ein düsterer Bann über Berlin.

Die Siege Deutschlands hatten nämlich die Revolution, die schon verschiedene Male ihr Haupt erhoben, nicht zur Ruhe bringen können. Wohl hatten bereits dreimal durch die Straßen der Welthauptstadt die Kanonen gedonnert, und die Fackel des Bürgerkrieges war entzündet worden.

Was aber jetzt kam, übertraf alle Befürchtungen.

Die Prophezeiungen, die man an den roten Kometen geknüpft hatte, erfüllten sich.

Die Nachrichten, die aus Paris einliefen, waren grauenvoll; die französische Hauptstadt schwamm im Blute ihrer Bürger, denn auf die Niederlagen hin, die die französische Armee erlitten, war dort wieder das Standrecht der Kommune erklärt worden. In England war ein Unabhängigkeitskrieg zwischen Irland und Großbritannien ausgebrochen, in Amerika wütete schon seit Wochen ein wahnwitziger Kampf zwischen der weißen und schwarzen Rasse, der mit unerhörter Brutalität geführt wurde, und von Osten her wälzte sich die gelbe Gefahr heran.

Der Stein kam in Berlin folgendermaßen ins Rollen:

Große Feste waren angesagt worden, um den Sieg der deutschen Truppen würdig zu feiern. Diese standen noch außerhalb der deutschen Grenze, denn der Mangel an Lebensmitteln machte sich sehr bedenklich bemerkbar, so daß man es den Besiegten überließ, teilweise die Verpflegung der deutschen Truppen zu tragen.

Inzwischen erlitt die französische Volksverteidigung ihre letzten Niederlagen und der Friede sollte festgesetzt werden.

Die französischen Diplomaten wußten eigentlich nicht recht, woran sie waren, denn sie kannten weder die Stellung Amerikas, noch die speziellen Absichten Deutschlands und Englands.

Ein Mensch kannte sie, und in seiner Hand liefen die geheimnisvollen Fäden der in Aussicht genommenen europäischen Alliancen zusammen: Dieser Mann war der Bevollmächtigte des mächtigsten Staates der Erde, Amerika: John Crofton.

Er kam in das phantastisch eingerichtete gemeinsame Wohnzimmer seines Freundes Romulus Futurus und seiner Gattin.

„Hast du etwas vor für heute abend, Romulus ?“ fragte er, seine dunkel umränderten Augen zu Frau Fabia erhebend, die ihn keines Blickes würdigte. Sie ging ganz auf in der Liebe zu ihrem Gatten, und dieser erwiderte ihre Zuneigung mit noch größerer Leidenschaft, ein Umstand, der bereits seit Wochen Berlin mit witzigen Gesprächen versorgte, denn man hatte vorher nur zu genau gewußt, wie es um die Ehe des Kultusministers stand.

„Ich habe nichts vor,“ entgegnete Romulus Futurus. „Wenn meine Gattin einverstanden ist, so wollen wir eine kleine Spazierfahrt im Flugschiff unternehmen, und zwar dem roten Kometen entgegen, den ich mir gern einmal näher ansehen würde.“

Frau Fabia klatschte in die Hände.

„Das ist eine Idee, Romulus,“ sagte sie und trat ans Fenster. Dort hob sie sehnsüchtig die weißen Arme dem Riesenstern entgegen, der purpurleuchtend am Himmel stand.

„Ich fühle Sehnsucht, unstillbare Sehnsucht,“ murmelte sie, „und weiß doch nicht wonach, warum ! Mir ist als müßte ich wandern, nach irgend einem Orte, der meine Bestimmung einschließt !“

John Crofton fand eine Spazierfahrt gegen den roten Kometen nicht nach seinem Geschmack.

„Man gibt heute abend den Tannhäuser,“ meinte er. „Happy Head Divina singt die Elisabeth. Ihrer persönlichen Liebenswürdigkeit habe ich drei Plätze zu verdanken, denn die Oper ist ausverkauft, wie immer. Ich hatte sicher darauf gerechnet, daß ihr mitkommen würdet !“

Frau Fabia war eine große Musikfreundin. Sie änderte daher sofort ihren Plan und gab ihre Zustimmung, die Oper zu besuchen. Eine halbe Stunde später fuhren die beiden Herren mit der Dame in die große Oper . . .

Die Vorstellung begann pünktlich. Frau Fabia vergaß alles um sich her, während sie der Musik Richard Wagners lauschte, der im dritten Jahrtausend wieder Mode geworden war, nachdem man diese Liebhaberei Jahrhunderte begraben gehabt.

Romulus Futurus aber konnte den Blick nicht von seiner Gattin wenden. Etwas Gequältes lag in seinen Mienen, denn zu seinem eigenen Entsetzen mußte er bemerken, daß die rasende Liebe, die er für sie empfunden, immer mehr nachließ, in dem Bewußtsein, daß er wiederum nicht das gefunden hatte, was er suchte. Inzwischen verließ John Crofton die Loge und begab sich hinter die Kulissen.

Happy Head Divina hatte gerade nichts zu tun. Sie war bezaubernd schön in dem weißen Gewande der Elisabeth, das ihrem Antlitz einen göttlichen Schimmer verlieh und ihre Gestalt wie in flüssiges Silber tauchte.

„Sie haben mich rufen lassen, Happy,“ begann John Crofton und trat in ihren Ankleideraum, der aus zwei luxeriös eingerichteten Zimmern bestand. Auf einen Wink von ihr entfernte sich schweigend die Kammerzofe und der kleine schwarze Groom.

„Ich wollte gern wieder einmal ein paar Augenblicke mit dir verplaudern,“ entgegnete die Sängerin. „Du machst dich so selten bei mir, und man spricht in unseren Kreisen davon, deine Liebe für Frau Fabia habe immer noch nicht nachgelassen !“

Sie lachte dabei spöttisch und bog den schönen Hals zurück. John Crofton entgegnete ärgerlich:

„Mag sein ! Was gehen andere Leute meine Interessen an ?“

„Mein Gott, man spricht darüber ! Du bist doch immerhin eine interessante Figur, nachdem ganz Berlin weiß, daß Frau Fabia dich nie erhören wird !“

Er kniff die Lippen zusammen und zwischen seine Brauen grub sich eine Falte.

„Das kommt darauf an !“ murmelte er.

Die Sängerin trat auf ihn zu, schlang ihre Arme, die nach feinem Puder dufteten, um seinen Hals und flüsterte:

„Und für mich, John, hast du gar nichts mehr übrig ? Liebst du mich wirklich nicht mehr ? Hast du mich ganz vergessen ?“

John Crofton log nicht, als er sie auf seine Knie niederzog und mit verschleierter Stimme entgegnete:

„Nein, nein ! Gewiß nicht ! Ich liebe dich immer noch so wie früher ! Aber die Leidenschaft für Frau Fabia hat mich, ich will es nicht leugnen, ganz verwirrt. Ich liebe dich anders als jene, und es wird die Stunde kommen, wo ich wieder ganz und gar zu dir zurückkehre !“

Miß Happy Head-Divina bedeckte sein Antlitz mit glühenden Küssen, dann drückte sie auf die elektrische Klingel und befahl, Sekt zu bringen . . .

Während der Inspizient verzweifelt auf dem Gange hin und her lief, voll Befürchtung, die Sängerin möchte im nächsten Auftritt versagen, wenn sie sich während der Vorstellung einem Gelage hingab, soupierte Happy Head Divina mit ihrem Freunde.

Sie selbst nippte nur von dem Sekt, während sie John Crofton immer von neuem einschenkte. Und der trank. In ihm war ein glühendes Feuer, das er löschen mußte. Und so goß er ein Glas nach dem andern hinunter und bemerkte nicht, wie seine schöne Freundin plötzlich aus einem kleinen Fläschchen einige Tropfen in sein Glas gleiten ließ.

„Wie steht es denn eigentlich mit dem Friedensschluß ?“ fragte sie plötzlich scheinbar gleichgültig, eine Zigarette anzündend; der Rauch ringelte sich zur Decke empor.

John Crofton, seiner Stimme kaum mehr mächtig, entgegnete:

„Der Friede steht bevor, kleine Katze ! Die Franzosen werden allerdings übel abschneiden. Ja, wenn sie wüßten, daß Deutschland von Amerika vollständig im Stich gelassen wird ! Wenn sie wüßten, daß Deutschland finanziell und ökonomisch durch diesen Krieg vollständig ruiniert ist, so würden sie allerdings kaum die Bedingungen eingehen, die man ihnen gemacht hat !“

„Die Sache steht also für Frankreich weit besser, als man annimmt ?“ entgegnete Happy Head Divina hastig, indem sie ihrem Freunde von neuem das Sektglas füllte. Der Inhalt sah diesmal etwas trüber aus als sonst.

„So ist es ! Auch Englands Chancen sind weit größer, als die Briten annehmen !“

„Und du kennst bereits alle näheren Pläne ?“

Er lachte.

„Ich habe die Entwürfe in meiner Tasche, göttliche Happy ! Sprach ich doch erst heute in langer Audienz mit dem deutschen Minister des Auswärtigen ! Ja, wenn man es so nimmt das Schicksal Frankreichs liegt jetzt eigentlich ebenso in meiner Hand wie das der Briten !“

Er sah nicht, daß die Augen der Sängerin sich geweitet hatten. Sah nicht, daß sie ihn mit den Blicken förmlich verschlang ! Er setzte das Sektglas an die Lippen und trank es aus auf einen einzigen Zug . . .

Miß Happy begann ein anderes Thema. Sie sprach von dem und jenem, bis John Crofton sich endlich erheben wollte. Aber es ging nicht. Seine Glieder waren wie Blei, sein Atem ging schwer, und so krampfhaft er auch die Augen zu öffnen versuchte, ebenso unwiderstehlich fielen sie ihm zu.

„Also du trägst die Entwürfe bei dir !“ meinte Miß Happy plötzlich, indem sie wieder auf das alte Thema zurückkam. Mit einem Blick, in dem sich nicht die geringste Teilnahme spiegelte, der so kalt war wie Eis, beobachtete sie die vergeblichen Anstrengungen ihres Freundes, der Betäubung zu entgehen.

Die Worte der Sängerin drangen wie aus weiter Ferne an sein Ohr. Ohne bei klarer Besinnung zu sein, entgegnete er dumpf:

„Ja, ja, so ist es ! Aber ich möchte mich jetzt,  ich möchte mich entfern “

Er konnte das Wort nicht aussprechen. Die Hände, die sich gegen einen Stuhl gestützt hatten, fielen schlaff herab, und John sank in das große Eisbärenfell.

In diesem Augenblick tönte hastiges Klopfen an der Tür. Der Inspizient steckte den Kopf herein und rief:

„Schnell, es ist die höchste Zeit, Miß Head Divina ! Ihr Stichwort fällt in einer Minute !“

Sie nickte lächelnd und drückte auf eine zweite Klingel. Augenblicklich stürzte der Groom herbei.

„Laufe in die Kanzlei, mein Junge, und benachrichtige Dr. Diabel, der sich zufällig dort aufhält. Sage ihm, er möchte auf der Stelle kommen. Sir Crofton wurde von einem Unwohlsein befallen und liegt in meiner Garderobe.“

Dann ging sie hinaus, betrat im nächsten Augenblick die Bühne und sang ihre Partie mit so bezaubernden Wohlklang, mit solcher Kraft und Frische, daß mitten in die Szene hinein ein Beifallssturm des Publikums brauste.

Der Groom hatte inzwischen den Befehl der Herrin ausgerichtet. Er traf Dr. Diabel tatsächlich in der Kanzlei, wo er mit dem Direktor des Theaters gerade eine Unterredung hatte, und führte ihn, der bei der Nachricht nicht sonderlich erstaunt gewesen war, in die Garderobe seiner Herrin.

Dr. Diabel trat ein.

„Du kannst gehen,“ wandte er sich an den Groom. „Laß mich allein !“

Der Schwarze kreuzte die Arme über der Brust, verneigte sich und verließ die Garderobe.

Dr. Diabel war allein mit dem bewußtlosen John Crofton, dessen Antlitz gelb war wie die Schale einer Zitrone. Das Gesicht des Arztes erschien in diesem Augenblick noch unsympathischer, als es sonst schon wirkte. Die bleichen Züge waren förmlich durchsichtig geworden; die großen, dunklen Augen lagen tief in den Höhlen, und schwarze Schatten ringelten sich um seine Schläfen, während das Gesicht ganz zurücktrat in den spitz zulaufenden Rahmen des Bartes.

Dr. Diabel drehte zunächst das elektrische Licht aus, daß durch den Reflektor, der an der Decke angebracht war, nur mehr das Purpurlicht des roten Kometen Zutritt in das Zimmer hatte. Dann schritt er auf den Tisch zu und goß das Glas John Croftons aus, in dem sich der Rest des Betäubungsmittels befand, das die Schauspielerin ihm gereicht hatte. Darauf riß er den Bewußtlosen brutal in die Höhe, warf ihn über einen Sessel, daß auf der einen Seite die Füße, auf der anderen der Kopf und die Schultern hinabhingen, und durchsuchte in fiebernder Eile seine Taschen.

Endlich schien er das Richtige gefunden zu haben. Im Scheine des roten Lichts entfaltete er ein Dokument, das eine Reihe von Korrekturen aufwies und teils in Hand-, teils in Maschinenschrift ausgefertigt war. Er ließ das Dokument in der Brusttasche verschwinden und goß dann auf einen kleinen Löffel einige Tropfen aus einem Fläschchen, das er in der Westentasche getragen hatte. Diese Flüssigkeit ließ er zwischen die Zähne des Bewußtlosen gleiten. Es dauerte keine drei Minuten, da schlug John Crofton die Augen auf und sah sich mit einem müden Blicke um.

Sein Auge fiel auf Dr. Diabel.

„Wo bin ich ? Was ist geschehen ?“ fragte er hastig, indem er sich aufrichtete. Dr. Diabel mußte ihn aber halten, sonst wäre er zu Boden gestürzt.

„Sie leiden an Schwindelanfällen, mein Freund,“ meinte der Arzt. „Ich wurde eben gerufen, denn Sie sind in der Garderobe unserer göttlichen Happy bewußtlos zusammengestürzt !“

Bei diesen Worten kehrte John Crofton die Erinnerung zurück. Er begriff, was geschehen war, glättete seinen Frack und reichte Dr. Diabel die Hand.

„Ich danke Ihnen !“ flüsterte er. „Ich werde mich bei Miß Head-Divina noch persönlich entschuldigen.“ Und er eilte hinaus in die Loge seines Freundes Romulus Futurus, dem er in wenigen Worten sein Abenteuer erzählte, um sich wegen seines langen Ausbleibens zu entschuldigen.

Gleichzeitig fiel der große Vorhang auf der Bühne, denn die Oper war zu Ende.

Romulus Futurus hatte kein Wort auf die Erzählung seines Freundes erwidert. Als sie in seiner Wohnung angelangt waren und Frau Fabia sich zurückgezogen, sagte der Kultusminister:

„Sieh einmal nach, John, ob du den Entwurf der Alliance Pläne noch in deiner Tasche hast !“

John Crofton erbleichte. Ja, er zitterte wie Espenlaub im Winde, so furchtbar hatte ihn die Möglichkeit getroffen, die Romulus Futurus andeutete. Hing doch nicht nur seine Stellung und seine Zukunft, sondern sogar seine Freiheit von diesem Schriftstück ab. Die amerikanischen Zeitungen pflegten kurzen Prozeß mit ihren auswärtigen Vertretern zu machen, wenn diese sich ein Vergehen zuschulden kommen ließen. Sie wurden ganz einfach entlassen und nie wieder eingestellt; da sämtliche Zeitungen Amerikas einen großen Ring bildeten und eigentlich nur mehr ein Trust waren, so konnte der betreffende Journalist nie wieder hoffen, in irgend einem amerikanischen Blatte Unterschlupf zu finden.

Die Regierung aber pflegte Leute, die ihre Interessen im Auslande nicht genügend gewahrt hatten, obendrein noch auf einige Jahre ins Gefängnis zu schicken. Wenn nun John Crofton gar das wichtigste Dokument, das einem Vertreter seit Jahrzehnten anvertraut gewesen war, preisgegeben hatte, so wäre sein Schicksal wahrlich ein wenig beneidenswertes gewesen.

Darum war er so furchtbar erschrocken und kramte nun fieberhaft in allen Taschen. Sein Gesicht überzog eine wächserne Farbe.

Romulus Futurus hatte die Brauen in die Höhe gezogen und sah ihm schweigend zu.

„Du bist sicher, John, daß du den Entwurf bei dir gehabt hast, nicht wahr ?“

„Aber ja ! Ganz gewiß ! Ich habe mit dir doch noch in der Loge davon gesprochen !“

„So hat man ihn dir gestohlen, wie ich sofort vermutet habe! Ich kenne deine Natur, John ! Dein plötzliches Unwohlsein ist verdächtig !“

Nun fielen auch John Crofton alle Einzelheiten mit klarer Deutlichkeit wieder ein und der Verdacht, daß er das Opfer eines schändlichen Komplotts geworden sei, stieg in ihm auf. Er erinnerte sich, daß Dr. Diabel der letzte war, der ihn untersucht hatte. Rasend vor Wut, ergriff er Hut und Mantel und beschloß, sofort zu ihm zu eilen und ihn zur Rechenschaft zu ziehen.

Aber Romulus Futurus hielt ihn zurück.

„Das ist eine öffentliche Angelegenheit, mein Freund !“ sagte er ruhig. „Ich werde Dr. Diabel verhaften lassen !“

Damit begab sich der Kultusminister ans Telephon und setzte sich mit der Polizeizentrale in Verbindung. Dort erfuhr er, daß Dr. Diabel gerade am Krankenbett der Fürstin Angelika weile, die bereits seit Wochen an einer schweren Krankheit daniederlag. Romulus Futurus gab den Auftrag, den Leibarzt der Fürstin und des Regenten in Haft zu nehmen.

Sein Einfluß war so groß, daß die Polizeibehörde nicht den geringsten Widerspruch wagte, und eine halbe Stunde später befand sich Dr. Diabel in dem großen Untersuchungsgefängnis am Spittelmarkt.

Der Untersuchungsrichter ließ den berühmten Arzt, der eine große Rolle in der Gesellschaft spielte, nach Mitternacht noch vorführen und unterzog ihn einem langen, eingehenden und scharfen Verhör. Jedes einzelne Wort, das der Untersuchungsrichter sprach, jede Antwort, die der Gefangene gab, wurde von einem Phonographen selbsttätig aufgenommen und durch einen eigenen Stift auf ein Blatt Papier übertragen. So war jedes Protokoll überflüssig, und der Gefangene konnte sich nie mehr beklagen, daß seine Antworten von dem Untersuchungsrichter falsch aufgefaßt worden seien und sich mit dem Protokoll nicht deckten.

Bereits um vier Uhr morgens überbrachte ein Bote das Protokoll. John Crofton rang verzweifelt die Hände, als er es gelesen.

„Ich bin verloren ! Verloren, Romulus !“ rief er. „Dr. Diabel leugnet hartnäckig und weder die körperliche, noch die Hausdurchsuchung hat irgend etwas ergeben, was zu seinen Ungunsten gesprochen hätte !“

Inzwischen hatte Romulus Futurus auch bei der Schauspielerin eine Haussuchung vornehmen lassen, aber auch dort war der Vertrag nicht gefunden worden. Die Situation war ernst, denn wenn es inzwischen gelang, den Inhalt des Vertrages auf elektrischem Wege nach Paris und London zu übermitteln, so befand sich Deutschland in einer sehr schwierigen Situation und John Crofton konnte darauf rechnen, als Verräter nach Amerika zurückgeschickt zu werden. Vor diesem Schicksal hätte ihn auch Romulus Futurus nicht bewahren können.

Der Kultusminister gab also Befehl, daß alle elektrischen Stationen gesperrt würden und drei Tage lang unter persönlicher Kontrolle des Ministers ständen.

Aber John Crofton war dadurch nicht mehr getröstet. Er begriff sehr wohl, daß, wenn wirklich Dr. Diabel den Vertrag besaß, er oder seine Helfershelfer schon Mittel und Wege finden würden, ihn nach Paris zu übermitteln. Daß Miß Happy Head Divina die Komplicin des Doktor Diabel war, wollte John Crofton nicht glauben.

Auf alle Fälle leugneten beide standhaft.

So vergingen kostbare Stunden, und das Schicksal John Croftons schien besiegelt.

Er, der gegen seinen Freund so schmählich gehandelt hatte, scheute sich nicht, ihn jetzt beinahe auf den Knien zu bitten, alles zu tun, um ihn zu retten.

Romulus Futurus verlor keinen Augenblick seine Sicherheit.

„In einer Stunde werden wir wissen, wer den Vertrag gestohlen hat und wo er sich befindet !“ sagte er ruhig.

John Crofton hob den Kopf.

„Wie willst du das machen ? Es gibt keine Folter mehr, durch die du Dr. Diabel sein Geheimnis entreißen könntest !“

„Ich brauche keine Folter ! Merke dir, mein Freund: von jetzt ab wird es keinen Verbrecher mehr auf Erden geben, der imstande ist, zu leugnen. Von jetzt ab werden alle Untersuchungsrichter der Welt überflüssig sein, es wird keine Ungerechtigkeit mehr geben und jedes Verbrechen wird nach seinen Ursachen, nicht nach seinen Wirkungen bestraft werden !“

„Ich verstehe dich nicht !“ entgegnete John Crofton.

Romulus Futurus aber befahl seinem Diener, den photographischen Apparat in sein Coupé zu bringen, fuhr mit John Crofton in das Untersuchungsgefängnis.

Die Zelle, in der man Dr. Diabel untergebracht hatte, war groß und geräumig und besaß zwei Fenster: eines, das auf die Straße zeigte, und eines, das einen andern kleinen Raum von seiner Zelle abschloß.

Hier hinein traten John Crofton und Romulus Futurus. Letzterer stellte dort seinen photographischen Apparat auf und schob die empfindliche „Lumen“ Platte ein.

Dann setzte er den Verschluß in Tätigkeit.

Der Gelehrte hatte nämlich in den letzten Wochen seine Erfindung noch vervollständigt, und zwar in einer Weise, die niemand ahnte und die ohne Zweifel einschneidend in das Rechts- und Kulturleben aller Völker wirken mußte.

Nachdem er sich überzeugt, daß die „Lumen“ Platte die menschlichen Physiognomien so photographierte, wie sie waren, und nicht, wie sie schienen, hatte er seinen Apparat kinematographisch eingerichtet und so vervollständigt, daß er in einer Sekunde mindestens zwanzig Aufnahmen bewerkstelligte. Auf diese Weise war die „Lumen“ Platte noch zwanzigmal verfeinert worden, denn die menschlichen Physiognomien zeigten sich jetzt nicht nur in einem bestimmten Augenblick, wie sie waren, sondern sie zeigten sich in diesem Augenblick zwanzigmal vervielfältigt, in ihren geheimsten Regungen, und damit war eine tatsächliche Gedankenphotographie geschaffen worden. Man brauchte sich nur wenig Mühe zu geben, nur die einzelnen Mienenbewegungen zu studieren. Romulus Futurus hatte hierfür bereits einen Schlüssel entworfen, denn auch die Bewegungen des menschlichen Gesichts sind bestimmten Gesetzen unterworfen. Es gibt eben auch da nur eine bestimmte Anzahl von Veränderungen, von denen jede einen bestimmten Gedanken ausprägt.

Nachdem also Romulus Futurus seinen Apparat in Bewegung gesetzt, trat er mit John Crofton in die Zelle des Dr. Diabel ein; der hatte selbstverständlich die Vorbereitungen beobachtet, welche gemacht worden waren, und sah so deutlich den Apparat, dessen weißes Auge vom Fenster auf ihn gerichtet war.

Er lachte, als die beiden Männer eintraten.

„Ihr werdet euch täuschen,“ dachte er: „Von mir werdet ihr nichts erfahren !“ Zu gleicher Zeit überlegte er sich, daß er nun auf keinen Fall an Miß Happy Head Divina denken durfte, denn die Eigenschaften der „Lumen“ Platte waren ihm natürlich längst bekannt.

„Ich werde weder an Miß Happy denken, noch daran, daß der Vertrag sich in ihren Händen befindet und daß sie ihn unter dem Sitzleder eines Plüschsessels in ihrem Saale verborgen hält,“ dachte er. Und wirklich gab er seinen Gedanken eine ganz andere Richtung, als die beiden Männer eingetreten waren und Romulus Futurus, in seiner Eigenschaft als oberster Polizeibeamter, ihn einem eingehenden Verhör unterzog.

Dieses verlief ebenso ergebnislos wie das durch den Untersuchungsrichter vorgenommene, und Romulus verließ mit seinem Freunde Crofton die Zelle, während ein geheimnisvolles Lächeln auf den Lippen des großen Menschenkenners lag.

Hinter ihnen gellte das Lachen des Dr. Diabel.

„Ihr werdet euch täuschen,“ dachte der Arzt. „Ihr werdet euch täuschen! Ich habe weder an Miß Happy noch an die Pläne, noch an alles andere gedacht, und deine Maschine, Romulus Futurus, wird nichts wissen !“

Romulus Futurus nahm ruhig die „Lumen“ Platte aus dem Apparat, nachdem er diesen abgestellt hatte, und fuhr mit John Crofton nach Hause.

Aber ungeahnte Hindernisse stellten sich den beiden Männern in den Weg. Sie brauchten nicht weniger als sieben Stunden, um in ihre Wohnung zurückzugelangen. Inzwischen war es wieder Nacht geworden, denn die Tage wurden immer kürzer und dauerten seit einiger Zeit nur noch sieben Stunden.

In den Straßen nämlich sammelten sich ungeheure Menschenmengen. Das Volk, das zusammenlief, mit elektrischen Gewehren bewaffnet, wußte eigentlich nicht, was es wollte. Man war unzufrieden mit dem System, mit der Regierung, mit allem.

Aber man wußte nicht, warum.

Man hatte im Laufe der Jahrhunderte gelernt, daß Revolutionen nichts ändern, daß alles seinen gleichen Gang weiter geht und daß immer dasselbe kommt und niemals etwas anderes.

Und doch wollte das Volk die Revolution, aufgestachelt durch das rotglühende Licht des Kometen, dessen entsetzliches Antlitz sich förmlich hohnlachend über die Erde neigte.

Blut hieß die Losung ! Blut wollten sie alle ! Blut sollte fließen !

Und da die Volksmassen sich selbst nicht morden wollten, so richteten sie ihr Augenmerk auf die, welche der Pöbel immer haßt, auf die Reichen, auf die Regierenden.

Hätten sich Romulus Futurus und John Crofton nicht in ein Flugcoupé gerettet, so wären sie beide verloren gewesen, denn alle elektrischen Coupés auf den Straßen wurden angehalten, zertrümmert und die Insassen ermordet.

Der Augenblick für das Losbrechen der Revolution war günstig gewählt worden, denn das Militär war noch nicht da und die Truppen, die sich in Berlin befanden, reichten nicht hin, die Aufständischen zu zügeln, die mit jeder Minute zahlreicher wurden.

Der im Jahre 1908 gebaute Eispalast war als Standquartier der Revolutionäre eingerichtet worden. Dort weilten die Anführer, unter denen sich einer befand, der ganz besonderes Ansehen genoß: Peter Cornelius, der Student.

Endlich aber gelang es Romulus Futurus doch, in seine Wohnung zu kommen. Er entwickelte sofort die Platte und ließ die Photographien kinematographenartig ablaufen.

John Crofton beobachtete staunend die Maßnahmen seines Freundes, und zum ersten Male begriff er ganz und gar dessen gigantische Größe, die fabelhaften Vorteile, die diese Erfindung der deutschen Nation sicherte.

Folgendes erfuhr Romulus Futurus aus dem Apparat:

„Ihr werdet euch täuschen ! Von mir werdet ihr nichts erfahren! Ich werde weder an Miß Happy Head Divina denken, noch daran, daß sich der Vertrag in ihren Händen befindet und daß sie ihn unter dem Sitzleder eines Plüschsessels in ihrem Salon verborgen hält! Ihr werdet euch täuschen ! Ich habe weder an Miß Happy, noch an die Pläne, noch an alles andere gedacht, und deine Maschine, Romulus Futurus, wird nichts wissen !“

„Nun wissen wir ja alles, was wir wissen wollten !“ sagte Romulus Futurus lächelnd, drückte auf eine elektrische Klingel und setzte sich wieder mit der Polizeizentrale in Verbindung.

„Die Schauspielerin Miß Happy Head Divina ist zu verhaften !“ befahl er. Gleichzeitig gab er Auftrag, daß ein hoher Polizeibeamter sich in die Wohnung der Schauspielerin begeben sollte, um das Dokument in Besitz zu nehmen und es John Crofton zurückzugeben. Inzwischen war Frau Fabia, erschreckt durch das lange Ausbleiben ihres Gatten, in das Turmzimmer der Sternwarte gekommen. Sie warf zufällig einen Blick auf die vielen Photographien, die in kurzer Zeit von Dr. Diabel aufgenommen worden waren. Kaum aber hatte sie hingesehen, da stieß sie einen wahnsinnigen Entsetzensschrei aus.

„Er ist es !“ rief sie. „Er ist ein Verbrecher ! Er hat mich getötet !“ Dann sank sie in Ohnmacht.

John Crofton und Romulus Futurus sahen sich entsetzt an.

„Was bedeutet das ?“ fragte John Crofton.

„Wir werden es wohl bald erfahren,“ sagte Romulus Futurus nachdenklich.


VI

Die Revolution hatte diesmal in Berlin mit einer solchen Heftigkeit eingesetzt, daß die Regierung wie von einem Lavastrom hinweggefegt wurde, der sich plötzlich über alles Leben ergießt, alles verschlingt und jeden Widerstand verbrennt, zermalmt.

In den Straßen tobte ein wahnwitziger Kampf. Es war keine Schlacht mehr, es war ein Schlachten. Ueber allem stand der rote Komet und beleuchtete mit seinem diabolischen Lichte diese furchtbaren Greuelszenen, die Berlin seit seinem Bestehen noch nicht gesehen hatte.

Die erste Heldentat der Aufständischen, die in großen Scharen die Straßen durchzogen und mit den Truppen der Regierung auf allen Plätzen ins Gefecht kamen, bestand in der Erstürmung des großen Untersuchungsgefängnisses am Spittelmarkt.

Nach kurzem Widerstand der Besatzung ergoß sich die Flut der Revolutionäre in die dunklen, finsteren Gänge; da und dort lag die Leiche eines ermordeten Aufsehers. Einige Minuten später aber strömte die Schar der Eingekerkerten hinaus, die Brüder umarmend, die ihnen, den Verbrechern, die Freiheit wiedergegeben hatten.

Auch Dr. Diabel befand sich unter ihnen. Nachdem er dem Führer des Trupps die Hand gedrückt, eilte er, ohne sich einen Augenblick aufzuhalten, in das Gemach der kranken Fürstin Angelika und nahm dort seinen Platz als Arzt und Wächter wieder ein.

Berlin glich in wenigen Stunden einer belagerten Festung. Die Straßen waren röter noch von Blut, als von dem Lichte des Kometen. Die Bürger hatten ihre Häuser versperrt, aber die Aufständischen schlugen die Türen mit Aexten ein, zerrten die Frauen auf die Straßen, warfen die Kinder in die aufgepflanzten Bajonette und mordeten die Männer.

Die, welche auf den ersten Alarmruf hin teils unter die Fahnen der Regierung, teils unter das Banner des Aufstandes geeilt waren, kämpften mit einer Erbitterung, die unbeschreiblich war. Durch die Friedrichstraße zogen etwa dreitausend Revolutionäre unter der Führung Peter Cornelius, des Studenten.

Er war einer der Ueberzeugtesten, einer von denen, die bestimmt wußten, daß die Natur sich ändert, wenn man Blut vergießt, daß die ganze Welt sich in ihrem Laufe umdreht und verkehrt um die Sonne gehen wird, wenn man die Reichen beseitigt und an Stelle derer, die bisher regiert haben, andere setzt.

In den Augen des Peter Cornelius glühte ein verhängnisvoller Wahnsinn. Trunken von einem Rausche, der weder durch den Alkohol, noch durch das Blut, sondern einzig und allein durch die Purpurfluten des roten Kometen hervorgerufen war, schwankten seine Genossen durch die Straßen, mordeten, schändeten, begingen Exzesse der Tollheit und riefen die Freiheit aus.

Da begegnete ihnen ein starker Trupp von Soldaten. Diese waren bedeutend in der Ueberzahl, und die Revolutionäre verlangten von ihrem Führer, daß er sie zurückführe, denn ein Kampf mußte zu Ungunsten der Revolutionäre enden, da die Bewaffnung des Militärs eine weitaus bessere war.

Auf einem elektrischen Karren, den die Soldaten in der Mitte mit sich führten, stand mit gefesselten Händen ein Weib.

Ihre Arme lagen auf dem Rücken; das schwere goldene Haar hatte sich gelöst und floß in langen Wellen über ihre Schultern, von denen das weißseidene Kleid teilweise in Fetzen herabhing. Ihre Lippen glühten wie Purpur, und ein höhnisches Lächeln leuchtete aus ihren Augen.

Als die Soldaten und die Revolutionäre einander so nahe gekommen waren, daß sie sich verständigen konnten, blieb Peter Cornelius plötzlich wie angewurzelt stehen.

Er hatte die Gefangene erkannt. Noch war nämlich der Sieg der Revolutionäre lange nicht entschieden und man war bemüht, die Verbrecher, deren man habhaft werden konnte, unter starker Militäreskorte wieder in das Gefängnis zurückzuführen.

„Happy Divina !“ murmelte der Student, zu den Waffen greifend.

Auch sie hatte ihn gesehen und erkannt, und während die beiden feindlichen Trupps einander zornglühend gegenüberstanden, während das Entbrennen des Kampfes und Mordens nur noch von Sekunden abhing, rief Happy Divina:

„Ei, sieh an ! Peter Cornelius, der Held ! Habt Ihr Euch endlich aufgerafft ? Habt Ihr diese Barbaren niedergeworfen ? Da seht her, was sie mit mir gemacht haben !“

Und sie, die Tausende und Abertausende von Menschen durch ihre Stimme in einen Rausch der Begeisterung versetzt hatte, hob ihre Arme etwas vom Rücken ab, und man sah die weißen, leuchtenden Hände zwischen dicken Stricken.

Dieser Appell entflammte Peter Cornelius zu wahnsinniger Wut gegen die, welche dieses schöne Weib brutal ins Gefängnis führen wollten. Liebte er doch Happy Divina seit langer, langer Zeit! Aber wie hätte Peter Cornelius es jemals wagen dürfen, sich der Sängerin, die von den höchsten Würdenträgern das Reiches verehrt wurde, zu nähern ? Er, der arme Student, der seinen ersten Studien bei Dr. Diabel oblag!

Die stolze Sängerin, die gefeiert wurde gleich einer Königin, würde nicht wenig gelacht haben über den armen Studiosus, hätte er ihr seine Liebe erklärt. Aber jetzt, in diesem Augenblick, da die Welt unterzugehen drohte, jetzt war alles anders geworden ! Die Ersten waren die Letzten und die Letzten waren die Ersten geworden ! Hier stand Peter Cornelius an der Spitze seiner todesmutigen Schar, die bereit war, ihr Leben in die Schanze zu schlagen.

Und plötzlich war für Peter Cornelius die Devise gegeben:

Die Freiheit, für die er sein Leben aufs Spiel setzte und hundert andere nach sich zog, erschien ihm leibhaftig in der Gestalt dieser Verbrecherin, die seit langer Zeit im Dienste auswärtiger Staaten als Spionin stand, da ihre großen Einnahmen nicht hinreichten, ihr wahnsinniges Bedürfnis nach Luxus und Reichtum zu befriedigen.

Peter Cornelius entriß dem Arbeiter, der neben ihm ging, die Fahne und stürzte sich mit dem Rufe:

„Für Happy Divina und die Freiheit !“ mitten in die feindlichen Soldaten. Von Begeisterung trunken, folgte ihm der Schwarm, und in einem einzigen Anprall wahnsinniger Wut hatten sie eine Bresche in die Reihen der Soldaten geschlagen und waren bis zu dem Wagen vorgedrungen, auf dem die Gefangene gefesselt stand.

Peter Cornelius schlug mit einem elektrischen Säbel nicht weniger als vier Soldaten nacheinander nieder, zerriß die Fesseln, welche die schönen Hände der göttlichen Sängerin zusammenhielten, hob sie vom Wagen und schleppte sie, ihren Leib mit dem linken Arme umfassend, mit dem rechten kämpfend, aus der Reihe der Soldaten . . .

Die waren zuerst unter dem wütenden Anprall der Revolutionäre zurückgewichen. Dann aber hatten sie sich rasch gesammelt, und während die vordersten sich niederwarfen und eine furchtbare Salve gegen die Feinde abgaben, öffnete sich zu gleicher Zeit die Mitte ihrer Reihen; Geschütze wurden aufgefahren, deren erste Schüsse allein etwa fünfzig der Feinde niederrissen.

So groß zuerst der Todesmut der Revolutionäre gewesen war, ebenso groß war die Panik, die diese führerlosen Menschen ergriff, als sie anstatt Brot Bleikugeln erhielten. Während jeder Führer der Revolutionäre seine eigenen Zwecke verfolgte, der eine Macht, der andere Ehre, der dritte Ruhm, der vierte persönliche Interessen, während der fünfte hoffte, durch den Aufstand Gold zu sammeln, und während der sechste einer Verbrecherin wegen dreitausend Menschen in den Tod führte, dachte die große Masse nur an das eine Ideal, das sie mit der Freiheit verwechselte: „Brot !“

Sie fluteten vor dem furchtbaren Gegenangriff der Soldaten zurück, wurden zersprengt, niedergeschossen, zertreten, dezimiert, und höchstens dreihundert waren es, die Peter Cornelius folgten, der in seinem linken Arm immer noch gleich einer weißen Fahne den schlanken Leib der Sängerin trug.

Die Straße war von Soldaten abgesperrt. Aber sie fanden einen neuen Ausweg, über den sie auf vielen Umwegen in die Potsdamerstraße gelangten.

Dort hatten die Revolutionäre Barrikaden gebaut, und ein furchtbarer Kampf um die Oberherrschaft in Berlin war entbrannt.

Inzwischen war die Farbe des Kometen dunkelrot geworden wie Burgunder. Die Nacht war erfüllt von einer unerträglichen Hitze, die von Stunde zu Stunde zunahm und den Wahnsinn der Menschen erhöhte.

Peter Cornelius hatte die Gerettete hinter einen Steinhaufen gezogen. Da augenblickliche Ruhe eingetreten war, fand er Zeit, sich mit ihr zu verständigen.

Sie sah ihn lächelnd an, ihre Lippen schimmerten wie Blut. Sie reichte dem Studenten die Hand und sagte:

„Wie soll ich Ihnen danken, daß Sie sich meinetwegen solchen Gefahren aussetzten !“

Peter Cornelius schaute lange in ihre Augen und hielt ihre Finger umschlossen.

„Wäre es Ihnen nicht möglich, mich in meine Wohnung zu bringen ?“ flüsterte sie.

Er schüttelte den Kopf.

„Das ist unmöglich, Miß Head-Divina ! Das ist ganz unmöglich ! Sie müssen hier bleiben und jetzt mit uns für die Freiheit und für eine goldene Zukunft kämpfen!“

Die Sängerin schnitt eine Grimasse.

„Was soll ich tun ? Sie werden doch nicht denken, daß ich einen von euren schmutzigen Säbeln angreife oder gar ein Gewehr abschieße ? Warum denn ? Wegen eurer Dummheiten ?“

Cornelius sah sie mit großen, flammenden Augen an.

„Unsere Dummheit hat Sie gerettet !“ sagte er zornig. Sie zuckte die Achseln, lächelte und entgegnete:

„Sie irren, Peter Cornelius ! Ihre Sinnlichkeit war es, die Sie Ihr Leben in die Schanze schlagen ließ !“

„Gut, nennen Sie es Sinnlichkeit!“ schrie er, trunken vor Wut und vor Leidenschaft. „Ich liebe Sie ! Ich liebe Sie so rasend, wie nie ein Weib geliebt wurde, und ich verlange, daß Sie mein werden !“

Dabei schlang er seine Arme um ihre weiße, feine Gestalt und versuchte, seine Lippen auf die ihrigen zu pressen.

Happy Head Divina empfand einen furchtbaren Ekel. Sie stemmte die beiden kleinen Fäuste gegen die Brust des Studenten und stieß ihn zurück.

„Sind Sie wahnsinnig ? Ich mag Sie nicht ! Ich hasse Sie !“

Peter Cornelius taumelte zurück, während um ihn und die Sängerin wieder die ersten Flintenschüsse krachten.

„Sie lieben mich nicht ? Sie hassen mich ? Aber ich liebe Sie! Und eher werde ich Sie töten, ehe ich erlaube, daß Sie einem andern angehören !“

„Sie sind ein Narr !“ entgegnete die Sängerin nun ernstlich böse, indem sie sich mit unruhigen Augen umsah; denn eben stürzte neben ihr ein Revolutionär zu Tode getroffen nieder und krampfte die Hände im letzten Todeszucken.

„Sie sind ein Narr, Peter Cornelius ! Führen Sie mich sofort hinweg !“

Er lachte

„Es gibt keinen Ausweg mehr, und wenn Sie etwas retten kann, so ist es nur meine Liebe !“

Damit hielt er sie mit dem linken Arm fest und schoß mit dem rechten das Gewehr auf einen Soldaten ab, dessen Helm über der Spitze der Barrikade sichtbar wurde.

Die Sängerin, erschreckt über die Leidenschaft des Studenten, riß sich los und kletterte mit außerordentlicher Leichtigkeit und Behendigkeit über die Trümmer der Barrikade, entschlossen, zu den Soldaten hinabzuspringen und dort Hilfe zu suchen.

Sekundenlang sah ihr Peter Cornelius nach. Seine Augen waren blutunterlaufen, auf seinen Lippen stand Schaum.

Da, als sie gerade den Kamm der Steinburg erreicht hatte, als sie gerade die Arme ausbreitete, um zu den Soldaten hinabzuspringen, riß er sein Gewehr an die Wange und schoß sie durch dem Rücken.

Sie warf die Arme in die Luft, und während über ihre Lippen und über das Kinn Blut rann, fiel sie rückwärts hinab und blieb verblutend liegen . . . .

Peter Cornelius aber stürzte sich wie ein Tier in den Kampf und focht so lange, bis er, von Stichen und Kugeln durchbohrt, sterbend über die letzten Steine sank, die von der Barrikade übrig blieben, indes die Soldaten die Revolutionäre zurücktrieben. So tobte und wütete in allen Straßen und überall der Kampf. Immer unerträglicher wurde die Gluthitze, die sich über Berlin verbreitete, und schließlich begriffen alle, was da und dort ein verzweifelter Mund ausschrie:

„Wir stoßen mit dem roten Kometen zusammen ! Die Welt geht unter !“

Mit derselben Schnelligkeit, mit der der brudermordende Kampf begonnen hatte, wurde er beendet. Die Panik, die der rote Komet plötzlich hervorrief, in dessen purpurnes Glutauge man jetzt blicken konnte, versöhnte die Menschen, die sich eben noch bekämpft hatten, wie die Tiere.

Soldaten und Revolutionäre, Frauen und Kinder, hohe Staatsbeamte und Arbeiter, kurzum alles, was in Berlin lebte, wälzte sich als ein großer, dunkler Haufen der Sternwarte des Romulus Futurus entgegen, von dem man halb drohend, halb bittend Rettung vor dem roten Kometen forderte.

Romulus Futurus stand auf seinem Turm und beobachtete das Herannahen des verhängnisvoll Sternes. Er sah die Menschenmassen, die sich der Sternwarte näherten, er wußte, was sie forderten und verlangten, aber er beachtete sie kaum.

„Wir werden noch zehn Stunden Zeit haben, bis der Zusammenstoß erfolgt !“ sagte er zu sich selbst. „Noch ist es nicht sicher, ob überhaupt die Katastrophe hereinbricht; denn nach meiner Berechnung gleitet der Komet augenblicklich neben uns. Es ist, als sei er von der Geschwindigkeit der Erdumdrehungen erfaßt und mitgerissen. Vielleicht ist die Anziehungskraft der Erde nicht stark genug, vielleicht geht das Letzte vorüber !“

Und er berechnete weiter, daß dieser rote Komet unmöglich die Kraft einer Sonne haben könnte, denn sonst wäre längst die ganze Erde geborsten.

Die furchtbare Hitze, die sich über Berlin ausbreitete, stand gleichwohl nicht im Verhältnis zu der Größe des Kometen. Romulus Futurus berechnete weiter, daß der Komet selbst vielleicht kalt war, daß sich auf ihm ungeheure Eiswüsten befanden. Aber er schien umgeben zu sein von einem Riesengürtel von Elektrizität, die diese furchtbare Hitze und das rote Purpurlicht hervorrief.

„Rot ist die Farbe, deren Strahlen unter allen Lichtstrahlen am schwächsten gebrochen werden,“ sagte er zu seinem Freunde John Crofton, der bald zagend und angstvoll zu dem roten Kometen emporblickte, bald auf die Straßen hinabsah, die von dem Lärm und von dem Geschrei der Menschen erfüllt waren.

„Die Länge der Wellen, die die roten Strahlen verursachen, ist größer als die aller übrigen Strahlen; die Anzahl der Schwingungen, welche sie in einer Sekunde vollbringen, ist dagegen die kleinste, etwa vierhundert Billionen in der Sekunde. Dadurch ist die intensive Kraft gerade der roten Farbe erklärt. Ich glaube, daß das Purpurlicht durch Elektrizität hervorgerufen wird, die den roten Kometen umgibt. Wir haben jedenfalls eine ganz ähnliche Erscheinung vor uns, wie bei dem Polarlicht, das in der Höhe nach Breiten abfließt, um sich schließlich allmählich dort auszugleichen, wo die Luft trockner wird. Dieselbe Erscheinung haben wir in tieferen Breiten, nur zeigen sich die elektrischen Wellen dort nicht als Licht, sondern als Gewitter.

Denke dir das Polarlicht billionenmale vergrößert, in seiner Kraft, dazu weit intensiver leuchtend durch den elektrischen Strom, welcher rund um den Kometen herumläuft, und du hast eine sichere Erklärung für das rote Licht dieses Sternes.“

Romulus Futurus wurde in seinen Ausführungen durch die Volksmenge unterbrochen, die stürmisch Schutzmaßregeln gegen den roten Kometen von ihm verlangte.

Der Kultusminister erklärte, er werde alles tun, um Berlin vor dem Untergange zu retten.

Und er gab einen seltsamen Befehl.

In der Mitte der Stadt, wo das Schloß und alle die vornehmen Gebäude lagen, drängte sich das Volk zusammen. Dort wurde auf den Befehl des Romulus Futurus alles zusammengetragen, was Berlin an Gummi und ähnlichen Stoffen besaß. Aus diesen Materialien wurden Schutzwände gebildet, an denen die elektrischen Wellen des roten Kometen, die sich als rote Lichtflut dem Auge zeigten, abprallen sollten.

In der Tat zeigte sich, daß die Wirkung des Lichtes da sofort aufhörte, wo die Menschen sich hinter solchen Gummiwänden verbargen, denn die Elektrizität prallte wirkungslos an diesen Schutzvorrichtungen ab.

Was aber halfen diese Maßregeln, die den Anstrengungen eines Ameisenhaufens gegen einen Taifun gleichkamen, gegen die furchtbaren Stunden, die jetzt folgten !

Der rote Komet preßte sich förmlich an die Erde heran, und jede Stunde, jeden Augenblick erwartete man den Zusammenprall.

Mit dem herannahenden Untergang der Welt zeigten die Menschen sich plötzlich so wie sie waren. Die einen, die bisher unter der Maske der Tapferkeit paradierten, wurden feige wie Hyänen, andere, die nie aus dem Dunkel ihrer Bescheidenheit hervorgetreten waren, verrichteten Wunder des Mutes und der Arbeit. Alles, was lebensfähig war, das Militär, die Arbeiter, die eben noch gegen die Obrigkeit gefochten, die höchsten Staatsbeamten und die niedersten Bewohner Berlins schafften fieberhaft an der Gummimauer, welche sie vor dem letzten Untergang retten sollte. Aber die Maßnahmen des Kultusministers erwiesen sich gleichfalls als vollständig unzulänglich, denn bald schmolz der Gummi unter der fabelhaften Hitze, die von Stunde zu Stunde wuchs. Die Nacht hatte sich zum Tage gewandelt und der ganze westliche Himmel schwamm in einem Meer von purpurnem Feuer. Myriaden von den verschiedensten Farbentönen, angefangen vom blassesten Rosa bis hinauf zum tiefsten Burgunder, schwammen am Himmel. Schließlich glitten sie zusammen, zerschmolzen, vereinigten sich, und das ganze Firmament war ein einziges Chaos von Blut und Flammen.

Der Schrecken, der die Menschen ergriffen hatte, war unbeschreiblich. Hunderte und Tausende flüchteten sich in die Kirchen. Der Dom im Lustgarten war besetzt von Verzweifelten. In der französischen Kirche am Gendarmenmarkt wurde ein Tedeum abgehalten. Hunderte wieder wurden in ihrer Angst auf die Friedhöfe getrieben, als könnten sie Trost oder Hilfe bei den Verstorbenen finden. Auf dem Luisen- und dem alten Sophienkirchhof drängten sich die von wilder Panik Erfaßten ebenso wie auf dem neuen Gottesacker, der sich bis Freienwalde ausdehnte. Die wenigsten fanden den Mut, in den großen Bauten, die bisher weltlichen Zwecken gedient, Zuflucht zu suchen. Und doch war es das klügste, und die, welche im königlichen Schauspielhaus Zuflucht gesucht hatten, waren wenigstens in den kühlen Hallen halbwegs geschützt gegen die höllische Hitze, die in den Straßen brütete. Viele stürzten in die Keller, um dort für kurze Zeit Kühlung zu finden. Die meisten aber mieden, aus Furcht vor einem Erdbeben, die Häuser und tobten durch die Straßen.

Plötzlich schrie die Menge auf.

Auf dem königlichen Schlosse, das von Tausenden umlagert war, stieg plötzlich eine Feuersäule kerzengerade zum Himmel empor, oder besser, sie war von dort gekommen und stand nun drohend und purpurrot auf dem Dache. Zu gleicher Zeit stürzten mehrere Soldaten tödlich getroffen zu Boden. Im ersten Moment hatte niemand begriffen, was geschehen war, als sich aber die Erscheinung wiederholte, da wußten die Ingenieure sofort Bescheid.

Ein Haus ging sogar in Flammen auf. In ein zweites fuhr der Strahl und tötete beinahe alle Bewohner, während zu gleicher Zeit die Flammen aus den Fenstern schlugen.

Auf dem Schlosse war es eine Kupferstange gewesen, die den elektrischen Blitz angezogen hatte. Die Helme der Soldaten boten gleichfalls für die elektrischen Ströme, welche die Atmosphäre erfüllten, einen willkommenen Stützpunkt, bis das Militär verzweifelt die Kopfbedeckungen abriß und von sich warf, die Gewehre und Säbel zerbrach und auf die Straße schleuderte.

Plötzlich hörte man die Signale der Feuerwehr. Nicht weniger als zehn Häuser brannten im Zentrum der Stadt. Die Soldaten mußten Hilfe leisten, und alle anderen Menschen legten Hand an, um wenigstens für den Augenblick die furchtbare Situation zu vergessen.

Alles ging in Flammen auf, was von einem der elektrischen Funken ergriffen wurde, die wie Glühwürmer die in Purpur getauchte Nacht durchschwirrten.

Im Westen zog sich ein Streifen von so intensivem Rot, daß man im ersten Augenblick glaubte, dort stände schon die ganze Welt in Flammen. Es sah nicht anders aus, als sei die Erde dort, wo sie endete, in Blut getaucht, oder als schwimme sie in einem Meer von Glut.

Die Häuser erhitzten sich, und die Menschen sprangen laut schreiend auf die Straße hinaus, während die Fenster barsten und die großen Auslagen der Läden splitternd und krachend zusammenfielen.

Gebete, in wahnsinniger Angst hinausgeschrien, stiegen zu dem roten Kometen empor. Furchtbare Flüche wurden gegen diese neue, gigantische rote Sonne ausgestoßen, die drohend und schrecklich über der Erde stand.

Plötzlich stürzten mehrere Häuser ein. Sie begruben Hunderte von Menschen unter sich, denn zu damaliger Zeit waren die Gebäude in Berlin nach amerikanischer Art teilweise zu einen Höhe von zwanzig Stockwerken ausgebaut. Ihre Gerippe bildeten große Eisengerüste, die sich unter der Glut, die auf den Häusern lag, erhitzten, die Holzverkleidungen der Gebäude selbst in Brand setzten und sich teilweise zusammenbogen wie Weidenruten.

Die Straßen waren erfüllt von tausendstimmigem Wehgeschrei, Klagen und Rufen. Sterbende ächzten, Verwundete stöhnten und wimmerten, und die jeder Vernunft baren Menschenströme wälzten sich über Tote und Verwundete hinweg, zerstampften sie, zertraten sie, flüchteten hierhin, dorthin, und konnten doch dem Verderben nicht entrinnen, das von dem Kometen auf die Erde niederkam.

Zwischen dieses Chaos von Verwüstung und Irrsinn hinein drang das Geschmetter der Militärmusik; die Soldaten wurden durch die eiserne Disziplin ihrer Offiziere zusammengehalten und versuchten, so gut es ging, die Ordnung aufrecht zu erhalten. Schaurig schollen die Signale der Feuerwehr, die mit verzweifelter Energie kämpfte, den Untergang Berlins zu verhüten.

Eine dicke Ruß und Rauchwolke lagerte sich über die Stadt. In manchen Straßen war es so arg, daß die Menschen nicht mehr atmen konnten und Hunderte erstickten, ehe sie einen rettenden Ausweg fanden.

Flimmernd lag der rote Rauch in der Luft; die Atmosphäre erhitzte sich immer mehr und mehr. Ueber der Spree lagerte die Wolke am dichtesten, denn die hölzernen Schiffe hatten Feuer gefangen, und brennende Kähne trugen die Flammen den Fluß entlang.

Der ganze Westen war eine einzige helle Glut. Die Straßen waren gefüllt mit Toten, die regungslos auf dem erhitzten Pflaster lagen.

Um das Unglück noch größer zu machen, erhob sich ein fürchterlicher Sturm. Rot und bläulich gefärbte Wolken, mit Phosphor gefüllt, trieb der Wind am Himmel umher. Sie ballten sich zusammen zu einer dicken, schwarzen Masse, durch die, kaum sichtbar, noch der rote Komet hindurchschimmerte. Die Spreewasser wurden aufgepeitscht von dem Sturm, der mit Brausen, Tosen und Zischen über Berlin hinwegfuhr. Nebel schienen sich auf die Stadt herabzusenken, ein roter, glühender Schleier, der die Lungen versengte und das Atmen immer schwerer machte.

General Treufest, welcher derzeit Stadtkommandant von Berlin war, ließ alle schweren Geschütze zusammenfahren und eröffnete eine furchtbare Kanonade gegen den Rauch, gegen die Wolken und gegen den roten Kometen. Er gab sich der vagen Hoffnung hin, durch den großen Luftdruck der Geschosse die Atmosphäre zu säubern; in der Hauptsache aber war der Befehl wohl auch kopflos gegeben, hervorgerufen durch starres Entsetzen und jene Panik, die die klügsten Köpfe völlig besinnungslos machte.

Die Kanonade, welche in der Stadt anhob, erhöhte nur das Grauen, ohne die Kraft der Elemente eindämmen zu können. Die Menschen, die nicht sofort die Ursache der Erderschütterung und des schrecklichen Getöses kannten, glaubten, ein Erdbeben sei gekommen und versuchten nun, aus den Straßen hinauszuflüchten, sprangen übereinander, traten sich gegenseitig nieder, zerfleischten sich und bildeten einen großen Knäuel, ein blutiges, schreckliches Chaos.

Mit unheimlichen Getöse und furchtbarem Krachen fielen die Häuser zusammen. Ganze Stockwerke, von der Hitze beinahe geschmolzen, senkten sich auf die unteren herab, gehalten von schweren Eisensäulen, so daß die entsetzten Menschen in Wahrheit zwischen Ruinen wandelten.

Plötzlich setzte ein Regen ein, und schon wurden Stimmen der Hoffnung laut, als die Unglücklichen erkannten, daß die Tropfen, die zischend auf das heiße Pflaster fielen, selbst erhitzt waren, daß die Wolken lediglich Ströme von Dampf, Glut und Gischt auf die Erde niedersandten. Durch die Wolke von Rauch hindurch sah man blutrote Nebel, und zwischen ihnen rannten die Menschen schreiend und keuchend hin und her, mit verglasten Augen, von Fieber und Todesangst geschüttelt.

Unter der großen Menge hatten sich auch Romulus Futurus, seine Gattin Fabia und sein Freund John Crofton befunden. Es gab keinen Unterschied mehr zwischen den Menschen. Die Karossen und elektrischen Equipagen lagen zertrümmert und verbrannt in den Gassen. Die Luftschiffe, welche zuerst versucht hatten, das Geheimnis des roten Kometen zu ergründen, waren auch zunächst von der furchtbaren Hitze ergriffen worden. Die Glut hatte die Gashüllen gesprengt und in Flammen gesetzt. Die Aluminiumgerippe waren zerbrochen wie Glas und Tausende von großen Schiffen waren wie Sternschnuppen niedergefahren, brennende, leuchtende Klumpen, von denen sich Stoff-Fetzen und tote Menschenleiber ablösten.

Die drei gingen durch die Wilhelmstraße. Dort, wo in früheren Jahren das Kultusministerium gestanden, erhob sich jetzt ein großes, prachtvolles Palais, das mit vielen anderen Häusern den Gefahren bis dahin entgangen war. Die großen Tektonwände, in die es eingefaßt war, hatten den umherfliegenden Feuerfunken widerstanden.

Zwar waren alle Fenster gesprungen, aber nichts deutete darauf hin, daß die Bewohner von dem gleichen panischen Schrecken ergriffen worden waren wie alle anderen Menschen.

Oder stand das Haus leer ?

Frau Fabia, die der furchtbaren Verwüstung in den Straßen und der grenzenlosen Katastrophe bis jetzt mit größtem Seelengleichmut begegnet war, während John Crofton mehr tot als lebendig neben dem finsteren Romulus Futurus herwankte, wurde plötzlich von einer seltsamen Unruhe ergriffen, als sie dieses Haus erblickte, in dessen Nähe sie bis jetzt noch nie gekommen war.

Sie klammerte sich mit beiden Armen an ihren Gatten und stieß hastig hervor:

„Was ist das, Romulus ? Was ist das für ein Haus ?“

Romulus Futurus ließ seinen Blick über das Gebäude gleiten.

„Es ist der Palast der Fürstin Angelika,“ erwiderte er gleichmütig und wollte seinen Weg fortsetzen. Aber Frau Fabia hielt ihn zurück.

„Angelika“ murmelte sie, „Angelika . . . Der Name ist mir so bekannt.“

„Die Fürstin wurde dir doch damals vorgestellt, als wir mit Doktor Diabel und den andern in seinem Hause soupierten.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Davon weiß ich nichts !“

Romulus Futurus machte eine Handbewegung.

„Verzeih’, ich vergaß, daß dir die Erinnerung an alles, was in der Vergangenheit liegt, geschwunden ist.“

Er sprach gleichgültig, als rede er mit einem völlig fremden Menschen, denn er liebte Frau Fabia schon lange nicht mehr. Sein Wunsch stand auf etwas anderes, auf ein Wesen, auf ein Idol gerichtet, das er nicht nennen konnte, das ihm nur vorschwebte, auf die schemenhafte Erscheinung, die er unter seinem Bilde kennen gelernt und die nun doch  das stand außer Zweifel - im Körper seiner Gattin Fabia wohnte.

Sie ließ sich von dem Hause nicht fortbringen.

„Es kommt mir so seltsam bekannt vor,“ flüsterte sie unaufhörlich, während ihr Blick einen eigentümlichen Schimmer annahm. „Aber das ist ja mein Haus ! Das ist ja mein Palais !“ rief sie plötzlich, sich an Romulus Futurus klammernd. Im nächsten Moment stieß sie einen gellenden Schrei aus, sank in die Arme ihres Gatten und deutete zitternd, während ihre Zähne wie im Frost aufeinanderschlugen, zum Fensterkreuz des ersten Stockes empor.

Sowohl Romulus Futurus als auch John Crofton waren ihr mit den Augen gefolgt.

Dort oben stand Doktor Diabel und sah hohnlachend herab. Sein Gesicht hatte wahrhaftig die Fratze eines Teufels angenommen.

Die Welt und ihre Interessen hatten sich in den Stunden so geändert, daß John Crofton längst nicht mehr an sein Dokument dachte. Und Romulus Futurus wunderte sich nicht, den Gefangenen hier zu sehen, denn es war ja bekannt, daß die Revolutionäre alle Gefängnisse gestürmt hatten.

Obwohl das alles nur um Stunden zurücklag, schien es doch jedem, als ob Jahre, dazwischen liegen müßten. So furchtbar waren die letzten Erlebnisse.

Plötzlich erfüllte ein furchtbarer Donnerschlag die Luft. Der Himmel glühte, ein Regen von feurigem Dampf und siedendem Wasser spritzte vom Firmament auf die Erde nieder, und die Atmosphäre war förmlich geschwängert von Glut.

Es war unmöglich, sich noch länger auf der Straße zu halten, und Romulus Futurus, seine Gattin Fabia und John Crofton flüchteten sich in den Palast der Fürstin Angelika, der ihnen am nächsten lag, um dem Glutregen zu entkommen.

Große Lufthydranten füllten den Palast der Fürstin Angelika mit Sauerstoff. Romulus Futurus und John Crofton wollten sich im Vestibül aufhalten, aber Frau Fabia drängte auf die Treppe zu.

„Was willst du ?“ fragte ihr Gatte zornig. „Sollen wir uns aus dem Hause weisen lassen ? Willst du die Fürstin beleidigen ?“

Aber Frau Fabia schien plötzlich den Verstand verloren zu haben.

„Von welcher Fürstin sprichst du ?“ fragte sie mit irren, lohenden Blicken.

„Von der Fürstin Angelika.“

„Die Fürstin Angelika bin ich selbst !“

Romulus Futurus und John Crofton sahen sich an. John Crofton, der Frau Fabia immer noch mit gleicher Glut liebte, dachte nicht anders, als sie habe über all diesen Schrecken den Verstand verloren. Das wäre nichts Besonderes gewesen an diesem Tage, wo Tausende von Irrsinnigen durch die Straßen hetzten. Romulus Futurus aber öffnete plötzlich weit die Augen und sah seine Gattin mit einem seltsamen Blick an.

„Wenn das möglich wäre “ murmelte er; und um John Crofton eine Erklärung zu geben, sagte er, von einem entsetzlichen Fieber gepackt, das hektisch auf seinen Wangen glühte: „Gehe voraus, Fabia !“

Auch ohne die Erlaubnis ihres Gatten hatte Frau Fabia bereits den Fuß auf die Treppe gesetzt und eilte nun mit leichten Schritten über die teppichbelegten Stufen empor. Im ersten Stockwerk angekommen, stieß sie die Tür eines Zimmers auf. Von neuem aber ließ sie jenen Schrei hören, den Romulus Futurus und John Crofton bereits zweimal schon von ihr gehört. Sie lehnte sich zitternd in die Ecke des Zimmers, streckte beide Arme halb abwehrend, halb beschwörend von sich und regte sich nicht; nur in den großen Augen lag ein Grauen, das wie Irrsinn funkelte . . .

Inzwischen waren Romulus Futurus und John Crofton ihr gefolgt. Der erste Mensch, den sie erblickten, war Doktor Diabel, der sich am Fenster umgewandt hatte und ihnen nun mit verschränkten Armen entgegensah, während Blitze aus seinen Augen schossen.

„Was wollen Sie hier ?“ schrie er. „Wie können Sie es wagen, in dieses Haus einzudringen ? Ich verlange Achtung vor der Fürstin Angelika, vor ihrer schweren Krankheit ! Sie ringt mit dem Tode !“

Romulus Futurus hatte die Brauen zusammengezogen, daß sie eine einzige dunkle Linie über den Augen bildeten.

„Es ist unnötig, daß Sie uns Verhaltungsmaßregeln geben,“ entgegnete er. „Noch bin ich Kultusminister und oberster Polizeibeamter von Berlin ! Noch steht mir der Eintritt in jedes Haus frei ! Die Fürstin Angelika scheint mir jedenfalls am schlechtesten aufgehoben zu sein unter Ihrer Pflege.“

Doktor Diabel stürzte Romulus Futurus entgegen und hob den Arm, als wolle er sich an ihm vergreifen. Der aber packte die erhobene Hand und preßte sie mit solcher Kraft nieder, daß Doktor Diabel ein leises Stöhnen entfloh.

Dann wandten sich Romulus Futurus und John Crofton nach der Seite, wo ein großes Himmelbett stand. Ein blauseidener Baldachin spannte sich darüber. Es erweckte gerade jetzt, da die Purpurglut mit furchtbarer Kraft durch die Fenster hereinflutete, in den Männern ein eigentümlich frommes Gefühl, da ihre Blicke sich an diesem blauen Atlas weiden konnten, der die ehemalige Farbe des Himmels hatte.

Unter diesem Baldachin lag in weißen Kissen eine abgezehrte, bleiche Gestalt. Man sah, daß sie schon Monate hier ruhte. Und in der Tat lag die Fürstin Angelika seit dieser Zeit in einem todesähnlichen Schlaf, aus dem sie nicht ein einziges Mal erwacht war.

Sie bildete ein Phänomen für die Wissenschaft, die sie nicht zu erwecken vermochte, obwohl die Verwandten riesige Summen aufgeboten. Die Fürstin Angelika war nicht gestorben. Sie schien aber auch nicht mehr zu leben. Sie lag regungslos da, bleich wie ein Wachsbild. Aber diese mysteriöse Krankheit hatte ihre Schönheit trotz allem nicht töten können. Im Gegenteil: dieser Körper schien nichts Irdisches mehr an sich zu haben. Er glich dem eines Engels, und wenn es eine Aehnlichkeit zwischen Seele und Körper gibt, so hätte man in diesem Augenblick sicher beide nicht unterscheiden können, denn die schlafende Fürstin sah aus wie ein überirdisches Wesen.

Romulus Futurus hatte kaum einen Blick auf das Lager geworfen, hatte kaum mit den Augen die Gestalt dieses Engels umfaßt, als seine Brust in tiefen Atemzügen sich hob und senkte. Seine Fäuste ballten sich zusammen und die Nägel der Finger fuhren in sein Fleisch, seine Augen rollten. Er wurde so bleich wie das Marmorsims des Kamins; selbst John Crofton wechselte die Farbe und starrte entsetzt bald auf Romulus Futurus, bald auf die Fürstin Angelika.

„Sie ist es, sie ist es !“ stieß der Gelehrte endlich zwischen den Zähnen hervor. „Allmächtiger, sie ist die Erscheinung aus meiner Galerie, sie ist das Wesen, das mich in seinem Bann hält seit vier Monden !“

Und wie ein gefällter Baum stürzte er an dem Bett der Fürstin Angelika nieder, umschlang den Körper mit seinen starken Armen und bedeckte, einem Wahnsinnigen gleich, die kalten, bleichen Lippen mit rasenden Küssen.

Doktor Diabel schien nicht zu begreifen, was sich hier abspielte. Er selbst war so verblüfft, daß er nicht den Mut fand, ein Wort zu sprechen, während Frau Fabia, die von einem unnatürlichen Schrecken vor Doktor Diabel ergriffen zu sein schien, immer noch in die Ecke gekauert lag und nur von Zeit zu Zeit flüchtig, wie ein scheuer Vogel, den Blick zu dem Arzte hinüberflattern ließ.

Ein einziger von den Menschen, die sich in dem Zimmer befanden, begriff außer Romulus Futurus, was hier vorging: John Crofton.

Auch er hatte auf den ersten Blick erkannt, daß zwischen der Fürstin Angelika, die hier im tiefen Schlafe lag, und jener nebelhaften Erscheinung, die die lichtempfindliche Platte in der Galerie festgehalten hatte, eine solche Aehnlichkeit herrschte, daß man beide für ein und dieselbe Person halten mußte.

Er verstand allerdings nicht, wie dieses Rätsel sich lösen sollte, bis Romulus Futurus, der vergeblich versucht hatte, den Körper der Fürstin zum Leben zu erwecken, plötzlich aufsprang.

„Sie ist kalt, eiskalt !“ schrie er wie ein Rasender Und Doktor Diabel, der es nicht glauben wollte, stürzte herbei, betastete ihre Hände, ihre Arme, ihr Gesicht, sprang dann zum Fenster zurück und begann, ohne auf die anderen zu achten, eine Beschwörung, die höchst merkwürdig war.

Er beschrieb über dem Kopfe der Leblosen magische Zeichen. Man sah, wie er seinen ganzen Willen konzentrierte. Er schrumpfte zusammen vor ungeheurer Aufregung, seine Augen wurden starr wie schwarze Perlen; mit gepreßter Stimme sagte er:

„Ich befehle dir, Angelika, zu erwachen ! Du sollst erwachen! Du mußt erwachen !“

Das wiederholte er in einem fort wie ein Verrückter, während seine Augen irr an der Leblosen hingen. Plötzlich stieß er einen Schrei aus, fiel, von der übermenschlichen Anstrengung erschöpft, zu Boden und schrie:

„Es ist zu spät, zu spät ! Die Seele kehrt nicht mehr in den Körper zurück !“

Jetzt schien Romulus Futurus zu fassen, was hier vorgefallen war. Halb vornübergebeugt, wie ein Riese, die Arme vorgestreckt, die Fäuste geballt näherte er sich Doktor Diabel, packte ihn mit beiden Händen an der Brust, schleuderte ihn hin und her und schrie:

„Du hast sie hypnotisiert, Elender, gestehe !

Du hast vor vier Monaten diese Unglückliche in einen magnetischen Schlaf versetzt und hast sie nicht mehr daraus erweckt! Schurke, Hund, Scheusal, gestehe ! Gestehe, oder ich zerquetsche dich unter meinen Fäusten !“

Dieses Toben eines Mannes, der bis zur Stunde nie seine überlegene Ruhe verloren hatte, gewährte einen schrecklichen Anblick. Unter diesen Fäusten, kraftlos gemacht durch die Hitze und Flammen, die den Horizont erfüllten, sank Doktor Diabel in die Knie. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn, und schlotternd, im Zerrbild von Angst und Feigheit, gestand er:

„Ja, ja, es ist wahr ! Ich habe sie in magnetischen Schlaf versetzt, ich habe ihr befohlen, zu schlafen, immer zu schlafen und nichts mehr zu wissen, und nun - nun ist es zu spät - ich habe den rechten Augenblick versäumt - sie ist tot, tot !“

Romulus Futurus schüttelte den Schwächling, daß sein Kopf hin und her gegen die Wand schlug.

„Warum ?“ schrie er mit furchtbarer Stimme, während der Wahnsinn aus seinen eigenen Augen brach, „warum ?“

„Weil ich sie liebte, und weil sie gestand, daß ihr Herz einem anderen gehörte, an den sie immerfort dächte, daß sie nur einen lieben könne, nur einen . . .“

„Wen? Wen ? Sprich !“

„Sie sprach von Romulus Futurus,“ ächzte Doktor Diabel.

Romulus Futurus reckte und dehnte sich wie ein Gigant. Er war furchtbar anzusehen, und John Crofton erkannte mit Angst und Schrecken, daß sein Freund irrsinnig geworden war.

„Mich hat sie geliebt! Mich ! Verstehst du, John ? Crofton ? Begreifst du alles ? Dieser Schurke hat die Fürstin in einen magnetischen Schlaf versetzt, und ihre Seele wandelte frei umher und flüchtete zu dem, den sie liebte, während der Körper hier in den Fesseln des Magnetismus lag. Ihre Seele habe ich gesehen, und so habe ich mich in sie verliebt ! Ich kann nicht mehr leben ohne sie !“

Er wandte sich um. Mit seinem breiten Körper versperrte er den Ausgang. Dann riß er den Leichnam der Fürstin Angelika aus den Kissen, hob sie in die Luft, daß das weiße, seidene Nachtkleid an ihrem Körper auf den Teppich niederfloß, und rief:

„Du sollst erwachen, du sollst erwachen ! Ich liebe dich ja ! Ich liebe dich bis zum Wahnsinn !“

Aber die Fürstin Angelika erwachte nicht mehr. Zu lange hatte die Seele gezögert, wieder in den Körper zurückzukehren. Jetzt, da die Fürstin entschlafen war, da der Körper seine Beziehungen zur Seele verloren hatte und verfiel, jetzt gehorchte jene der magnetischen Gewalt des Doktor Diabel nicht mehr, und der Tod des Leibes war damit unwiderruflich besiegelt.

Romulus Futurus hieß den leblosen Körper in die Kissen zurückgleiten, stellte sich breit hin und heftete sein von Wahnsinn erfülltes Auge auf Frau Fabia, die, von Furcht geknebelt, mit halb geöffneten Lippen all diesen Vorgängen gelauscht hatte.

„Was gebe ich mich der Verzweiflung hin ?“ murmelte er, während die Gluthitze des roten Kometen das Zimmer durchsengte, während das Todesgeschrei der Menschen von den Straßen herauftönte und Beten, Flüche und Verwünschungen durch die Luft hallten.

„Was zögere ich noch ? Du - du,“ er wandte sich an Frau Fabia,  -  „du bist es und bist es nicht ! In deinem Körper lebt die Seele Angelikas, und darum kann sie nicht zurückkehren in den Leib, den ich anbete !“

Er richtete sich höher auf, erfaßte mit seinen starken Fäusten Frau Fabia, die leise, verzweifelte Angstrufe hören ließ, schleifte sie zu sich hin und schrie:

„Gib die Seele zurück, die nicht dir gehört ! Angelika soll leben! Ich will es ! Hörst du ?“

Und als ihm nichts antwortete als das stumme Entsetzen der Menschen, die sich in dem Zimmer befanden, ließ er Frau Fabia plötzlich los, stürzte sich von neuem auf Doktor Diabel, zerrte ihn zu ihr hin und schrie:

„Töte sie, töte sie, daß ihre Seele in den Körper Angelikas zurückkehren kann !“

Doktor Diabel sank unter der furchtbaren Faust, die ihn zu Boden drückte, in die Knie. Er hätte nicht die Kraft gefunden, einen Arm zu erheben, geschweige denn, den entsetzlichen Befehl des Romulus Futurus auszuführen.

Der aber, von wahnwitziger Wut gepackt, weil Dr. Diabel nicht sofort seinem Befehl folgte, riß ihn in die Höhe, hielt ihn einige Augenblicke in der Luft und schleuderte ihn mit so entsetzlicher Kraft gegen die Wand, daß der Kopf des Arztes zerschellte.

John Crofton wurde von namenlosem Grauen ergriffen. Er versuchte vergeblich, die Tür frei zu machen. Romulus Futurus hatte seine Absicht erkannt und füllte den Ausgang wieder mit seinem gigantischen Körper aus.

„Habe ich nicht recht, John ?“ rief er mit schauerlichem Lachen. „Habe ich nicht recht ? Endlich, endlich bin ich am Ziele.“

Und er beugte sich blitzschnell nieder, ergriff die Unglückliche, die vor Entsetzen und Todesgrauen die Besinnung verloren hatte, und preßte mit seinen Fingern ihren Hals zusammen.

Das war zu viel für John Crofton, in dem längst aller Haß gegen Frau Fabia gestorben, in dem die alte Liebe mit neuer Kraft emporgeloht war. Das konnte er nicht mit ansehen. Er wurde von rasender Wut gegen Romulus Futurus gepackt; brüllend warf er sich auf den Freund, entriß ihm die Ohnmächtige und schlug ihm mit der geballten Faust ins Gesicht.

Aber stärkere Männer als John Crofton hätten diesen Rasenden nicht mehr bändigen können. Er griff nun den Freund an, warf ihn zurück, packte ihn von neuem, und zwischen den beiden Männern entspann sich ein Ringen auf Leben und Tod, ein qualvoller, entsetzlicher Kampf, der das ganze Zimmer erfüllte, der nahezu zehn Minuten währte, bis Romulus Futurus den Gegner endlich niedergezwungen hatte, bis es ihm glückte, das Messer aus der Tasche zu ziehen.

Er stieß es wohl ein dutzendmal dem Erschöpften in die Brust, bis dieser die Glieder streckte und regungslos lag in einer Lache von Blut.

Einem Tiere gleich, warf sich darauf Romulus Futurus von neuem auf Frau Fabia und tötete sie mit eigener Hand.

So stand er stieren Blicks zwischen den beiden Leichnamen und befahl mit lallender Stimme, daß die Seele Angelikas wieder in den Körper zurückkehre.

Aber diesmal glückte das Experiment nicht.

Dieses ätherische Wesen, von dem man bis zu den Tagen des Romulus Futurus nur einen unbestimmten Begriff gehabt hatte, konnte nicht in einen toten Körper übergehen, nachdem er schon einmal in eine fremde Materie gebannt worden war.

Die Fürstin Angelika blieb tot, und Romulus Futurus stand mit gebeugten Schultern zwischen vier Leichnamen. Inzwischen brütete draußen auf den Straßen der Tod. Purpurne Blitze zuckten nieder, die Donner rollten über den einstürzenden Häusern, die Luft war erfüllt von dem Todesgeschrei Tausender von Menschen, bis die Nacht vorüberging und der Tag anbrach. Da ließ die Hitze nach, und von Stunde zu Stunde wurde es kühler in den Straßen. Hinter fahlen Nebeln verschwand der Komet mehr und mehr, und die, welche nach jener entsetzlichen Nacht noch am Leben geblieben waren, erkannten, daß der Zusammenstoß zwischen dem Gestirn und der Erde nicht erfolgt war.

Der furchtbare Stern war vorübergeglitten, vielleicht nur durch einige Millionen von Kilometern noch von der Erde getrennt, und nun setzte er seine Bahn fort, weiter in den unendlichen Weltenraum.

Die Erde war gerettet. Mit der Stunde, da die Gefahr vorüber war, da die Hitze nachließ und die zurückgebliebenen Menschen sich mehr auf sich selbst besannen, mit diesem Augenblick wurden sie wieder ruhig, selbstbewußt, und erinnerten sich ihrer Zivilisation und Kultur.

Der rote Komet war erloschen für immer. Die Menschen machten sich daran, die Folgen dieser entsetzlichen Katastrophe zu beseitigen.

Soldaten und Feuerwehrleute eilten durch die Straßen, sammelten die Leichen, packten sie in Särge und Tücher und beerdigten sie. Man drang in die Häuser, rettete die, welche noch zu retten waren, und säuberte die Gebäude von Leichen.

Das Leben begann wieder seinen gewohnten Gang zu nehmen, der Pulsschlag der Arbeit hämmerte wieder in dem Körper Berlins. Da drangen Soldaten und Offiziere auch in das Palais der Fürstin Angelika ein und fanden die Opfer der entsetzlichen Katastrophe, die sich dort abgespielt hatte.

Sie fanden einen Wahnsinnigen zwischen vier Leichen. Als sie in das Zimmer traten, da wies er mit der Hand zur Decke empor: „Seht ihr die kleine rote Flamme, die gerade über meinem Haupte steht und flackert ? Seht ihr sie ?“

Niemand sah sie. Romulus Futurus aber erblickte sie, dieses kleine, purpurrote Flämmchen, das gerade über ihm stand, und er wußte, daß das die Seele der Fürstin Angelika war. - Die andern aber sahen es nicht. Sie führten den Wahnsinnigen gefesselt durch die Straßen und brachten ihn in eine kleine, einsame Zelle. Dort brütete der ehemalige berühmte Astronom mehrere Tage schweigend vor sich hin. Von Zeit zu Zeit sprang er auf und versuchte, das kleine, rote Flämmchen, das niemand sah außer ihm, einzufangen . . .

Wenn ihm dies nicht gelang, dann warf er sich auf den Boden hin und schluchzte und tobte, bis die Wärter kamen und ihn in Fesseln legten.

„Er sieht eben immer noch die Purpurfarbe des roten Kometen,“ meinte der Oberarzt der Irrenanstalt. „Was ist da zu machen ? Er wird nie mehr gesund werden.“

So war es auch. Romulus Futurus kam nicht mehr zu sich; vier Wochen später trug man ihn zu Grabe, als letztes Opfer des roten Kometen, dessen Erscheinen er als Erster verkündet hatte.


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