Mittwoch, 17. Juni 2015

WALT WHITMAN - GESÄNGE UND INSCHRIFTEN - Übertragen von Gustav Landauer



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Walter Whitman 1819 - 1892



Walter Whitman war ein US-amerikanischer Dichter. Er gilt als einer der Begründer der modernen amerikanischen Dichtung und daher als einer der einflussreichsten amerikanischen Lyriker des 19. Jahrhunderts, dessen Werk auch in der folgenden Zeit von großer literarischer Bedeutung ist. Sein berühmtestes Werk ist sein Lebenswerk Leaves of Grass (Grashalme).
 

Seine Lyrik ist sehr volksverbunden und macht die Bedeutung der Masse, der Demokratie und der Natur deutlich und verherrlicht diese. In Gedichten wie Gesang von mir selbst wird eine Verherrlichung des Ichs als seelisch-sinnliche Ganzheit deutlich, die den demokratischen Menschen verkörpert. Andererseits ist er Dichtern wie Shakespeare, Macpherson, Homer, der Bibelsprache und orientalischer Literatur und Philosophie verpflichtet.
 

Er ist ferner vom Pantheismus beeinflusst und von dem Gedankengut der Transzendentalisten geprägt. Seine Dichtung drückt eine Auffassung der „prophetischen Sendung des Dichters“ aus.

Während die frühen Werke von unbrechbaren Optimismus strotzen, finden sich in späteren Werken auch triste Todeserfahrungen aus dem Sezessionskrieg. Whitman hat der Dynamik und dem expansiven Menschheitsglauben Amerikas einen gültigen Ausdruck verliehen. Seine Dichtung wirkte auch stark auf Europa und wies der Lyrik neue Aussage- und Ausdrücksmöglichkeiten.

Am 26. März 1892 starb Walt Whitman mit 72 Jahren in Camden, New Jersey und wurde dort auf dem Harleigh Cemetery beerdigt




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DAS SELBST SING ICH


Das Selbst
sing ich, schlechtweg den Einzelmenschen,
Doch äußere dazu das Wort Demokratisch, das Wort En- masse.
Physiologie sing ich von Kopf zu Fuß,
Nicht Physiognomie noch Hirn allein ist würdig der Muse, falls völlige Form die würdigste ist,
Das Weibliche sing ich gleichen Rangs mit dem Männlichen.
Weiten des Lebens, Gluten, Drang und Macht,
Freudig um freieste Tat, erstanden aus Gottesrecht,
Den modernen Menschen sing ich.


AM FREMDE LANDE

Ich höre, ihr suchet etwas, um diesen Knoten zu lösen, die Neue Welt,
Und Amerika zu erklären, seine athletische Demokratie,
Also nehmt hier meine Gedichte, daß sie euch zeigen, was ihr begehrt.


AN EINEN HISTORIKER

Du, der Geschwundenes feiert,
Der das Äußre erforscht hat, die Oberflächen der Rassen, des Lebens, das sich zur Schau gestellt hat,
Der vom Menschen gehandelt hat als Geschöpf von Politik, Gemengen, Herrschern und Priestern,
Ich, Sasse der Alleghenyberge, der von ihm handelt, wie er an sich ist im eigenen Recht,
Den Puls des Lebens drückend, das sich selten zur Schau gestellt hat (die große Pracht des Menschen in sich),
Der Sänger der Persönlichkeit, zeichnend, was erst noch kommen soll,
Ich entwerfe die Geschichten der Zukunft.


AN EINE SÄNGERIN

Da, nimm dies Geschenk,
Ich hab es für einen Helden bewahrt, Mann der Rede, oder General,
Für einen, der der guten alten Sache diente, der großen Idee, dem Fortschritt und der Freiheit des Menschengeschlechts,
Einem tapfern Despotentrotzer, kühnen Empörer;
Und nun seh ich, was ich bewahrte, ist dein just ebensogut wie eines.


SCHLIEßT EURE TÜREN NICHT

Schließt eure Türen nicht vor mir, stolze Bibliotheken,
Denn was in all euren Fächern, voll wie sie sind, fehlte und doch am meisten not tut, bringe ich,
Aus dem Krieg heraus, der anhebt, hab ich ein Buch gemacht,
Nichts die Worte, alles in meinem Buch die Bahn,
Ein besonderes Buch, abseits vom Rest und nicht vom Verstand erfaßt,
Doch ihr, sprachlose Abgründe ihr, werdet jegliche Seite durchdringen.


KÜNFTIGE DICHTER

Künftige Dichter! Musiker, Sänger, Redner der Zukunft!
Nicht heut ist's an dem, mich zu rechtfertigen und gut zu sagen, wer ich sei,
Doch ihr, ein neues Geschlecht, Ursprüngliche, Ringer, Bürger des Kontinents, größer als je geschaut,
Wacht auf! denn ihr müßt mich rechtfertigen.
Ich selbst schreibe nur ein oder zwei andeutende Worte für das, was kommt,
Ich trete nur kurz vor zu Schwung und in Hast zurück in die Dunkelheit.
Ich bin ein Mann, der im Schlendern, ohne so recht zu halten, zufälligen Blick euch zuwirft und dann sein Antlitz wendet,
Der euch Beweis und Erklärung vertraut,
Die Hauptsache euch vermacht.


AN DICH

Fremder, wenn du mich flüchtig streifst und Lust hast, zu mir zu sprechen, warum solltest du nicht
zu mir sprechen?
Und warum sollt ich nicht sprechen zu dir?



STAUB TOTER SOLDATEN

Staub toter Soldaten, ob Freunde, ob Feinde,
Wie ich rückwärts sinne und in Gedanken ein Lied summe,
Stellt sich der Krieg wieder ein, stellt eure Gestalten vor mich,
Stellt den Marsch der Armeen wieder her.
Geräuschlos wie Nebel und Dünste,
Heraus aus ihren Gräbern in Gräben,
Aus Friedhöfen in ganz Virginien und Tennessee,
In jeglicher Himmelsrichtung aus zahllosen Gruben hervor,
In schwebenden Wolken, großen Kolonnen, Gruppen selbzweit und -dritt oder vereinzelt kommen sie an,
Und sammeln sich schweigend um mich.
Nun keinen Ton, ihr Trompeter,
Nicht an der Spitze meiner Kavallerie die mutigen Rosse getummelt,
Im Schimmer gezogener Säbel, mit Karabinern am Bein, (oh, meine wackern Reiter!
Schöne Reiter mit Lohe im Antlitz! was führtet ihr für ein Leben,
Stolz in Wagnis und Lust.)
Keinen Ton auch, ihr Trommler, nicht beider Reveille im Morgengraun,
Nicht den langen Wirbel zum Lageralarm, selbst nicht gedämpften Trauerschall,
Nichts von euch diesmal, o Trommler, die ihr meine Kriegstrommeln truget.
Abseits aber von diesen und den Märkten des Glücks und der wandelnden Menge,
Zieh ich eng Kameraden zu mir, nicht gesehn von den andern und stumm,
Die Erschlagnen, die sich erheben und noch einmal leben, lebend gewordenen Staub und Trümmer,
Und ich singe den Sang meiner stillen Seele im Namen aller toten Soldaten.
Bleiche Gesichter mit staunenden Augen, sehr liebe Freunde, tretet heran,
Dicht zu mir, doch redet nicht.
Gespenster zahlloser Verlornen,
Unsichtbar den andern werdet künftig meine Gefährten,
Begleitet mich immer – verlasst mich nicht, solange ich lebe.
Hold sind die blühenden Wangen der Lebenden – hold der melodische Klang redender Stimmen,
Doch hold, ach hold sind die stummen Augen der Toten.
Meine Gefährten, alles ist aus und lange vorbei,
Doch Liebe ist nicht aus, Freunde – und welche Liebe!
Duft, der von Schlachtfeldern steigt, aus dem Gestank sich erhebt.
Durchdufte meinen Gesang, Liebe, unsterbliche Liebe,
Gib mir das Gedächtnis der toten Soldaten zu baden,
Sie einzukleiden und süß zu salben und ganz zu decken mit zarter Pracht.
Durchdufte alle – mach alle heil,
Mach diesen Staub nährend und blühend,
Löse sie alle, Liebe, und mache sie fruchtbar mit feinster Chemie.
Gib mir Unerschöpflichkeit, mach mich zum Quell,
Daß ich Liebe aushauche, wo immer ich gehe, gleich ewig frischem Tau,
Für den Staub aller toten Soldaten, ob Freunde ob Feinde.


JAHRE DES MODERNEN

Jahre des Modernen! Jahre des Unfertigen!
Euer Horizont erhebt sich, ich seh ihn schwinden für erhabnere Dramen,
Ich sehe nicht bloß Amerika, nicht bloß die Freiheitsnation, sondern andre Nationen bereit,
Ich sehe erschütternde Auftritte und Abgänge, neue Zusammenschlüsse, die Gemeinschaft der Rassen,
Ich seh diese Macht mit unwiderstehlicher Gewalt auf die Weltbühne treten,
(Haben die alten Mächte, die alten Kriege ihre Rolle gespielt? sind die Akte, die ihnen gemäß sind, zu Ende?)
Ich sehe die Freiheit, völlig gewappnet, siegreich und herrlich, links vom Gesetz und rechts vom Frieden geleitet,
Ungeheures Trio einig im Schritt gegen das Kastenwesen;
Was für geschichtlichen Schürzungen eilen wir zu?
Ich sehe Männer hin und wieder marschieren in raschen Millionen,
Ich sehe die Grenzen und Schranken der alten Aristokratien zertrümmert,
Ich sehe die Grenzsteine europäischer Könige entfernt,
Ich sehe den Tag, wo das Volk seine Grenzsteine setzt (alle andern verschwinden);
Nie wurden so scharfe Fragen gestellt wie heute,
Nie war der Durchschnittsmensch, seine Seele, energischer, näher an Gott,
Hört, wie er drängt und drängt und den Massen nicht Ruhe läßt!
Sein kühner Fuß ist allenthalben zu Land und See, den Stillen Ozean besiedelt er und die Inselmeere,
Mit dem Dampfer, dem elektrischen Telegraphen, der Zeitung, den Welthandels-Kriegsmaschinen,
Damit und mit den Fabriken in aller Welt verkettet er alle Länder zu einer Geographie;
Was für ein Flüstern, o Länder, läuft über euch weg, schlüpft unter den Meeren durch?
Sind alle Völker geeint? Soll der Erdball nur ein Herz noch haben?
Bildet sich Menschheit im großen? wahrlich, Tyrannen erzittern, Kronen verdüstern,
Ein neues Zeitalter setzt sich die störrische Erde, vielleicht allgemeinen heiligen Krieg,
Niemand weiß, was nächstens geschieht, solche Zeichen füllen Tage und Nächte;
Jahre der Prophetie! der Raum, wie ich vorwärts strebe und umsonst mich mühe, ihn zu durchdringen, ist voller Gespenster,
Ungeborene Taten, Dinge, die bevorstehn, werfen ihre Schatten um mich,
Diese unglaubliche Hast und Hitze, diese seltsam ekstatischen Fieberträume, o Jahre!
Eure Träume, o Jahre, wie durchbohren sie mich! (ich weiß nicht, schlaf ich oder wach ich;)
Das fertige Amerika und Europa verglimmen, fallen schattenhaft von mir ab,
Das Unfertige, riesenhafter als je, dringt auf mich, dringt auf mich ein.


WANDL ICH DURCH DIE BREIT
MAJESTÄTISCHEN TAGE



Wandl ich durch die breit majestätischen Tage des Friedens,
(Denn der Krieg, der Blutstreit ist aus, und du, o grauenvolles Ideal,
Nach ruhmvollem Sieg gegen gewaltige Übermacht,
Folgst nun deiner Bahn, bald aber vielleicht dichteren Kriegen zu,
Vielleicht um bald in furchtbarere Kämpfe und Nöte zu treten,
Längere Feldzüge und Krisen, der Arbeit vor allen andern,)
So höre ich um mich den Lärm der Welt, Politik, Produktion,
Anerkannter Dinge Ankündigungen, Wissenschaft,  Technik,
Das erfreuliche Wachstum der Städte, die Flut der Erfindungen.
Ich sehe die Schiffe (sie dauern ein paar Jahre),
Die gewaltigen Fabriken mit Werkführern, Arbeitern,
Und höre all das akzeptiert und hab nichts dagegen.
Doch auch ich verkünde gediegene Dinge,
Politik, Wissenschaft, Technik, Schiffe, Städte, Fabriken sind nicht nichts,
Wie ein gewaltiger Zug, der Musik ferner Signale zuströmend, im Siegerschritt und Herrlicheres vor Augen,
Ersetzen sie Wirklichkeiten – alles ist, wie es sein soll.
Nun meine Wirklichkeiten;
Was sonst ist so wirklich wie meines?
Freiheit und göttliche Ausgleichung, jedes Sklaven Erlösung auf dem Antlitz der Erde,
Die entzückten Verheißungen und Lichtgebilde der Seher, die geistige Welt, zeitentrotzend diese Gesänge,
Und unsre Gesichte, die Gesichte der Dichter, die gediegensten Ankündigungen von allen.


DER MYSTISCHE TROMPETER

1.

Horch, welch wilder Musikant, welch seltsamer Trompeter
Unsichtbar heute Nacht in Lüften schwebt und tolle Weisen schmettert.
Ich höre dich, Trompeter, scharf lauschend vernehm ich dein Spiel,
Jetzt um mich strömend, wirbelnd wie ein Sturm,
Jetzt leise, unterdrückt, jetzt in der Ferne verloren.

2.

Komm näher, Körperloser, vielleicht erklingt in dir
Ein toter Komponist, vielleicht erdrückte dich
Ein hohes Streben, ungeformtes Wollen,
Chaotisch drängten sich Klangwogen, Ozeane stiegen,
Daß nun dein Geist ekstatisch sich mir neigt und dröhnend schütternd seine Rhythmenflut
Vertrauensvoll in meine, meine Ohren gießt,
Daß ich sie übersetze.

3.

Blase, Trompeter, frei und hell, ich folge,
Und wie dein Vorspiel heiter froh verfließt,
Schwindet die fressende Welt, die Straßen, die lärmenden Stunden des Tags,
Heilige Stille senkt sich wie Tau auf mich nieder,
Ich wandle in kühl erfrischender Nacht die Pfade des Paradieses,
Mir duftet das Gras, die feuchte Luft und die Rosen;
Dein Lied entfaltet den starr gefesselten Geist – befreit mich, läßt mich los,
Ich schwimme wohlig im Himmelssee.

4.

Blase nur, Trompeter! und vor die sehenden Augen
Stell mir die alten Heiden, bring die feudale Welt.
Was Zaubers wirkt dein Spiel! es tauchen vor mir auf
Längst tote Herrn und Damen, Barone in ihren Schlössern, die Troubadoure singen,
Gewappnet ziehn Ritter dem Unrecht entgegen oder suchen den heiligen Gral;
Ich sehe Turniere und Streiter in schwerer Rüstung auf knirschenden Rossen,
Ich höre das Jauchzen, das Dröhnen von Hieben und Stichen;
Ich sehe der Kreuzzugsheere Getümmel – horch, wie die Zimbeln schallen,
Sieh dort den Zug der Mönche mit hoch erhobenem Kreuz.

5.

Blas nur Trompeter! und zum Thema
Nimm nun das Thema, das alle einschließt, lösend und bindend,
Liebe, den Takt der Welt, den Trost und die Tränen,
Mannes und Weibes Herz mit nichts als Liebe,
Kein andres Thema als Liebe, – knüpfende, hegende, allüberschwemmende Liebe.
O wie die unsterblichen Wesen sich um mich drängen!
Ich sehe den großen Vergaser ewig tätig, ich kenne die Flammen, die Heizer der Welt,
Glut und Röte, pochende Herzen der Liebenden,
So selig manche, und manche so still, dunkel, nahe dem Tode;
Liebe, außer der Liebenden nichts ist – Liebe, die Zeit und Raum überwindet,
Liebe, die Tag und Nacht ist – Liebe, die Sonne und Mond ist und Sterne,
Liebe in Scharlach und Üppigkeit, duftkranke Liebe,
Keine Worte als Worte der Liebe, kein andres Denken als Liebe.

6.

Blas nur, Trompeter – beschwöre den Krieg.
Schnell rollt deinem Ruf ein murrendes Beben wie ferner Donner,
Sieh, die Bewaffneten eilen – sieh durch geballten Staub das Glitzern der Bajonette,
Da Kanoniere finsteren Blicks, und jetzt der rosige Blitz aus dem Rauch, ich höre den Krach der Geschütze;
Nicht Krieg allein – dein furchtbares Lied, wilder Spieler, bringt jegliches Schreckensgesicht,
Taten ruchloser Räuber, Plünderung, Mord – ich höre die Hilfeschreie!
Ich sehe scheiternde Schiffe auf hoher See, gewahre auf Deck und unter Deck die gräßlichen Szenen.

7.

Trompeter, mir ist ganz, als spieltest du auf mir,
Du schmelzest Herz und Hirn – rührst sie und ziehst und wandelst sie nach Laune;
Und jetzt erfüllt dein dumpfes Tönen mich mit Finsternis,
Du raubst das muntre Licht und jedes Hoffen,
Ich sehe die Getretnen, Unterjochten, Leidenden, Gedrückten des ganzen Erdenrunds,
Ich fühle meines Geschlechts Demütigung und maßlose Schmach, sie wird die meine,
Mein auch die Empörung der Menschheit, der Schimpf der Jahrhunderte, die zuschanden gemachten Fehden und Wüte,
Völlige Niederlage lastet auf mir – alles verloren – der Feind triumphiert,
(Doch in den Trümmern steht wie ein Riese der Stolz, ungebrochen zum Äußersten,
Geduld, Entschlossenheit zum Äußersten.)

8.

Trompeter, nun zum Ende
Gewähre höhere Weise als bisher,
Sing meiner Seele zu, erneure ihr sehnendes Hoffen,
Rüttle den trägen Glauben empor, gib mir Vision der Zukunft,
Gib mir einmal ihr Bild und ihre Lust.
O froher, jauchzender, gipfelnder Sang!
Nicht aus der Erde quillt dir die Gewalt,
Siegsmärsche – der entjochte Mensch – der Überwinder,
Dem Weltengott des Weltenmenschen Hymnen – lauter Lust!
Die Menschheit neugeboren – die Welt vollkommen, lauter Lust!
Frauen und Männer gesund, unschuldig, weise – lauter Lust!
Lachende, rauschende Feste strotzend voll mit Lust!
Krieg, Elend, Kummer fort – Erde von Fäulnis rein – Lust einzig übrig!
Die Meere lusterfüllt – die Lüfte lauter Lust!
Lust! Lust! in Freiheit, Andacht, Liebe! Lust! Lust! Im Überschwang des Lebens!
Genug das bloße Sein! Genug zu atmen!
Lust! Lust! Überall Lust!


LEB WOHL, SOLDAT

Leb wohl, Soldat,
Mann rauhen Feldzugs (den wir teilten),
Der schnelle Marsch, das Lagerleben,
Der heiße Streit feindlicher Fronten, das lange Hinziehn,
Die roten Schlachten mit ihrem Gemetzel, die Wut, das wilde, gräßliche Spiel,
Alles zeugt von tapferen und männlichen Herzen, von Zeiten, die du und deinesgleichen gefüllt,
Mit Krieg und Kriegsgepräge.
Leb wohl, Kamerad,
Dein Amt ist aus, – ich aber, kriegerischer,
Ich und dies mein streitendes Herz,
Wir stehen noch im eignen Feldzug,
Auf unbegangnen Wegen voller Gefahren und Hinterhalte,
Fechten in Niederlagen und Krisen, oft betrogen,
Und immer im Marsch, vorwärts marsch, den Krieg zu Ende, drauf,
Wir prägen wildere, schwerere Schlachten.



 LIED DER LANDSTRASSE

1.

Und nun von Stund an erklär ich mich frei von Schranken und eingebildeten Linien,
Ich gehe, wohin ich will, mein eigener Herr völlig und gänzlich,
Ich höre auf andre und prüfe gut, was sie sagen,
Breche ab, empfange, suche, betrachte,
Freundwillig, jedoch unbeugsamen Willens, der Krücken entratend, die mich stützen wollen.
Ich atme die Weiten des Raums ein,
Ost und West sind mein, und Nord und Süd sind mein.
Ich bin weiter, besser als ich vermeint,
Ich wußte nicht, daß ich so gütig sei.
Alles erscheint mir nun schön,
Männern und Fraun kann ich immerzu sagen, ihr waret so gut zu mir, ich wäre grad so zu euch.
Kraft will ich sammeln für mich und für euch, wenn ich wandre,
Unter Männer und Fraun will ich mich streun, wenn ich wandre,
Neue Lust und Herbheit will ich aus ihnen schütteln,
Verleugnet mich einer, so solls mich nicht stören,
Nimmt mich einer auf, ob Mann ob Frau, so sei er gesegnet und wolle mich segnen.

2.

Erschienen jetzt tausend vollkommene Männer, es sollt mich nicht wundern,
Erschienen jetzt tausend schöne Frauengestalten, ich würde nicht staunen.
Ich sehe jetzt in das Geheimnis, wo die besten Menschen herkommen.
Sie wachsen in freier Luft, haben Essen und Schlaf mit der Erde.
Hier ist Raum für große persönliche Tat.
(So eine Tat ergreift die Herzen des ganzen Menschengeschlechtes,
Was ihr an Stärke und Willen entströmt, reißt alle Gesetze um und spottet aller Autorität und aller Reden gegen sie.)
Hier ist die Prüfung der Weisheit,
Weisheit wird nicht letztlich in Schulen geprüft,
Weisheit ist nicht übertragbar von dem, der sie hat, auf den, der sie nicht hat,
Weisheit entstammt der Seele, ist keines Beweises fähig, ihr eigner Beweis,
Paßt auf alle Stufen und Gegenstände und Eigenschaften und ist genügsam,
Ist die Gewißheit der Wirklichkeit und Unsterblichkeit der Dinge, und der Trefflichkeit aller Dinge;
Etwas ist im Strom der sichtbaren Dinge, das sie aus der Seele hervorruft.
Jetzt überprüf ich Philosophien und Religionen,
Sie mögen gut sein für Vorlesungssäle, doch nicht im geringsten unter den massigen Wolken, an eilenden Strömen und in der Landschaft.
Hier ist Verwirklichung,
Hier ist der Mensch aus dem Kernholz geschnitten – er bewährt, was er in sich hat,
Das Gestern, das Morgen, die Herrlichkeit und die Liebe – sind sie nicht in euch, so seid ihr nicht in ihnen.
Nur der Kern jeder Sache ernährt;
Wo ist der Mann, der euch und mir die Schalen abstreift?
Wo ist der Mann, der euch und mir Masken und Hüllen zerreißt?
Hier ist Zusammenhalt, künstlich gedrechselter nicht, sondern spontaner;
Wißt ihr, was es heißt, im Vorbeigehn von Fremden geliebt zu werden?
Kennt ihr die Sprache der zugeworfenen Blicke?

3.

Allons! Durch Streit und Krieg!
Genanntes Ziel ist unwiderruflich.
Sind die vergangenen Kämpfe geglückt?
Was ist geglückt? Du? Dein Volk? Die Natur?
Nun höre mich wohl – es liegt im Wesen der Dinge, daß aus jedem genossenen Glück, gleichviel wie es heiße, etwas hervorkommt, das größeren Streit notwendig macht.
Mein Ruf ist der Kriegsruf, ich nähre tatkräftigen Aufstand,
Wer mit mir geht, muß in Waffen gehn,
Wer mit mir geht, kennt schmale Kost, Armut, scharfe Feinde, Abtrünnigkeit.


SALUT AU MONDE!

Du, wer du auch bist!
Du Tochter oder Sohn Englands!
Du aus den gewaltigen slawischen Stämmen und Reichen! Du Russe in Rußland!
Du Dunkelsproß, schwarzer Afrikaner mit göttlicher Seele, Breiter, Schmalköpfiger, edel Gebauter, stolzer Bestimmung, auf gleichem Fuß mit mir!
Du Norweger! Schwede! Däne! Isländer! Preuße Du!
Du Spanier aus Spanien! Du Portugiese!
Du französisches Weib und Franzose aus Frankreich!
Du Belgier! Du Freiheitsfreund in den Niederlanden! (Stamm, dem ich selber entsprossen;)
Du handfester Österreicher! Lombarde! Ungar! Du Böhme! Steirischer Bauer!
Du Nachbar der Donau!
Du Arbeitsmann vom Rhein, von der Elbe oder der Weser! Du Arbeitsfrau auch!
Du Sardinier! Du Bayer! Schwabe! Sachse! Wallache! Bulgare!
Du Römer! Neapolitaner! Du Grieche!
Du geschmeidiger Matador in der Arena von Sevilla!
Du Bergbewohner, der gesetzlos auf dem Taurus oder Kaukasus haust!
Du Hirt Bokharas, der seine Stuten weidet und Hengste züchtet!
Du schöner Perser, der im vollen Galopp im Sattel Pfeile nach dem Ziele schießt!
Du Chinese und Chinesin aus China! Tartar der Tartarei!
Ihr Frauen der Erde im Dienst eures Amtes!
Du Jude, der im hohen Alter durch alle Gefahren durch pilgert, um einst auf Palästinas Boden zu stehen!
Ihr andern Juden, die in allen Ländern auf ihren Messias warten!
Du sinnender Armenier, der an einem Euphratstrom brütet! Du Starrer unter den Ruinen von Ninive! Du Araratbesteiger!
Du müder Pilger, der sich fortschleppt, um das ferne Funkeln der Minarete von Mekka zu grüßen!
Ihr Scheiks auf der Stecke von Suez nach Bab-el-Mandeb, Gebieter eurer Familien und Stämme!
Ihr Ölbaumpflanzer, die ihre Früchte hegen auf den Feldern von Nazareth, Damaskus oder am See Tiberias!
Du tibetanischer Kaufmann im weiten Innern, oder in den Läden von Lassa feilschend!
Du japanischer Mann oder Frau! Bewohner Madagaskars, Ceylons, Sumatras, Borneos!
All ihr Festlandbewohner in Asien, Afrika, Europa, Australien, wo eure Stätte sei!
Alle ihr auf den zahllosen Eiländern der Inselmeere!
Und ihr in den fernen Jahrhunderten, wo ihr mich hört!
Und du jeglicher und allenthalben, den ich nicht bezeichne, doch den ich mit einschließe!
Heil euch! Willkommen euch allen, von mir und Amerika dargebracht!
Jeder von uns unvermeidlich,
Jeder von uns grenzenlos – jeder mit seinem oder ihrem Recht auf die Erde,
Jeder von uns mit dem Anspruch auf das ewige Erbe der Erde,
Jeder hienieden so göttlich wie irgendeiner hienieden.


AUSGEHEND VON PAUMANOK

1.

Ausgehend vom fischförmigen Paumanok, wo ich geboren bin,
Wohlgezeugt, und erzogen von einer vollendeten Mutter,
Wandrer bisher in vielen Landen, Freund des Pflasters und Volksgedrängs;
Siedler in meiner Stadt Manahatta oder auf Savannen des Südens,
Oder Soldat im Lager oder mit Ranzen und Flinte, oder Gräber in Kalifornien,
Oder ruppig daheim in Dakotas Wäldern, Wildbret zur Nahrung, der Trunk aus dem Quell,
Oder zurückgezogen zu Sinnen und Grübeln in tiefer Verborgenheit,
Fern vom Gerassel der Mengen Pausen der Wonnen einlegend,
Vertraut mit dem frisch freien Spender Missouri dem Strömenden, vertraut dem gewaltigen Niagara,
Vertraut mit den Büffelherden, die dort in den Ebenen grasen, dem zottig breitbrüstigen Stier,
Mit Erde, Felsen, Maiblumen bekannt, Sterne, Regen, Schnee mein Staunen,
Fertig mit dem Lauschen auf Spottvogelweisen und der Ergründung des Bergfalkenflugs,
Im Ohr noch den unvergleichlichen Ruf der Einsiedeldrossel von Sumpfzedern im Morgengraun,
Rühr ich, einsamer Sänger des Westens, die Trommel für eine neue Welt.

2.

Americanos! Erobrer! Marken der Menschheit!
Vorderste! Marken der Zeit! Freiheit! Massen!
Für euch ein Programm von Gesängen.
Präriengesänge,
Gesänge des langgestreckten Mississippi und hinab zur mexikanischen See,
Gesänge von Ohio, Indiana, Illinois, Iowa, Wisconsin und Minnesota,
Gesänge entspringend im Mittelpunkt Kansas und von da gleichgerichtet nach allen Seiten,
Schießend in feurigen Pulsen ohn Ende, überall Leben zu wecken.

3.

Nimm meine Blätter, Amerika, nimm sie Süd und nimm sie Nord,
Heißt sie überall willkommen, denn sie sind eure eigenen Sprossen,
Schließt einen Ring um sie, Ost und West, denn sie möchten um euch einen Ring schließen,
Und ihr Vorgänger geht freundlich mit ihnen um, denn sie sind freundlich zu euch.
Ich drang in alte Zeiten,
Ich saß forschend zu Füßen der großen Meister,
Jetzt wenn's sein könnt o möchten die Meister wiederkehren und mich erforschen.
Im Namen unsrer Staaten soll ich die Antike verschmähen?
Nein doch, sie sind der Antike Kinder, gekommen, um sie zu rechtfertigen.

4.

Gestorbene Dichter, Philosophen, Priester,
Märtyrer, Künstler, Erfinder, begrabne Regierungen,
Sprachgestalter an andern Küsten,
Einstmals gewaltige Völker, nun verfallen, abberufen oder vernichtet,
Ich trau mich nicht weiter, eh ich dankbar gut geschrieben, was zu uns von euch her geschwommen kam,
Ich hab es durchlaufen, bewundre es willig, (eine Weile hingegeben,)
Glaube, daß nichts je größer sein kann, nichts mehr Verdienst haben als es hat,
Betrachte es alles gespannt lange Zeit, geb dann ihm den Abschied,
Ich stehe an meiner Stelle hier im eigenen Tag.
Hier Volk aus Frauen und Männern,
Hier der Welt Erbschaft und Erbinschaft, hier die Flamme der Stoffe,
Hier Geistigkeit Übersetzerin, frei-anerkannte,
Immerstrebende, sichtbarer Formen Finale,
Erfüllerin, lang Erharrte, zur rechten Zeit nun Kommende,
Ja, hier naht meine Herrin die Seele.

5.

Die Seele,
Nun und immer und nun und immer – länger als braune und feste Scholle – länger als Wasser ebbt und flutet.
Ich will die Gedichte der Stoffe machen, denn ich glaube, sie werden die geistigsten Dichtungen sein,
Und ich will die Gedichte von meinem Leib und der Sterblichkeit machen,
Denn mich dünkt, so beschaffe ich mir die Gedichte von meiner Seele und Unsterblichkeit.
Ich will ein Lied für diese Staaten machen, daß kein einziger Staat unter keinen Umständen einem anderen Staat unterworfen sein kann,
Und ich will ein Lied machen, daß Einvernehmen und Art bei Tag und Nacht sein soll zwischen all diesen Staaten und zwischen je zweien von ihnen,
Und ich will ein Lied machen für die Ohren des Präsidenten, voller Waffen mit drohenden Spitzen,
Und hinter den Waffen zahllose mißvergnügte Gesichter;
Und ein Lied mach ich von dem Einen, der aus allen gebildet ist, dessen Haupt über allen ist,
Dem krallenbewehrten funkelnden Einen,
Kriegerisch entschiedenen Einen, der allumfassend über allen ist,
(So hoch sonstwer das Haupt trägt, dies Haupt ist über allen.)
Ich will unsre Zeitgenossen anerkennen,
Ich will der ganzen Geographie des Erdballs spürend nachgehn und jegliche Stadt groß oder klein geziemend grüßen,
Und Gewerbe! Ich will in meine Gedichte setzen, daß in euch Heldentum ist zu Wasser und Land,
Und ich will alles Heldentum melden von amerikanischem Standpunkt aus.
Ich will das Lied der Kameradschaft singen,
Ich will zeigen, was diese allein schließlich kitten muß,
Ich glaube, diese sollen ihr eigenes Bild männlicher Liebe finden, das sie an mir bewähren,
Ich will drum lodernd das Feuer aus mir flammen lassen, das gedroht hat, mich zu verzehren,
Ich will forttun, was dies schwelende Feuer zu lang niedergehalten hat,
Ich will ihm zügellos Freiheit lassen,
Ich will das Evangelium-Gedicht von Kameraden und Liebe schreiben,
Denn wer wenn nicht ich soll Liebe verstehn mit all ihrem Leid und Lust?
Und wer wenn nicht ich soll Dichter der Kameraden sein?

6.

Ich bin der Gläubige, baue auf Gaben, Alter, Rassen,
Ich entsteige dem Volk in seinem eigenen Geist,
Was hier singt, ist unbedingter Glaube.
Omnes! omnes! mögen andre wegsehn, wovon sie wollen,
Ich mache auch das Gedicht vom Bösen, ich huldige auch diesem Teil,
Ich bin selbst just so böse wie gut und wie mein Volk ist – und ich sage, es gibt in der Tat nichts Böses,
(Oder wenn's derlei gibt, so sag ich, es ist just so bedeutend für euch, das Land oder mich wie irgendwas sonst.)
Ich auch, Nachfolger vieler und Vorgänger vieler, bin Stifter einer Religion, ich begebe mich auf den Kampfplatz,
(Kann sein, ich bin bestimmt, die hellsten Rufe da auszustoßen, des Siegers gellendes Jauchzen,
Wer weiß? es mag noch aus mir dringen und über alles steigen.)
Kein Ding ist für sich selber da,
Ich sage, die ganze Erde und alle Sterne am Himmel sind um der Religion willen da.
Ich sage, keiner ist noch je halb fromm genug gewesen,
Keiner hat noch je halb genug verehrt oder angebetet,
Keiner hat angefangen zu denken, wie göttlich er selber ist, und wie sicher die Zukunft ist.
Ich sage, die wirkliche und dauernde Größe dieser Staaten muß ihre Religion sein,
Sonst gibt es keine wirkliche und dauernde Größe;
(Charakter nicht noch Leben des Namens wert ohne Religion,
Kein Land, kein Mann oder Weib ohne Religion.)

7.

Als ich in Alabama meinen Morgengang machte,
Sah ich, wie das Weibchen des Spötters auf seinem Nest im Dornstrauch auf seiner Brut saß.
Ich sah auch das Männchen,
Ich blieb stehn, um es ganz nahe zu hören, wie es die Kehle blähte und fröhlich sang.
Und als ich so stand, kam es mir, daß, warum er wirklich sang, nicht dort allein zu finden war,
Nicht bloß für sein Weibchen oder für sich und nicht für alles, was das Echo zurückrief,
Sondern zart, verborgen, weither von drüben,
Ererbtes Gebot und heimliche Schenkung den Neugebornen.

8.

Demokratie! Nah bei dir bläht sich nun eine Kehle auf und singt fröhlich ihr Lied.
Ma femme! für den fernen Nachwuchs und unsern eignen,
Für die zu uns gehörigen und die da kommen sollen,
Will ich jauchzend, um für sie bereit zu sein, nun Jubellieder hinausschmettern stärkre und stolzere als je auf Erden gehört worden sind.
Ich will die Lieder der Leidenschaft dichten, um ihnen ihren Weg zu bereiten,
Und eure Lieder, verstoßne Verbrecher, denn ich banne euch sanften Blicks in meine Verse und nehme euch mit mir so gut wie die andern.
Ich will das wahre Gedicht der Reichen dichten,
Für Körper und Geist alles zu holen, was haftet und Fortgang hat und nicht vom Tode verworfen wird;
Ich will Egoismus ausströmen und zeigen, wie er in allem steckt, und ich will der Sänger der Persönlichkeit sein,
Und ich will zeigen, daß Mann und Weib beide einander gleich sind,
Und des Geschlechts Organe und Akte! zieht euch in mir zusammen, denn ich bin gewillt, von euch mit tapferer heller Stimme zu künden und euern Ruhm zu melden,
Und ich will zeigen, daß hier Unvollkommenheit heute nicht ist und künftig nicht sein kann,
Und ich will zeigen, daß alles, was irgendwen trifft, schöne Ergebnisse zeitigen mag,
Und ich will zeigen, daß nichts Schöneres zustoßen kann als der Tod,
Und ich will einen Faden durch meine Gedichte spinnen, daß Zeit und Begebenheiten ein Ganzes sind,
Und daß alle Dinge des Weltalls völlige Wunder sind, eins so tief wie das andre.
Ich will nicht Gedichte schreiben in bezug auf Teile,
Sondern ich will Gedichte, Gesänge, Gedanken schreiben in bezug auf Zusammen,
Und ich will nicht in bezug auf einen Tag singen, sondern in bezug auf alle Tage,
Und ich will kein Gedicht machen noch den geringsten Teil eines Gedichts, der nicht Bezug auf die Seele hat,
Weil ich die Gegenstände des Weltalls beschaut habe und finde, es gibt keinen und nicht das geringste Stückchen von einem, das nicht Bezug auf die Seele hat.

9.

Hat einer begehrt, die Seele zu sehen?
Sieh, deine eigne Gestalt und Haltung, Personen, Wesen, Tiere, die Bäume, die fliehenden Ströme, die Felsen und Wüsten.
Alle halten geistige Lust und lassen sie wieder los;
Wie kann der wahre Leib je sterben und je begraben sein?
Von deinem wahren Leib und jedermanns und jedenweibs wahrem Leib
Entrinnt Stück für Stück den Händen der Leichenwäscher und birgt sich in passenden Sphären,
Und nimmt mit, was ihm zugewachsen vom Augenblick der Geburt bis zur Stunde des Todes.
So gut wie die Lettern, die der Setzer gefügt hat, den Druck, die Bedeutung, den Sinn wiederholen,
Kehrt eines Manns Wesen und Leben oder eines Weibs Wesen und Leben in Leib und Seele zurück,
Unbekümmert vor dem Tod und nachher.
Siehe, der Leib umschließt die Bedeutung und ist der Sinn und umschließt die Seele und ist sie;
Wer du auch seist, wie göttlich und stolz ist dein Leib und jedes Stück von ihm!

10.

Mit mir, doch fest verbunden, doch vorwärts eile, eile.
Für dein Leben hänge an mir,
(Zureden müßte man mir vielleicht oft, eh ich bereit, mich dir wirklich zu geben, aber was liegt daran?
Muß nicht oft der Natur zugeredet werden?)
Kein gezierter dolce affetuoso ich,
Bärtig, sonnverbrannt, graunackig, störrisch hab ich erreicht,
Daß man, komm ich daher, mit mir um die echten Preise des Weltalls ringt,
Denn solche biete ich jedem, der standhält, sie zu gewinnen.

11.

O trauter Camerado! O endlich du und ich, und nichts als wir.
O nun ein Wort zum Weiterschreiten, zwecklos klar!
O Überschwengliches – beweislos, wild, Musik!
O sieghaft oben bin ich – so auch du;
O Hand in Hand – o heilsame Lust – o Neuer, der Liebe und Sehnsucht gewonnen!
O fest verbunden zu eilen – zu eilen, vorwärts zu eilen mit mir.


DER GRUNDSTEIN ALLER METAPHYSIK

Und nun, meine Herrn,
Geb ich Ihnen ein Wort zur Erinnerung und zur Besinnung,
Als Grundstein und als Finale für jegliche Metaphysik.
(So zu den Studenten der alte Professor
Am Schluß seines überfüllten Kollegs.)
Hab nun die neuen und die antiken, Systeme der Griechen und Deutschen erforscht,
Hab Kant erforscht und gedeutet, Fichte und Schelling und Hegel,
Gedeutet die Lehre Platons, und Sokrates größer als Platon,
Und habe den, der größer, als Sokrates suchte und deutete, Christus den Göttlichen lange erforscht,
Und nun blicke ich heute zurück auf all diese griechischen und deutschen Systeme,
Sehe alle die Philosophen, christliche Kirchen und Richtungen seh ich,
Unterirdisch aber und hell sehe ich Sokrates, und unterirdisch Christus den Göttlichen seh ich,
Die Liebe des Menschen zum Kameraden, das Band zwischen Freund und Freund,
Des wohlgeborgenen Gatten und Weibs, von Kindern und Eltern,
Von Stadt zu Stadt und Land zu Land.


Übertragen  von  GUSTAV  LANDAUER


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Bild von John Singer Sargent


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