Freitag, 12. Juni 2015

MARC AUREL - SELBSTBETRACHTUNGEN - (Teil ein)


http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3f/Marcus_Aurelius_Glyptothek_Munich.jpg

MARK  AUREL

SELBSTBETRACHTUNGEN


Deutsche Bibliothek in Berlin
Für die Deutsche Bibliothek nach der Übersetzung von F.C.  Schneider

herausgegeben und eingeleitet von Alexander von Gleichen-Rußwurm

EINLEITUNG

Der Philosoph auf dem Kaiserthron gehört zu den bedeutendsten Männern des ausklingenden Altertums.

 Marcus Annius Verus wurde den 25.  April des Jahres 121 n.  Chr.  Geb. zu Rom geboren wo seine Familie, seit der Urgroßvater aus Spanien eingewandert war, sich zu hohem Rang emporgearbeitet hatte.  Sorgfältige Erziehung, gepaart mit großer Lernbegierde, erschlossen ihm die Wissenschaft seines Jahrhunderts, die in der Philosophie den höchsten, in unserem Sinn sogar den einzigen Ausdruck fand.  Schon im zwölften Jahr nahm der kräftig aufblühende Jüngling den weißen Mantel und bekundete dadurch, daß er auch äußerlich zur Kaste der Philosophen gehören wolle.

Streng und ernst gab sich die Weltweisheit des zweiten Jahrhunderts.  Entbehrungen, oft bis zum Übermaß gesteigert, wie sie später zur typischen Eigenschaft christlicher Asketen wurden, verlangten die Anhänger der Stoa und sahen in der Abkehr von allen Interessen, Zerstreuungen wie Freuden der Welt die einzig richtige Stellungnahme eines Weisen den vergänglichen Dingen gegenüber.

Zurückgezogen von seinen Altersgenossen, vielleicht ein wenig ostentativ in den weißen Mantel gehüllt, mit den Stoikern Rusticus, Apollonius, Claudius Maximus in anregend erzieherischem Gespräch, wandelte der Jüngling durch die stillen abgelegenen Gärten einer Villa, bis zu deren Mauern der Lärm der römischen Weltstadt brandete.  Auf Bitten seiner Mutter, die mit Bangen bemerkte, daß ihr Sohn unter der Last selbstauferlegter Entbehrungen blasser und schmächtiger wurde, stellte er seinen Lebenswandel auf gesündere Basis und gesellte den geistigen Exerzitien nützliche, körperliche Übungen.  Die Herrschaft des gesunden Menschenverstandes, die in den Taten und Schriften des späteren Kaisers so glücklich zum Ausdruck kommt, beginnt schon in den Jünglingsjahren, sobald der einseitige Einfluß allzu strenger stoischer Lebensanschauung gemäßigt erscheint.  Den Anhängern der Stoa treten als Lehrer zur Seite Claudius Severus, der Peripatetiker und der Platoniker Sextus aus Chaeronea, ein Enkel Plutarchs.  Epiktets nachgelassene, von Arrhianos gesammelte Schriften prägen sich der eindrucksfähigen jungen Seele ein und wirken bestimmend auf die ethische Entwicklung des still für sich Heranwachsenden.

Kaiser Hadrian fand Gefallen an dem ernsten, außerordentlich wahrhaften Philosophenschüler und veranlaßte im Jahr 136 dessen Verlobung mit der Tochter seines Mitregenten Verus.  Als Folge dieser Verlobung ist dann die Adoptierung seitens Antoninus (eines Sohnes des Verus) zu betrachten, der selbst von Hadrian an Kindes Statt angenommen und zum Thronfolger ernannt war.  Unter dem Namen Marcus Aelius Aurelius Verus trat der junge Denker aus der Verborgenheit auf den Schauplatz der großen Welt.

Sein Biograph berichtet, daß er nur ungern sein beschauliches Leben verlassen und einen Palast in der Stadt auf Hadrians Befehl bezogen habe.  Doch im Treiben des Hofes, im bewegten politischen Frage- und Antwortspiel, auf dem Forum vor Gericht, bei den Mühen kriegerischer Unternehmungen wuchs und reifte erst die philosophische Saat des herben jugendlichen Frühlings zu reicher Ernte.  Als Kaiser Hadrian am 10.  Juli 138 zu Bajä starb, bestieg Antonin den Thron und berief sofort Marc Aurel an seine Seite, ihn in alle Geheimnisse der Regierungskunst einzuweihen.  Die frühere Verlobung wurde aufgehoben und die Vermählung mit Faustina, der Kaisertochter, gefeiert.  Nun war im römischen Reich jene Zeit angebrochen, die Platos Ideal vom Staate nach einer Richtung hin zu erfüllen schien.  Zwei Philosophen herrschten gemeinsam, von edelster, einzig dastehender Freundschaft getragen und förderten während dreiundzwanzig friedlicher Jahre Wohlstand und Kultur in bemerkenswerter Weise.  Gut bedachte soziale Maßregeln glichen manche Härten aus, es wurde für vornehm gehalten, gebildet, ja gelehrt zu sein und edle Duldsamkeit herrschte in den Fragen des Glaubens, soweit sie nur den Glauben, nicht aber die politische Betätigung betrafen.

Der gekrönte Apostel der Menschenliebe — ­wie Stuart Mill den Kaiser Marc Aurel genannt hat — ­hoffte nach dem Tod Antonins (im März 161) die friedliche, sonnige Zeit der Philosophenherrschaft weiter zu führen und sein Ideal eines Herrschers in sozialer Fürsorge zu verwirklichen.  Aber das Schicksal, das ihm einen herrlichen Lebenssommer gewährt, gab ihm einen desto stürmischeren Herbst.  Hungersnot und Pest suchten Rom und die römischen Provinzen heim, schwere Kriege mit den Parthern und Markomanen brachen aus, Aufstände wie derjenige in Ägypten vom Jahr 170 bildeten drohende Gefahren für das Reich.  Dies alles lenkte von wohltätiger Friedensarbeit ab und zwang die Arbeit des Philosophenkaisers auf andere, ihm innerlich fremde Bahnen.  Dazu kamen harte Mißstimmungen in der eigenen Familie.  Faustinas üppiges, man sagt sogar ausschweifendes Leben stand in grellem Gegensatz zu Marc Aurels anspruchsloser Einfachheit und die ungerechten, oft auf willkürlicher Anmaßung beruhenden Handlungen seines Sohnes Kommodus führten zu schlimmen Befürchtungen in bezug auf die Zukunft des Reiches.

Stunden der Sorge und der stillen Einkehr im Feldlager oder im kaiserlichen Palast waren es, in denen der alternde Herrscher seine Gedanken niederschrieb zum eigenen Trost.  Milde Gesinnung, strenge Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue sind das Zeichen seiner Sinnesweise und haben die “Selbstbetrachtungen” zu einem Denkmal edler Menschlichkeit gemacht, das nie veraltet, weil es ein Bekenntnis ohne Pose, ohne zeitlich beschränkten Zweck und ohne Darstellung vergänglicher äußerer Tatsachen ist.

Die Handschriften, der Mode entsprechend in griechischer Sprache abgefaßt, trugen den Titel “[Greek:  chatheauton],” was später mit “Selbstbetrachtungen” wiedergegeben wurde.  Nach hartem Tagewerk des Abends beim Schein der unruhig flackernden Öllampen verfaßt, bald im Lager an der Donau bei Carnunt, bald nach lebhaften, ermüdenden Senatssitzungen in Rom, sind Marc Aurels Aphorismen aus der Quelle des wirklichen Lebens geflossen.  Starke Taten des Geistes verkünden sie und sind Worte eines hohen Herzens.
Ihr Ursprung läßt sich nicht verkennen.  Als Tagebuch einer gesunden Seele, die stark und fest die Krankheiten des Körpers und die Schläge des Schicksals von sich abweist, geben sie Kraft und Frieden.  Kurz und scharf, klar gefaßt und manchmal aufleuchtend wie ein Edelstein zeigen sie Ruhe des Herzens und Begeisterungsfähigkeit, Vernunft und aufrichtige Liebe für alles Tüchtige.  “Sie offenbaren” — ­wie Hippolyte Taine sich ausdrückt — ­“die Seele eines großen Dichters, der sich bezwingt, die Augen vom Herrlichen gebannt und im Flüsterton voll Bewunderung sich selber sagt:  ´Mensch, als Bürger dieser großen Stadt hast du gelebt; fünf oder drei Jahre, was ficht´s dich an!´”

Die Auffassung des Kaisers über den Wert des Lebens steht der des freigelassenen Sklaven Epiktet sehr nahe.  Beiden liegen am innigsten jene Lehren der Stoa am Herzen, die sich mit sittlichen und religiösen Fragen beschäftigen.  Nicht darauf kommt es dem Kaiser an, daß man möglichst viel Wissen anhäufe, sondern daß man mit dem Gott in der eigenen Brust sich verständige und ihm in Lauterkeit diene.  Die Philosophie soll in stetem Wechsel der Ereignisse, im Wandel von Glück und Unglück, vergänglichen Sorgen und vergänglichen Freuden einen festen Halt bieten und ein Panzer sein gegen die Eitelkeiten der Welt.  Ihre Aufgabe ist also die Bildung des Charakters und die Beruhigung des Gemüts.  Sie erfüllt diese beiden Bedingungen, wenn ihre Anhänger die drei wichtigsten Punkte des stoischen Systems nie außer Augen lassen:  die Lehre vom steten Wechsel, dem Dahinfließen aller Dinge, dann das Bewußtsein der Hinfälligkeit des Daseins und schließlich die Erkenntnis, daß Werden und Vergehen einen Kreislauf bilden, in dem ein Einzelnes nicht Bestand haben kann.
An solche Grundsätze knüpft Marc Aurel die Betrachtung, wie wenig eine Persönlichkeit, ganz einerlei ob sie bedeutend oder unbedeutend sei, im großen Strom des Daseins gelte.  Deshalb ist es verkehrt, Vergängliches zu sehr zu lieben, sein Herz an Sterblichkeit zu hängen und Ruhm als heiliges Gut zu begehren.
Diesem Verneinen und Ablehnen steht als positiver Kern der Lehre die Pflichttreue gegenüber, trotz der Eitelkeit und Vergänglichkeit allen Strebens der Sterblichen.  Seiner Lebensstellung und seinem kräftigeren Charakter entsprechend hält Marc Aurel nachdrücklicher an den Pflichten des Einzelnen der menschlichen Gesellschaft gegenüber fest, als es die Stoiker im allgemeinen und der phrygische Sklave Epiktet im besonderen getan.  Aus diesem Grund lehnte er das Christentum vollständig ab, wenn er auch wie die Christen Duldung und allgemeine Menschenliebe verlangte.  Er spricht fast immer von Göttern, manchmal von “dem Gott” und selten von “Zeus”, der ihm als Gesamtausdruck der Gottheit vorschwebt.  Äußerlich hielt er streng an dem bestehenden öffentlichen Kultus fest, in dem er als Oberhaupt des römischen Staates eine politische Notwendigkeit sah, innerlich war er gottgläubig im Sinne der Philosophen, nahm “die Volksgötter” für Symbole und sagte sich, daß es nicht verlohne noch menschenwürdig sei, in einer Welt ohne Gottheit zu leben.  Aus diesem seinem Glauben und aus einer festbegründeten politischen Überzeugung sah er im Gebaren der Christen Auflehnung gegen die Staatsgewalt, also eine Schädigung des Gemeinwohls und ging mit heftigen Verfolgungen gegen die Aufwiegler vor.  Grundlosen Trotz nannte der milde Kaiser das Benehmen der Märtyrer.

Im sittlichen Leben des Menschen ruht der Schwerpunkt seiner Weltanschauung.  Ihm, dem vielbeschäftigten, vom Tage vollauf in Anspruch genommenen Herrscher, liegt es fern zu forschen, dialektisch zu arbeiten oder überhaupt ein System aufzustellen.  Seine Weisheit ist Lebenskunst.  Er baut sie auf dem Wissen und den Erkenntnissen seiner Zeit, wie ein Emerson, ein Lubbok, ein Maeterlinck ihre Weltanschauung auf die Wissenschaft ihres Jahrhunderts stellten, ohne in der Theorie einen Fortschritt zu bedeuten.  Vernünftige Arbeit ist ihm das Ziel, das ein vernunftbegabtes Wesen verfolgen muß und das allein Glück wie zeitliche Güter zu bieten vermag.  Aber nur wer sich zu erheben vermag über jedes persönliche Interesse an Dingen und Menschen, wer mit jedem Wunsch und jeder Begierde fertig ist, mit der Gegenwart zufrieden und mit dem Tode vertraut erscheint, zeigt sich mit der Natur im Einklang und erfüllt die stille Pflicht, sich und sein Leben als belanglosen Teil des Ganzen zu betrachten.

Was in den Selbstbetrachtungen mit feierlicher Größe niedergelegt war, hat lange unbeachtet und vergessen in stillen Büchersammlungen überwintert, wie das Samenkorn im tiefgepflügten Feld.  Unter den Wirren der Völkerwanderung und während der Jahrhunderte der Scholastik dachte niemand des Kaisers, der als Gefolgsmann der Stoa mit dieser Lehre christlicher Verachtung anheimgefallen war.  Erst als die geistige Bewegung der Renaissance mit dem Humanismus einsetzte, begann außer Plato auch die Stoa beachtet zu werden, wenn sich auch die Wertschätzung zunächst auf Seneca beschränkte.  Doch es war noch ein weiter Weg zurückzulegen, bis Spinoza in seinem Ideal des Weisen eine Gestalt schuf, die sich wohl mit Marc Aurel vergleichen läßt.  In der Ethik sagt Spinoza “Der Weise ... wird in der Seele kaum beunruhigt sondern seiner selbst, Gottes und der Außenwelt mit einer gewissen Notwendigkeit bewußt.  Er hört niemals auf zu sein und ist immer in tiefster Seele wahrhaft befriedigt.”  Auch Leibniz benutzte die Gedankenreihen der Stoiker in der Theodizee, deren Aussprüche manchmal stark an die Selbstbetrachtungen anklingen.  Daß Kant und nach ihm Fichte den Pflichtgedanken ähnlich wie ihn der kaiserliche Philosoph gefühlt, zu synthetischer Entwicklung brachten, ist bekannt, Verwandtes klingt in Schleiermacher, in Schopenhauer und in den modernen Denkern an, die abseits von dem Wirken der Fachphilosophen sich bemühen, der Gegenwart eine praktische Ethik zu geben.

In deutscher Sprache ist Marc Aurels Büchlein öfters an die Öffentlichkeit gekommen.  Die vorliegende Neuherausgabe schließt sich an Schneiders vielgerühmte Übersetzung, die zum erstenmal im Jahr 1864 erschien und mehrfach aufgelegt wurde, die fehlenden Stellen (über 100 Nummern hat Schneider ausgelassen) sind zum Teil nach der Ausgabe von Cleß (aus dem Jahr 1866) ergänzt, zum Teil nach dem griechischen Text unter Vergleichung der Cleßschen Übersetzung neu hergestellt.

Der Gegenwart bietet das schlichte Selbstbekenntnis eines großen Mannes aus dem Altertum viel ernste Anregung und stärkt den Wunsch, in wohlbegründeter Weltanschauung Halt und Richtung zu finden.
Alexander v.  Gleichen-Rußwurm

ERSTES BUCH

1.  Von meinem Großvater [Verus] weiß ich, was edle Sitten sind und was es heißt:  frei sein von Zorn.
2.  Der Ruf und das Andenken, in welchem mein Vater steht, predigen mir Bescheidenheit und männliches Wesen.
3.  Der Mutter Werk ist es, wenn ich gottesfürchtig und mitteilsam bin; wenn ich nicht nur schlechte Taten, sondern auch schlechte Gedanken fliehe; auch daß ich einfach lebe und nicht prunke wie reiche Leute.
4.  Mein Urgroßvater litt nicht, daß ich die öffentliche Schule besuchte, sorgte aber dafür, daß ich zu Hause von tüchtigen Lehrern unterrichtet wurde, und überzeugte mich, daß man zu solchem Zweck nicht sparen dürfe.
5.  Mein Erzieher gab nicht zu, daß ich mich an den Wettfahrten beteiligte, weder in Grün noch in Blau, auch nicht, daß ich Ring- und Fechterkünste trieb.  Er lehrte mich Mühen ertragen, wenig bedürfen, selbst Hand anlegen, mich wenig kümmern um anderer Leute Angelegenheiten und einen Widerwillen haben gegen jede Ohrenbläserei.
6.  Diognet bewahrte mich vor allen unnützen Beschäftigungen; vor dem Glauben an das, was Wundertäter und Gaukler von Zauberformeln, vom Geisterbannen usw. lehrten; davor, daß ich Wachteln hielt, und vor andern solchen Liebhabereien.  Er lehrte mich ein freies Wort vertragen; gewöhnte mich an philosophische Studien, schickte mich zuerst zu Bacchius, dann zu Tandasis und Marcian, ließ mich schon als Knabe Dialoge verfassen und gab mir Geschmack an dem einfachen, mit einem Fell bedeckten Feldbett, wie es bei den Lehrern der griechischen Schule im Gebrauch ist.
7.  Dem Rusticus verdanke ich, daß es mir einfiel, in sittlicher Hinsicht für mich zu sorgen und an meiner Veredlung zu arbeiten; daß ich frei blieb von dem Ehrgeiz der Sophisten; daß ich nicht Abhandlungen schrieb über abstrakte Dinge, noch Reden hielt zum Zweck der Erbauung, noch prunkend mich als einen streng und wohlgesinnten jungen Mann darstellte, und daß ich von rhetorischen, poetischen und stilistischen Studien abstand; daß ich zu Hause nicht im Staatskleid einherging oder sonst etwas derartiges tat, und daß die Briefe, die ich schrieb, einfach waren, so einfach und schmucklos, wie er selbst einen an meine Mutter von Sinuessa aus schrieb.  Ihm habe ich´s auch zu danken, wenn ich mit denen, die mich gekränkt oder sonst sich gegen mich vergangen haben, leicht zu versöhnen bin, sobald sie nur selbst schnell bereit sind, entgegenzukommen.  Auch lehrte er mich, was ich las, genau zu lesen und mich nicht mit einer oberflächlichen Kenntnis zu begnügen, auch nicht gleich beizustimmen dem, was oberflächliche Beurteiler sagen.  Endlich war er´s auch, der mich mit den Schriften Epiktets bekannt machte, die er mir aus freien Stücken mitteilte.
8.  Apollonius zeigte mir, daß Geistesfreiheit eine Festigkeit sei, die dem Spiel des Zufalls nichts einräumt; daß man auf nichts ohne Ausnahme so achten müsse, wie auf die Gebote der Vernunft.  Auch was Gleichmut sei bei heftigen Schmerzen, bei Verlust eines Kindes, in langen Krankheiten, habe ich von ihm lernen können. — ­Er zeigte mir handgreiflich an einem lebendigen Beispiel, daß man der ungestümste und gelassenste Mensch zugleich sein kann, und daß man beim Studium philosophischer Werke die gute Laune nicht zu verlieren brauche.  Er ließ mich einen Menschen sehen, der es offenbar für die geringste seiner guten Eigenschaften hielt, daß er Übung und Gewandtheit besaß, die Grundgesetze der Wissenschaft zu lehren; und bewies mir, wie man von Freunden sogenannte Gunstbezeugungen aufnehmen müsse, ohne dadurch in Abhängigkeit von ihnen zu geraten, aber auch ohne gefühllos darüber hinzugehen.
9.  An Sextus konnt´ ich lernen, was Herzensgüte sei.  Sein Haus bot das Muster eines väterlichen Regimentes und er gab mir den Begriff eines Lebens, das der Natur entspricht.  Er besaß eine ungekünstelte Würde und war stets bemüht, die Wünsche seiner Freunde zu erraten.  Duldsam gegen Unwissende hatte er doch keinen Blick für die, die an bloßen Vorurteilen kleben.  Sonst wußte er sich mit allen gut zu stellen, so daß er denselben Menschen, die ihm wegen seines gütigen und milden Wesens nicht schmeicheln konnten, zu gleicher Zeit die größte Ehrfurcht einflößte.  Seine Anleitung, die zum Leben notwendigen Grundsätze aufzufinden und näher zu gestalten, war eine durchaus verständliche.  Niemals zeigte er eine Spur von Zorn oder einer andern Leidenschaft, sondern er war der leidenschaftsloseste und der hingebendste Mensch zugleich Er suchte Lob, aber ein geräuschloses; er war hochgelehrt, aber ohne Prahlerei.
10.  Von Alexander, dem Grammatiker lernte ich, wie man sich jeglicher Scheltworte enthalten und es ohne Vorwurf hinnehmen kann, was einem auf fehlerhafte, rohe oder plumpe Art vorgebracht wird; ebenso aber auch, wie man sich geschickt nur über das, was zu sagen not tut, auszulassen habe, sei´s in Form einer Antwort oder der Bestätigung oder der gemeinschaftlichen Überlegung über die Sache selbst, nicht über den Ausdruck, oder durch eine treffende anderweite Bemerkung.
11.  Durch Phronto gewann ich die Überzeugung, daß der Despotismus Mißgunst, Unredlichkeit und Heuchelei in hohem Maße zu erzeugen pflege, und daß der Edelgeborene im allgemeinen ziemlich unedel sei.
12.  Alexander, der Platoniker brachte mir bei, daß ich mich nur selten und nie ohne Not zu jemand mündlich oder schriftlich äußern dürfe:  ich hätte keine Zeit; und daß ich nicht so, unter dem Vorwande dringender Geschäfte, mich beständig weigern solle, die Pflichten zu erfüllen, die uns die Beziehungen zu denen, mit denen wir leben, auferlegen.
13.  Catulus riet mir, daß ich´s nicht unberücksichtigt lassen sollte, wenn sich ein Freund bei mir über etwas beklage, selbst wenn er keinen Grund dazu hätte, sondern daß ich versuchen müsse, die Sache ins reine zu bringen.  Wie man von seinen Lehrern stark eingenommen sein kann, sah ich an ihm; ebenso aber auch, wie lieb man seine Kinder haben müsse.
14.  An meinem Bruder Severus hatte ich häuslichen Sinn, Wahrheits- und Gerechtigkeitsliebe zu bewundern Er machte mich mit Thraseas, Helvidius, Cato, Dio und Brutus bekannt und führte mich zu dem Begriff eines Staates, in welchem alle Bürger gleich sind vor dem Gesetz, und einer Regierung, die nichts so hoch hält als die bürgerliche Freiheit.  Außerdem blieb er, um anderes zu übergehen, in der Achtung vor der Philosophie sich immer gleich; war wohltätig, ja in hohem Grade freigebig; hoffte immer das Beste und zweifelte nie an der Liebe seiner Freunde.  Hatte er etwas gegen jemand, so hielt er damit nicht zurück, und seine Freunde hatten niemals nötig, ihn erst auszuforschen, was er wollte oder nicht wollte, weil es offen am Tage lag.
15.  Von Maximus konnte ich lernen, mich selbst beherrschen, nicht hin-und herschwanken, guten Mutes sein in mißlichen Verhältnissen oder in Krankheiten auch wie man in seinem Benehmen Weisheit mit Würde verbinden muß, und an ein Werk, das rasch auszuführen ist, doch nicht unbesonnen gehen darf.  Von ihm waren alle überzeugt, daß er gerade so dachte, wie er sprach, und was er tat, in guter Absicht tat.  Etwas zu bewundern oder sich verblüffen zu lassen, zu eilen oder zu zögern, ratlos zu sein und niedergeschlagen oder ausgelassen in Freude oder Zorn oder argwöhnisch — ­das alles war seine Sache nicht.  Aber wohltätig zu sein und versöhnlich, hielt er für seine Pflicht.  Er haßte jede Unwahrheit und machte so mehr den Eindruck eines geraden als eines feinen Mannes.  Niemals hat sich einer von ihm verachtet geglaubt; aber ebensowenig wagte es jemand, sich für besser zu halten als er war.  Auch wußte er auf anmutige Weise zu scherzen.
16.  Mein Vater hatte in seinem Wesen etwas Sanftes, aber zugleich auch eine unerschütterliche Festigkeit in dem, was er gründlich erwogen hatte.  Er war ohne Ehrgeiz hinsichtlich dessen, was man gewöhnlich Ehre nennt.  Er arbeitete gern und unermüdlich.  Wer mit Dingen kam, die das gemeine Wohl zu fördern versprachen, den hörte er an und versäumte es nie, einem jeden die Anerkennung zu zollen, die ihm gebührte.  Wo vorwärts zu gehen und wo einzuhalten sei, wußte er.  Er war herablassend gegen jedermann; erließ den Freunden die Pflicht, immer mit ihm zu speisen oder, wenn er reiste, mit ihm zu gehen; und stets blieb er sich gleich auch gegen die, die er notgedrungen zu Hause ließ.  Seine Erörterungen in den Ratsversammlungen waren stets sehr genau, und er hielt aus und begnügte sich nicht mit Ideen, die auf der flachen Hand liegen, bloß um die Versammlung für geschlossen zu erklären.  Er war sorgsam bemüht, sich seine Freunde zu erhalten, wurde ihrer niemals überdrüssig, verlangte aber auch nicht heftig nach ihnen.  Er war sich selbst genug in allen Stücken und immer heiter.  Er hatte einen scharfen Blick für das, was kommen würde, und traf für die kleinsten Dinge Vorbereitungen ohne Aufhebens zu machen, so wie er sich denn überhaupt jedes Beifallrufen und alle Schmeicheleien verbat.  Was seiner Regierung notwendig war, überwachte er stets, ging mit den öffentlichen Geldern haushälterisch um und ließ es sich ruhig gefallen, wenn man ihm darüber Vorwürfe machte. — ­Den Göttern gegenüber war er frei von Aberglauben, und was sein Verhältnis zu den Menschen betrifft, so fiel es ihm nicht ein, um die Volksgunst zu buhlen, dem großen Haufen sich gefällig zu erzeigen und sich bei ihm einzuschmeicheln, sondern er war in allen Stücken nüchtern, besonnen, taktvoll und ohne Sucht nach Neuerungen.  Von den Dingen, die zur Annehmlichkeit des Lebens beitragen — ­und deren bot ihm das Glück eine Menge dar — ­machte er ohne zu prunken, aber auch ohne sich zu entschuldigen Gebrauch, so daß er, was da war, einfach nahm, was nicht da war, auch nicht entbehrte.  Niemand konnte sagen, daß er ein Krittler, oder daß er ein gewöhnlicher Mensch oder ein Pedant sei, sondern man mußte ihn einen reifen, vollendeten, über jede Schmeichelei erhabenen Mann nennen, der wohl imstande sei, eigenen und fremden Angelegenheiten vorzustehen.  Außerdem:  die echten Philosophen schätzte er sehr, ließ aber auch die andern unangetastet, obschon er ihnen keinen Einfluß auf sich einräumte.  In seinem Umgange war er ferner höchst liebenswürdig und witzig, ohne darin zu übertreiben.  In der Sorge für seinen Leib wußte er das rechte Maß zu halten, nicht wie ein Lebenssüchtiger oder wie einer, der sich schniegelt oder sich vernachlässigt; sondern er brachte es durch die eigene Aufmerksamkeit nur dahin, daß er den Arzt fast gar nicht brauchte und weder innere noch äußere Mittel nötig hatte. — ­Vor allem aber war ihm eigen, denen, die wirklich etwas leisteten, sei´s in der Beredsamkeit oder in der Gesetzeskunde oder in der Sittenlehre oder in irgendeinem anderen Fach, ohne Neid den Vorrang einzuräumen und sie wo er konnte zu unterstützen, damit ein jeder in seinem Fache auch die nötige Anerkennung fände.  Wie seine Vorfahren geherrscht, so herrschte er auch, ohne jedoch die Meinung hervorrufen zu wollen, als wache er über dem Althergebrachten.  Er war nicht leicht zu bewegen oder von etwas abzubringen, sondern pflegte auch gern zu bleiben, wo er gerade war und wobei.  Nach den heftigsten Kopfschmerzen sah man ihn frisch und kräftig zu den gewohnten Geschäften eilen.  Geheimnisse pflegte er nur äußerst wenige und nur in seltenen Fällen zu haben und nur um des allgemeinen Wohles willen.  Verständig und mäßig im Anordnen von Schauspielen, von Bauten, von Spenden an das Volk u. dgl. mehr, zeigte er sich als ein Mann, der nur auf seine Pflicht sieht, sich aber um den Ruhm nicht kümmert, den seine Handlungen ihm verschaffen können. — ­Er badete nur zur gewöhnlichen Stunde, liebte das Bauen nicht, legte auf das Essen keinen Wert, auch nicht auf Kleider und deren Stoffe und Farben, noch auf schöne Sklaven.  Seine Kleider ließ er sich meist aus Lorium, dem unteren Landgute, oder aus Lanubium kommen und bediente sich dazu des Generalpächters in Tusculum, der ihn um diesen Dienst gebeten hatte. — ­In seiner ganzen Art zu sein war nichts Unschickliches oder gar Ungeziemendes oder auch nur Ungestümes oder was man sagt:  “bis zur Hitze”, sondern alles war bei ihm wohl überdacht, ruhig, gelassen, wohl geordnet, fest und mit sich selbst im Einklang.  Man könnte auf ihn anwenden, was man vom Sokrates gesagt hat, daß er sowohl sich solcher Dinge zu enthalten imstande war, deren sich viele aus Schwachheit nicht enthalten können, als auch daß er genießen durfte, was viele darum nicht dürfen, weil sie sich gehen lassen.  Das eine gründlich vertragen, und in dem andern nüchtern sein, das aber ist die Sache eines Mannes von starkem, unbesiegbaren Geiste, wie er ihn z.B. auch in der Krankheit des Maximus an den Tag gelegt hat.
17.  Den Göttern habe ich´s zu danken, daß ich treffliche Vorfahren, treffliche Eltern, eine treffliche Schwester, treffliche Lehrer, treffliche Diener und fast lauter treffliche Verwandte und Freunde habe, und daß ich gegen keinen von ihnen fehlte, obgleich ich bei meiner Natur leicht hätte dahin kommen können.  Es ist eine Wohltat der Götter, daß die Umstände nicht so zusammentrafen, daß ich mir Schande auflud.  Sie fügten es so, daß ich nicht länger von der Geliebten meines Großvaters erzogen wurde; daß ich meine Jugendfrische mir erhielt und daß ich meinem fürstlichen Vater untertan war, der mir allen Dünkel austreiben und mich überzeugen wollte, man könne bei Hof leben ohne Leibwache, ohne kostbare Kleider, ohne Fackeln, ohne gewisse Bildsäulen und ähnlichen Pomp, und daß es sehr wohl anging, sich so viel als möglich bürgerlich einzurichten, wenn man dabei nur nicht zu demütig und zu sorglos würde in Erfüllung der Pflichten, die der Regent gegen das Ganze hat.  Götter haben mir einen Bruder gegeben, dessen sittlicher Wandel mich antrieb, auf mich selber acht zu haben, und dessen Achtung und Liebe mich glücklich machten. — ­Sie haben mir Kinder gegeben, die nicht ohne geistige Anlagen sind und von gesundem Körper. — ­Den Göttern verdanke ich´s, daß ich nicht weiter kam in der Redekunst und in der Dichtkunst und in den übrigen Studien, welche mich völlig in Beschlag genommen hätten, wären mir gute Fortschritte beschieden gewesen.  Ebenso daß ich meine Erzieher frühzeitig schon so in Ehren hielt, wie sie´s zu verlangen schienen, und ihnen nicht bloß Hoffnung machte, ich würde das später tun, indem sie zu der Zeit ja noch so jung seien.  Ferner, daß ich Apollonius, Rusticus und Maximus kennen lernte; daß ich das Bild eines naturgemäßen Lebens so klar und so oft vor der Seele hatte, daß es nicht an den Göttern und an den Gaben, Hilfen und Winken, die ich von dorther empfing, liegen kann, wenn ich an einem solchen Leben gehindert worden bin; sondern wenn ich´s bisher nicht geführt habe, muß es meine Schuld sein, indem ich die Erinnerungen der Götter, ich möchte sagen, ihre ausdrücklichen Belehrungen, nicht beherzigte.  Den Göttern verdanke ich´s, daß mein Körper ein solches Leben so lange ausgehalten hat; — ­daß ich weder die Benedicta noch den Theodot berührt habe, und daß ich später überhaupt von dieser Leidenschaft genas; daß ich in meinem heftigen Unwillen den ich so oft gegen Rusticus empfand, nichts weiter tat, was ich hätte bereuen müssen; und daß meine Mutter, der ein früher Tod beschieden war, doch noch ihre letzten Jahre bei mir leben konnte.  Auch fügten sie´s, daß ich, sooft ich einen Armen oder sonst Bedürftigen unterstützen wollte, nie hören durfte, es fehle mir an den hierzu erforderlichen Mitteln, und daß ich selbst nie in die Notwendigkeit versetzt wurde, bei einem andern zu borgen; und daß ich ein solches Weib besitze:  so folgsam, zärtlich und in ihren Sitten so einfach, und daß ich meinen Kindern tüchtige Erzieher geben konnte.  Die Götter gaben mir durch Träume Hilfsmittel an die Hand gegen allerlei Krankheiten so gegen Blutauswurf und Schwindel.  Auch verhüteten sie, als ich das Studium der Philosophie anfing, daß ich einem Sophisten in die Hände fiel oder mit einem solchen Schriftsteller meine Zeit verdarb, oder mit der Lösung ihrer Trugschlüsse mich einließ, oder mit der Himmelskunde mich beschäftigte.  Denn zu allen diesen Dingen bedarf es der helfenden Götter und des Glückes.
Geschrieben bei den Quaden am Granna.

18.Man muß sich beizeiten sagen:  ich werde einem vorwitzigen, einem undankbaren, einem schmähsüchtigen, einem verschlagenen oder neidischen oder unverträglichen Menschen begegnen.  Denn solche Eigenschaften liegen jedem nahe, der die wahren Güter und die wahren Übel nicht kennt.  Habe ich aber eingesehen, einmal, daß nur die Tugend ein Gut und nur das Laster ein Übel, und dann, daß der, der Böses tut, mir verwandt ist, nicht sowohl nach Blut und Abstammung, als in der Gesinnung und in dem, was der Mensch von den Göttern hat, so kann ich weder von jemand unter ihnen Schaden leiden — ­denn ich lasse mich nicht verführen — ­noch kann ich dem, der mir verwandt ist, zürnen oder mich feindlich von ihm abwenden, da wir ja dazu geboren sind, uns gegenseitig zu unterstützen, wie die Füße, die Hände, die Augenlider, die Reihen der oberen und unteren Zähne einander dienen.  Also ist es gegen die Natur, einander feindlich zu leben.  Und das tut doch, wer auf jemand zürnt oder ihm entgegenwirkt.
19. Was ich bin, ist ein Dreifaches:  Körper und Seele und was das Ganze beherrscht. — ­Lege beiseite, was dich zerstreut, die Bücher und alles, was hier zu nichts führt; des Fleischlichen achte gering wie einer, der bald sterben muß!  Es ist Blut und Knochen und ein Geflecht aus Nerven, Adern und Gefäßen gewebt.  Dann betrachte deine Seele, und was sie ist:  ein Hauch; nicht immer dasselbe, sondern fortwährend ausgegeben und wieder eingesogen.  Drittens also das, was die Herrschaft führt!  Da sei doch kein Tor, du bist nicht mehr jung:  so laß auch nicht länger geschehen daß es diene; daß es hingenommen werde von einem Zuge, der dich dem Menschlichen entfremdet; daß es dem Verhängnis oder dem gegenwärtigen Augenblicke grolle oder ausweiche dem, was kommen soll!
20.Das Göttliche ist voll von Spuren der Vorsehung, das Zufällige nach Art, Zusammenhang und Verflechtung ist nicht zu trennen von dem durch die Vorsehung Geordneten.  Alles fließt von hier aus.  Daneben das Notwendige und was dem Weltall, dessen Teil du bist, zuträglich ist.  Jedem Teile der Natur aber ist das gut, was seinen Halt an der Natur des Ganzen hat und wovon diese wiederum getragen wird.  Die Welt aber wird getragen wie von den Verwandlungen der Grundstoffe so auch von denen der zusammengesetzten Dinge. — ­Das muß dir genügen und feststehen für immer.  Nach der Weisheit, wie sie in Büchern zu finden ist, strebe nicht, sondern halte sie dir fern, damit du ohne Seufzer, mit wahrer Seelenruhe und den Göttern von Herzen dankbar sterben kannst.

ZWEITES BUCH

Erinnere dich, seit wann du diese Betrachtungen nun schon aufschiebst, und wie oft dir die Götter Zeit und Stunde dazu gegeben haben, ohne daß du sie nutztest.  Endlich solltest du doch einmal einsehen, was das für eine Welt ist, der du angehörst, und wie der die Welt regiert, dessen Ausfluß du bist; und daß dir die Zeit zugemessen ist, die, wenn du sie nicht brauchst dich abzuklären, vergehen wird, wie du selbst, und nicht wiederkommen.
2
Immer sei darauf bedacht, wie es einem Manne geziemt, bei allem, was es zu tun gibt, eine strenge und ungekünstelte Gewissenhaftigkeit, Liebe, Freimut und Gerechtigkeit zu üben, und dir dabei alle Nebengedanken fernzuhalten.  Und du wirst sie dir fernhalten, sobald du jede deiner Handlungen als die letzte im Leben ansiehst:  fern von jeder Unbesonnenheit und der Erregtheit, die dich taub macht gegen die Stimme der richtenden Vernunft, frei von Verstellung von Selbstliebe und von Unwillen über das, was das Schicksal dir beschieden hat. — ­Du siehst, wie wenig es ist, was man sich aneignen muß, um ein glückliches, ja göttliches Leben zu führen.  Denn auch die Götter verlangen nicht mehr von dem, der dies beobachtet.
3
Fahre nur immer fort, dir selbst zu schaden, liebe Seele!  Dich zu fördern wirst du kaum noch Zeit haben.  Denn das Leben flieht einen jeglichen.  Für dich ist es aber schon so gut als zu Ende, der du ohne Selbstachtung dein Glück aus dir heraus verlegst in die Seelen anderer.
4
Trotz deines Bestrebens, an Erkenntnis zu wachsen und dein unstetes Wesen aufzugeben, zerstreuen dich die Außendinge noch immer?  Mag sein, wenn du jenes Streben nur festhälst.  Denn das bleibt die größte Torheit, sich müde zu arbeiten ohne ein Ziel, auf das man all sein Dichten und Trachten lenkt.
5
Wenn man nicht herausbringen kann, was in des andern Seele vorgeht, so ist das schwerlich ein Unglück; aber notwendigerweise unglücklich ist man, wenn man über die Regungen der eigenen Seele im unklaren ist.
6
Daran mußt du immer denken, was das Wesen der Welt und was das deinige ist, und wie sich beides zueinander verhält, nämlich was für ein Teil des Ganzen du bist und zu welchem Ganzen du gehörst, und daß dich niemand hindern kann, stets nur das zu tun und zu reden, was dem Ganzen entspricht, dessen Teil du bist.
7
Theophrast sagt in seiner Vergleichung der menschlichen Fehler — ­wie diese denn allenfalls verglichen werden können — ­:  schwerer seien die, die aus Begierde, als die, welche aus Zorn begangen werden.  Und wirklich erscheint der Zornige als ein Mensch, der nur mit einem gewissen Schmerz und mit innerem Widerstreben von der Vernunft abgekommen ist, während der aus Begierde Fehlende, weil ihn die Lust überwältigt, zügelloser erscheint und schwächer in seinen Fehlern.  Wenn er nun also behauptet:  es zeuge von größerer Schuld, einen Fehler zu begehen mit Freuden als mit Bedauern, so ist das gewiß richtig und der Philosophie nur angemessen.  Man erklärt dann überhaupt den einen für einen Menschen, der gekränkt worden ist und zu seinem eigenen Leidwesen zum Zorn gezwungen wird, während man bei dem andern, der etwas aus Begierde tut, die Sache so ansieht, als begehe er das Unrecht aus heiler Haut.
8
Jegliches tun und bedenken wie einer, der im Begriff ist, das Leben zu verlassen, das ist das Richtige.  Das Fortgehen von den Menschen aber, wenn es Götter gibt, ist kein Unglück.  Denn das Übel hört dann wohl auf.  Gibt es aber keine, oder kümmern sie sich nicht um die menschlichen Dinge, was soll mir das Leben in einer götterleeren Welt, in einer Welt ohne Vorsehung?  Doch sie sind und sie kümmern sich um die menschlichen Dinge.  Noch mehr.  Sie haben es, was die Übel betrifft, und zwar die eigentlichen, ganz in des Menschen Hand gelegt, sich davor zu bewahren.  Ja auch hinsichtlich der sonstigen Übel, kann man sagen, haben sie es so eingerichtet, daß es nur auf uns ankommt, ob sie uns widerfahren werden.  Denn wie sollte etwas, wobei der Mensch nicht schlimmer wird, sein Leben verschlimmern?  Selbst die bloße Natur — ­sei es, daß wir sie uns ohne Bewußtsein oder mit Bewußtsein begabt vorstellen; gewiß ist, daß sie nicht vermag, dem Übel vorzubeugen oder es wieder gut zu machen — ­hätte dergleichen nicht übersehen, hätte nicht in dem Grade gefehlt aus Ohnmacht oder aus Mangel an Anlage, daß sie Gutes und Böses in gleicher Weise guten und bösen Menschen unterschiedslos zuteil werden ließe.  Tod aber und Leben, Ruhm und Ruhmlosigkeit, Leid und Freude, Reichtum und Armut und alles dieses wird den guten wie den bösen Menschen ohne Unterschied zuteil, als Dinge, die weder sittliche Vorzüge noch sittliche Mängel begründen:  also sind sie auch weder gut noch böse (weder ein Glück noch ein Unglück).
9
Wie doch alles so schnell verbleicht!  In der sichtbaren Welt die Leiber, in der Geisteswelt deren Gedächtnis!  Was ist doch alles Sinnliche, zumal was durch Vergnügen anlockt oder durch Schmerz abschreckt oder in Stolz und Hochmut sich breit macht!  Wie nichtig und verächtlich, wie schmutzig, hinfällig, tot! — ­Man folge dem Zug des Geistes; man frage nach denen, die sich durch Werke des Geistes berühmt gemacht haben; man untersuche, was eigentlich sterben heißt (und man wird, wenn man der Phantasie keinen Einfluß auf seine Gedanken verstattet, darin nichts anderes als ein Werk der Natur erkennen:  kindisch aber wäre es doch, vor einem Werk der Natur, das derselben ohnehin auch noch zuträglich ist, sich zu fürchten); man mache sich klar, wie der Mensch Gott ergreift und mit welchem Teile seines Wesens, und wie es mit diesem Teile des Menschen bestellt ist, wenn er Gott ergriffen hat.
10
Nichts Elenderes als ein Mensch, der alles wie im Kreise durchläuft, die Tiefen der Erde ergründen will, wie Pindar sagt, der um alles und jedes sich kümmert, auch um das, woran sonst niemand denkt, der nicht aufhört über die Vorgänge in der Seele des Nächsten seine Gedanken zu machen und nicht begreifen mag, daß es genug ist, für den Gott in der eignen Brust zu leben und ihm zu dienen, wie sich´s gebührt.  Das aber ist sein Dienst:  ihn rein zu erhalten von Leidenschaft von Unbesonnenheit und von Unlust über das, was von Göttern und Menschen geschieht.  Denn die Handlungen der Götter zu ehren, gebietet die Tugend, und mit denen der Menschen sich zu befreunden die Gleichheit der Abkunft, obwohl die letzteren allerdings auch zuweilen etwas Klägliches haben, weil soviele nicht wissen, was Güter und was Übel sind, — ­eine Blindheit, nicht geringer als die, wenn man Schwarz und Weiß nicht unterscheiden kann.
11
Und wenn du dreitausend Jahre leben solltest, ja noch zehnmal mehr, es hat ja doch niemand ein anderes Leben zu verlieren, als eben das, was er lebt, so wie niemand ein anderes lebt, als was er einmal verlieren wird.  Und so läuft das längste wie das kürzeste auf dasselbe hinaus.  Denn das Jetzt ist das Gleiche für alle, wenn auch das Vergangene nicht gleich ist, und der Verlust des Lebens erscheint doch so als ein Jetzt, indem niemand verlieren kann weder was vergangen noch was zukünftig ist.  Oder wie sollte man einem etwas abnehmen können, was er nicht besitzt? — ­An die beiden Dinge also müssen wir denken:  einmal, daß alles seinem Wesen nach unter sich gleichartig ist und von gleichem Verlauf, und daß es keinen Unterschied macht, ob man hundert oder zweihundert Jahre lang oder ewig ein und dasselbe sieht.  Und dann, daß auch der, der am längsten gelebt hat, doch nur dasselbe verliert, wie der, der sehr jung stirbt.  Denn nur das Jetzt ist es, dessen man beraubt werden kann, weil man nur dieses besitzt, und niemand kann verlieren, was er nicht hat.
12
Alles beruht auf der Ansicht!  Dafür zeugen die Aussprüche des Kynikers Menimus und für diesen zeugt wieder die Brauchbarkeit des Gesagten, wenn man es auf das Wahre darin einschränkt.
13
Die Seele des Menschen tut sich selbst den größten Schaden, wenn sie sich von der Natur abzusondern, gleichsam aus ihr herauszuwachsen strebt.  So, wenn sie unzufrieden ist über irgend etwas, das sich ereignet.  Es ist dies ein entschiedener Abfall von der Natur, in der ja diese eigentümliche Verkettung der Umstände begründet ist.  Ebenso, wenn sie jemand verabscheut oder anfeindet oder im Begriff ist, jemand weh zu tun, wie allemal im Zorn.  Ebenso wenn sie von Lust oder von Schmerz sich hinnehmen läßt; oder wenn sie heuchelt, heuchlerisch und unwahr etwas tut oder spricht; oder wenn ihre Handlungen und Triebe keinen Zweck haben, sondern ins Blaue hinausgehen und über sich selbst völlig im unklaren sind.  Denn auch das Kleinste muß in Beziehung zu einem Zweck gesetzt werden.  Der Zweck aber aller vernunftbegabten Wesen ist:  den Grundsätzen und Satzungen des ältesten Gemeinwesens Folge zu leisten.
14
Das menschliche Leben ist, was seine Dauer betrifft, ein Punkt; des Menschen Wesen flüssig, sein Empfinden trübe, die Substanz seines Leibes leicht verweslich, seine Seele — ­einem Kreisel vergleichbar, sein Schicksal schwer zu bestimmen, sein Ruf eine zweifelhafte Sache.  Kurz, alles Leibliche an ihm ist wie ein Strom, und alles Seelische ein Traum, ein Rauch:  sein Leben Krieg und Wanderung, sein Nachruhm Vergessenheit.  Was ist es nun, das ihn über das alles zu erheben vermag?  Einzig die Philosophie, sie, die uns lehrt, den göttlichen Funken, den wir in uns tragen, rein und unverletzt zu erhalten, daß er Herr sei über Freude und Leid, daß er nichts ohne Überlegung tue, nichts erlüge und erheuchele und stets unabhängig sei von dem, was andere tun oder nicht tun, daß er alles, was ihm widerfährt und was ihm zugeteilt wird, so aufnehme, als komme es von da, von wo er selbst gekommen, und daß er endlich den Tod mit heiterem Sinn erwarte, als den Moment der Trennung aller Elemente, aus denen jegliches lebendiges Wesen besteht.  Denn wenn den Elementen dadurch nichts Schlimmes widerfährt, daß sie fortwährend ineinander übergehen, weshalb sollte man sich scheuen vor der Verwandlung und Lösung aller auf einmal?  Vielmehr ist dies das Naturgemäße, und das Naturgemäße ist niemals vom Übel.

DRITTES BUCH

1
Wir müssen uns nicht bloß bedenken, daß das Leben mit jedem Tage schwindet und ein immer kleinerer Teil davon übrigbleibt, sondern auch beherzigen, daß es ja ungewiß ist, wenn man ein längeres Leben vor sich hat, ob sich die Geisteskräfte immer gleichbleiben und zum Verständnis der Dinge, so wie zu all den Wahrnehmungen und Betrachtungen hinreichen werden, die uns auf dem Gebiete des Göttlichen und Menschlichen erfahren machen.  Denn wieviele werden im Alter nicht kindisch!  Und bei wem ein solcher Zustand eingetreten ist, dem fehlt es zwar nicht an der Fähigkeit zu atmen, sich zu nähren, sich etwas vorzustellen und etwas zu begehren; aber das Vermögen, sich frei zu bestimmen, die Reihe der Pflichten, die ihm obliegen zu überschauen, die Erscheinungen sich zu zergliedern und darüber, ob´s Zeit zum Sterben sei oder was sonst einer durchaus geweckten Denkkraft bedarf, sich klar zu werden — ­das ist bei ihm erloschen.  Also eilen muß man, nicht bloß weil uns der Tod mit jedem Tage näher tritt, sondern auch weil die Fähigkeit, die Dinge zu betrachten und zu verfolgen, oft vorher aufhört.
2
Merkwürdig ist, wie an den Erzeugnissen der Natur auch das, was nur beiläufiges Merkmal ist, einen gewissen Reiz ausübt.  So machen z.B. die Risse und Sprünge im Brot, die gewissermaßen gegen die Absicht des Bäckers sind, die Eßlust besonders rege.  Ebenso geht es mit den Feigen, die, wenn sie überreif sind, aufbrechen, und den Oliven, die gerade wegen der Stellen geschätzt werden, wo sie nahe daran sind, faul zu werden.  Die niederhängenden Ähren, die Stirnfalte des Löwen, der Schaum am Munde des Ebers und manches andere dergleichen hat freilich keinen Reiz, wenn man´s für sich betrachtet; aber weil es uns an den Werken der Natur und im Zusammenhange mit ihnen entgegentritt, erscheint es als eine Zierde und wirkt anziehend.  Fehlt es uns also nur nicht an Empfänglichkeit und an Tiefe des Blicks in die Welt der Dinge, so werden wir kaum etwas von solchen Nebenumständen auffinden, was uns nicht angenehm deuchte.  Ebenso werden wir dann aber auch z.B. wirkliche Tierkämpfe nicht weniger gern ansehen, als die Darstellungen, die uns Maler und Bildhauer davon geben; und unser keusches Äuge wird mit gleichem Wohlgefallen auf der würdigen Gestalt des Greises wie auf der liebreizenden des Mädchens ruhen.  Doch gehört dazu eben eine innige Vertrautheit mit der Natur und ihren Werken.
3
Hippokrates hat viele Krankheiten geheilt, dann ist er selbst an einer Krankheit gestorben.  Die Chaldäer weissagten vielen den Tod, dann hat sie selber das Geschick ereilt.  Alexander, Pompejus, Cäsar — ­nach dem sie so manche Stadt von Grund aus zerstört und in der Schlacht soviele Tausende ums Leben gebracht, schieden selbst aus dem Leben.  Heraklit, der über den Weltbrand philosophiert, starb an der Wassersucht, den Demokrit brachte das Ungeziefer um, den Sokrates — ­ein Ungeziefer anderer Art.  Kurz, zu einem jeden heißt es einmal:  du bist eingestiegen, gefahren, im Hafen eingelaufen:  so steige nun aus!  Geht´s in ein anderes Leben — ­gewiß in keins, das ohne Götter ist.  Ist´s aber ein Zustand der Unempfindlichkeit — ­auch gut:  wir hören auf von Leid und Freude hin gehalten zu werden und verlassen ein Behältnis von um so schlechterer Art je edler der Eingeschlossene, denn er ist Geist und göttlichen Wesens, jenes aber Staub und verweslicher Stoff.
4
Verschwende deine Zeit nicht mit Gedanken über das, was andere angeht, es sei denn, daß du jemand damit ersprießlich sein kannst.  Du versäumst offenbar notwendigere Dinge, wenn dich nichts weiter beschäftigt, als was der und jener macht und aus welchem Grunde er so handelt, was er sagt oder will oder anstellt.  So etwas zieht den Geist nur ab von der Beobachtung seiner selbst.  Man muß alles Eitle und Vergebliche aus der Kette der Gedanken zu entfernen suchen, vorzüglich alle müßige und nichtswürdige Neugier, und sich nur an solche Gedanken gewöhnen, über die wir sofort, wenn uns jemand fragt, was wir gerade denken, gern und mit aller Offenheit Rechenschaft geben können, so daß man gleicht sieht:  hier ist alles lauter und gut und so, wie es einem Gliede der menschlichen Gesellschaft geziemt, hier wohnt nichts von Genußsucht und Lüsternheit, nichts von Zank oder Neid oder Mißtrauen, nichts von alle dem, wovon der Mensch nur mit Erröten gestehen kann, daß es seine Seele beschäftige.  Und ein solcher Mensch — ­dem es nun ja auch nicht an dem Streben nach Auszeichnung fehlen kann — ­ist ein Priester und Diener der Götter, der Gewinn aus dem inneren Gottesbewußtsein zu ziehen weiß, so daß ihn keine Lust beflecken, kein Schmerz verwunden, kein Stolz berücken, nichts Böses überhaupt reizen kann; er ist ein Held in jenem großen Kampf gegen die Leidenschaft und eingetaucht in das Wesen der Gerechtigkeit vermag er jegliches Geschick von ganzer Seele zu begrüßen.  Ein solcher Mensch aber denkt selten und nur, wenn es das allgemeine Beste erfordert, an das, was andere sagen oder tun oder meinen.  Sondern die eigene Pflicht ist der einzige Gegenstand seines Tuns, so wie, was ihm das Schicksal gesponnen im Gewebe des Ganzen, der Hauptgegenstand seines Nachdenkens.  Dort hält er Tugend, hier den guten Glauben.  Und in der Tat ist jedem zuträglich, was sich mit ihm zuträgt nach dem Willen des Schicksals.  Stets ist er eingedenk, daß alle Vernunftwesen einander verwandt sind, und daß es zur menschlichen Natur gehört, für andere zu sorgen.  Nach Ansehen strebt er nur bei denen, die ein naturgemäßes Leben führen, da er ja weiß, was die, die nicht so leben, sind, wie sie´s zu Hause und außer dem Hause, am Tage und bei Nacht und mit wem sie ihr Wesen treiben.  Das Lob derer also, die nicht sich selber zu genügen wissen, hat für ihn nicht den geringsten Wert.
5
Tue nichts mit Widerwillen, nichts ohne Rücksicht auf das Gemeinwohl, nichts ungeprüft, nichts wobei du noch ein Bedenken hast.  Drücke deine Gedanken aus ohne Ziererei.  Sei kein Schwätzer und kein Vielgeschäftiger.  Sondern mit einem Worte:  der Gott in dir führe das Regiment, welchem Geschlecht, Alter, Beruf, welcher Abkunft und Stellung du nun auch angehören magst, so daß du immer in der Verfassung bist, wenn du abgerufen werden solltest, gern und willig zu folgen. — ­Eidschwur und Zeugenschaft mußt du immer entbehren können. — ­Innerlich aber sei heiter, nicht bedürfend, daß die Hilfe von außen dir komme, auch nicht des Friedens bedürftig, den andere uns geben können. — ­Steh aufrecht, heißt es, nicht:  lasse dich stellen!
6
Kannst du im menschlichen Leben etwas Besseres finden als Gerechtigkeit, Wahrheit, Selbstbeherrschung, Tapferkeit oder mit einem Wort:  als den Zustand der Seele, wo du in allem, was eine Sache der Vernunft und Selbstbestimmung ist, mit dir selbst, in dem aber, was ohne dich geschieht, mit dem Schicksale zufrieden bist; kannst du, sage ich, etwas entdecken, was noch besser ist als dies, so wende dich dem mit ganzer Seele zu und freue dich, daß du das Beste aufgefunden hast.  Sollte es aber in Wahrheit nichts Besseres geben, als den in dir wohnenden Gott, der deine Begierden sich untertänig zu machen weiß, der die Gedanken prüft, den sinnlichen Empfindungen, wie Sokrates sagt, sich zu entziehen sucht, und der sich selbst — ­den Göttern unterwirft und für das Wohl der Menschen Sorge trägt:  solltest du finden, daß gegen dieses alles andere gering ist und verschwindet, so folge nun auch keiner anderen Stimme und laß in deine Seele nichts eindringen, was, wenn es dich einmal angezogen, dich an der ungeteilten Pflege jenes herrlichen Schatzes, deines Eigentums, hindert.  Denn diesem Gute, dem höchsten nach Wesen und Wirkung, irgend etwas anderes wie Ehre, Herrschaft, Reichtum, Genuß an die Seite setzen zu wollen, wäre Torheit, weil uns all dieses, selbst wenn wir es nur ein wenig anziehend finden, dann mit einem Male ganz in Beschlag nimmt und verführt.  Darum sage ich, man solle einfach und unbedingt das Bessere wählen und ihm anhängen.  Das Bessere ist aber auch immer zugleich das Zuträgliche, sei es, daß es uns frommt als denkenden oder als empfindenden Wesen.  Finden wir nun etwas, das uns als Vernunftwesen zu fördern verspricht, so müssen wir´s festhalten und pflegen.  Ist es aber nur für unser Empfinden zuträglich, so haben wir es mit Bescheidenheit und schlichtem Sinn hin zunehmen, und nur dafür zu sorgen, daß wir uns unser gesundes Urteil bewahren und fortgesetzt die Dinge gehörig prüfen.
7
Bilde dir nie ein, daß etwas gut für dich sein könnte, was dich nötigt, einmal die Treue zu brechen, die Scham hintanzusetzen, jemand zu hassen, argwöhnisch zu sein, in Verwünschungen auszubrechen, dich zu verstellen oder Dinge zu begehren, bei denen man Vorhänge und verschlossene Türen braucht.  Derjenige, welcher die Vernunft, seinen Genius und deren Dienst jederzeit die erste Rolle spielen läßt, wird nie zu einer Tragödie Anlaß geben oder seufzen oder die Einsamkeit oder große Gesellschaft suchen; er wird leben im höchsten Sinne des Worts und weder auf der Jagd noch auf der Flucht.  Ob seine Seele auf lange oder kurze Zeit im Leibe eingeschlossen bleiben soll, kümmert ihn wenig; er würde, auch wenn er bald scheiden müßte, sich dazu ganz ebenso auf den Weg machen, wie wenn es gelte, irgend etwas anderes mit Anstand und mit edlem Wesen auszuführen; sondern wofür er durchs ganze Leben Sorge trägt, ist nur das, daß seine Seele sich stets in einem Zustande befinde, der einem auf das Zusammenleben mit andern angewiesenen vernünftigen Wesen geziemt.
8
In der Seele eines Menschen, der in Zucht und Schranken gehalten worden und so gehörig geläutert ist, findet man nun auch jene Wunden und Schäden nicht mehr, die so häufig unter einer gesunden Oberfläche heimlich fortwuchern.  Nichts Knechtisches ist in ihm und nichts Geziertes; sein Wesen hat nichts besonders Verbindliches, aber auch nichts Abstoßendes; ihn drückt keine Schuld und nichts, was ihn zu Heimlichkeiten nötigte.  Auch hat ein solcher Mensch wirklich “vollendet”, wenn ihn das Schicksal ereilt, was man von andern oft nur mit demselben Rechte sagt, wie von dem Helden eines Dramas, daß er ein tragischer sei, noch ehe das Stück geendet hat.
9
Was die Fähigkeit zu urteilen und Schlüsse zu machen anbetrifft, so mußt du sie in Ehren halten.  Denn es wohnt ihr die Kraft bei, zu verhüten, daß sich in deiner Seele irgendeine Ansicht festsetze, welche widernatürlich ist oder einem vernunftbegabten Wesen unangemessen.  Ihre Bestimmung ist, uns geistig unabhängig zu machen, den Menschen zugetan und den Göttern gehorsam.
10
Alles übrige ist Nebensache.  Das Wenige, was ich gesagt habe, reicht völlig hin.  Dabei bleibe man sich bewußt, daß jeder eigentlich nur dem gegenwärtigen Augenblick lebe.  Denn alles übrige ist entweder durchlebt oder in Dunkel gehüllt.  Also ein Kleines ist´s, was jeder lebt, und ein Kleines, wo er lebt — ­das Winkelchen Erde, und ein Kleines der Ruhm, auch der größte, den er hinterläßt:  damit er sich forterbe in der Kette dieser Menschenkinder, die so geschwind sterben müssen und die nicht einmal sich selbst begreifen, geschweige denn einen längst vor ihnen Gestorbenen!
11
Den aufgestellten Lebensregeln ist aber noch eine hinzuzufügen.  Von jedem Gegenstande, der sich deinem Nachdenken darbietet, suche dir stets einen klaren und bestimmten Begriff zu machen, so daß du weißt, was er an sich und was er nach allen seinen Beziehungen ist, damit du ihn selbst sowohl wie seine einzelnen Momente nennen und bezeichnen kannst.  Denn nichts erzeugt in dem Grad hohen Sinn und edle Denkungsart, als wenn man imstande ist, sich von jeder im Leben gemachten Erfahrung, dem Wesen ihres Gegenstandes und ihrer Vermittlung nach, Rechenschaft zu geben, und alle Begebenheiten so anzusehen, daß man bei sich überlegt, in welchem Zusammenhang sie erscheinen und welche Stelle sie in demselben einnehmen, welchen Wert sie für das Ganze haben und was sie dem Menschen bedeuten, diesem Bürger eines höchsten Reiches, zu dem sich die übrigen Reiche wie die einzelnen Häuser zu der ganzen Ortschaft verhalten daß man weiß, was man jedesmal vor sich hat, wo es sich herschreibt und wie lange es bestehen wird, und wie sich der Mensch dazu zu verhalten habe, ob milde oder tapfer, zweifelsüchtig oder vertrauend voll, hingebend oder auf sich selbst beruhend; so daß man sich von jedem Einzelnen sagen muß, entweder:  es kommt von Gott, oder:  es ist ein Stück jenes großen Gewebes, das das Schicksal spinnt, und so und so gefügt, oder endlich:  es kommt von einem unsrer Genossen und Brüder, der nicht gewußt hat, was naturgemäß ist.  Du aber weißt es, und darum begegnest du ihm, wie es das natürliche Gesetz der Gemeinschaft fordert, mit Liebe und Gerechtigkeit.  Und auch in gleichgültigen Dingen zeigst du ein ihrem Wert entsprechendes Verhalten.
12
Wenn du der gesunden Vernunft folgst und bei dem, was dir zu tun gerade obliegt, mit Eifer, Kraft und Liebe tätig bist, ohne daß dich ein anderer Gedanke dabei leitet, als der, dein Inneres rein zu erhalten, als solltest du bald deinen Geist aufgeben; wenn du dich auf diese Weise zusammennimmst und dabei weder zögerst noch eilst, sondern dir genügen lässest an der dir von Natur zu Gebote stehenden Energie und an der Wahrhaftigkeit, die aus jedem deiner Worte hervor leuchten muß, so wirst du ein glückliches Leben führen.  Und ich wüßte nicht, wer dich daran hindern sollte.
13
Wie die Ärzte zu raschen Heilungen stets ihre Instrumente und Eisen zur Hand haben, so mußt du behufs der Erkenntnis göttlicher und menschlicher Dinge die Lehren der Philosophie in steter Bereitschaft halten, damit du in allem, auch im Kleinsten, immer so handelst wie einer, der sich des Zusammenhangs beider bewußt ist.  Denn Menschliches läßt sich ebensowenig richtig behandeln ohne Beziehung auf Göttliches als umgekehrt.
14
Höre endlich auf, dich selbst zu verwirren!  Es ist nicht daran zu denken, daß du dazu kommst, was du dir für spätere Zeiten deines Lebens aufbehalten hattest, dies und jenes zu treiben und zu lesen und wieder hervorzusuchen.  Darum gib solche törichte Pläne auf, und wenn du dich selber lieb hast, schaffe dir — ­noch vermagst du´s — ­eiligst die Hilfe, deren du bedarfst!
15
In manchem Wort, das unbedeutend scheint, wie z.B.  Stehlen, Säen, Kaufen, Ruhen, Sehen, was es zu tun gibt, liegt oft ein tieferer Sinn.  Wie mancher sagt:  “ich will doch sehen, was es gibt”, und denkt nicht daran, daß es dazu eines anderen Schauens bedarf, als das der Augen.
16
Leib, Seele, Geist — ­das war jene Dreiheit:  der Leib mit seinen Empfindungen, die Seele mit ihren Begierden und der Geist mit seinen Erkenntnissen.  Aber Bilder und Vorstellungen haben auch unsere Haustiere; von Begierden in Bewegung gesetzt werden auch die wilden Tiere oder Menschen, die nicht mehr Menschen sind, ein Phalaris, ein Nero; in allem, was vorteilhaft scheint, sich vom Geiste leiten zu lassen, ist auch die Sache solcher, die das Dasein der Götter leugnen, das Vaterland verraten und die schändlichsten Dinge tun, sobald es nur niemand sieht.  Wenn soweit also jenes etwas allen Gemeinsames ist, so bleibt als das dem Guten Eigentümliche nur übrig, das ihm vom Schicksal Bestimmte willkommen zu heißen, das Heiligtum in seiner Brust nicht zu entweihen, sich nicht durch Gedankenmenge zu verwirren, sondern im Gleichmaß zu verharren, der Stimme des Gottes zu folgen, nichts zu reden wider die Wahrheit und nichts zu tun wider die Gerechtigkeit.  Und daß man dabei ein einfaches, züchtiges und wohlgemutes Leben führt, daran sollte eigentlich niemand zweifeln.  Geschähe es aber, wir würden deshalb doch keinem zürnen, noch von dem Wege weichen, der an das Ziel des Lebens führt, bei welchem wir unbefleckt, gelassen, wohlgerüstet und willig dem Schicksal gehorchend ankommen müssen.

VIERTES  BUCH

1
Wenn der in uns herrschende Geist seiner Natur folgt, kann es uns — ­den Ereignissen gegenüber — ­nicht schwer fallen, auf jede Möglichkeit vorbereitet zu sein und das Gegebene hinzunehmen.  Das Festbestimmte, Abgemachte ist es dann überhaupt nicht, wofür wir Interesse haben, sondern:  was uns gut und wünschenswert scheint, ist doch immer nur mit Vorbehalt ein Gegenstand unseres Strebens; was sich uns aber geradezu in den Weg stellt, betrachten wir als ein Mittel zu unsrer Übung — ­:  der Flamme gleich, die sich auch solcher Stoffe zu bemächtigen weiß, deren Berührung ein kleineres Licht verlöschen würde, aber ein helles Feuer nimmt in sich auf und verzehrt, was man ihm zuführt, und wird nur größer dadurch.
2
Bei allem, was du tust, gehe besonnen zu Werke und so, daß du dabei die höchste Lebenskunst im Auge hast!
3
Man liebt es, sich zuzeiten aufs Land, ins Gebirge, an die See zurückzuziehn.  Auch du sehnst dich vielleicht dahin.  Im Grunde genommen aber steckt dahinter eine große Beschränktheit.  Es steht dir ja frei, zu jeglicher Stunde dich in dich selbst zurückzuziehn, und nirgends finden wir eine so friedliche und ungestörte Zuflucht als in der eignen Seele, sobald wir nur etwas von dem in uns tragen, was wir nur anzuschauen brauchen, um uns in eine vollkommen ruhige und glückliche Stimmung versetzt zu sehn — ­eine Stimmung, die nach meiner Ansicht freilich ein anständiges, sittliches Wesen bedingt.  Auf diese Weise also ziehe dich beständig zurück, um dich immer wieder auf zufrischen.  Einfach und klar und bestimmt aber seien jene Ideen, die aus deiner Seele so manches hinweg spülen, wenn du sie dir vergegenwärtigst, und dir eine Zuflucht schaffen sollen, aus der du nicht übel launisch zurückkehrst.  Und was sollte dich auch alsdann verdrießen?  “Die Schlechtigkeit der Menschen?” Aber wenn du bedenkst, daß die vernünftigen Wesen füreinander geboren sind, daß das Ertragen des Unrechts zur Gerechtigkeit gehört, daß die Menschen unfreiwillig sündigen, und dann — ­wie viel streitsüchtige, argwöhnische, gehässige und gewalttätige Menschen dahin gemußt haben und nun ein Raub der Verwesung sind — ­wirst du da deine Abneigung nicht los werden?  “Oder ist es dein Schicksal?” So erinnere dich nur jenes Zwiefachen:  entweder wir sagen:  es gibt eine Vorsehung, oder:  wir sehen uns als Teile und Glieder eines Ganzen an, und unserer Betrachtug der Welt liegt die Idee eines Reiches zugrunde.  “Oder ist es dein Leib, der irgendwie schmerzt?” Aber du weißt ja, der Geist, wenn er sich selbst begriffen und seine Macht kennen gelernt hat, hängt nicht ab von sanfteren oder rauheren Lüften; auch weißt du, wie wir über Schmerz und Freude denken, und bist einverstanden damit.  “Oder macht dir der Ehrgeiz zu schaffen?” Aber wie schnell breitet Vergessenheit über alles ihren Schleier! wie unablässig drängt eins das andere in dieser Welt ohne Anfang und ohne Ende!  Wie nichtig ist jeder Nachklang unseres Tuns! wie veränderlich und wie urteilslos jede Meinung, die sich über uns bildet und wie eng der Kreis, in dem sie sich bildet!  Die ganze Erde ist ja nur ein Punkt im All, und wie klein ist nun wieder der Winkel auf ihr, wo von uns die Rede sein kann!  Wie viele können es sein, und was für welche, die unsern Ruhm verkünden?  In der Tat also gilt es sich zurückzuziehen auf eben diesen kleinen Raum, der unser ist, und hier sich weder zerstreuen, noch einspannen zu lassen, sondern sich frei zu bewegen und die Dinge anzusehen wie ein Mensch, wie ein Glied der Gesellschaft, wie ein sterbliches Wesen.  Unter allen Wahrheiten aber, die dir am geläufigsten sind, müssen jedenfalls die beiden sein:  die eine:  daß Außendinge die Seele nicht berühren dürfen, sondern wirklich Außendinge sein und bleiben müssen.  Denn Widerwärtigkeiten gibt es nur für den, der sie dafür hält.  Die andere:  daß alles, was du siehst, sich bald verwandeln und nicht mehr sein werde, wie du selbst schon eine Menge Wandlungen durchgemacht hast.  Mit einem Wort:  die Welt ist ein ewiger Wechsel, das Leben ein Wahn!
4
Haben wir alle das Denkvermögen gemein, dann auch die Vernunft? dann auch die Stimme, die uns sagt, was wir tun und lassen sollen; dann auch eine Gesetzgebung; wir sind also alle Bürger eines und desselben Reiches.  Und so würde folgen, daß die Welt ein Reich ist.  Denn welches Reich wäre sonst dem menschlichen Geschlecht gemein? — ­Stammt nun etwa jene Denkkraft, jenes Vernünftige und Gesetzgebende aus diesem uns allen gemeinsamen Reiche oder sonst woher?  Denn gleichwie bei verschiedenen Stoffen jeder seine besondere Quelle hat (denn es ist Nichts, was aus dem Nichts entstände, so wenig wie Etwas in das Nichts übergeht), so muß auch das Geistige irgendwoher stammen.
5
Mit dem Tode verhält sich´s wie mit der Geburt:  beide sind Geheimnisse der Natur.  Dieselben Elemente welche hier sich einigen, werden dort gelöst.  Und das ist nichts, was uns unwürdig vorkommen könnte.  Es widerspricht weder dem vernünftigen Wesen selbst, noch der Art und Weise seiner Einrichtung.
6
Es liegt freilich in der Natur der Sache, daß gewisse Leute einen solchen Widerspruch darin finden.  Aber wer dies nicht will, will nicht, daß der Feigenbaum Saft habe. Überhaupt aber sei dessen eingedenk, daß ihr beide, du und er, in kürzester Zeit sterben werdet, und daß bald nicht einmal euer Name übrigbleibt.
7
Laß deinen Wahn schwinden, du hörst auf dich zu beklagen.  Beklagst du dich nicht mehr, ist auch das Übel weg.
8
Der Begriff des Heilsamen und des Schädlichen schließt es schon in sich, daß, was den Menschen nicht verdirbt, auch sein Leben nicht verderben oder verbittern kann weder äußerlich noch innerlich.
9
Weil es nützlich ist, handelt die Natur notwendigerweise so, wie sie handelt.
10
Alles, was geschieht, geschieht mit Recht; einer genauen Beobachtung kann das nicht entgehen.  Auch sage ich nicht bloß:  es ist in der Ordnung, sondern:  es ist recht, d.h. als käme es von einem, der alles nach Recht und Würdigkeit austeilt.  Setze deine Beobachtungen nur fort, und du selbst — ­was du auch tust, mache gut! gut im eigentlichsten Sinne des Worts!  Denke daran bei jeder deiner Handlungen!
11
Wie derjenige denkt, der dich verletzt, oder wie er will, daß du denken sollst, so denke gerade nicht.  Sondern sieh die Sache an, wie sie in Wahrheit ist.
12
Zu zweierlei müssen wir stets bereit sein:  einmal, zu handeln einzig den Forderungen gemäß, welche das in uns herrschende Gesetz an uns stellt — ­und das heißt immer auch zugleich zum Nutzen der Menschen handeln.  Sodann:  auf unserer Meinung nicht zu beharren, wenn einer da ist, der sie berichtigen und uns so von ihr abbringen kann.  Doch muß jede Sinnesänderung davon ausgehen, daß die neue Ansicht die richtige und gute sei, nicht davon, daß sie Annehmlichkeiten und äußere Vorteile verschaffe.
13
Wenn du Vernunft hast, warum gebrauchst du sie nicht?  Tut sie das ihrige, was kannst du mehr verlangen?
14
Was du bist, ist doch nicht das Ganze.  So wirst du denn auch einst aufgehen in dem, der dich erzeugte; oder vielmehr, nach geschehener Wandlung wirst du wieder aufgenommen werden in seine Erzeugernatur.
15
Viele Weihrauchkörner fallen auf denselben Altar der Gottheit — ­das ist des Menschen Leben.  Wieviel davon schon gestreut ist, wieviel noch nicht, was liegt daran?
16
Sobald du dich zu den Grundsätzen und dem Dienst der Vernunft bekehrst, kannst du innerhalb zehn Tagen denen ein Gott sein, denen du jetzt so verächtlich erscheinst wie ein Affe oder ein wildes Tier.
17
Richte dich nicht ein, als solltest du hundert Jahre alt werden.  Denn wie nahe ist vielleicht dein Ende!  Aber solange du lebst, solange es in deiner Macht steht — ­sei gut!
18
Welch ein Gewinn, wenn man auf anderer Leute Worte, Angelegenheiten und Gedanken nicht achtet, sondern nur merkt auf das eigene Tun, ob es gerecht und fromm und gut sei,
“ — ­das Auge abgewendet vom Pfuhl des Lasters, nur der eignen Bahn nachgehend, grad und unverrückt.”
19
Der Ruhmbegierige bedenkt nicht, daß auch die in aller Kürze nicht mehr sein werden, die seiner gedenken, und daß es sich mit jedem folgenden Geschlecht ebenso verhält, bis endlich die Erinnerung, durch solche fortgepflanzt, die nun erloschen sind, selber erlischt.  Aber gesetzt auch, sie wären unsterblich, die deinen Namen nennen, und unsterblich dieses Namens Gedächtnis:  was nützt dir´s? dir, der du bereits gestorben bist?  Aber auch, was nützt dir´s bei deinem Leben?  Es sei denn, daß du zeitliche Vorteile dabei hast.  Sind also Ruhm und Ehre dir zuteil geworden, achte dieser Gabe nicht! sie macht dich eitel und abhängig vom Geist und Wort der andern.
20
Jegliches Schöne ist schön durch sich selbst und in sich vollendet, so daß für ein Lob kein Raum in ihm ist.  Wird es doch durch Lob weder schlechter noch besser.  Dies gilt auch von dem, was man in der Regel schön nennt, von dem körperlich Schönen und den Werken der Kunst.  Das wahrhaft Schöne bedarf des Lobes ebensowenig als das göttliche Gesetz, die Wahrheit, die Güte, die Scham.  Oder vermag daran etwa das Lob zu bessern oder der Tadel zu verderben?  Wird die Schönheit des Edelsteins, des Purpurs, des Goldes, des Elfenbeins, die Schönheit eines Instruments, einer Blüte, eines Bäumchens geringer dadurch, daß man sie nicht lobt?
21
Wenn die Seelen fortdauern, wie vermag sie der Luftraum von Ewigkeit her zu fassen?  Aber wie ist denn die Erde imstande, die Leichname sovieler Jahrtausende zu fassen?  Die Leiber, nachdem sie eine Zeitlang gedauert haben, verwandeln sich und lösen sich auf, und so wird andern Leibern Platz gemacht.  Ebenso die in den Äther versetzten Seelen.  Eine Zeitlang halten sie zusammen, dann verändern sie sich, dehnen sich aus, verbrennen und gehen in das allgemeine Schöpferwesen auf, so daß ein Raum für neue Bewohner entsteht.  So etwa ließe sich die Ansicht von der Fortdauer der Seelen erklären.  Was aber die Leiber betrifft, so kommt hier nicht bloß die Menge der auf jene Weise untergebrachten, sondern auch die der täglich von uns und von den Tieren verzehrten Leiber in Betracht.  Welch eine Menge verschwindet und wird so gleichsam begraben in den Leibern derer, die sich davon nähren, und immer derselbe Raum ist´s, der sie faßt, durch Verwandlung in Blut, in Luft- und Wärmestoffe.  Das Prinzip oder die Summe aller dieser Erscheinungen ist also:  die Auflösung in die Materie und in den Urgrund aller Dinge.
22
Stets entschieden, gilt es, zu sein und das Rechte im Auge zu haben bei jeglichem Streben.  In dem Gedankenleben aber sei das Begreifliche dein Leitstern.
23
Was mit dir zusammenstimmt, o Welt, ist auch für mich angemessen!  Nichts kommt zu früh für mich und nichts zu spät, wenn´s bei dir heißt:  “Zu guter Stunde.”  Eine süße Frucht ist mir alles, was du gezeitigt hast, Natur.  Von dir und in dir ist alles und zu dir kehrt es zurück. — ­Als Aristophanes Theben wiedersah, rief er:  “Du liebe Stadt des Kekrops!” und ich, ich sollte mit dem Blick auf dich nicht sagen:  “Du liebe Stadt des höchsten Gottes?”
24
Nur auf wenig Dinge, heißt es, darf sich deine Tätigkeit erstrecken, wenn du dich wohl befinden willst.  Aber wäre es nicht besser, sie auf das Notwendige zu richten? auf das, was wir als Wesen, die auf das Leben in Gemeinschaft angewiesen sind, tun sollen?  Denn das hieße nicht bloß das Vielerlei, sondern auch das Schlechte vermeiden und müßte uns also doppelt glücklich machen.  Gewiß würden wir ruhiger und zufriedener sein, wenn wir das meiste von dem, was wir zu reden und zu tun pflegen, als überflüssig ließen.  Ist es doch durchaus notwendig, daß wir in jedem einzelnen Falle, ehe wir handeln, eine Stimme der Warnung vernehmen; und sollte die von etwas ausgehen können, das an sich selbst unnötig ist?  Zuerst aber befreie deine Gedanken von allem, was unnütz ist, dann wirst du auch nichts Unnützes tun.
25
Mache den Versuch — ­vielleicht gelingt dir´s — ­zu leben wie ein Mensch, der mit seinem Schicksal zufrieden ist, und, weil er recht handelt und liebevoll gesinnt ist, auch den inneren Frieden besitzt.
26
Willst du? so höre noch dies:  Rege dich nicht selbst auf, und bleibe immer bei dir.  Hat sich jemand an dir vergangen:  an sich selbst hat er sich vergangen.  Ist dir etwas Trauriges widerfahren:  es war dir von Anfang an bestimmt; was geschieht, ist alles Fügung.  Und im Ganzen:  das Leben ist kurz.  Die Gegenwart ist´s, die wir nutzen sollen, durch rechtschaffenes und überlegtes Handeln, und wenn wir ausruhen wollen, durch ein besonnenes Ausruhen.  Auch in Erholungsstunden bleibe nüchtern!
27
Entweder ist die Welt ein wohlgeordnetes Ganzes oder ein zufälliges Gemenge, das man aber doch eine Weltordnung nennt.  Doch wie?  Kann in dir eine gewisse Ordnung herrschen, wenn im Weltganzen Unordnung herrscht?  Und das könnte sein bei der ineinandergestimmten Vereinigung aller möglichen Kräfte, die einander widerstreiten und zerteilt sind?
28
Es gibt schwarze Charaktere, weibische, halsstarrige, tierische, viehische, kindische, träge, zweideutige, geckenhafte, betrügerische, tyrannische Charaktere.
29
Wenn der ein Fremdling ist in der Welt, der nicht weiß, was auf ihr ist und geschieht, so nenne ich den einen Flüchtling, der sich den Ansprüchen des Staates entzieht; einen Blinden, der das Auge seines Geistes schließt; einen Bettler, der eines andern bedarf und nicht in sich alles zum Leben Nötige trägt; einen Auswuchs des Weltalls, der von dem Grundgesetz der Allnatur abweicht und — ­mit dem Schicksal hadert! als hätte sie, die dich hervorgebracht, nicht auch dieses erzeugt; ein abgehauenes Glied der menschlichen Gesellschaft, der mit seiner Seele von dem Lebensprinzip der einen alle Vernunftwesen umfassenden Gemeinde geschieden ist.
30
Es gibt Philosophen, die keinen Rock anzuziehen haben und halbnackt einhergehen.  “Nichts zu essen, aber treu der Idee.”  Auch für mich ist die Philosophie kein Brotstudium.
31
Liebe immerhin die Kunst, die du gelernt hast, und ruhe dich aus in ihr.  Doch gehe durchs Leben nicht anders wie einer, der alles, was er hat von ganzem Herzen den Göttern weiht, niemandes Tyrann und niemandes Knecht.
32
Betrachten wir die Geschichte, z.B. die Zeiten Vespasians, so finden wir Menschen, die sich freien, Kinder zeugen, krank liegen, sterben, Krieg führen, Feste feiern, Handel treiben, Acker bauen; finden Schmeichler, Freche, Mißtrauische, Listige, oder solche, die ihr Ende herbeiwünschen, die sich über die schlimmen Zeiten beklagen; finden Liebhaber, Geizhälse, Ehrgeizige, Herrschsüchtige.  Nicht wahr?  Ihr Leben ist jetzt nirgends mehr zu finden.  Gehen wir über auf die Zeiten des Trajan:  alles ganz ebenso.  Und auch diese Zeit ging zu Grabe. — ­So betrachte die Grabschriften aller Zeiten und Völker, damit du siehst, wie viele, die sich aufschwangen, nach kurzer Zeit wieder sanken und vergingen.  Namentlich muß man immer wieder an die denken, bei denen wir´s mit eignen Augen gesehen haben, wie sie nach eitlen Dingen trachteten, wie sie nicht taten, was ihrer Bildung entsprach, daran nicht unablässig festhielten und sich daran nicht genügen ließen.  Und fällt uns dann die Regel ein, daß die Behandlung einer Sache ihren Maßstab in dem Wert der Sache selbst hat, so wollen wir sie doch ja beobachten, damit wir uns vor dem Ekel bewahren, der die notwendige Folge davon ist, daß man den Dingen mehr Wert beilegt, als sie verdienen.
33
Worte, die ehemals im Gebrauch waren, sind nun veraltet.  So sind auch die Namen einst hochberühmter Männer, eines Camill, Scipio, Cato, dann eines Augustus, dann Hadrians, dann Antoninus Pius, später gleichsam veraltete Worte.  Sie verbleichen bald und nehmen das Gewand der Sage an, bald sind sie gar versunken in Vergessenheit.  Dies gilt von denen, die ehemals so wunderbar geleuchtet haben.  Denn von den andern, sind sie nur tot, weiß man nichts mehr, hat man nie etwas gehört.  Also ist Unvergeßlichkeit ein leeres Wort.  Aber was ist es denn nun, wonach sich´s lohnt zu streben?  Nur das eine:  eine tüchtige Gesinnung, ein Leben zum Besten anderer, Wahrheit in jeder Äußerung, ein Zustand des Gemüts, wonach dir alles, was geschieht, notwendig scheint und dir befreundet, aus einer Quelle fließend, mit der du vertraut bist.
34
Gib dich dem Schicksal willig hin, und erlaube ihm, dich mit den Dingen zu verflechten, die es dir irgend zuerkennt.
35
Eintagsfliegen sind beide, der Gedenkende und der, dessen gedacht wird.
36
Alles entsteht durch Verwandlung, und die Natur liebt nichts so sehr, als das Vorhandene umzumodeln und Neues von ähnlicher Art zu erzeugen.  Jedes Einzelwesen ist gewissermaßen der Same eines zukünftigen, und es wäre eine große Beschränktheit, nur das als ein Samenkorn anzusehen, was in die Erde oder in den Mutterschoß geworfen wird.
37
Wie bald wirst du tot sein, und noch immer bist du nicht ohne Falsch, nicht ohne Leidenschaft, nicht frei von dem Vorurteil, daß Äußeres dem Menschen schaden könne, nicht sanftmütig gegen jedermann, und noch immer nicht überzeugt, daß Gerechtigkeit die einzig wahre Klugheit sei.
38
Mache dich mit den herrschenden Gesinnungen der Menschen bekannt, mit ihren Sorgen und mit dem, was sie fliehen und was sie erstreben.
39
In der Seele eines andern sitzt es nicht, was dich unglücklich macht, auch nicht in der Wendung deiner äußeren Verhältnisse.  Wo denn, fragst du?  In deinem Urteil!  Halte es nicht für ein Unglück, und alles steht gut.  Und wenn, was dich zunächst umgibt, deine Haut verwundet, geschnitten, gebrannt wird, muß der Teil deines Wesens, der über solche Dinge urteilt, in Ruhe sein, d.h. er muß denken, daß das, was ebenso den Guten wie den Bösen treffen kann, unser Unglück oder unser Glück unmöglich ausmacht.  Denn was bald der erfährt, der gegen die Natur lebt, bald wieder der, der ihrer Stimme folgt, das kann doch selbst nicht widernatürlich oder natürlich heißen.
40
Die Welt ist ein einziges lebendiges Wesen, ein Weltstoff und eine Weltseele.  In dieses Weltbewußtsein wird alles aufgenommen, so wie aus ihm alles hervorgeht, so jedoch, daß von den Einzelwesen eines des anderen Mitursache ist und auch sonst die innigste Verknüpfung unter ihnen stattfindet.
41
Nach Epiktet ist der Mensch — ­eine Seele mit einem Toten belastet.
42
Was zu dem Wandlungsprozeß gehört, dem wir alle unterworfen sind, das kann als solches weder gut noch böse sein.
43
Ein Strom des Werdens, in dem eins das andre jagt, ist die Zeit.  Denn ein jegliches Ding — ­verschlungen ist´s, kaum da es aufgetaucht.  Aber kaum ist das eine dahin, trägt die Woge schon wieder ein anderes her.  Doch auch dieses wird weggeschwemmt.
44
Wie die Rose die Vertraute des Sommers und die Früchte die Freunde des Herbstes sind, so ist das Schicksal uns freundlich gesinnt, mag es nun Krankheit oder Tod oder Schimpf und Schande heißen.  Denn Kummer machen solche Dinge nur dem Toren.
45
Das Folgende entspricht immer dem Vorangehenden, nicht nur in der Weise des Nacheinander mit bloß äußerer Verknüpfung, sondern durch ein inneres geistiges Band.  Denn wie im Reiche des Gewordenen alles harmonisch gefügt ist, so tritt uns auch auf dem Gebiete des Werdens keine bloße Aufeinanderfolge, sondern eine wunderbare innere Verwandtschaft entgegen.
46
Mag es richtig sein, was Heraklit sagt, daß in der Natur das eine des andern Tod sei, der Erde Tod das Wasser, des Wassers die Luft, der Luft das Feuer und umgekehrt; doch hat er nicht gewußt, wohin alles führt.  Aber es läßt sich auch von solchen Leuten lernen, die das Ziel ihres Weges aus dem Gedächtnis verloren haben, auch von solchen, die, je mehr sie mit dem alles beherrschenden Geiste verkehren, tatsächlich sich desto mehr von ihm entfernen, auch von denen, welchen gerade das fremd ist, was sie täglich beschauen, oder die wie im Traume handeln und reden (denn auch das nennt man noch Tätigkeit), oder endlich von solchen, die wie die kleinen Kinder alles nachmachen.
47
Wenn dir ein Gott weissagte, du werdest morgen, höchstens übermorgen sterben, so könntest du dich über dieses “Übermorgen” doch nur freuen, wenn gar nichts Edles in dir steckt.  Denn was ist´s für ein Aufschub!  Ebenso gleichgültig aber müßte es dir sein, wenn man dir prophezeite:  nicht morgen, sondern erst nach langen Jahren!
48
Bedenke, wie viele Ärzte sind gestorben, nachdem sie an wie vielen Krankenbetten bedenklich den Kopf geschüttelt; wie viele Astrologen, die erst andern mit großer Wichtigkeit den Tod verkündigten; wie viele Philosophen, nachdem sie über Tod und Unsterblichkeit ihre tausenderlei Gedanken ausgekramt; wie viele Kriegshelden mit dem Blute anderer bespritzt; wie viele Fürsten, die ihres Rechtes über Leben und Tod mit großem Übermute brauchten, als wären sie selbst nicht auch sterbliche Menschen; wie viele Städte — ­Helion, Pompeji, Herkulanum und unzählige andere — ­sind, daß ich so sage, gestorben!  Dann die du selbst gekannt hast, einer nach dem andern!  Der jenen begrub, wurde dann selbst begraben, und das binnen kurzem.  Denn alles Menschliche ist nichtig und vorübergehend, das Gestern eine Seifenblase, das Morgen — ­erst eine einbalsamierte Leiche, dann ein Haufen Asche.  Darum nutze das Heute so wie du sollst, dann scheidet sich´s leicht:  wie die Olive, wenn sie reif geworden abfällt — ­preisend den Zweig, an dem sie hing, dankend dem Baum, der sie hervorgebracht!
49
Wie der Fels im Meere, an dem die Wellen unaufhörlich rütteln, steht, so daß ringsum der Brandung Ungestüm sich legen muß, so stehe auch du!  Nenne dich nicht unglücklich, wenn dir ein “Unglück” widerfuhr!  Nein, sondern preise dich glücklich, daß, obwohl es dir widerfahren ist, der Schmerz dir doch nichts anhat und weder Gegenwärtiges dich mürbe machen, noch Zukünftiges dich ängstigen kann.  Jedem könnt´ es begegnen, aber nicht jeder hätte es so ertragen.  Und warum nennst du das eine ein Unglück, das andere ein Glück?  Nennst du nicht das ein Unglück für den Menschen, was ein Fehlgriff seiner Natur ist?  Aber wie sollte das ein Fehlgriff der menschlichen Natur sein können, was nicht wider ihren Willen ist?  Und du kennst doch ihren Willen?  Kann dich denn irgendein Schicksal hindern, gerecht zu sein, hochherzig, besonnen, klug, selbständig in deiner Meinung, wahrhaft in deinen Reden, sittsam und frei in deinem Betragen, hindern an dem, was, wenn es vorhanden ist, so recht dem Zweck der Menschennatur entspricht?  So oft also etwas Schmerzhaftes dir nahe tritt:  denke, es sei kein Unglück; aber ein Glück ist, es mit edlem Mut zu tragen.
50
Es ist zwar ein lächerliches aber wirksames Hilfsmittel, wenn man den Tod verachten lernen will, sich die Menschen zu vergegenwärtigen, die mit aller Inbrunst am Leben hingen.  Denn was war ihr Los, als daß sie zu früh starben?  Begraben liegen sie alle, die Fabius, Julianus, Lepidus oder wie sie heißen mögen, die allerdings so manche andere überlebten, dann aber doch auch an die Reihe mußten. — ­Wie klein ist dieser ganze Lebensraum, und unter wieviel Mühen, mit wie schlechter Gesellschaft, in wie zerbrechlichem Körper wird er zurückgelegt!  Es ist nicht der Rede wert.  Hinter dir eine Ewigkeit und vor dir eine Ewigkeit:  dazwischen — ­was für ein Unterschied ob du drei Tage oder drei Jahrhunderte zu leben hast?
51
Immer wandle den kürzesten Weg, den du zu gehen hast!  Er ist der natürliche.  Man folgt da im Reden und Tun nur der gesunden Vernunft.  Du wirst dich auf diese Weise von mancher Sorge und von manchem Ballast befreien.

FÜNFTES BUCH

1
Früh, wenn´s dir leid tut schon aufgewacht zu sein, sage dir gleich, du seist erwacht, dich menschlich zu betätigen.  Um der Tätigkeit willen bist du geboren und in die Welt gekommen, und du wolltest verdrießlich sein, daß du ans Werk gehen mußt?  Oder bist du dazu geschaffen, in den Federn liegend dich zu pflegen?  Freilich ist dies angenehmer; aber bist du um des Vergnügens willen da, nicht vielmehr um etwas zu schaffen und dich anzustrengen?  Sieh alle Kreaturen, die Sperlinge, die Ameisen, die Spinnen, die Bienen, wie jedes sein Werk vollbringt und jedes in seiner Weise an der Aufgabe des Ganzen arbeitet!  Und du wolltest das deinige nicht tun? nicht den Weg laufen, den die menschliche Natur dir vorschreibt? — ­Man muß doch auch ausruhen, sagst du.  Freilich muß man.  Doch in dem Maße, das die Natur dir selbst an die Hand gibt, ebenso wie für das Essen und Trinken.  Darin aber willst du die Grenze überschreiten und mehr tun als nötig ist, nur in der Tätigkeit zurückbleiben?  Da sieht man, daß du dich selbst nicht lieb hast, sonst würdest du die menschliche Natur und deren Willen lieb haben.  Andere, die mit Liebe die Kunst betreiben, die sie gelernt haben, sind oft so versessen darauf, daß sie darüber vergessen, sich zu waschen oder zu frühstücken.  Du aber ehrst die Menschheit in dir nicht einmal so hoch wie jene ihre Kunst, wie der Drechsler seine Drechselei, der Tänzer seine Sprünge, der Geizhals sein Geld, der Ehrgeizige seinen Ruhm.  Denn sobald solche Leute ihrem Beruf mit Eifer hingegeben sind, liegt ihnen am Essen und Schlafen weit weniger, als daran, daß sie´s weiter bringen in dem, was ihres Amtes ist.  Und du bist imstande, das für andere Tätigsein niedriger zu stellen und eines solchen Eifers nicht für wert zu halten?
2
Es ist wahrlich nicht so schwer, jeden beunruhigenden und unziemlichen Gedanken, der sich aufdrängt, wieder loszuwerden und hinwegzutilgen, so daß die vollkommene Stille und Heiterkeit des Gemüts gleich wiederhergestellt ist.
3
Erkenne, daß du jeder echt menschlichen Äußerung in Wort und Werk würdig bist, und laß dich von keinem Tadel oder Stichelrede, die andere dir nachsenden, beschwatzen.  Was edel ist zu sagen und zu tun, dessen bist du niemals unwürdig.  Jene haben ihre eigenen Grundsätze, denen sie folgen, und ihren eigenen Sinn.  Darauf darfst du keine Rücksicht nehmen, sondern mußt den geraden Weg gehen, den deine und die allgemein menschliche Natur dir vorschreibt.  Und es ist in der Tat nur ein Weg, den diese beiden dir weisen.
4
So laß uns durchs Leben gehen, bis wir verfallen und uns zur Ruhe begeben, den Geist dahin aushauchend, von wo wir ihn tagtäglich eingesogen, dahin zurücksinkend, woher der Keim zu unserm Dasein stammt, woher wir durch so viele Jahre Speise und Trank nahmen, was uns durchs Leben trug und wovon wir oft genug einen schlechten Gebrauch gemacht haben.
5
Dein Scharfsinn ist es nicht, weswegen man dich bewundern muß.  Aber gesetzt auch, er könnte dir nicht abgesprochen werden, so wirst du doch gestehen müssen, daß vieles andere mehr in deiner Natur liegt.  Und dies ist es nun, was du vor allem pflegen und kundgeben mußt, z.B. deine Lauterkeit und deinen Ernst, deine Sündhaftigkeit und deine Abneigung gegen sinnlichen Genuß, deine Zufriedenheit mit deinem Schicksal, deine Mäßigkeit, Güte, Freisinnigkeit Einfachheit, dein gesetztes würdevolles Wesen.  Und fühlst du nicht, was du alles hättest sein können? was deine Natur und angeborenes Geschick so wohl zugelassen hätten, und bist es dennoch schuldig geblieben?  Oder war es die Mannhaftigkeit deiner Naturanlage, was dich zwang, mürrisch zu sein und knickerig und ein Schmeichler, ein Feind oder Sklave deines eigenen Leibes, ein eitler und ehrgeiziger Mensch?  Wahrlich, nein.  Du könntest längst von diesen Fehlern frei sein.  Ist es aber wahr, daß du von Natur etwas schwerfällig bist und langsam von Begriffen, so gilt es auch darin sich anzustrengen und zu üben, nicht, diese Schwäche unberücksichtigt zu lassen oder gar sich darin zu gefallen.
6
Es gibt Menschen, die, wenn sie jemand einen Gefallen getan haben, dies gleich als eine Gunstbezeigung angesehen wissen wollen; ferner solche, die, wenn sie auch nicht gerade solche Ansprüche erheben, doch sehr genau wissen wollen, was sie getan haben, und den, dem sie wohlgetan, bei sich selbst wenigstens als ihren Schuldner betrachten; endlich solche, die gewissermaßen nicht wissen, was sie taten — ­dem Weinstock gleich, der seine Trauben trägt und nichts weiter will, nachdem er die ihm eigentümliche Frucht einmal hervorgebracht hat.  Das Pferd, das seinen Weg gelaufen ist, der Hund, der das Wild erjagt, und die Biene, die ihren Honig bereitet hat, erhebt kein Geschrei, ruft niemand zu:  seht, das hab´ ich getan, sondern geht gleich zu etwas anderem über, wie der Baum wieder neue Früchte ansetzt zu seiner Zeit.  Und so soll´s auch beim Menschen sein, wenn er ein gutes Werk vollbracht hat. — ­Also wirklich, zu denen soll man gehören, die, was sie tun, gleichsam auf unbegreifliche Weise tun?  Ja; aber daß wir zu ihnen gehören, soll man begreifen!  Du sagst:  ein Wesen, das zur Gemeinschaft geboren ist, müsse doch wissen, wenn es seiner Bestimmung gemäß, d.i. wenn es für andere handelt, und wahrlich doch auch wollen, daß dies der andere merke.  Wohl wahr, aber du machst davon nicht die richtige Anwendung, und darum bist du nun einmal einer von denen, die ich eben beschrieben habe, denn auch bei jenen ist es der Schein von Wahrheit, der sie irre leitet.  Jedenfalls aber würdest du mich mißverstehen, wenn du aus irgendeinem Grunde es unterlassen wolltest, etwas zum Wohle anderer zu tun.
7
Die Athener beteten:  “Regne, regne, lieber Zeus, auf die Äcker und Wiesen der Athener!” Und man bete entweder gar nicht oder nur in dieser Weise, einfältig und ohne Kunst.
8
Gerade, wie man sagt, daß der Arzt dem einen das Reiten, dem andern kalte Bäder, dem dritten barfuß zu gehen verordnete, ebenso muß man auch sagen, daß die Natur bald Krankheit, bald Verletzung, bald schmerzliche Verluste zu verordnen pflegt.  Dort wendet man den Ausdruck an, um zu bezeichnen, daß er den Menschen jene Mittel als der Gesundheit entsprechend gegeben habe, und hier gilt es ja auch, daß alles das, was einem widerfährt, ihm als dem allgemeinen Schicksal entsprechend gegeben wird.  Ebenso brauchen wir von unsern Schicksalen den Ausdruck “sich fügen”, wie ihn die Baumeister brauchen von den Quadern, die bei Mauer- oder Pyramidenbauten sich schönstens zusammenordnen.  Denn durch alles geht eine große Harmonie.  Und wie im Reiche der Natur die Natur eines Einzelwesens nicht begriffen werden kann außer im Zusammenhange aller andern Einzelwesen, so auch auf dem Gebiete des Geschehens kein einzelner Umstand und Grund abgesehen von allen übrigen:  was denn auch der Sinn jener vulgären Ausdrucksweise ist, wenn man sagt:  es “trug sich zu”, oder, es war ihm “beschieden”.  Lasset uns also dergleichen hinnehmen, gleichwie jene nahmen, was Äskulap ihnen verordnet; denn auch davon war manches bitter und wurde süß nur durch die Hoffnung auf Genesung.  Dieselbe Bedeutung aber, welche für dich deine Gesundheit hat, muß auch die Erfüllung und Vollendung dessen für dich haben, was im Sinne des Universums liegt, und du mußt alles, was geschieht, und wäre es auch noch so wenig freundlich, willkommen heißen, weil sein Ziel ja nichts anderes ist als die Gesundheit der Welt, das Glück und Wohlbefinden des höchsten Gottes.  Hätte es sich doch gar nicht zugetragen, wenn es nicht für das Ganze zuträglich gewesen wäre; hätte es doch kein Zufall so gefügt, fügte es sich nicht harmonisch in die Verwaltung aller Dinge.  Also zwei Gründe sind, weshalb dir dein Schicksal gefallen muß.  Der eine:  weil es dein Schicksal ist, weil es dir verordnet ward mit Rücksicht auf dich — ­von oben her in ursächlicher Verkettung mit dem ersten Grunde.  Der andere:  weil es der Grund des vollkommenen Glückes, ja fürwahr auch des Bestehens dessen ist, der alles regiert.  Denn es ist eine Verletzung des Ganzen in seiner Vollständigkeit, wenn du den geringsten seiner Bestandteile — ­und seine Bestandteile sind immer auch zugleich Ursachen — ­aus seiner Verbindung und seinem Zusammenhange reißest.  Und — ­soweit das in deiner Hand steht, reißest du wirklich los und trennst das Zusammengehörige, sobald du murrst über dein Schicksal.
9
Du darfst nicht unwillig werden, den Mut nicht sinken lassen oder gar verzweifeln, wenn es dir nicht vollständig gelingt, immer nach richtigen Grundsätzen zu handeln.  Bist du von deiner Höhe heruntergefallen, erhebe dich wieder, sei zufrieden, wenn nur wenigstens das meiste an dir nach echter Menschenart ist, und laß dich beglücken von dem, was dir von neuem gelang.  Meine nicht, daß die Philosophie ein Zuchtmeister sei.  Greife zu ihr nur so wie die Augenkranken zum Schwamm oder zum Ei, wie andere zum Pflaster oder zum Guß.  Denn nichts wird dich zwingen, der Vernunft zu gehorchen.  Man muß sich ihr viel mehr vertrauensvoll hingeben.  Du weißt die Philosophie will nichts anderes, als was deine Natur auch will.  Du aber hast etwas anderes gewollt, etwas ihr Widerstreitendes, weil es dir angenehmer schien.  Die Lust macht uns solche Vorspiegelungen.  Aber besinne dich, ob Hochherzigkeit, Freiheit des Geistes, Einfalt, Gleichmut, Sittenreinheit nicht doch das Angenehmere sind.  Oder was ist angenehmer als Weisheit, wenn man darunter das nie Anstoßende, glatt Hinfließende der geistigen Kraft versteht?
10
Das Wesen und die Bedeutung der Verhältnisse dieses Lebens sind im allgemeinen in ein solches Dunkel gehüllt, daß sie nicht wenig Philosophen und nicht bloß den gewöhnlichen als völlig unbegreiflich erscheinen Auch die Stoiker bekennen, daß sie sie kaum verstehen.  Dann sind auch unsere Ansichten so höchst veränderlich.  Es gibt ja keinen Menschen, der sich in seinen Ansichten gleich bliebe.  Ferner was nun die “Güter” dieses Lebens anlangt, wie vergänglich und nichtig sind sie!  Können sie doch das Eigentum jedes Nichtswürdigen werden!  Aber nicht minder elend steht es mit dem Geist der Zeit.  Selbst die beste seiner Äußerungen, welche Mühe hat man sie, zu ertragen, ja es kostet nicht wenig, sich selber zu ertragen.  Bei solcher Taubheit und Verkommenheit der Zustände, bei diesem ewigen Wechsel des Wesens und der Form, bei dieser Unberechenbarkeit der Richtung, die die Dinge nehmen — ­was da der Liebe und des Strebens noch wert sein soll, vermag ich nicht zu sehen.  Im Gegenteil, es ist der einzige Trost, daß man der allgemeinen Auflösung entgegengeht. — ­Drum trage geduldig die Zeit, die noch dazwischen liegt, und beherzige nur das, daß nichts dir widerfahren kann, was nicht in der Natur des Ganzen begründet liegt, und dann:  daß du die Freiheit hast, alles zu unterlassen, was wider die Stimme deines Genius ist.  Denn die zu überhören kann dich niemand zwingen.
11
Wozu gebrauchst du jetzt deine Seele?  So muß man sich bei jeder Gelegenheit fragen.  Oder, was geht jetzt vor in dem Teile deines Wesens, den man den vornehmsten nennt?  Oder was für eine Seele hast du jetzt, die eines Kindes oder eines Jünglings, eines Weibes, eines Tyrannen, eines zahmen oder eines wilden Tieres?
12
Wie es im Grunde damit steht, was bei der Menge als das Gute gilt, kann man auch daraus erkennen, daß jenes Wort eines alten Komikers:  “denn für den Edlen ziemt sich solches nicht” auf alle diese Scheingüter, wie Reichtum Luxus, Ehre, anwendbar ist (wiewohl die Leute das allerdings nicht gelten lassen wollen), während es auf wahre Güter, wie Klugheit, Mäßigkeit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, angewendet vollkommen widersinnig wäre.
13
Woraus wir bestehen, ist Form und Inhalt.  Keins von beiden aber wird ins Nichts verschwinden, so wenig wie es aus dem Nichts hervorgegangen ist.  Sondern jeder Teil unseres Wesens wird durch Verwandlung übergeführt in irgendeinen Teil des Weltganzen dieser geht dann wieder in einen andern über und so ins Unendliche.  Durch diesen Verwandlungsprozeß erhalte ich mein Dasein, durch ihn erhielten es auch die, die mich erzeugten, und so wieder rückwärts ins Unendliche.  Denn “ins Unendliche” darf man wirklich sagen, wenn auch der Weltlauf seine fest begrenzten Zeiträume hat.
14
Die Vernunft und die Lebenskunst sind Kräfte, die sich selbst genügen und die keinen andern Richter über ihre Äußerungen haben als sich selbst.  Sie haben ihr Prinzip und ihre Ziele in sich, und richtig heißen ihre Handlungen, weil durch sie der rechte Weg offenbar wird.
15
Nichts ist Sache des Menschen, was ihn als Menschen nichts angeht, was von der menschlichen Natur weder gefordert noch verheißen wird, und was zu ihrer Vollendung nichts beiträgt — ­was also auch kein Ziel menschlichen Strebens sein oder ein Gut d.i. ein Mittel zu diesem Ziele zu gelangen genannt werden kann.  Wäre dies nicht, so hätten wir unrecht, es als eine Pflicht des Menschen anzusehen, dergleichen Dinge zu verachten und sich ihnen zu widersetzen, und dürften den nicht loben, der ihrer nicht bedarf.  Auch könnte, wenn dies Güter wären, der nicht gut sein, der freiwillig dem Genusse solcher Dinge entsagt.  Nun aber sind wir in der Tat um so viel besser, je mehr wir solcher Dinge uns enthalten, und je leichter wir ihren Mangel ertragen.
16
Wie die Gedanken sind, die du am häufigsten denkst, ganz so ist auch deine Gesinnung.  Denn von den Gedanken wird die Seele gesättigt.  Sättige sie also mit solchen wie die:  daß man, wo man auch leben muß, glücklich sein könne; daß alles um irgendeiner Sache willen gemacht sei, und wozu es gemacht sei, dahin werde es auch getragen, und wohin es getragen werde, da liege auch der Zweck seines Daseins, wo aber dieser, da sei auch das ihm Zuträgliche und Heilsame.  Das den vernünftigen Wesen Heilsame aber ist die Gemeinschaft.  Denn zur Gemeinschaft sind wir geboren.  Oder liegt es nicht auf der Hand, daß das Geringere um des Besseren willen, die besseren Dinge aber füreinander da sind?  Besser aber als das Unbeseelte ist das Beseelte, und besser als dieses das Vernünftige.
17
Nach dem Unmöglichen streben ist wahnsinnig; unmöglich aber ist es, daß der gemeine Mensch anders als gemein handelt.
18
Nichts geschieht uns, was zu ertragen uns nicht natürlich wäre.  Bei manchen Schicksalen sind wir freilich nur aus Stumpfsinn oder aus Prahlerei standhaft und unverwundbar.  Und das ist eben das Traurige, daß Gefühllosigkeit und Gefallsucht stärker sein sollen, als Einsicht!
19
Die Umstände sind es nun einmal durchaus nicht, wodurch die Seele berührt wird; sie haben keinen Zugang zu ihr und können sie weder umstimmen, noch irgend bewegen.  Die Seele stimmt und bewegt sich einzig selber, und je nach dem Urteil und der Auffassung zu der sie´s bringen kann, gestaltet sie die Dinge, die vor ihr liegen.
20
Das Gesetz, das uns vorschreibt, den Menschen wohl zu tun und sie zu ertragen, macht sie uns zu den befreundetsten Wesen.  Insofern sie uns aber hinderlich werden können, das uns Gebührende zu tun, ist mir der Mensch etwas ebenso Gleichgültiges wie die Sonne, der Wind, das Tier.  Nur daß sich ihrem verderblichen Einflusse ja eben entgegentreten läßt.  Man entziehe sich ihnen oder suche sie umzuwandeln, so geschieht unserm Streben und unserer Neigung kein Eintrag.  Auf diese Weise verwandelt und bildet die Seele ein Hindernis unseres Willens um in sein Gegenteil:  was unser Werk aufhalten sollte, gestaltet sich selbst zum guten Werke, und ein Weg eröffnet sich eben da, wo uns der Weg versperrt ward.
21
Dem, was das Beste in der Welt ist, dem Wesen nämlich, das alles hat und alles verwaltet, gebührt unsere Ehrfurcht.  Nicht minder aber auch dem, was das Beste in uns ist.  Es ist jenem verwandt, da ja auch in uns etwas ist, was alles andere hat und wovon dein ganzes Leben regiert wird.
22
Was dem Staate nicht schadet, schadet auch dem Bürger nicht.  Diese Regel halte fest, sooft du dir einbildest, daß dir ein Schaden geschieht.  Ist´s keiner für die Gemeinschaft, der du angehörst, dann auch keiner für dich.  Und wenn´s für jene keiner ist — ­kannst du dem Menschen zürnen, der nichts getan hat, was dem Ganzen schadet?
23
Denke recht oft daran, wie alles, was ist und was geschieht, so schnell wieder hinweggeführt wird und entschlüpft.  Die ganze Materie ist ein ewig bewegter Strom, alles Gewirkte und alles Wirkende ein tausendfacher Wechsel, eine Kette ewiger Verwandlungen.  Nichts steht fest.  Vorwärts und rückwärts eine Unendlichkeit in der alles verschwindet.  Wie töricht also jeder, der mit irgend etwas groß tut, oder von irgendeiner Sache sich hin- und herreißen läßt oder darüber jammert, als ob der Kummer nicht nur kurze Zeit währte.
24
Denke, welch ein winziges Stück des ganzen Weltwesens du bist, wie klein und verschwindend der Punkt in der ganzen Ewigkeit, auf den du gestellt bist, und dein Schicksal — ­welch ein Bruchteil des gesamten!
25
Hat mich jemand beleidigt — ­mag er selbst zusehen.  Es ist seine Neigung, seine Art zu handeln, der er folgte.  Ich habe die meinige, so wie die Natur des Alls sie mir gegeben, und ich handle so, wie meine Natur will, daß ich handeln soll.
26
Der die Herrschaft führende Teil deines Wesens bleibe stets ungerührt von den leisen oder heftigen Regungen in deinem Fleisch.  Er mische sich nicht hinein, beschränke sich auf sein Gebiet und umgrenze jene Reize in den Gliedern.  Steigen sie aber auf einem anderen Wege der Mitleidenschaft zur Seele auf, die ja doch immer mit dem Leibe in Verbindung bleibt, dann ist die Empfindung eine naturgemäße, und man darf ihr nicht entgegen sein, nur daß die Vernunft nicht komme und ihr Urteil hinzufüge, ob hier etwas gut oder böse sei.
27
Lebe mit den Göttern!  D.h. zeige ihnen, daß deine Seele zufrieden sei mit dem, was sie dir beschieden, daß sie tue, was der Genius will, den uns der höchste Gott als ein Stück seiner selbst zum Leiter und Führer gegeben hat.  Dieser Genius aber ist der Geist, die Vernunft eines jeden.
28
Kannst du jemand zürnen, der ein körperliches Gebrechen hat?  Er kann nichts dafür, wenn seine Nähe dir widerwärtig ist.  Ebenso betrachte nun auch die sittlichen Mängel.  Allein der Mensch, sagst du, hat seine Vernunft, und kann erkennen, was ihm fehlt.  Sehr richtig.  Folglich hast du deine Vernunft auch und kannst durch dein vernünftiges Verhalten deinen Nächsten zur Vernunft bringen, kannst dich ihm offenbaren ihn erinnern, und so, wenn er dich hört, ihn heilen, ohne daß du nötig hättest zu zürnen oder zu seufzen oder hoffärtig zu sein.
29
Wie du beim Abschied vom Leben über das Leben denken wirst, so darfst du schon jetzt darüber denken und danach leben.  Hindert man dich, dann scheide freiwillig, doch so, als erführst du dabei nichts Übles.  “Ein Rauch ist alles? laßt mich gehen!” Warum scheint dir das so schwer?  Solange mich jedoch nichts dergleichen wirklich zwingt, die Welt zu verlassen, will ich auch frei bleiben und mich von niemand hindern lassen zu tun, was ich will.  Denn was ich will, ist entsprechend der Natur eines vernünftigen, für das Leben in der Gemeinschaft bestimmten Wesens.
30
Der Geist des Alls ist gesellig.  Er hat die Wesen niederer Gattung um der höheren willen erzeugt und die der höheren zueinander gefügt.  Man kann es deutlich sehen, wie all sein Tun im Unterordnen und im Beiordnen besteht, wie er einem jeglichen die Stellung gab, die seinem Wesen entspricht, und die Wesen der höchsten Ordnung durch gleichen Sinn einander einte.
31
Prüfe dich, wie du bis dahin dich verhalten hast gegen Götter, Eltern, Brüder, Weib, Kinder, Lehrer, Erzieher, Freunde, Genossen und Diener; ob du bis dahin keinem unter ihnen auf ungebührliche Weise begegnet bist mit Wort und Werk.  Erinnere dich, was du schon durchgemacht, und was du imstande gewesen bist zu tragen.  Wie leicht ist´s möglich, daß die Geschichte deines Lebens bereits vollendet, dein Dienst vollbracht ist; und wie viel Schönes hast du schon gesehen wie oft ist´s dir vergönnt gewesen, Freud und Leid gering zu achten, deinen Ehrgeiz zu unterdrücken und gegen Unverständige verständig zu sein!
32
Warum betrüben rohe unerfahrene Gemüter die gebildeten und erfahrenen?
Aber welche Seele nennst du gebildet und erfahren?  Die, welche den
Ursprung und das Ziel der Dinge und die Vernunft kennt, die das ganze
Universum durchdringt und durch die ganze Ewigkeit in bestimmten
Perioden alles verwaltet.
33
Wie lange noch, und du bist Staub und Asche!  Und nur der Name lebt noch, ja nicht einmal der Name; denn was ist er? — ­Ein bloßer Schall und Nachklang.  Und was im Leben am meisten geschätzt wird, ist nichtig, faul, von größerer Bedeutung nicht, als wenn sich ein paar Hunde herumbeißen oder ein paar Kinder sich zanken, jetzt lachend und dann wieder weinend.  Glaube aber und Ehrfurcht, Gerechtigkeit und Wahrheit — ­
— ­“zum Olymp, der weitstraßigen Erde entflohen!” Was also hält dich hier noch fest?  Alles sinnlich Wahrnehmbare ist unbeständig und fort und fort der Verwandlung unterworfen, die Sinne selbst sind trüb und leicht zu täuschen und was man Seele nennt, ein Aufdampfen des Bluts.  Ein Berühmtsein in solcher Welt, wie eitel!  So bleibt nur übrig, geduldig zu warten bis wir verlöschen und unsere Stelle wechseln, und bis das geschieht, die Götter zu ehren und zu preisen, den Menschen wohl zu tun, sie zu ertragen oder sich ihnen zu entziehen.  Was aber außerhalb der Grenzen deines Körper- und Seelenwesens liegt, kann weder dein werden, noch dich irgend angehen.
34
Stets kann es dir gut gehen, wenn du richtig wandelst, rechtschaffen denkst und tust.  Denn von jedem denkenden Wesen, sei es Gott oder Mensch, gilt dieses Zwiefache:  einmal, daß es in seinem Laufe von einem andern nicht aufgehalten werden kann, und zweitens, daß sein größtes Gut in der gerechten Sinnes- und Handlungsweise besteht, und sein Streben darüber nicht hinausgeht.
35
Wenn dies oder jenes, das sich ereignet, nicht meine Schlechtigkeit noch die Folge meiner Schlechtigkeit ist, noch ein Schaden, der das Ganze trifft, was kann es mir verschlagen?  Nur muß man darüber im klaren sein, in welchem Falle das Ganze betroffen wird.
36
Nie darfst du dich mit deinen Gedanken von den andern losmachen, sondern mußt ihnen helfen nach besten Kräften und in dem rechten Maße.  Sind sie freilich nur in unwesentlichen Dingen heruntergekommen, so dürfen sie das nicht für einen wirklichen Schaden halten.  Es ist nur eine schlimme Gewohnheit.  Du für deine Person mache es also immer wie jener Greis, der beim Weggehen von einem spielenden Kinde sich dessen Kreisel geben ließ, obwohl er recht gut wußte, daß es nur ein Spielzeug war.  Oder wolltest du, ständest du vor dem Richterstuhl und hörtest die Frage, ob du nicht wüßtest, was es mit diesen Dingen auf sich habe, antworten:  “Ja, aber sie schienen doch dem und jenem so wünschenswert?” und dann den wohlverdienten Spruch empfangen:  “Also, darum mußtest auch du ein Narr sein!” — ­So sei denn endlich einmal, und gerade wenn du recht verlassen bist, ein glücklicher Mensch, d.i. ein Mensch, der sich das Glück selbst zu bereiten weiß, d.i. die guten Regungen der Seele, die guten Vorsätze und die guten Handlungen.

SECHTES BUCH

1
Der Stoff der Welt ist bildsam und gefügig, aber etwas Böses kann der ihn beherrschende Geist damit aus sich selbst heraus nicht vornehmen, weil Schlechtes in ihm gar keine Statt hat.  Durch ihn kann nichts zu Schaden kommen, und es ist nichts, was sich nicht ihm gemäß gestaltete und vollendete.
2
Darauf darf dir nichts ankommen, ob du vor Kälte klappernd oder im Schweiß gebadet deine Pflicht tust; ob du dabei einschläfst oder des Schlafes überdrüssig wirst; ob du dadurch in schlechten oder in guten Ruf kommst; ob du darunter das Leben einbüßest oder sonst etwas leiden mußt.  Denn auch das Sterben ist ja nur eine von den Aufgaben des Lebens.  Genug, wenn du sie glücklich lösest, sobald sie dir vorliegt.
3
Sieh auf den Grund jeder Sache!  Ihre Eigenschaften dürfen deinem Blick ebensowenig wie ihr Wert entgehen.
4
In der Sinnenwelt verwandelt sich alles sehr schnell und löst sich entweder auf, wenn die Körperwelt ein Ganzes bleibt, oder zerstreut sich in Atome.
5
Die alles beherrschende Vernunft weiß wohl, in welcher Stellung sie sich befindet und auf welche Art von Stoff sie wirkt.
6
Die beste Art, sich an jemand zu rächen, ist, es ihm nicht gleich zu tun.
7
Darin allein suche deine Freude und Erholung, mit dem Gedanken an Gott von einer Liebestat zur andern zu schreiten!
8
Das nenne ich die Seele oder das die Herrschaftführende im Menschen, was ihn weckt und lenkt, was ihn zu dem macht, was er ist und sein will, und was bewirkt, daß alles, was ihm widerfährt, ihm so erscheine, wie er´s haben will.
9
Jegliches Ding vollendet sich gemäß der Natur des Ganzen, nicht in Gemäßheit eines andern Wesens, das etwa die Dinge von außen umgebe oder eingeschlossen wäre in ihrem Innern oder gar völlig getrennt von ihnen.
10
Entweder es ist alles ein Gebräu des Zufalls, Verflechtung und Zerstreuung, oder es gibt eine Einheit, eine Ordnung, eine Vorsehung.  Nehm ich das erstere an, wie kann ich wünschen in diesem planlosen Gemisch, in dieser allgemeinen Verwirrung zu bleiben?  Was könnte mir dann lieber sein, als so bald wie möglich Erde zu werden?  Denn die Auflösung wartete meiner, was ich auch anfinge.  Ist aber das andere, so bin ich mit Ehrfurcht erfüllt und heiteren Sinnes und vertraue dem Herrscher des Alls.
11
Wenn in deiner Umgebung etwas geschieht, was dich aufbringen und empören will, so ziehe dich rasch in dich selbst zurück, und gib den Eindrücken, die deine Haltung aufs Spiel setzen, dich nicht über Gebühr hin.  Je öfter wir die harmonische Stimmung der Seele wiederzugewinnen wissen, desto fähiger werden wir, sie immer zu behaupten.
12
Wenn du eine Stiefmutter und eine rechte Mutter zugleich hättest, so würdest du zwar jene ehren, deine Zuflucht aber doch stets bei dieser suchen.  Ebenso ist es bei mir mit dem Hofleben und der Philosophie.  Hier der Ort, wo ich einkehre, hier meine Ruhestätte.  Auch ist es die Philosophie, die mir jenes erträglich macht und die mich selbst erträglich macht an meinem Hofe.
13
Es ist gar nicht so unrecht, wenn man sich beim Essen und Trinken sagt:  also dies ist der Leichnam eines Fisches, dies der Leichnam eines Vogels, eines Schweines usw. und beim Falernerwein:  dies hier der ausgedrückte Saft einer Traube, oder beim Anblick eines Purpurkleides:  Was du hier siehst, sind Tierhaare in Schneckenblut getaucht — ­denn solche Vorstellungen geben uns ein Bild der Sache, wie sie wirklich ist, und dringen in ihr inneres Wesen ein. — ­Man mache es nur überhaupt im Leben so, entkleide alles, was sich uns als des Strebens würdig aufdrängt, seiner Umhüllung, und sehe von dem äußeren Glanze ab, mit dem es wichtig tut.  Der Schein ist ein gefährlicher Betrüger.  Gerade wenn du glaubst mit ernsten und hohen Dingen beschäftigt zu sein, übt er am meisten seine täuschende Gewalt.
14
Die Menge legt den höchsten Wert auf den Besitz rein sinnlicher Dinge.  Teils sind es Dinge von festem und natürlichem Zusammenhalt, wie Steine und Holzarten, z.B.  Feigenbäume, Weinstöcke und Ölbäume.  Höher hinauf fängt man an den Nutzen einzusehen, den uns die belebte Natur leistet, wie Herden von Groß- oder Kleinvieh, und noch eine Stufe höher die Brauchbarkeit der in unserm Dienst stehenden Einzelvernunft.  Wer aber nichts Edleres und Höheres kennt, als das allgemeine Vernunftwesen, dem ist jenes alles geringfügig und unbedeutend.  Er hat kein anderes Interesse, als daß seine Vernunft der allgemeinen Menschenvernunft entspreche und so sich jederzeit bewege, und daß er andere seinesgleichen ebendahin bringe.
15
Hier ist etwas, das im Werden begriffen ist, dort etwas, das geworden sein möchte; und doch ist jedes Werdende zum Teil auch schon vergangen.  Dieses Fließen und Wechseln erneuert die Welt fort und fort, wie der ununterbrochene Schritt der Zeit die Ewigkeit erneuert.  Wolltest du nun auf etwas, das diesem Strome angehört der nimmer still steht, einen besonderen Wert legen, so würdest du einem Menschen gleichen, der eben anfinge, einen vorüberfliegenden Sperling in sein Herz zu schließen, gerade wenn er seinen Blicken auch schon entschwunden ist.  Ist doch das Leben selbst nichts anderes als das Verdunsten des Bluts und das Einatmen der Luft.  Und sowie du, was du eingezogen hast, im nächstfolgenden Augenblick immer wieder hingibst, so wirst du auch dieses ganze Atmungsvermögen, das du gestern oder vorgestern empfingst, wieder hingeben.
16
Nicht das ist das Wichtige, daß wir ausatmen wie die Pflanzen, einatmen wie die Tiere, oder daß wir die Bilder der Dinge in unserer Vorstellung haben, daß wir durch Triebe in Bewegung gesetzt werden, daß wir uns zusammenscharen, oder daß wir uns nähren — ­denn dieselbe Bedeutung hat auch das Ausscheiden der überflüssigen Nahrung; auch nicht, daß wir beklatscht werden — ­und die Ehre ist größtenteils nichts anderes.  Sondern daß man der uns eigentümlichen Bildung gemäß sich gehen lasse oder an sich halte, worauf ja jedes Studium und jede Kunst gerichtet ist.  Denn jede Arbeit will nichts anderes als die Dinge ihrem Zweck gemäß gestalten, wie man am Weingärtner, am Pferdebändiger, am Lehrer und Pädagogen sehen kann.  In dieser gestaltenden Tätigkeit liegt der ganze Wert unseres Daseins.  Steht es damit gut bei dir, so brauchst du dir um andere Dinge keine Sorge zu machen.  Hörst du aber nicht auf, auf eine Menge anderer Dinge Wert zu legen, so bist du auch noch kein freier, selbständiger, leidenschaftsloser Mensch, sondern stets in der Lage, neidisch und eifersüchtig und hinterlistig zu sein gegen die, die besitzen, was du so hochstellst, und argwöhnisch, daß es dir einer nehmen möchte, und in Verzweiflung, wenn es dir fehlt, und voll Tadel gegen die Götter.  Ist es aber die Gesinnung allein, die deinen Wert und deine Würde in deinen Augen ausmacht, so wirst du dich selber achten, deinen Nebenmenschen gefallen und die Götter loben und preisen können.
17
Aufwärts und niederwärts — ­ein Kreislauf ist die Bewegung der Urstoffe.  Auch die Tugend geht ihren Gang, doch er ist ganz anderer Art, mehr so wie der Lauf, den das Göttliche nimmt.  Mag er auch schwer zu begreifen sein:  das sieht man, daß sie vorwärts schreitet.
18
Was tut man?  Die Zeitgenossen mag man nicht rühmen, aber von den Nachkommen, die man nicht kennt noch jemals kennen wird, will man gerühmt werden.  Ist das nicht gerade so, wie wenn´s dich schmerzte, daß deine Vorfahren nichts von dir zu rühmen hatten?
19
Denke nicht, wenn dir etwas schwer fällt, es sei nicht menschen-möglich.  Und was nur irgendeinem Menschen möglich und geziemend ist, davon sei überzeugt daß es auch für dich erreichbar sein wird.
20
Wenn uns in der Fechtschule jemand geritzt oder beim Ringen einen Schlag versetzt hat, so tragen wir ihm das gewiß nicht nach, fühlen uns auch nicht beleidigt und denken nichts Übles von dem Menschen; wir nehmen uns wohl vor ihm in acht, aber nicht als vor einem Feinde, der uns verdächtig sein müßte, sondern nur so, daß wir ihm ruhig aus dem Wege gehen.  Machten wir es doch im Leben auch so!  Ließen wir doch da auch so manches unbeachtet, was uns von denen widerfährt, mit denen wir ringen.  Es steht uns ja immer frei, den Leuten, wie ich´s genannt habe, aus dem Wege zu gehen, ohne Argwohn und ohne Groll.
21
Wenn mich jemand überzeugen und mir beweisen kann, daß meine Ansicht oder meine Handlungsweise nicht die richtige sei, so will ich sie mit Freuden ändern.  Denn ich suche die Wahrheit, sie, die niemand Schaden zufügt.  Wohl aber nimmt Derjenige Schaden, der auf seinem Irrtum und seiner Unwissenheit beharrt.
22
Ich suche das meinige zu tun:  alles übrige, alles was leblos oder vernunftlos oder seines Weges unkundig und verirrt ist, geht mich nichts an und kann mich nicht irremachen.
23
Die unvernünftigen Tiere und alle vernunftlosen Dinge, die dir, dem Vernunftbegabten zu Gebote stehen, magst du mit edlem, freiem Sinn gebrauchen.  Die Menschen aber, die ebenso vernunftbegabten, brauche so, daß du auf die Verbindung Rücksicht nimmst, in der du von Natur mit ihnen stehst.  Und bei allem, was du tust, rufe die Götter an, ohne dir Sorge zu machen um das “Wie lang?”, denn selbst drei Stunden Lebensfrist genügten!
24
Alexander der Große und sein Maultiertreiber sind beide an denselben Ort gegangen.  Entweder wurden sie beide in dieselben Kräfte der zu immer neuen Schöpfungen bereiten Welt aufgenommen, oder sie lösten sich beide auf gleiche Weise in ihre Atome auf.
25
Bedenke, wie vielerlei in einem jeden unter uns in einem und demselben Augenblick zugleich vorgeht, sei´s Leibliches, sei´s Geistiges.  So kannst du dich nicht wundern, wenn so viel mehr, wenn alles, was geschieht in dem einen und allen, das wir Welt nennen, zugleich vorhanden ist.
26
Wenn jemand dich fragte, wie der Name Antonin geschrieben wird, würdest du da nicht jeden Buchstaben deutlich und mit gehaltener Stimme angeben?  Warum machst du´s nicht auch so, wenn jemand mit dir zankt?  Warum zankst du wieder und bringst deine Worte nicht ruhig und gemessen vor?  Auf die Gemessenheit kommt´s an bei jeder Pflichterfüllung.  Bewahre sie dir, laß dich nicht aufbringen, leide den, der dich nicht leiden kann, und gehe ruhig deines Weges.
27
Welch ein Mangel an Bildung, wenn du den Menschen verbieten willst, nach dem zu streben, was ihnen gut und nützlich scheint!  Und doch tust du´s gewissermaßen immer, wenn du darüber Klage führst, daß sie unrecht handeln.  Denn auch dabei sind sie doch stets um das bemüht, was ihnen gut und nützlich ist.  Du sagst, es sei nicht so, es sei nicht das wahrhaft Nützliche.  Darum belehre sie und zeige es ihnen, ohne darüber zu klagen.
28
Der Tod ist das Ausruhen von den Widersprüchen der sinnlichen Wahrnehmungen, von den Regungen unserer Leidenschaften, von den Entwicklungen unseres Geistes und von dem Dienst des Fleisches.
29
Schändlich ist es, wenn die Seele in deinem Leben eher den Dienst versagt, als der Leib ermüdet ist.
30
Nimm dich in acht ein Tyrann zu werden, es liegt etwas Ansteckendes in dieser Hofluft.  Bewahre deine Einfalt, Tugend, Reinheit, Würde, deine Natürlichkeit, Gottesfurcht, deine Gerechtigkeitsliebe, deine Liebe und Güte und deinen Eifer in Erfüllung der Pflicht.  Ringe danach, daß du bleibst, wie dich die Philosophie haben will.  Ehre die Götter und sorge für das Heil der Menschen!  Das Leben ist kurz.  Daß es dir eine Frucht nicht schuldig bleibe:  die heilige Gesinnung, aus der die Werke für das Wohl der andern fließen!  Drum sei in allen Stücken ein Schüler deines Vorgängers Antonin! so beharrlich und fest wie er im Gehorsam gegen die Gebote der Vernunft, so gleichmütig in allen Dingen, so ehrwürdig und heiter und warm, auch im Äußeren, so freundlich, so fern von jeder Ruhmbegier und doch so eifrig, alles zu begreifen und in sich zu verarbeiten!  Unterließ er doch nichts, wovon er sich nicht zuvor gründlich überzeugt hätte, daß es untunlich sei; ertrug er doch geduldig alle, die in ungerechter Weise tadelten, ohne sie wieder zu tadeln.  Nichts betrieb er auf eilfertige Manier, und niemals fanden Verleumdungen bei ihm Gehör.  Wie selbständig war sein Urteil über die Sitten und Handlungen seiner Umgebung!  Darum war er auch gänzlich fern von Schmähsucht oder von Ängstlichkeit, von Mißtrauen oder von der Sucht, andere zu meistern.  Wie wenig Bedürfnisse er hatte, konnte man sehen an seiner Art zu wohnen, zu schlafen, sich zu kleiden, zu speisen und sich bedienen zu lassen.  Und wie geduldig war er und langmütig!  Seine freundschaftlichen Verbindungen hielt er fest; er konnte die gut leiden, die seinen Ansichten offen widersprachen, und sich freuen über jeden, der ihm das Bessere zeigte.  Dabei hat er die Götter geehrt, ohne in Aberglauben zu verfallen.  Und so nimm ihn dir zum steten Vorbild, damit du so wie er dem Tode mit gutem Gewissen entgegengehen kannst.
31
Besinne dich, komm wieder zu dir.  Wie du beim Aufwachen gesehen, daß es Träume waren, was dich beunruhigt hat:  siehe auch das, was dir im Wachen begegnet, nicht anders an!
32
Für den Leib des Menschen ist alles gleichgültig, d.h. eine unterschiedslose Masse, denn er hat die Fähigkeit nicht zu unterscheiden.  Aber auch für die Seele ist alles gleich, was nicht ihre eigene Tätigkeit betrifft.  Alles aber, was eine Wirkung der Seele ist, hängt auch lediglich von ihr ab, vorausgesetzt, daß sie sich auf etwas Gegenwärtiges bezieht.  Denn was sie zu tun haben wird oder getan hat, ist auch kein Gegenstand für sie.
33
Keine Arbeit für meine Hände oder meine Füße ist widernatürlich, solange sie nur in den Bereich dessen fällt, was Hände und Füße zu tun haben.  Ebenso gibt es für den Menschen als solchen keine Anstrengung, die man unnatürlich nennen könnte, sobald der Mensch dabei tut, was menschlich ist.  Ist sie aber nichts Unnatürliches, dann ist sie gewiß auch nichts Übles.
34
Was sind´s für Freuden, die der Ehebrecher, Räuber, Mörder, der Tyrann empfindet?
35
Siehst du nicht, wie der gewöhnliche Künstler sich zwar nach dem Geschmack des Publikums zu richten weiß, aber doch an den Vorschriften seiner Kunst festhält und ihren Regeln zu genügen strebt?  Und ist es nicht schlimm, wenn Leute wie der Architekt, der Arzt das Gesetz ihrer Kunst besser im Auge behalten, als der Mensch das Gesetz seines Lebens, das er gemein hat mit den Göttern?!
36
Was ist Asien und Europa? ein paar kleine Stückchen der Welt.  Was ist das ganze Meer? ein Tropfen der Welt.  Und der Athos? eine Weltscholle.  Alles ist klein, veränderlich, verschwindend.  Aber alles kommt und geht hervor oder folgt aus jenem allwaltenden Geiste.  Und das Schädliche und Giftige ist nur ein Anhängsel des Wohltätigen und Schönen.  Denke nicht, daß es mit dem, was du verehrst, nichts zu schaffen habe; sondern siehe bei allem nur immer auf die Quelle!
37
Wer sieht, was heute geschieht, hat alles gesehen, was von Ewigkeit war und in Ewigkeit sein wird.  Denn es ist alles von derselben Art und Gestalt.
38
Alle Dinge stehen untereinander in Verbindung und sind insofern einander befreundet.  Eines folgt dem andern und bildet mit ihm eine Reihe, durch die Gemeinschaft des Ortes oder des Wesens vermittelt.
39
Schmiege dich in die Verhältnisse, die dir gesetzt sind, und liebe die
Menschen, mit denen du verbunden bist, liebe sie wahrhaft!
40
Jedes Werkzeug und Gefäß ist gut, wenn es imstand ist zu leisten, wozu es gemacht wurde, wenn auch der, der es verfertigte, längst fort ist.  In der Natur aber tragen alle Dinge die sie bildende Kraft in sich und behalten sie, solange sie selber sind.  Und um so ehrwürdiger erscheint diese Kraft, je mehr du ihrem Bildungstriebe folgst, d.h. je mehr sich alles in dir nach dem Geiste richtet.  Denn im Universum richtet sich auch alles nach dem Geiste.
41
Solange du etwas, was keine Sache des Vorsatzes und des freien Willens ist, für gut oder böse hältst, so lange kannst du auch nicht umhin, wenn dich ein Unfall betrifft oder das Glück ausbleibt, die Götter zu tadeln oder die Menschen zu hassen als die Urheber deines Unglücks, die — ­vermutlich wenigstensschuld sind, daß du leidest.  Und so verführt uns dieser Standpunkt zu mancher Ungerechtigkeit.  Wenden wir dagegen die Begriffe Gut und Böse nur bei den Dingen an, die in unserer Macht stehen, so fällt jeder Grund weg, Gott anzuklagen und uns feindlich zu stellen gegen irgendeinen Menschen.
42
Wir alle arbeiten an der Vollendung eines Werkes, die einen mit Bewußtsein und Verstand, die anderen unbewußt.  Sogar die Schlafenden nennt, wenn ich nicht irre, Heraklit Arbeiter, Mitarbeiter an dem, was in der Welt geschieht.  Aber jeder auf andere Art.  Luxusarbeit ist die Arbeit des Tadlers, dessen, der den Ereignissen entgegenzutreten wagt und das Geschehene ungeschehen machen will.  Denn auch solche Leute braucht das Weltganze.  Und du mußt wissen, zu welchen du gehörst.  Er, der alles Verwaltende wird sich deiner schon auf angemessene Weise bedienen und dich schon aufnehmen in die Zahl der Mitarbeiter und Gehilfen.  Du aber sorge dafür, daß du nicht bist wie jener schlechte Vers im Gedicht, dessen Chrysipp gedenkt!
43
Will denn die Sonne leisten, was der Regen leistet?  Will Äskulap als Fruchtspender etwas hervorbringen?  Will auch nur einer von den Sternen ganz dasselbe, was der andere will?  Und doch fördern alle dasselbe Werk.
44
Wenn die Götter überhaupt über mich und über das, was geschehen soll, ratschlagen, dann ist ihr Rat auch ein guter.  Denn einmal, einen ratlosen Gott kann man sich nicht leicht vorstellen.  Und dann, aus welchem Grunde sollten sie mir weh tun wollen?  Was könnte dabei für sie oder für das Ganze, dem sie besonders vorstehen, herauskommen?  Betreffen ihre Beratungen aber nicht meine besonderen Angelegenheiten so doch gewiß die allgemeinen der Welt, aus denen dann auch die meinigen sich ergeben, und die ich willkommen heißen und lieben muß.  Kümmern sie sich aber um gar nichts, was wir jedoch nicht glauben dürfen — ­und was würde dann aus unsern Opfern, unsern Gebeten, unsern Eidschwüren und aus alle dem, was wir lediglich in der Voraussetzung zu tun pflegen, daß die Götter da sind und daß sie mit uns leben? — ­aber gesetzt, sie kümmerten sich nicht um meine Angelegenheiten so liegt es doch mir selbst ob, mich darum zu kümmern.  Denn dazu habe ich meine Vernunft daß ich weiß, was mir dienlich ist.
45
Was überall und jedem geschieht, ist dem Ganzen zuträglich.  Schon dies wäre hinreichend.  Doch bei genauer Beobachtung wirst du überall auch das noch finden:  Was dem einen widerfährt, ist auch dem andern zuträglich.  Hier ist nämlich das Wort “zuträglich” allgemein zu verstehen, auch von den gleichgültigsten Dingen.
46
Was du im Theater und an ähnlichen Orten empfindest, wo sich deinem Auge ein und dasselbe Schauspiel immer wieder darbietet bis zum Ekel, das hast du im Leben eigentlich fortwährend zu leiden.  Denn alles, was geschieht, von welcher Seite es auch kommen mag, ist doch immer dasselbe.  Wie lange wird´s nur noch dauern?
47
Stelle dir beständig die Gestorbenen jeden Standes, jeder Berufsart und jeden Stammes vor, steige in dieser Reihe bis zu einem Philistion, einem Phöbus und Origanion hinunter!  Dann gehe zu den anderen Klassen über!  Auch wir müssen ja unsere Wohnung dorthin verlegen, wo so viele gewaltige Redner, so viele ehrwürdige Philosophen, wie Heraklit, Pythagoras und Sokrates, ferner so viele Helden der Vorzeit, so viele Heerführer und Gewaltherrscher späterer Tage und außer diesen Eudorus, Hipparch, Archimedes und andere scharfsinnige, hochherzige, arbeitslustige, gewandte, selbstgefällige Geister, ja selbst jene spöttischen Verächter des hinfälligen kurzdauernden Menschenlebens, wie ein Menippus und so viele andere seiner Art verweilen.  Von diesen allen stelle dir vor, daß sie längst beigesetzt sind.  Was liegt nun für sie Furchtbares darin?  Was denn für jene, deren Namen überhaupt nicht mehr genannt werden?  Da ist eines nur von hohem Wert, nämlich Wahrheit und Gerechtigkeit getreu durchs ganze Leben zu üben, auch im Kampf gegen Lügner und Ungerechte.
48
Willst du dir eine Freude bereiten, so richte deinen Blick auf die trefflichen Eigenschaften deiner Zeitgenossen und siehe, wie der eine ein so hohes Maß von Tatkraft, der andere von Bescheidenheit besitzt, wie freigebig der dritte ist usf.  Denn nichts ist so erquicklich als das Bild von Tugenden, die sich in den Sitten der mit uns Lebenden offenbaren und reichlich unserm Blick sich darbieten.  Darum halte es dir nun auch beständig vor Augen!
49
Ärgert´s dich, daß du nur so viel Pfund wiegst und nicht mehr?  So sei auch nicht ärgerlich darüber, daß dir nicht länger zu leben bestimmt ist.  Denn wie jeder zufrieden ist mit seinem Körpergewicht, so sollten wir alle auch zufrieden sein mit der uns zugemessenen Lebensdauer.
50
Komm, wir wollen versuchen sie zu überreden!  Handle aber auch gegen ihren Willen, wenn es Gerechtigkeit und Vernunft gebieten.  Hindern sie uns mit Gewalt, so benutzen wir dieses Hemmnis zur Übung in einer andern Tugend, im Gleichmut und in der Seelenruhe.  Denn alles, was wir erstreben, erstreben wir ja nur unter gewissen Voraussetzungen.  Halten diese nicht Stich — ­wer wird das Unmögliche wollen?  Nur daß unser Streben ein edles war!  Denn ein solches trägt seinen Lohn in sich selbst — ­wie alles, was wir tun, wenn wir unserer innersten Natur gehorchen.
51
Der Ehrgeizige setzt sein Glück in die Tätigkeit eines andern, der Vergnügungssüchtige in die eigene Leidenschaft, der Vernünftige in seine Handlungsweise.
52
Du hast es gar nicht nötig, dir über irgendeine Sache Gedanken zu machen und deine Seele zu beschweren.  Denn eine absolute Notwendigkeit zum Urteil liegt niemals in den Dingen.
53
Gewöhne dich, wenn du jemand sprechen hörst, so genau als möglich hinzuhören, und dich in seine Seele zu versetzen.
54
Was dem Schwarm nicht zuträglich ist, taugt auch nichts für die einzelne
Biene.
55
Dem Gelbsüchtigen schmeckt der Honig bitter; der von einem tollen Hunde Gebissene scheut das Wasser; das Kind kennt nichts Schöneres als seinen Ball.  Wie kannst du zürnen?  Verlangst du, daß der Irrtum weniger Einfluß haben soll als eine kranke Galle, als ein dem Körper eingeflößtes Gift?
56
Niemand kann dich hindern, dem Gesetze deiner eigensten Natur zu folgen.  Was du im Widerspruch mit der allgemeinen Menschennatur tust, wird dir nicht gelingen. 
57
Wollten die Schiffsleute den Steuermann, die Kranken den Arzt schmähen, würden sie dann sonst noch auf jemand achten?  Aber wie sollte jener der Mannschaft eine glückliche Landung oder dieser den Leidenden Genesung verschaffen?
58
Wie viele von denen, mit denen ich zusammen die Welt betreten habe, sind schon wieder daraus geschieden!
59
Wer sind die, denen man gefallen möchte, und um welcher Vorteile willen und durch welcherlei Mittel?  Wie schnell wird die Zeit alles verschlingen und wie vieles hat sie schon verschlungen!




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