Sonntag, 7. Juni 2015

DANTONS TOD - von Georg Büchner (Zweite Teil - die letzte )

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Maximilien François Marie Isidore de Robespierre 1758 –  1794

ZWEITER AKT

ERSTE SZENE

Ein Zimmer

Danton. Lacroix. Philippeau. Paris. Camille Desmoulins.

Camille.- Rasch, Danton, wir haben keine Zeit zu verlieren!

Danton (er kleidet sich an).-  Aber die Zeit verliert uns. Das ist sehr langweilig, immer das Hemd zuerst und dann die Hosen drüber zu ziehen und des Abends ins Bett und morgens wieder herauszukriechen und einen Fuß immer so vor den andern zu setzen; da ist gar kein Absehen, wie es anders werden soll. Das ist sehr traurig, und daß Millionen es schon so gemacht haben, und daß Millionen es wieder so machen werden, und daß wir noch obendrein aus zwei Hälften bestehen, die beide das nämliche tun, so daß alles doppelt geschieht - das ist sehr traurig.

Camille. - Du sprichst in einem ganz kindlichen Ton.

Danton. - Sterbende werden oft kindisch.

Lacroix. - Du stürzest dich durch dein Zögern ins Verderben, du reißest alle deine Freunde mit dir. Benachrichtige die Feiglinge, daß es Zeit ist, sich um dich zu versammeln, fordere sowohl die vom Tale als die vom Berge auf! Schreie über die Tyrannei der Dezemvirn, sprich von Dolchen, rufe Brutus an, dann wirst du die Tribunen erschrecken und selbst die um dich sammeln, die man als Mitschuldige Héberts bedroht! Du mußt dich deinem Zorn überlassen. Laßt uns wenigstens nicht entwaffnet und erniedrigt wie der schändliche Hébert sterben!

Danton.-  Du hast ein schlechtes Gedächtnis, du nanntest mich einen toten Heiligen. Du hattest mehr recht, als du selbst glaubtest. Ich war bei den Sektionen; sie waren ehrfurchtsvoll, aber wie Leichenbitter. Ich bin eine Reliquie, und Reliquien wirft man auf die Gasse, du hattest recht.

Lacroix. - Warum hast du es dazu kommen lassen?

Danton. - Dazu? Ja, wahrhaftig, es war mir zuletzt langweilig. Immer im nämlichen Rock herumzulaufen und die nämlichen Falten zu ziehen! Das ist erbärmlich. So ein armseliges Instrument zu sein, auf dem eine Saite immer nur einen Ton angibt! - 's ist nicht zum Aushalten. Ich wollte mir's bequem machen. Ich habe es erreicht; die Revolution setzt mich in Ruhe, aber auf andere Weise, als ich dachte. Übrigens, auf was sich stützen? Unsere Huren könnten es noch mit den Guillotinen-Betschwestern aufnehmen; sonst weiß ich nichts. Es läßt sich an den Fingern herzählen: die Jakobiner haben erklärt, daß die Tugend an der Tagesordnung sei, die Cordeliers nennen mich Héberts Henker, der Gemeinderat tut Buße, der Konvent - das wäre noch ein Mittel! aber es gäbe einen 31. Mai, sie würden nicht gutwillig weichen. Robespierre ist das Dogma der Revolution, es darf nicht ausgestrichen werden. Es ginge auch nicht. Wir haben nicht die Revolution, sondern die Revolution hat uns gemacht. Und wenn es ginge - ich will lieber guillotiniert werden als guillotinieren lassen. Ich hab es satt; wozu sollen wir Menschen miteinander kämpfen? Wir sollten uns nebeneinander setzen und Ruhe haben. Es wurde ein Fehler gemacht, wie wir geschaffen wurden; es fehlt uns etwas, ich habe keinen Namen dafür - aber wir werden es einander nicht aus den Eingeweiden herauswühlen, was sollen wir uns drum die Leiber aufbrechen? Geht, wir sind elende Alchymisten!

Camille. - Pathetischer gesagt, würde es heißen: wie lange soll die Menschheit in ewigem Hunger ihre eignen Glieder fressen? oder: wie lange sollen wir Schiffbrüchige auf einem Wrack in unlöschbarem Durst einander das Blut aus den Adern saugen? oder: wie lange sollen wir Algebraisten im Fleisch beim Suchen nach dem unbekannten, ewig verweigerten X unsere Rechnungen mit zerfetzten Gliedern schreiben?

Danton. - Du bist ein starkes Echo.

Camille. - Nicht wahr, ein Pistolenschuß schallt gleich wie ein Donnerschlag. Desto besser für dich, du solltest mich immer bei dir haben.

Philippeau. - Und Frankreich bleibt seinen Henkern?

Danton. -  Was liegt daran? Die Leute befinden sich ganz wohl dabei. Sie haben Unglück; kann man mehr verlangen um gerührt, edel, tugendhaft oder witzig zu sein, oder um überhaupt keine Langeweile zu haben? - Ob sie nun an der Guillotine oder am Fieber oder am Alter sterben! Es ist noch vorzuziehen, sie treten mit gelenken Gliedern hinter die Kulissen und können im Abgehen noch hübsch gestikulieren und die Zuschauer klatschen hören. Das ist ganz artig und paßt für uns; wir stehen immer auf dem Theater, wenn wir auch zuletzt im Ernst erstochen werden. Es ist recht gut, daß die Lebenszeit ein wenig reduziert wird; der Rock war zu lang, unsere Glieder konnten ihn nicht ausfüllen. Das Leben wird ein Epigramm, das geht an; wer hat auch Atem und Geist genug für ein Epos in fünfzig oder sechzig Gesängen? 's ist Zeit, daß man das bißchen Essenz nicht mehr aus Zubern, sondern aus Likörgläschen trinkt; so bekommt man doch das Maul voll, sonst konnte man kaum einige Tropfen in dem plumpen Gefäß zusammenrinnen machen. Endlich - ich müßte schreien; das ist mir der Mühe zuviel, das Leben ist nicht die Arbeit wert, die man sich macht, es zu erhalten.

Paris. - So flieh, Danton!

Danton. - Nimmt man das Vaterland an den Schuhsohlen mit? Und endlich - und das ist die Hauptsache: sie werden's nicht wagen. (Zu Camille:) Komm, mein Junge; ich sage dir, sie werden's nicht wagen. Adieu, adieu! (Danton und Camille ab.)

Philippeau. - Da geht er hin.

Lacroix. - Und glaubt kein Wort von dem, was er gesagt hat. Nichts als Faulheit! Er will sich lieber guillotinieren lassen als eine Rede halten.

Paris. - Was tun?

Lacroix. - Heimgehn und als Lukretia auf einen anständigen Fall studieren.
ZWEITE  SZENE

Eine Promenade
Spaziergänger.

Ein Bürger. - Meine gute Jacqueline - ich wollte sagen Korn… wollt ich: Kor…

Simon. Kornelia, Bürger, Kornelia.

Bürger. - Meine gute Kornelia hat mich mit einem Knäblein erfreut.

Simon. - Hat der Republik einen Sohn geboren.

Bürger. - Der Republik, das lautet zu allgemein; man könnte sagen…

Simon. - Das ist's gerade, das Einzelne muß sich dem Allgemeinen…

Bürger. - Ach ja, das sagt meine Frau auch.

Bänkelsänger (singt). - Was doch ist, was doch ist
                                  Aller Männer Freud' und Lüst'?

Bürger. - Ach, mit den Namen, da komm ich gar nicht ins reine.

Simon. - Tauf ihn Pike, Marat!

Bänkelsänger. - Unter Kummer, unter Sorgen
                        Sich bemühn vom frühen Morgen,
                        Bis der Tag vorüber ist.

Bürger. - Ich hätte gern drei - es ist doch was mit der Zahl Drei - und dann was Nützliches und was Rechtliches; jetzt hab ich's: Pflug, Robespierre. Und dann das dritte?

Simon. - Pike.

Bürger. - Ich dank Euch, Nachbar; Pike, Pflug, Robespierre, das sind hübsche Namen, das macht sich schön.

Simon. -  Ich sage dir, die Brust deiner Kornelia wird wie das Euter der römischen Wölfin - nein, das geht nicht: Romulus war ein Tyrann, das geht nicht. (Gehn vorbei.)

Ein Bettler (singt). - »Eine Handvoll Erde und ein wenig Moos…« Liebe Herren, schöne Damen!

Erster Herr. - Kerl, arbeite, du siehst ganz wohlgenährt aus!

Zweiter Herr. - Da! (Er gibt ihm Geld.) Er hat eine Hand wie Sammet. Das ist unverschämt.

Bettler. - Mein Herr, wo habt Ihr Euren Rock her?

Zweiter Herr. - Arbeit, Arbeit! Du könntest den nämlichen haben; ich will dir Arbeit geben, komm zu mir, ich wohne…

Bettler. - Herr, warum habt Ihr gearbeitet?

Zweiter Herr. - Narr, um den Rock zu haben.

Bettler.-  Ihr habt Euch gequält, um einen Genuß zu haben; denn so ein Rock ist ein Genuß, ein Lumpen tut's auch.

Zweiter Herr. - Freilich, sonst geht's nicht.

Bettler. - Daß ich ein Narr wäre! Das hebt einander. Die Sonne scheint warm an das Eck, und das geht ganz leicht. (Singt:) »Eine Handvoll Erde und ein wenig Moos…«

Rosalie (zu Adelaiden).-  Mach fort, da kommen Soldaten! Wir haben seit gestern nichts Warmes in den Leib gekriegt.

Bettler. - »Ist auf dieser Erde einst mein letztes Los!« Meine Herren, meine Damen!

Soldat. - Halt! Wo hinaus, meine Kinder? (Zu Rosalie:) Wie alt bist du?

Rosalie. - So alt wie mein kleiner Finger.

Soldat. - Du bist sehr spitz.

Rosalie. - Und du sehr stumpf.

Soldat. - So will ich mich an dir wetzen. (Er singt:)
                                                          Christinlein, lieb Christinlein mein,
                                                          Tut dir der Schaden weh, Schaden weh,
                                                           Schaden weh, Schaden weh?

Rosalie (singt) : Ach nein, ihr Herrn Soldaten,
                       Ich hätt' es gerne meh, gerne meh,
                       Gerne meh, gerne meh!

(Danton und Camille treten auf.)

Danton. -  Geht das nicht lustig? - Ich wittre was in der Atmosphäre; es ist, als brüte die Sonne Unzucht aus. - Möchte man nicht drunter springen, sich die Hosen vom Leibe reißen und sich über den Hintern begatten wie die Hunde auf der Gasse? (Gehn vorbei.)

Junger Herr. - Ach, Madame, der Ton einer Glocke, das Abendlicht an den Bäumen, das Blinken eines Sterns…

Madame. - Der Duft einer Blume! Diese natürlichen Freuden, dieser reine Genuß der Natur! (Zu ihrer Tochter:) Sieh, Eugenie, nur die Tugend hat Augen dafür.

Eugenie (küßt ihrer Mutter die Hand). - Ach, Mama, ich sehe nur Sie.

Madame. - Gutes Kind!

Junger Herr (zischelt Eugenien ins Ohr). - Sehen Sie dort die hübsche Dame mit dem alten Herrn?

Eugenie. - Ich kenne sie.

Junger Herr. - Man sagt, ihr Friseur habe sie à l'enfant frisiert.

Eugenie (lacht). - Böse Zunge!

Junger Herr. - Der alte Herr geht nebenbei; er sieht das Knöspchen schwellen und führt es in die Sonne spazieren und meint, er sei der Gewitterregen, der es habe wachsen machen.

Eugenie. - Wie unanständig! Ich hätte Lust, rot zu werden.

Junger Herr. - Das könnte mich blaß machen. (Gehn ab.)

Danton (zu Camille). - Mute mir nur nichts Ernsthaftes zu! Ich begreife nicht, warum die Leute nicht auf der Gasse stehenbleiben und einander ins Gesicht lachen. Ich meine, sie müßten zu den Fenstern und zu den Gräbern heraus lachen, und der Himmel müsse bersten, und die Erde müsse sich wälzen vor Lachen. (Gehn ab.)

Erster Herr. - Ich versichre Sie, eine außerordentliche Entdeckung! Alle technischen Künste bekommen dadurch eine andere Physiognomie. Die Menschheit eilt mit Riesenschritten ihrer hohen Bestimmung entgegen.

Zweiter Herr. - Haben Sie das neue Stück gesehen? Ein babylonischer Turm! Ein Gewirr von Gewölben, Treppchen, Gängen, und das alles so leicht und kühn in die Luft gesprengt. Man schwindelt bei jedem Tritt. Ein bizarrer Kopf. (Er bleibt verlegen stehn.)

Erster Herr. - Was haben Sie denn?

Zweiter Herr. - Ach, nichts! Ihre Hand, Herr! die Pfütze - so! Ich danke Ihnen. Kaum kam ich vorbei; das konnte gefährlich werden!

Erster Herr. Sie fürchteten doch nicht?

Zweiter Herr. - Ja, die Erde ist eine dünne Kruste; ich meine immer, ich könnte durchfallen, wo so ein Loch ist. - Man muß mit Vorsicht auftreten, man könnte durchbrechen. Aber gehn Sie ins Theater, ich rat es Ihnen!
DRITTE SZENE

Ein Zimmer
Danton. Camille. Lucile.

Camille. - Ich sage euch, wenn sie nicht alles in hölzernen Kopien bekommen, verzettelt in Theatern, Konzerten und Kunstausstellungen, so haben sie weder Augen noch Ohren dafür. Schnitzt einer eine Marionette, wo man den Strick hereinhängen sieht, an dem sie gezerrt wird und deren Gelenke bei jedem Schritt in fünffüßigen Jamben krachen - welch ein Charakter, welche Konsequenz! Nimmt einer ein Gefühlchen, eine Sentenz, einen Begriff und zieht ihm Rock und Hosen an, macht ihm Hände und Füße, färbt ihm das Gesicht und läßt das Ding sich drei Akte hindurch herumquälen, bis es sich zuletzt verheiratet oder sich totschießt - ein Ideal! Fiedelt einer eine Oper, welche das Schweben und Senken im menschlichen Gemüt wiedergibt wie eine Tonpfeife mit Wasser die Nachtigall - ach, die Kunst! Setzt die Leute aus dem Theater auf die Gasse: die erbärmliche Wirklichkeit! - Sie vergessen ihren Herrgott über seinen schlechten Kopisten. Von der Schöpfung, die glühend, brausend und leuchtend, um und in ihnen, sich jeden Augenblick neu gebiert, hören und sehen sie nichts. Sie gehen ins Theater, lesen Gedichte und Romane, schneiden den Fratzen darin die Gesichter nach und sagen zu Gottes Geschöpfen: wie gewöhnlich! - Die Griechen wußten, was sie sagten, wenn sie erzählten, Pygmalions Statue sei wohl lebendig geworden, habe aber keine Kinder bekommen.

Danton. - Und die Künstler gehn mit der Natur um wie David, der im September die Gemordeten, wie sie aus der Force auf die Gasse geworfen wurden, kaltblütig zeichnete und sagte: ich erhasche die letzten Zuckungen des Lebens in diesen Bösewichtern. (Danton wird hinausgerufen.)

Camille. - Was sagst du, Lucile?

Lucile. - Nichts, ich seh dich so gern sprechen.

Camille. - Hörst mich auch?

Lucile. - Ei freilich!

Camille. - Hab ich recht? Weißt du auch, was ich gesagt habe?

Lucile. - Nein, wahrhaftig nicht.

(Danton kommt zurück.)

Camille. - Was hast du?

Danton. - Der Wohlfahrtsausschuß hat meine Verhaftung beschlossen. Man hat mich gewarnt und mir einen Zufluchtsort angeboten. Sie wollen meinen Kopf; meinetwegen. Ich bin der Hudeleien überdrüssig. Mögen sie ihn nehmen. Was liegt daran? Ich werde mit Mut zu sterben wissen; das ist leichter, als zu leben.

Camille. - Danton, noch ist's Zeit!

Danton. - Unmöglich - aber ich hätte nicht gedacht…

Camille. - Deine Trägheit!

Danton. - Ich bin nicht träg, aber müde; meine Sohlen brennen mich.

Camille. - Wo gehst du hin?

Danton. - Ja, wer das wüßte!

Camille. - Im Ernst, wohin?

Danton. - Spazieren, mein Junge, spazieren. (Er geht.)

Lucile. - Ach, Camille!

Camille. - Sei ruhig, lieb Kind!

Lucile. -  Wenn ich denke, daß sie dies Haupt -! Mein Camille! das ist Unsinn, gelt, ich bin wahnsinnig?

Camille. - Sei ruhig, Danton und ich sind nicht eins.

Lucile.-  Die Erde ist weit, und es sind viel Dinge drauf - warum denn gerade das eine? Wer sollte mir's nehmen? Das wäre arg. Was wollten sie auch damit anfangen?

Camille. - Ich wiederhole dir: du kannst ruhig sein. Gestern sprach ich mit Robespierre: er war freundlich. Wir sind ein wenig gespannt, das ist wahr; verschiedne Ansichten, sonst nichts!

Lucile. - Such ihn auf!

Camille. - Wir saßen auf einer Schulbank. Er war immer finster und einsam. Ich allein suchte ihn auf und machte ihn zuweilen lachen. Er hat mir immer große Anhänglichkeit gezeigt. Ich gehe.

Lucile. - So schnell, mein Freund? Geh! Komm! Nur das (sie küßt ihn) und das!
Geh! Geh! (Camille ab.) Das ist eine böse Zeit. Es geht einmal so. Wer kann da drüber hinaus?
Man muß sich fassen. (Singt:)
                                           Ach Scheiden, ach Scheiden, ach Scheiden,
                                            Wer hat sich das Scheiden erdacht?
Wie kommt mir grad das in Kopf? Das ist nicht gut, daß es den Weg so von selbst findet. - Wie er hinaus ist, war mir's, als könnte er nicht mehr umkehren und müsse immer weiter weg von mir, immer weiter.
Wie das Zimmer so leer ist; die Fenster stehn offen, als hätte ein
Toter drin gelegen. Ich halt es da oben nicht aus. (Sie geht.)

VIERTE SZENE

Freies Feld

Danton.-  Ich mag nicht weiter. Ich mag in dieser Stille mit dem Geplauder meiner Tritte und dem Keuchen meines Atems nicht Lärm machen. (Er setzt sich nieder; nach einer Pause:)  Man hat mir von einer Krankheit erzählt, die einem das Gedächtnis verlieren mache. Der Tod soll etwas davon haben. Dann kommt mir manchmal die Hoffnung, daß er vielleicht noch kräftiger wirke und einem alles verlieren mache. Wenn das wäre! - Dann lief ich wie ein Christ, um einen Feind, d. h. mein Gedächtnis, zu retten. Der Ort soll sicher sein, ja für mein Gedächtnis, aber nicht für mich; mir gibt das Grab mehr Sicherheit, es schafft mir wenigstens Vergessen. Es tötet mein Gedächtnis. Dort aber lebt mein Gedächtnis und tötet mich. Ich oder es? Die Antwort ist leicht. (Er erhebt sich und kehrt um.) Ich kokettiere mit dem Tod; es ist ganz angenehm, so aus der Ferne mit dem Lorgnon mit ihm zu liebäugeln. Eigentlich muß ich über die ganze Geschichte lachen. Es ist ein Gefühl des Bleibens in mir, was mir sagt: es wird morgen sein wie heute, und übermorgen und weiter hinaus ist alles wie eben. Das ist leerer Lärm, man will mich schrecken; sie werden's nicht wagen! (Ab.)
FÜNFTE SZENE

Ein Zimmer
Es ist Nacht.

Danton (am Fenster). Will denn das nie aufhören? Wird das Licht nie ausglühn und der Schall nie modern? Will's denn nie still und dunkel werden, daß wir uns die garstigen Sünden einander nicht mehr anhören und ansehen? - September!

Julie  (ruft von innen). - Danton! Danton!

Danton. - He?

Julie (tritt ein). - Was rufst du?

Danton. - Rief ich?

Julie. - Du sprachst von garstigen Sünden, und dann stöhntest du: September!

Danton.-  Ich, ich? Nein, ich sprach nicht; das dacht' ich kaum, das waren nur ganz leise, heimliche Gedanken.

Julie. - Du zitterst, Danton!

Danton. - Und soll ich nicht zittern, wenn so die Wände plaudern? Wenn mein Leib so zerteilt ist, daß meine Gedanken unstet, umirrend mit den Lippen der Steine reden? Das ist seltsam.

Julie. - Georg, mein Georg!

Danton. -  Ja, Julie, das ist sehr seltsam. Ich möchte nicht mehr denken, wenn das gleich so spricht. Es gibt Gedanken, Julie, für die es keine Ohren geben sollte. Das ist nicht gut, daß sie bei der Geburt gleich schreien wie Kinder; das ist nicht gut.

Julie. - Gott erhalte dir deine Sinne! Georg, Georg, erkennst du mich?

Danton. - Ei warum nicht! Du bist ein Mensch und dann eine Frau und endlich meine Frau, und die Erde hat fünf Weltteile, Europa, Asien, Afrika, Amerika, Australien, und zwei mal zwei macht vier. Ich bin bei Sinnen, siehst du. - Schrie's nicht September? Sagtest du nicht so was?

Julie. - Ja, Danton, durch alle Zimmer hört ich's.

Danton. - Wie ich ans Fenster kam - (er sieht hinaus:) die Stadt ist ruhig, alle Lichter aus…

Julie. - Ein Kind schreit in der Nähe.

Danton. - Wie ich ans Fenster kam - durch alle Gassen schrie und zetert' es: September!

Julie. - Du träumtest, Danton. Faß dich!

Danton. - Träumtest? Ja, ich träumte; doch das war anders, ich will dir es gleich sagen - mein armer Kopf ist schwach - gleich! So, jetzt hab ich's: Unter mir keuchte die Erdkugel in ihrem Schwung; ich hatte sie wie ein wildes Roß gepackt, mit riesigen Gliedern wühlt' ich in ihren Mähnen und preßt' ich ihre Rippen, das Haupt abwärts gewandt, die Haare flatternd über dem Abgrund; so ward ich geschleift. Da schrie ich in der Angst, und ich erwachte. Ich trat ans Fenster - und da hört' ich's, Julie. Was das Wort nur will? Warum gerade das? Was hab ich damit zu schaffen? Was streckt es nach mir die blutigen Hände? Ich hab es nicht geschlagen. - O hilf mir, Julie, mein Sinn ist stumpf! War's nicht im September, Julie?

Julie. - Die Könige waren nur noch vierzig Stunden von Paris…

Danton. - Die Festungen gefallen, die Aristokraten in der Stadt…

Julie. - Die Republik war verloren.

Danton. - Ja, verloren. Wir konnten den Feind nicht im Rücken lassen, wir wären Narren gewesen: zwei Feinde auf einem Brett; wir oder sie, der Stärkere stößt den Schwächeren hinunter - ist das nicht billig?

Julie. - Ja, ja.

Danton. - Wir schlugen sie - das war kein Mord, das war Krieg nach innen.

Julie. - Du hast das Vaterland gerettet.

Danton.-  Ja, das hab ich; das war Notwehr, wir mußten. Der Mann am Kreuze hat sich's bequem gemacht: es muß ja Ärgernis kommen, doch wehe dem, durch welchen Ärgernis kommt! - Es muß; das war dies Muß. Wer will der Hand fluchen, auf die der Fluch des Muß gefallen? Wer hat das Muß gesprochen, wer? Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet? Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst! die Schwerter, mit denen Geister kämpfen - man sieht nur die Hände nicht, wie im Märchen. - Jetzt bin ich ruhig.

Julie. - Ganz ruhig, lieb Herz?

Danton. - Ja, Julie; komm, zu Bette!
SECHSTE SZENE

Straße vor Dantons Haus
Simon. Bürgersoldaten.

Simon. - Wie weit ist's in der Nacht?

Erster Bürger. - Was in der Nacht?

Simon. - Wie weit ist die Nacht?

Erster Bürger. - So weit als zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang.

Simon. - Schuft, wieviel Uhr?

Erster Bürger. - Sieh auf dein Zifferblatt; es ist die Zeit, wo die Perpendikel unter den Bettdecken ausschlagen.

Simon. - Wir müssen hinauf! Fort, Bürger! Wir haften mit unseren Köpfen dafür. Tot oder lebendig! Er hat gewaltige Glieder. Ich werde vorangehn,

Bürger.-  Der Freiheit eine Gasse! - Sorgt für mein Weib! Eine Eichenkrone werd ich ihr hinterlassen.


Erster Bürger. - Eine Eichelkrone? Es sollen ihr ohnehin jeden Tag Eicheln genug in den Schoß fallen.

Simon. - Vorwärts, Bürger, ihr werdet euch um das Vaterland verdient machen!

Zweiter Bürger. - Ich wollte, das Vaterland machte sich um uns verdient; über all den Löchern, die wir in andrer Leute Körper machen, ist noch kein einziges in unsern Hosen zugegangen.

Erster Bürger. - Willst du, daß dir dein Hosenlatz zuginge? Hä, hä, hä!

Die andern. - Hä, hä, hä!

Simon. - Fort, fort! (Sie dringen in Dantons Haus.)
SIEBENTE SZENE

Der Nationalkonvent

Eine Gruppe von Deputierten.

Legendre. - Soll denn das Schlachten der Deputierten nicht aufhören? - Wer ist noch sicher, wenn Danton fällt?

Ein Deputierter.- Was tun?

Ein anderer.-  Er muß vor den Schranken des Konvents gehört werden. - Der Erfolg dieses Mittels ist sicher; was sollten sie seiner Stimme entgegensetzen?

Ein anderer. - Unmöglich, ein Dekret verhindert uns.

Legendre. -  Es muß zurückgenommen oder eine Ausnahme gestattet werden. - Ich werde den Antrag machen; ich rechne auf eure Unterstützung.

Der Präsident. - Die Sitzung ist eröffnet.

Legendre (besteigt die Tribüne).-  Vier Mitglieder des Nationalkonvents sind verflossene Nacht verhaftet worden. Ich weiß, daß Danton einer von ihnen ist, die Namen der übrigen kenne ich nicht. Mögen sie übrigens sein, wer sie wollen, so verlange ich, daß sie vor den Schranken gehört werden. Bürger, ich erkläre es: ich halte Danton für ebenso rein wie mich selbst, und ich glaube nicht, daß mir irgendein Vorwurf gemacht werden kann. Ich will kein Mitglied des Wohlfahrts- oder des Sicherheitsausschusses angreifen, aber gegründete Ursachen lassen mich fürchten, Privathaß und Privatleidenschaft möchten der Freiheit Männer entreißen, die ihr die größten Dienste erwiesen haben. Der Mann, welcher im Jahre 1792 Frankreich durch seine Energie rettete, verdient gehört zu werden; er muß sich erklären dürfen, wenn man ihn des Hochverrats anklagt. (Heftige Bewegung.)

Einige Stimmen. - Wir unterstützen Legendres Vorschlag.

Ein Deputierter.-  Wir sind hier im Namen des Volkes; man kann uns ohne den Willen unserer Wähler nicht von unseren Plätzen reißen.

Ein anderer. - Eure Worte riechen nach Leichen; ihr habt sie den Girondisten aus dem Munde genommen. Wollt ihr Privilegien? Das Beil des Gesetzes schwebt über allen Häuptern.

Ein anderer. - Wir können unsern Ausschüssen nicht erlauben, die Gesetzgeber aus dem Asyl des Gesetzes auf die Guillotine zu schicken.

Ein anderer. - Das Verbrechen hat kein Asyl, nur gekrönte Verbrecher finden eins auf dem Thron.

Ein anderer. - Nur Spitzbuben appellieren an das Asylrecht.

Ein anderer. - Nur Mörder erkennen es nicht an.

Robespierre. - Die seit langer Zeit in dieser Versammlung unbekannte Verwirrung beweist, daß es sich um große Dinge handelt. Heute entscheidet sich's, ob einige Männer den Sieg über das Vaterland davontragen werden.  Wie könnt ihr eure Grundsätze weit genug verleugnen, um heute einigen Individuen das zu bewilligen, was ihr gestern Chabot, Delaunai und Fahre verweigert habt? Was soll dieser Unterschied zugunsten einiger Männer? Was kümmern mich die Lobsprüche, die man sich selbst und seinen Freunden spendet? Nur zu viele Erfahrungen haben uns gezeigt, was davon zu halten sei. Wir fragen nicht, ob ein Mann diese oder jene patriotische Handlung vollbracht habe; wir fragen nach seiner ganzen politischen Laufbahn. - Legendre scheint die Namen der Verhafteten nicht zu wissen; der ganze Konvent kennt sie. Sein Freund Lacroix ist darunter. Warum scheint Legendre das nicht zu wissen? Weil er wohl weiß, daß nur die Schamlosigkeit Lacroix verteidigen kann. Er nannte nur Danton, weil er glaubt, an diesen Namen knüpfe sich ein Privilegium. Nein, wir wollen keine Privilegien, wir wollen keine Götzen! (Beifall.) Was hat Danton vor Lafayette, vor Dumouriez, vor Brissot, Fabre, Chabot, Hébert voraus? Was sagt man von diesen, was man nicht auch von ihm sagen könnte? Habt ihr sie gleichwohl geschont? Wodurch verdient er einen Vorzug vor seinen Mitbürgern? Etwa, weil einige betrogene Individuen und andere, die sich nicht betrügen ließen, sich um ihn reihten, um in seinem Gefolge dem Glück und der Macht in die Arme zu laufen? - Je mehr er die Patrioten betrogen hat, welche Vertrauen in ihn setzten, desto nachdrücklicher muß er die Strenge der Freiheitsfreunde empfinden. Man will euch Furcht einflößen vor dem Mißbrauche einer Gewalt, die ihr selbst ausgeübt habt. Man schreit über den Despotismus der Ausschüsse, als ob das Vertrauen, welches das Volk euch geschenkt und das ihr diesen Ausschüssen übertragen habt, nicht eine sichre Garantie ihres Patriotismus wäre. Man stellt sich, als zittre man. Aber ich sage euch, wer in diesem Augenblicke zittert, ist schuldig; denn nie zittert die Unschuld vor der öffentlichen Wachsamkeit. (Allgemeiner Beifall.) Man hat auch mich schrecken wollen; man gab mir zu verstehen, daß die Gefahr, indem sie sich Danton nähere, auch bis zu mir dringen könne. Man schrieb mir, Dantons Freunde hielten mich umlagert, in der Meinung, die Erinnerung an eine alte Verbindung, der blinde Glauben an erheuchelte Tugenden könnten mich bestimmen, meinen Eifer und meine Leidenschaft für die Freiheit zu mäßigen. - So erkläre ich denn: nichts soll mich aufhalten, und sollte auch Dantons Gefahr die meinige werden. Wir alle haben etwas Mut und etwas Seelengröße nötig. Nur Verbrecher und gemeine Seelen fürchten, ihresgleichen an ihrer Seite fallen zu sehen, weil sie, wenn keine Schar von Mitschuldigen sie mehr versteckt, sich dem Licht der Wahrheit ausgesetzt sehen. Aber wenn es dergleichen Seelen in dieser Versammlung gibt, so gibt es in ihr auch heroische. Die Zahl der Schurken ist nicht groß; wir haben nur wenige Köpfe zu treffen, und das Vaterland ist gerettet. (Beifall.) Ich verlange, daß Legendres Vorschlag zurückgewiesen werde.

(Die Deputierten erheben sich sämtlich zum Zeichen allgemeiner Beistimmung.)

St. Just. - Es scheint in dieser Versammlung einige empfindliche Ohren zu geben, die das Wort »Blut« nicht wohl vertragen können. Einige allgemeine Betrachtungen mögen sie überzeugen, daß wir nicht grausamer sind als die Natur und als die Zeit. Die Natur folgt ruhig und unwiderstehlich ihren Gesetzen; der Mensch wird vernichtet, wo er mit ihnen in Konflikt kommt. Eine Änderung in den Bestandteilen der Luft, ein Auflodern des tellurischen Feuers, ein Schwanken in dem Gleichgewicht einer Wassermasse und eine Seuche, ein vulkanischer Ausbruch, eine Überschwemmung begraben Tausende. Was ist das Resultat? Eine unbedeutende, im großen Ganzen kaum bemerkbare Veränderung der physischen Natur, die fast spurlos vorübergegangen sein würde, wenn nicht Leichen auf ihrem Wege lägen. Ich frage nun: soll die geistige Natur in ihren Revolutionen mehr Rücksicht nehmen als die physische? Soll eine Idee nicht ebensogut wie ein Gesetz der Physik vernichten dürfen, was sich ihr widersetzt? Soll überhaupt ein Ereignis, was die ganze Gestaltung der moralischen Natur, das heißt der Menschheit, umändert, nicht durch Blut gehen dürfen? Der Weltgeist bedient sich in der geistigen Sphäre unserer Arme ebenso, wie er in der physischen Vulkane und Wasserfluten gebraucht. Was liegt daran, ob sie an einer Seuche oder an der Revolution sterben? Die Schritte der Menschheit sind langsam, man kann sie nur nach Jahrhunderten zählen; hinter jedem erheben sich die Gräber von Generationen. Das Gelangen zu den einfachsten Erfindungen und Grundsätzen hat Millionen das Leben gekostet, die auf dem Wege starben. Ist es denn nicht einfach, daß zu einer Zeit, wo der Gang der Geschichte rascher ist, auch mehr Menschen außer Atem kommen? Wir schließen schnell und einfach: Da alle unter gleichen Verhältnissen geschaffen werden, so sind alle gleich, die Unterschiede abgerechnet, welche die Natur selbst gemacht hat; es darf daher jeder Vorzüge und darf daher keiner Vorrechte haben, weder ein einzelner noch eine geringere oder größere Klasse von Individuen. - Jedes Glied dieses in der Wirklichkeit angewandten Satzes hat seine Menschen getötet. Der 14. Juli, der 10. August, der 31. Mai sind seine Interpunktionszeichen. Er hatte vier Jahre Zeit nötig, um in der Körperwelt durchgeführt zu werden, und unter gewöhnlichen Umständen hätte er ein Jahrhundert dazu gebraucht und wäre mit Generationen interpunktiert worden. Ist es da so zu verwundern, daß der Strom der Revolution bei jedem Absatz, bei jeder neuen Krümmung seine Leichen ausstößt? Wir werden unserm Satze noch einige Schlüsse hinzuzufügen haben; sollen einige hundert Leichen uns verhindern, sie zu machen? - Moses führte sein Volk durch das Rote Meer und in die Wüste, bis die alte verdorbne Generation sich aufgerieben hatte, eh' er den neuen Staat gründete. Gesetzgeber! Wir haben weder das Rote Meer noch die Wüste, aber wir haben den Krieg und die Guillotine. Die Revolution ist wie die Töchter des Pelias: sie zerstückt die Menschheit, um sie zu verjüngen. Die Menschheit wird aus dem Blutkessel wie die Erde aus den Wellen der Sündflut mit urkräftigen Gliedern sich erheben, als wäre sie zum ersten Male geschaffen. (Langer, anhaltender Beifall. Einige Mitglieder erheben sich im Enthusiasmus.) Alle geheimen Feinde der Tyrannei, welche in Europa und auf dem ganzen Erdkreise den Dolch des Brutus unter ihren Gewändern tragen, fordern wir auf, diesen erhabnen Augenblick mit uns zu teilen. (Die Zuhörer und die Deputierten stimmen die Marseillaise an.)
DRITTER  AKT

ERSTE SZENE

Das Luxembourg. Ein Saal mit Gefangnen

Chaumette, Payne, Mercier, Hérault-Séchelles und andre Gefangne.

Chaumette (zupft Payne am Ärmel). - Hören Sie, Payne, es könnte doch so sein, vorhin überkam es mich so; ich habe heute Kopfweh, helfen Sie mir ein wenig mit Ihren Schlüssen, es ist mir ganz unheimlich zumut.

Payne.-  So komm, Philosoph Anaxagoras, ich will dich katechisieren. - Es gibt keinen Gott, denn: Entweder hat Gott die Welt geschaffen oder nicht. Hat er sie nicht geschaffen, so hat die Welt ihren Grund in sich, und es gibt keinen Gott, da Gott nur dadurch Gott wird, daß er den Grund alles Seins enthält. Nun kann aber Gott die Welt nicht geschaffen haben; denn entweder ist die Schöpfung ewig wie Gott, oder sie hat einen Anfang. Ist letzteres der Fall, so muß Gott sie zu einem bestimmten Zeitpunkt geschaffen haben, Gott muß also, nachdem er eine Ewigkeit geruht, einmal tätig geworden sein, muß also einmal eine Veränderung in sich erlitten haben, die den Begriff Zeit auf ihn anwenden läßt, was beides gegen das Wesen Gottes streitet. Gott kann also die Welt nicht geschaffen haben. Da wir nun aber sehr deutlich wissen, daß die Welt oder daß unser Ich wenigstens vorhanden ist und daß sie dem Vorhergehenden nach also auch ihren Grund in sich oder in etwas haben muß, das nicht Gott ist, so kann es keinen Gott geben. Quod erat demonstrandum.

Chaumette. - Ei wahrhaftig, das gibt mir wieder Licht; ich danke, danke!

Mercier. - Halten Sie, Payne! Wenn aber die Schöpfung ewig ist?

Payne.-  Dann ist sie schon keine Schöpfung mehr, dann ist sie eins mit Gott oder ein Attribut desselben, wie Spinoza sagt; dann ist Gott in allem, in Ihnen, Wertester, im Philosoph Anaxagoras und in mir. Das wäre so übel nicht, aber Sie müssen mir zugestehen, daß es gerade nicht viel um die himmlische Majestät ist, wenn der liebe Herrgott in jedem von uns Zahnweh kriegen, den Tripper haben, lebendig begraben werden oder wenigstens die sehr unangenehmen Vorstellungen davon haben kann.

Mercier. - Aber eine Ursache muß doch da sein.

Payne. - Wer leugnet dies? Aber wer sagt Ihnen denn, daß diese Ursache das sei, was wir uns als Gott, d. h. als das Vollkommne denken? Halten Sie die Welt für vollkommen?

Mercier. - Nein.

Payne. - Wie wollen Sie denn aus einer unvollkommnen Wirkung auf eine vollkommne Ursache schließen? - Voltaire wagte es ebensowenig mit Gott als mit den Königen zu verderben, deswegen tat er es. Wer einmal nichts hat als Verstand und ihn nicht einmal konsequent zu gebrauchen weiß oder wagt, ist ein Stümper.

Mercier. - Ich frage dagegen: kann eine vollkommne Ursache eine vollkommne Wirkung haben, d. h. kann etwas Vollkommnes was Vollkommnes schaffen? Ist das nicht unmöglich, weil das Geschaffne doch nie seinen Grund in sich haben kann, was doch, wie Sie sagten, zur Vollkommenheit gehört?

Chaumette. - Schweigen Sie! Schweigen Sie!

Payne. - Beruhige dich, Philosoph! - Sie haben recht; aber muß denn Gott einmal schaffen, kann er nur was Unvollkommnes schaffen, so läßt er es gescheuter ganz bleiben. Ist's nicht sehr menschlich, uns Gott nur als schaffend denken zu können? Weil wir uns immer regen und schütteln müssen, um uns nur immer sagen zu können: wir sind! müssen wir Gott auch dies elende Bedürfnis andichten? - Müssen wir, wenn sich unser Geist in das Wesen einer harmonisch in sich ruhenden, ewigen Seligkeit versenkt, gleich annehmen, sie müsse die Finger ausstrecken und über Tisch Brotmännchen kneten? aus überschwenglichem Liebesbedürfnis, wie wir uns ganz geheimnisvoll in die Ohren sagen. Müssen wir das alles, bloß um uns zu Göttersöhnen zu machen? Ich nehme mit einem geringern Vater vorlieb; wenigstens werd ich ihm nicht nachsagen können, daß er mich unter seinem Stande in Schweineställen oder auf den Galeeren habe erziehen lassen.
Schafft das Unvollkommne weg, dann allein könnt ihr Gott demonstrieren; Spinoza hat es versucht. Man kann das Böse leugnen, aber nicht den Schmerz; nur der Verstand kann Gott beweisen, das Gefühl empört sich dagegen. Merke dir es, Anaxagoras: warum leide ich? Das ist der Fels des Atheismus. Das leiseste Zucken des Schmerzes, und rege es sich nur in einem Atom, macht einen Riß in der Schöpfung von oben bis unten.

Mercier. - Und die Moral?

Payne. - Erst beweist ihr Gott aus der Moral und dann die Moral aus Gott! - Was wollt ihr denn mit eurer Moral? Ich weiß nicht, ob es an und für sich was Böses oder was Gutes gibt, und habe deswegen doch nicht nötig, meine Handlungsweise zu ändern. Ich handle meiner Natur gemäß; was ihr angemessen, ist für mich gut und ich tue es, und was ihr zuwider, ist für mich bös und ich tue es nicht und verteidige mich dagegen, wenn es mir in den Weg kommt. Sie können, wie man so sagt, tugendhaft bleiben und sich gegen das sogenannte Laster wehren, ohne deswegen ihre Gegner verachten zu müssen, was ein gar trauriges Gefühl ist.

Chaumette. - Wahr, sehr wahr!

Hérault.-  O Philosoph Anaxagoras, man könnte aber auch sagen: damit Gott alles sei, müsse er auch sein eignes Gegenteil sein, d. h. vollkommen und unvollkommen, bös und gut, selig und leidend; das Resultat freilich würde gleich Null sein, es würde sich gegenseitig heben, wir kämen zum Nichts. - Freue dich, du kömmst glücklich durch: du kannst ganz ruhig in Madame Momoro das Meisterstück der Natur anbeten, wenigstens hat sie dir die Rosenkränze dazu in den Leisten gelassen.

Chaumette. - Ich danke Ihnen verbindlichste meine Herren! (Ab.)

Payne. - Er traut noch nicht, er wird sich zu guter Letzt noch die Ölung geben, die Füße nach Mekka zu legen und sich beschneiden lassen, um ja keinen Weg zu verfehlen.

(Danton, Lacroix, Camille, Philippeau werden hereingeführt.)

Hérault.-  (läuft auf Danton zu und umarmt ihn). Guten Morgen! Gute Nacht sollte ich sagen. Ich kann nicht fragen, wie hast du geschlafen -: wie wirst du schlafen?

Danton. - Nun gut, man muß lachend zu Bett gehn.

Mercier (zu Payne). -  Diese Dogge mit Taubenflügeln! Er ist der böse Genius der Revolution; er wagte sich an seine Mutter, aber sie war stärker als er.

Payne. - Sein Leben und sein Tod sind ein gleich großes Unglück.

Lacroix (zu Danton). - Ich dachte nicht, daß sie so schnell kommen würden.

Danton. - Ich wußt' es, man hatte mich gewarnt.

Lacroix. - Und du hast nichts gesagt?

Danton. - Zu was? Ein Schlagfluß ist der beste Tod; wolltest du zuvor krank sein? Und - ich dachte nicht, daß sie es wagen würden. (Zu Hérault:) Es ist besser, sich in die Erde legen als sich Leichdörner auf ihr laufen; ich habe sie lieber zum Kissen als zum Schemel.

Hérault. - Wir werden wenigstens nicht mit Schwielen an den Fingern der hübschen Dame Verwesung die Wangen streicheln.

Camille (zu Danton). - Gib dir nur keine Mühe! du magst die Zunge noch so weit zum Hals heraushängen, du kannst dir damit doch nicht den Todesschweiß von der Stirne lecken. - O Lucile! Das ist ein großer Jammer!

(Die Gefangnen drängen sich um die neu Angekommnen.)

Danton (zu Payne).-  Was Sie für das Wohl Ihres Landes getan, habe ich für das meinige versucht. Ich war weniger glücklich, man schickt mich aufs Schafott; meinetwegen, ich werde nicht stolpern.

Mercier (zu Danton). - Das Blut der Zweiundzwanzig ersäuft dich.

Ein Gefangener (zu Hérault). - Die Macht des Volkes und die Macht der Vernunft sind eins.

Ein andrer (zu Camille). - Nun, Generalprokurator der Laterne, deine Verbesserung der Straßenbeleuchtung hat in Frankreich nicht heller gemacht.

Ein andrer. - Laßt ihn! Das sind die Lippen, welche das Wort »Erbarmen« gesprochen.

(Er umarmt Camille, mehrere Gefangne folgen seinem Beispiel.)

Philippeau. - Wir sind Priester, die mit Sterbenden gebetet haben; wir sind angesteckt worden und sterben an der nämlichen Seuche.

Einige Stimmen. - Der Streich, der euch trifft, tötet uns alle.


Camille. - Meine Herren, ich beklage sehr, daß unsere Anstrengungen so fruchtlos waren; ich gehe aufs Schafott, weil mir die Augen über das Los einiger Unglücklichen naß geworden.
ZWEITE SZENE

Ein Zimmer

Fouquier-Tinville. Herman.

Fouquier. - Alles bereit?

Herman. - Es wird schwer halten; wäre Danton nicht darunter, so ginge es leicht.

Fouquier. - Er muß vortanzen.

Herman. - Er wird die Geschwornen erschrecken, er ist die Vogelscheuche der Revolution.

Fouquier. - Die Geschwornen müssen wollen.

Herman. - Ein Mittel wüßt' ich, aber es wird die gesetzliche Form verletzen.

Fouquier. - Nur zu!

Herman. - Wir losen nicht, sondern suchen die Handfesten aus.

Fouquier. - Das muß gehen.  Das wird ein gutes Heckefeuer geben. Es sind ihrer neunzehn. Sie sind geschickt zusammengewörfelt. Die vier Fälscher, dann einige Bankiers und Fremde. Es ist ein pikantes Gericht. Das Volk braucht dergleichen. - Also zuverlässige Leute! Wer zum Beispiel?

Herman. - Leroi. Er ist taub und hört daher nichts von all dem, was die Angeklagten vorbringen. Danton mag sich den Hals bei ihm rauh schreien.

Fouquier. - Sehr gut; weiter!

Herman. -  Vilatte und Lumière. Der eine sitzt immer in der Trinkstube, und der andere schläft immer; beide öffnen den Mund nur, um das Wort »Schuldig« zu sagen. - Girard hat den Grundsatz, es dürfe keiner entwischen, der einmal vor das Tribunal gestellt sei. Renaudin…

Fouquier. - Auch der? Er half einmal einigen Pfaffen durch.

Herman. - Sei ruhig! Vor einigen Tagen kommt er zu mir und verlangt, man solle allen Verurteilten vor der Hinrichtung zur Ader lassen, um sie ein wenig matt zu machen; ihre meist trotzige Haltung ärgere ihn.

Fouquier. - Ach, sehr gut. Also ich verlasse mich!

Herman. - Laß mich nur machen!
DRITTE SZENE

Die Conciergerie. Ein Korridor

Lacroix, Danton, Mercier und andre Gefangne auf und ab gehend.

Lacroix (zu einem Gefangnen). - Wie, so viel Unglückliche, und in einem so elenden Zustande?

Der Gefangne. - Haben Ihnen die Guillotinenkarren nie gesagt, daß Paris eine Schlachtbank sei?

Mercier. - Nicht wahr, Lacroix, die Gleichheit schwingt ihre Sichel über allen Häuptern, die Lava der Revolution fließt, die Guillotine republikanisiert! Da klatschen die Galerien, und die Römer reiben sich die Hände; aber sie hören nicht, daß jedes dieser Worte das Röcheln eines Opfers ist. Geht einmal euren Phrasen nach bis zu dem Punkt, wo sie verkörpert werden. - Blickt um euch, das alles habt ihr gesprochen; es ist eine mimische Übersetzung eurer Worte. Diese Elenden, ihre Henker und die Guillotine sind eure lebendig gewordnen Reden. Ihr bautet eure Systeme, wie Bajazet seine Pyramiden, aus Menschenköpfen.

Danton. - Du hast recht : man arbeitet heutzutag alles in Menschenfleisch. Das ist der Fluch unserer Zeit. Mein Leib wird jetzt auch verbraucht. Es ist grade ein Jahr, daß ich das Revolutionstribunal schuf. Ich bitte Gott und Menschen dafür um Verzeihung; ich wollte neuen Septembermorden zuvorkommen, ich hoffte die Unschuldigen zu retten, aber dies langsame Morden mit seinen Formalitäten ist gräßlicher und ebenso unvermeidlich. Meine Herren, ich hoffte, Sie alle diesen Ort verlassen zu machen.

Mercier. - Oh, herausgehen werden wir.

Danton. - Ich bin jetzt bei Ihnen; der Himmel weiß, wie das enden soll.
VIERTE SZENE

Das Revolutionstribunal

Herman (zu Danton). - Ihr Name, Bürger.

Danton. - Die Revolution nennt meinen Namen. Meine Wohnung ist bald im Nichts und mein Name im Pantheon der Geschichte.

Herman. - Danton, der Konvent beschuldigt Sie, mit Mirabeau, mit Dumouriez, mit Orléans, mit den Girondisten, den Fremden und der Faktion Ludwigs des XVII. konspiriert zu haben.

Danton. - Meine Stimme, die ich so oft für die Sache des Volkes ertönen ließ, wird ohne Mühe die Verleumdung zurückweisen. Die Elenden, welche mich anklagen, mögen hier erscheinen, und ich werde sie mit Schande bedecken. Die Ausschüsse mögen sich hierher begeben, ich werde nur vor ihnen antworten. Ich habe sie als Kläger und als Zeugen nötig. Sie mögen sich zeigen. Übrigens, was liegt mir an euch und eurem Urteil? Ich hab es euch schon gesagt: das Nichts wird bald mein Asyl sein; - das Leben ist mir zur Last, man mag mir es entreißen, ich sehne mich danach, es abzuschütteln.

Herman. - Danton, die Kühnheit ist dem Verbrecher, die Ruhe der Unschuld eigen.

Danton. - Privatkühnheit ist ohne Zweifel zu tadeln, aber jene Nationalkühnheit, die ich so oft gezeigt, mit welcher ich so oft für die Freiheit gekämpft habe, ist die verdienstvollste aller Tugenden. - Sie ist meine Kühnheit, sie ist es, der ich mich hier zum Besten der Republik gegen meine erbärmlichen Ankläger bediene. Kann ich mich fassen, wenn ich mich auf eine so niedrige Weise verleumdet sehe? - Von einem Revolutionär wie ich darf man keine kalte Verteidigung erwarten. Männer meines Schlages sind in Revolutionen unschätzbar, auf ihrer Stirne schwebt das Genie der Freiheit. (Zeichen von Beifall unter den Zuhörern.)
Mich klagt man an, mit Mirabeau, mit Dumouriez, mit Orléans konspiriert, zu den Füßen elender Despoten gekrochen zu haben; mich fordert man auf, vor der unentrinnbaren, unbeugsamen Gerechtigkeit zu antworten. - Du elender St. Just wirst der Nachwelt für diese Lästerung verantwortlich sein!

Herman. - Ich fordere Sie auf, mit Ruhe zu antworten; gedenken Sie Marats, er trat mit Ehrfurcht vor seine Richter.

Danton. - Sie haben die Hände an mein ganzes Leben gelegt, so mag es sich denn aufrichten und ihnen entgegentreten; unter dem Gewichte jeder meiner Handlungen werde ich sie begraben. - Ich bin nicht stolz darauf. Das Schicksal führt uns den Arm, aber nur gewaltige Naturen sind seine Organe.
Ich habe auf dem Marsfelde dem Königtume den Krieg erklärt, ich habe es am 10. August geschlagen, ich habe es am 21. Januar getötet und den Königen einen Königskopf als Fehdehandschuh hingeworfen. (Wiederholte Zeichen von Beifall. - Er nimmt die Anklageakte.) Wenn ich einen Blick auf diese Schandschrift werfe, fühle ich mein ganzes Wesen beben. Wer sind denn die, welche Danton nötigen mußten, sich an jenem denkwürdigen Tage (dem 10. August) zu zeigen? Wer sind denn die privilegierten Wesen, von denen er seine Energie borgte? - Meine Ankläger mögen erscheinen! Ich bin ganz bei Sinnen, wenn ich es verlange. Ich werde die platten Schurken entlarven und sie in das Nichts zurückschleudern, aus dem sie nie hätten hervorkriechen sollen.

Herman (schellt). - Hören Sie die Klingel nicht?

Danton. - Die Stimme eines Menschen, welcher seine Ehre und sein Leben verteidigt, muß deine Schelle überschreien. Ich habe im September die junge Brut der Revolution mit den zerstückten Leibern der Aristokraten geätzt. Meine Stimme hat aus dem Golde der Aristokraten und Reichen dem Volke Waffen geschmiedet. Meine Stimme war der Orkan, welcher die Satelliten des Despotismus unter
Wogen von Bajonetten begrub. (Lauter Beifall.)

Herman.-  Danton, Ihre Stimme ist erschöpft, Sie sind zu heftig bewegt. Sie werden das nächste Mal Ihre Verteidigung beschließen, Sie haben Ruhe nötig. - Die Sitzung ist aufgehoben.

Danton. Jetzt kennt Ihr Danton - noch wenige Stunden, und er wird in den Armen des Ruhmes entschlummern.
FÜNFTE SZENE

Das Luxembourg. Ein Kerker
Dillon. Laflotte. Ein Gefangenwärter.

Dillon. - Kerl, leuchte mir mit deiner Nase nicht so ins Gesicht. Hä, hä, hä!

Laflotte.- Halte den Mund zu, deine Mondsichel hat einen Hof. Hä, hä, hä!

Wärter. - Hä, hä, hä! Glaubt Ihr, Herr, daß Ihr bei ihrem Schein lesen könntet?
(Zeigt auf einen Zettel, den er in der Hand hält.)

Dillon. - Gib her!

Wärter. - Herr, meine Mondsichel hat Ebbe bei mir gemacht.

Laflotte. - Deine Hosen sehen aus, als ob Flut wäre.

Wärter. - Nein, sie zieht Wasser. (Zu Dillon:) Sie hat sich vor Eurer Sonne verkrochen, Herr; Ihr müßt mir was geben, das sie wieder feurig macht, wenn Ihr dabei lesen wollt.

Dillon.-  Da, Kerl! Pack dich! (Er gibt ihm Geld. Wärter ab. - Dillon liest:) Danton hat das Tribunal erschreckt, die Geschwornen schwankten, die Zuhörer murrten. Der Zudrang war außerordentlich. Das Volk drängte sich um den Justizpalast und stand bis zu den Brücken. Eine Handvoll Geld, ein Arm endlich - hin! hin! (Er geht auf und ab und schenkt sich von Zeit zu Zeit aus einer Flasche ein.) Hätt' ich nur den Fuß auf der Gasse! Ich werde mich nicht so schlachten lassen. Ja, nur den Fuß auf der Gasse!

Laflotte. - Und auf dem Karren, das ist eins.

Dillon.-  Meinst du? Da lägen noch ein paar Schritte dazwischen, lange genug, um sie mit den Leichen der Dezemvirn zu messen. - Es ist endlich Zeit, daß die rechtschaffnen Leute das Haupt erheben.

Laflotte (für sich). - Desto besser, um so leichter ist es zu treffen. Nur zu, Alter; noch einige Gläser, und ich werde flott.

Dillon. - Die Schurken, die Narren, sie werden sich zuletzt noch selbst guillotinieren. (Er läuft auf und ab.)

Laflotte (beiseite). - Man könnte das Leben ordentlich wieder liebhaben, wie sein Kind, wenn man sich's selbst gegeben. Das kommt gerade nicht oft vor, daß man so mit dem Zufall Blutschande treiben und sein eigner Vater werden kann. Vater und Kind zugleich. Ein behaglicher Ödipus!

Dillon.-  Man füttert das Volk nicht mit Leichen; Dantons und Camilles Weiber mögen Assignaten unter das Volk werfen, das ist besser als Köpfe.

Laflotte (beiseite).-  Ich würde mir hintennach die Augen nicht ausreißen; ich könnte sie nötig haben, um den guten General zu beweinen.

Dillon. - Die Hand an Danton! Wer ist noch sicher? Die Furcht wird sie vereinigen.

Laflotte (beiseite). - Er ist doch verloren. Was ist's denn, wenn ich auf eine Leiche trete, um aus dem Grab zu klettern?

Dillon. - Nur den Fuß auf der Gasse! Ich werde Leute genug finden, alte Soldaten, Girondisten, Exadlige; wir erbrechen die Gefängnisse, wir müssen uns mit den Gefangnen verständigen.

Laflotte (beiseite).-  Nun freilich, es riecht ein wenig nach Schufterei. Was tut's? Ich hätte Lust, auch das zu versuchen; ich war bisher zu einseitig. Man bekommt Gewissensbisse, das ist doch eine Abwechslung; es ist nicht so unangenehm, seinen eignen Gestank zu riechen. - Die Aussicht auf die Guillotine ist mir langweilig geworden; so lang auf die Sache zu warten! Ich habe sie im Geist schon zwanzigmal durchprobiert. Es ist auch gar nichts Pikantes mehr dran; es ist ganz gemein geworden.

Dillon. - Man muß Dantons Frau ein Billett zukommen lassen.

Laflotte (beiseite).-  Und dann - ich fürchte den Tod nicht, aber den Schmerz. Es könnte wehe tun, wer steht mir dafür? Man sagt zwar, es sei nur ein Augenblick; aber der Schmerz hat ein feineres Zeitmaß, er zerlegt eine Tertie. Nein! Der Schmerz ist die einzige Sünde, und das Leiden ist das einzige Laster; ich werde tugendhaft bleiben.

Dillon.-  Höre, Laflotte, wo ist der Kerl hingekommen? Ich habe Geld, das muß gehen. Wir müssen das Eisen schmieden; mein Plan ist fertig.

Laflotte. - Gleich, gleich! Ich kenne den Schließer, ich werde mit ihm sprechen. Du kannst auf mich zählen, General, wir werden aus dem Loch kommen - (für sich im Hinausgehn:) um in ein anderes zu gehen: ich in das weiteste, die Welt, er in das engste, das Grab.
SECHSTE SZENE

Der Wohlfahrtsausschuß

St. Just. Barère. Collot d'Herbois. Billaud-Varennes.

Barère. - Was schreibt Fouquier?

St. Just. - Das zweite Verhör ist vorbei. Die Gefangnen verlangen das Erscheinen mehrerer Mitglieder des Konvents und des Wohlfahrtsausschusses; sie appellierten an das Volk, wegen Verweigerung der Zeugen. Die Bewegung der Gemüter soll unbeschreiblich sein. - Danton parodierte den Jupiter und schüttelte die Locken.

Collot. - Um so leichter wird ihn Samson daran packen.

Barère.-  Wir dürfen uns nicht zeigen, die Fischweiber und die Lumpensammler könnten uns weniger imposant finden.

Billaud. - Das Volk hat einen Instinkt, sich treten zu lassen, und wäre es nur mit Blicken; dergleichen insolente Physiognomien gefallen ihm. Solche Stirnen sind ärger als ein adliges Wappen, der feine Aristokratismus der Menschenverachtung sitzt auf ihnen. Es sollte sie jeder einschlagen helfen, den es verdrießt, einen Blick von oben herunter zu erhalten.

Barère.-  Er ist wie der hörnerne Siegfried, das Blut der Septembrisierten hat ihn unverwundbar gemacht. Was sagt Robespierre?

St. Just.- Er tut, als ob er etwas zu sagen hätte. Die Geschwornen müssen sich für hinlänglich unterrichtet erklären und die Debatten schließen.

Barère. - Unmöglich, das geht nicht.

St. Just.-  Sie müssen weg, um jeden Preis, und sollten wir sie mit den eignen Händen erwürgen. Wagt! Danton soll uns das Wort nicht umsonst gelehrt haben. Die Revolution wird über ihre Leichen nicht stolpern; aber bleibt Danton am Leben, so wird er sie am Gewand fassen, und er hat etwas in seiner Gestalt, als ob er die Freiheit notzüchtigen könnte. (St. Just wird hinausgerufen.)

(Ein Schließer tritt ein.)

Schließer. - In St. Pelagie liegen Gefangne am Sterben, sie verlangen einen Arzt.

Billaud. - Das ist unnötig, so viel Mühe weniger für den Scharfrichter.

Schließer. - Es sind schwangere Weiber dabei.

Billaud. - Desto besser, da brauchen ihre Kinder keinen Sarg.

Barère. - Die Schwindsucht eines Aristokraten spart dem Revolutionstribunal eine Sitzung. Jede Arznei wäre contrerevolutionär.

Collot (nimmt ein Papier). - Eine Bittschrift, ein Weibername!

Barère. - Wohl eine von denen, die gezwungen sein möchten, zwischen einem Guillotinenbrett und dem Bett eines Jakobiners zu wählen. Die wie Lukretia nach dem Verlust ihrer Ehre sterben, aber etwas später als die Römerin: im Kindbett oder am Krebs oder aus Altersschwäche. - Es mag nicht so unangenehm sein, einen Tarquinius aus der Tugendrepublik einer Jungfrau zu treiben.

Collot.- Sie ist zu alt. Madame verlangt den Tod, sie weiß sich auszudrücken: das Gefängnis liege auf ihr wie ein Sargdeckel; sie sitzt erst seit vier Wochen. Die Antwort ist leicht. (Er schreibt und liest:) »Bürgerin, es ist noch nicht lange genug, daß du den Tod wünschest.« (Schließer ab.)

Barère. - Gut gesagt! Aber, Collot, es ist nicht gut, daß die Guillotine zu lachen anfängt; die Leute haben sonst keine Furcht mehr davor; man muß sich nicht so familiär machen.

(St. Just kommt zurück.)

St. Just. - Eben erhalte ich eine Denunziation. Man konspiriert in den Gefängnissen; ein junger Mensch namens Laflotte hat alles entdeckt. Er saß mit Dillon im nämlichen Zimmer, Dillon hat getrunken und geplaudert.

Barère. Er schneidet sich mit seiner Bouteille den Hals ab; das ist schon mehr vorgekommen.

St. Just. Dantons und Camilles Weiber sollen Geld unter das Volk werfen, Dillon soll ausbrechen, man will die Gefangnen befreien, der Konvent soll gesprengt werden.

Barère. - Das sind Märchen.

St. Just. - Wir werden sie aber mit dem Märchen in Schlaf erzählen. Die Anzeige habe ich in Händen; dazu die Keckheit der Angeklagten, das Murren des Volks, die Bestürzung der Geschwornen - ich werde einen Bericht machen.

Barère. - Ja, geh, St. Just, und spinne deine Perioden, worin jedes Komma ein Säbelhieb und jeder Punkt ein abgeschlagner Kopf ist!

St. Just. - Der Konvent muß dekretieren, das Tribunal solle ohne Unterbrechung den Prozeß fortführen und dürfe jeden Angeklagten, welcher die dem Gerichte schuldige Achtung verletzte oder störende Auftritte
veranlaßte, von den Debatten ausschließen.

Barère.-  Du hast einen revolutionären Instinkt; das lautet ganz gemäßigt und wird doch seine Wirkung tun. Sie können nicht schweigen, Danton muß schreien.

St. Just. - Ich zähle auf eure Unterstützung. Es gibt Leute im Konvent, die ebenso krank sind wie Danton und welche die nämliche Kur fürchten. Sie haben wieder Mut bekommen, sie werden über Verletzung der Formen schreien…

Barère(ihn unterbrechend) - Ich werde ihnen sagen: Zu Rom wurde der Konsul, welcher die Verschwörung des Katilina entdeckte und die Verbrecher auf der Stelle mit dem Tod bestrafte, der verletzten Förmlichkeit angeklagt. Wer waren seine Ankläger?

Collot (mit Pathos).- Geh, St. Just! Die Lava der Revolution fließt. Die Freiheit wird die Schwächlinge, welche ihren mächtigen Schoß befruchten wollten, in ihren Umarmungen ersticken; die Majestät des Volks wird ihnen wie Jupiter der Semele unter Donner und Blitz erscheinen und sie in Asche verwandeln. Geh, St. Just, wir werden dir helfen, den Donnerkeil auf die Häupter der Feiglinge zu schleudern! (St. Just ab.)

Barère. - Hast du das Wort Kur gehört? Sie werden noch aus der Guillotine ein Spezifikum gegen die Lustseuche machen. Sie kämpfen nicht mit den Moderierten, sie kämpfen mit dem Laster.

Billaud. - Bis jetzt geht unser Weg zusammen.

Barère.-  Robespierre will aus der Revolution einen Hörsaal für Moral machen und die Guillotine als Katheder gebrauchen.

Billaud. - Oder als Betschemel.
Collot. - Auf dem er aber alsdann nicht stehen, sondern liegen soll.

Barère. - Das wird leicht gehen. Die Welt müßte auf dem Kopf stehen, wenn die sogenannten Spitzbuben von den sogenannten rechtlichen Leuten gehängt werden sollten.

Collot(zu Barère). - Wann kommst du wieder nach Clichy?

Barère - Wenn der Arzt nicht mehr zu mir kommt.

Collot.- Nicht wahr, über dem Ort steht ein Haarstern, unter dessen versengenden Strahlen dein Rückenmark ganz ausgedörrt wird?

Billaud.-  Nächstens werden die niedlichen Finger der reizenden Demaly es ihm aus dem Futterale ziehen und es als Zöpfchen über den Rücken hinunterhängen machen.

Barère (zuckt die Achseln). - Pst! davon darf der Tugendhafte nichts wissen.

Billaud. - Er ist ein impotenter Masoret. (Billaud und Collot ab.)

Barère (allein). Die Ungeheuer! - »Es ist noch nicht lange genug, daß du den Tod wünschest!« Diese Worte hätten die Zunge müssen verdorren machen, die sie gesprochen. Und ich? - Als die Septembriseurs in die Gefängnisse drangen, faßt ein Gefangner sein Messer, er drängt sich unter die Mörder, er stößt es in die Brust eines Priesters, er ist gerettet! Wer kann was dawider haben? Ob ich mich nun unter die Mörder dränge oder mich in den Wohlfahrtsausschuß setze, ob ich ein Guillotinen- oder ein Taschenmesser nehme? Es ist der nämliche Fall, nur mit etwas verwickelteren Umständen; die Grundverhältnisse sind sich gleich. - Und durft' er einen morden: durft' er auch zwei, auch drei, auch noch mehr? wo hört das auf? Da kommen die Gerstenkörner! Machen zwei einen Haufen, drei, vier, wieviel dann? Komm, mein Gewissen, komm, mein Hühnchen, komm, bi, bi, bi, da ist Futter! Doch - war ich auch Gefangner? Verdächtig war ich, das läuft auf eins hinaus; der Tod war mir gewiß. (Ab.)



SIEBENTE SZENE

Die Conciergerie
Lacroix. Danton. Philippeau. Camille.


Lacroix.-  Du hast gut geschrien, Danton; hättest du dich etwas früher so um dein Leben gequält, es wäre jetzt anders. Nicht wahr, wenn der Tod einem so unverschämt nahe kommt und so aus dem Hals stinkt und immer zudringlicher wird?

Camille. - Wenn er einen noch notzüchtigte und seinen Raub unter Ringen und Kampf aus den heißen Gliedern riß! Aber so in allen Formalitäten wie bei der Hochzeit mit einem alten Weibe, wie die Pakten aufgesetzt, wie die Zeugen gerufen, wie das Amen gesagt und wie dann die Bettdecke gehoben wird und es langsam hereinkriecht mit seinen kalten Gliedern!

Danton. - Wär' es ein Kampf, daß die Arme und Zähne einander packten! Aber es ist mir, als wäre ich in ein Mühlwerk gefallen, und die Glieder würden mir langsam systematisch von der kalten physischen Gewalt abgedreht. So mechanisch getötet zu werden!

Camille. - Und dann daliegen allein, kalt, steif in dem feuchten Dunst der Fäulnis - vielleicht, daß einem der Tod das Leben langsam aus den Fibern martert - mit Bewußtsein vielleicht sich wegzufaulen!

Philippeau. - Seid ruhig, meine Freunde! Wir sind wie die Herbstzeitlose, welche erst nach dem Winter Samen trägt. Von Blumen, die versetzt werden, unterscheiden wir uns nur dadurch, daß wir über dem Versuch ein wenig stinken. Ist das so arg?

Danton.-  Eine erbauliche Aussicht! Von einem Misthaufen auf den andern! Nicht wahr, die göttliche Klassentheorie? Von Prima nach Sekunda, von Sekunda nach Tertia und so weiter? Ich habe die Schulbänke satt, ich habe mir Gesäßschwielen wie ein Affe darauf gesessen.

Philippeau. - Was willst du denn?

Danton. - Ruhe.
Philippeau. - Die ist in Gott.

Danton. - Im Nichts. Versenke dich in was Ruhigers als das Nichts, und wenn die höchste Ruhe Gott ist, ist nicht das Nichts Gott? Aber ich bin ein Atheist. Der verfluchte Satz: Etwas kann nicht zu nichts werden! Und ich bin etwas, das ist der Jammer! - Die Schöpfung hat sich so breit gemacht, da ist nichts leer, alles voll Gewimmels. Das Nichts hat sich ermordet, die Schöpfung ist seine Wunde, wir sind seine Blutstropfen, die Welt ist das Grab, worin es fault. - Das lautet verrückt, es ist aber doch was Wahres daran.

Camille. - Die Welt ist der Ewige Jude, das Nichts ist der Tod, aber er ist unmöglich. Oh, nicht sterben können, nicht sterben können! wie es im Lied heißt.

Danton. - Wir sind alle lebendig begraben und wie Könige in drei- oder vierfachen Särgen beigesetzt, unter dem Himmel, in unsern Häusern, in unsern Röcken und Hemden. - Wir kratzen fünfzig Jahre lang am Sargdeckel. Ja, wer an Vernichtung glauben könnte! dem wäre geholfen. - Da ist keine Hoffnung im Tod; er ist nur eine einfachere, das Leben eine verwickeltere, organisiertere Fäulnis, das ist der ganze Unterschied! - Aber ich bin gerad einmal an diese Art des Faulens gewöhnt; der Teufel weiß, wie ich mit einer andern zurechtkomme. O Julie! Wenn ich allein ginge! Wenn sie mich einsam ließe! - Und wenn ich ganz zerfiele, mich ganz auflöste: ich wäre eine Handvoll gemarterten Staubes, jedes meiner Atome könnte nur Ruhe finden bei ihr. - Ich kann nicht sterben, nein, ich kann nicht sterben. Wir sind noch nicht geschlagen. Wir müssen schreien; sie müssen mir jeden Lebenstropfen aus den Gliedern reißen.

Lacroix. - Wir müssen auf unsrer Forderung bestehen; unsre Ankläger und die Ausschüsse müssen vor dem Tribunal erscheinen.
ACHTE SZENE

Ein Zimmer
Fouquier. Amar. Vouland.

Fouquier. - Ich weiß nicht mehr, was ich antworten soll; sie fordern eine Kommission.

Amar. - Wir haben die Schurken: da hast du, was du verlangst. (Er überreicht Fouquier ein Papier.)

Vouland. - Das wird sie zufriedenstellen.

Fouquier. - Wahrhaftig, das hatten wir nötig.

Amar. - Nun mache, daß wir und sie die Sache vom Hals bekommen.
NEUNTE SZENE

Das Revolutionstribunal

Danton. - Die Republik ist in Gefahr, und er hat keine Instruktion! Wir appellieren an das Volk; meine Stimme ist noch stark genug, um den Dezemvirn die Leichenrede zu halten. - Ich wiederhole es, wir verlangen eine Kommission; wir haben wichtige Entdeckungen zu machen. Ich werde mich in die Zitadelle der Vernunft zurückziehen, ich werde mit der Kanone der Wahrheit hervorbrechen und meine Feinde zermalmen. (Zeichen des Beifalls.)

(Fouquier, Amar und Vouland treten ein.)

Fouquier. - Ruhe im Namen der Republik, Achtung dem Gesetz! Der Konvent beschließt: In Betracht, daß in den Gefängnissen sich Spuren von Meutereien zeigen, in Betracht, daß Dantons und Camilles Weiber Geld unter das Volk werfen und daß der General Dillon ausbrechen und sich an die Spitze der Empörer stellen soll, um die Angeklagten zu befreien, in Betracht endlich, daß diese selbst unruhige Auftritte herbeizuführen sich bemüht und das Tribunal zu beleidigen versucht haben, wird das Tribunal ermächtigt, die Untersuchung ohne Unterbrechung fortzusetzen und jeden Angeklagten, der die dem Gesetze schuldige Ehrfurcht außer Augen setzen sollte, von den Debatten auszuschließen.

Danton. - Ich frage die Anwesenden, ob wir dem Tribunal, dem Volke oder dem Nationalkonvent Hohn gesprochen haben?

Viele Stimmen. - Nein! Nein!

Camille. - Die Elenden, sie wollen meine Lucile morden!

Danton.-  Eines Tages wird man die Wahrheit erkennen. Ich sehe großes Unglück über Frankreich hereinbrechen. Das ist die Diktatur; sie hat ihren Schleier zerrissen, sie trägt die Stirne hoch, sie schreitet über unsere Leichen. (Auf Amar und Vouland deutend:) Seht da die feigen Mörder, seht da die Raben des Wohlfahrtsausschusses! Ich klage Robespierre, St. Just und ihre Henker des Hochverrats an.  Sie wollen die Republik im Blut ersticken. Die Gleise der Guillotinenkarren sind die Heerstraßen, auf welchen die Fremden in das Herz des Vaterlandes dringen sollen. Wie lange sollen die Fußstapfen der Freiheit Gräber sein? - Ihr wollt Brot, und sie werfen euch Köpfe hin! Ihr durstet, und sie machen euch das Blut von den Stufen der Guillotine lecken! (Heftige Bewegung unter den Zuhörern, Geschrei des Beifalls.)

Viele Stimmen. - Es lebe Danton, nieder mit den Dezemvirn! (Die Gefangnen werden mit Gewalt hinausgeführt.)
ZEHNTE SZENE

Platz vor dem Justizpalast
Ein Volkshaufe.

Einige Stimmen. - Nieder mit den Dezemvirn! Es lebe Danton!

Erster Bürger. - Ja, das ist wahr, Köpfe statt Brot, Blut statt Wein!

Einige Weiber. - Die Guillotine ist eine schlechte Mühle und Samson ein schlechter Bäckerknecht; wir wollen Brot, Brot!

Zweiter Bürger. - Euer Brot, das hat Danton gefressen. Sein Kopf wird euch allen wieder Brot geben, er hatte recht.

Erster Bürger. - Danton war unter uns am 10. August, Danton war unter uns im September. Wo waren die Leute, welche ihn angeklagt haben?

Zweiter Bürger. - Und Lafayette war mit euch in Versailles und war doch ein Verräter.

Erster Bürger. - Wer sagt, daß Danton ein Verräter sei?

Zweiter Bürger. - Robespierre.

Erster Bürger. - Und Robespierre ist ein Verräter!

Zweiter Bürger. - Wer sagt das?

Erster Bürger. - Danton.

Zweiter Bürger. - Danton hat schöne Kleider, Danton hat ein schönes Haus, Danton hat eine schöne Frau, er badet sich in Burgunder, ißt das Wildbret von silbernen Tellern und schläft bei euren Weibern und Töchtern, wenn er betrunken ist. - Danton war arm wie ihr. Woher hat er das alles? Das Veto hat es ihm gekauft, damit er ihm die Krone rette. Der Herzog von Orléans hat es ihm geschenkt, damit er ihm die Krone stehle. Der Fremde hat es ihm gegeben, damit er euch alle verrate. - Was hat Robespierre? Der tugendhafte Robespierre! Ihr kennt ihn alle. Alle. Es lebe Robespierre! Nieder mit Danton! Nieder mit dem Verräter!
VIERTER AKT

ERSTE SZENE

Ein Zimmer
Julie. Ein Knabe.

Julie. - Es ist aus. Sie zitterten vor ihm. Sie töten ihn aus Furcht. Geh! ich habe ihn zum letzten Mal gesehen; sag ihm, ich könne ihn nicht so sehen. (Sie gibt ihm eine Locke.) Da, bring ihm das und sag ihm, er würde nicht allein gehn - er versteht mich schon. Und dann schnell zurück, ich will seine Blicke aus deinen Augen lesen.
ZWEITE SZENE

Eine Straße
Dumas. Ein Bürger.

Bürger. - Wie kann man nach einem solchen Verhör soviel Unschuldige zum Tod verurteilen?

Dumas. - Das ist in der Tat außerordentlich; aber die Revolutionsmänner haben einen Sinn, der andern Menschen fehlt, und dieser Sinn trügt sie nie.

Bürger. - Das ist der Sinn des Tigers. - Du hast ein Weib.

Dumas. - Ich werde bald eins gehabt haben.

Bürger. - So ist es denn wahr?

Dumas. -Das Revolutionstribunal wird unsere Ehescheidung aussprechen; die Guillotine wird uns von Tisch und Bett trennen.

Bürger. - Du bist ein Ungeheuer!

Dumas. - Schwachkopf! Du bewunderst Brutus?

Bürger. - Von ganzer Seele.

Dumas. - Muß man denn gerade römischer Konsul sein und sein Haupt mit der Toga verhüllen können, um sein Liebstes dem Vaterlande zu opfern? Ich werde mir die Augen mit dem Ärmel meines roten Fracks abwischen; das ist der ganze Unterschied.

Bürger. - Das ist entsetzlich!

Dumas. - Geh, du begreifst mich nicht! (Sie gehen ab.)
DRITTE SZENE

Die Conciergerie
Lacroix, Hérault auf einem Bett, Danton, Camille auf einem andern.

Lacroix. - Die Haare wachsen einem so und die Nägel, man muß sich wirklich schämen.

Hérault.-  Nehmen Sie sich ein wenig in acht, Sie niesen mir das ganze Gesicht voll Sand!

Lacroix. - Und treten Sie mir nicht so auf die Füße, Bester, ich habe Hühneraugen!

Hérault. - Sie leiden noch an Ungeziefer.

Lacroix. - Ach, wenn ich nur einmal die Würmer ganz los wäre!

Hérault. Nun, schlafen Sie wohl! wir müssen sehen, wie wir miteinander zurechtkommen, wir haben wenig Raum. - Kratzen Sie mich nicht mit Ihren Nägeln im Schlaf! - So! Zerren Sie nicht so am Leichtuch, es ist kalt da unten!

Danton. - Ja, Camille, morgen sind wir durchgelaufne Schuhe, die man der Bettlerin Erde in den Schoß wirft.

Camille.-  Das Rindsleder, woraus nach Platon die Engel sich Pantoffeln geschnitten und damit auf der Erde herumtappen. Es geht aber auch danach.  Meine Lucile!

Danton. - Sei ruhig, mein Junge!

Camille. - Kann ich's? Glaubst du, Danton? Kann ich's? Sie können die Hände nicht an sie legen! Das Licht der Schönheit, das von ihrem süßen Leib sich ausgießt, ist unlöschbar. Sieh, die Erde würde nicht wagen, sie zu verschütten; sie würde sich um sie wölben, der Grabdunst würde wie Tau an ihren Wimpern funkeln, Kristalle würden wie Blumen um ihre Glieder sprießen und helle Quellen in Schlaf sie murmeln.

Danton. - Schlafe, mein Junge, schlafe!

Camille.-  Höre, Danton, unter uns gesagt, es ist so elend, sterben müssen. Es hilft auch zu nichts. Ich will dem Leben noch die letzten Blicke aus seinen hübschen Augen stehlen, ich will die Augen offen haben.

Danton.-  Du wirst sie ohnehin offen behalten, Samson drückt einem die Augen nicht zu. Der Schlaf ist barmherziger. Schlafe, mein Junge, schlafe!

Camille. - Lucile, deine Küsse phantasieren auf meinen Lippen; jeder Kuß wird ein Traum, meine Augen sinken und schließen ihn fest ein.

Danton. - Will denn die Uhr nicht ruhen? Mit jedem Picken schiebt sie die Wände enger um mich, bis sie so eng sind wie ein Sarg. - Ich las einmal als Kind so 'ne Geschichte, die Haare standen mir zu Berg. Ja, als Kind! Das war der Mühe wert, mich so groß zu füttern und mich warm zu halten. Bloß Arbeit für den Totengräber!
Es ist mir, als röch' ich schon. Mein lieber Leib, ich will mir die Nase zuhalten und mir einbilden, du seist ein Frauenzimmer, was vom Tanzen schwitzt und stinkt, und dir Artigkeiten sagen. Wir haben uns sonst schon mehr miteinander die Zeit vertrieben. Morgen bist du eine zerbrochene Fiedel; die Melodie darauf ist ausgespielt. Morgen bist du eine leere Bouteille; der Wein ist ausgetrunken, aber ich habe keinen Rausch davon und gehe nüchtern zu Bett - das sind glückliche Leute, die sich noch besaufen können. Morgen bist du eine durchgerutschte Hose; du wirst in die Garderobe geworfen, und die Motten werden dich fressen, du magst stinken, wie du willst. Ach, das hilft nichts! Jawohl, es ist so elend, sterben müssen. Der Tod äfft die Geburt; beim Sterben sind wir so hilflos und nackt wie neugeborne Kinder. Freilich, wir bekommen das Leichentuch zur Windel. Was wird es helfen? Wir können im Grab so gut wimmern wie in der
Wiege. Camille! Er schläft; (indem er sich über ihn bückt:) ein Traum spielt zwischen seinen Wimpern. Ich will den goldnen Tau des Schlafes ihm nicht von den Augen streifen (Er erhebt sich und tritt ans Fenster.) Ich werde nicht allein gehn: ich danke dir, Julie! doch hätte ich anders sterben mögen, so ganz mühelos, so wie ein Stern fällt, wie ein Ton sich selbst aushaucht, sich mit den eignen Lippen rotküßt, wie ein Lichtstrahl in klaren Fluten sich begräbt. - Wie schimmernde Tränen sind die Sterne durch die Nacht gesprengt; es muß ein großer Jammer in dem Aug' sein, von dem sie abträufelten.


Camille. - Oh! (Er hat sich aufgerichtet und tastet nach der Decke.)

Danton. - Was hast du, Camille?

Camille. - Oh, oh!

Danton (schüttelt ihn). - Willst du die Decke herunterkratzen?

Camille. - Ach du, du - o halt mich! sprich, du!

Danton. - Du bebst an allen Gliedern, der Schweiß steht dir auf der Stirne.

Camille. - Das bist du, das ich - so! Das ist meine Hand! Ja! jetzt besinn ich mich. O Danton, das war entsetzlich!

Danton. -  Was denn?

Camille. - Ich lag so zwischen Traum und Wachen. Da schwand die Decke, und der Mond sank herein, ganz nahe, ganz dicht, mein Arm erfaßt' ihn. Die Himmelsdecke mit ihren Lichtern hatte sich gesenkt, ich stieß daran, ich betastete die Sterne, ich taumelte wie ein Ertrinkender unter der Eisdecke. Das war entsetzlich, Danton!

Danton. - Die Lampe wirft einen runden Schein an die Decke, das sahst du.

Camille. - Meinetwegen, es braucht grade nicht viel, um einem das bißchen Verstand verlieren zu machen. Der Wahnsinn faßte mich bei den Haaren. (Er erhebt sich.) Ich mag nicht mehr schlafen, ich mag nicht verrückt
werden. (Er greift nach einem Buch.)

Danton. - Was nimmst du?

Camille. - Die Nachtgedanken.

Danton. - Willst du zum voraus sterben? Ich nehme die Pucelle. Ich will mich aus dem Leben nicht wie aus dem Betstuhl, sondern wie aus dem Bett einer Barmherzigen Schwester wegschleichen. Es ist eine Hure; es treibt mit der ganzen Welt Unzucht.
VIERTE SZENE

Platz vor der Conciergerie
Ein Schließer. Zwei Fuhrleute mit Karren. Weiber.

Schließer. - Wer hat euch herfahren geheißen?

Erster Fuhrmann. - Ich heiße nicht Herfahren, das ist ein kurioser Namen.

Schließer. - Dummkopf, wer hat dir die Bestallung dazu gegeben?

Erster Fuhrmann. - Ich habe keine Stallung dazu kriegt, nichts als zehn Sous für den Kopf.

Zweiter Fuhrmann. - Der Schuft will mich ums Brot bringen.

Erster Fuhrmann. - Was nennst du dein Brot? (Auf die Fenster der Gefangnen deutend:) Das ist Wurmfraß.

Zweiter Fuhrmann. - Meine Kinder sind auch Würmer, und die wollen auch ihr Teil davon. Oh, es geht schlecht mit unsrem Metier, und doch sind wir die besten Fuhrleute.

Erster Fuhrmann. - Wie das?

Zweiter Fuhrmann. - Wer ist der beste Fuhrmann?

Erster Fuhrmann. - Der am weitesten und am schnellsten fährt.

Zweiter Fuhrmann. - Nun, Esel, wer fährt weiter, als der aus der Welt fährt, und wer fährt schneller, als der 's in einer Viertelstunde tut? Genau gemessen ist's eine Viertelstunde von da bis zum Revolutionsplatz.

Schließer. - Rasch, ihr Schlingel! Näher ans Tor; Platz da, ihr Mädel!

Erster Fuhrmann. - Halt't Euren Platz vor! Um ein Mädel fährt man nit herum, immer in die Mitt' 'nein.

Zweiter Fuhrmann. - Ja, das glaub ich: du kannst mit Karren und Gäulen hinein, du findst gute Gleise; aber du mußt Quarantäne halten, wenn du herauskommst.

(Sie fahren vor.)

Zweiter Fuhrmann. (zu den Weibern). - Was gafft ihr?

Ein Weib. - Wir warten auf alte Kunden.

Zweiter Fuhrmann. - Meint ihr, mein Karren wär' ein Bordell? Er ist ein anständiger Karren, er hat den König und alle vornehmen Herren aus Paris zur Tafel gefahren.

Lucile - (tritt auf. Sie setzt sich auf einen Stein unter die Fenster der Gefangnen). Camille, Camille! (Camille erscheint am Fenster.) Höre, Camille, du machst mich lachen mit dem langen Steinrock und der eisernen Maske vor dem Gesicht; kannst du dich nicht bücken? Wo sind deine Arme? - Ich will dich locken, lieber  Vogel. (Singt:)
        Es stehn zwei Sternlein an dem Himmel,
        Scheinen heller als der Mond,
        Der ein' scheint vor Feinsliebchens Fenster,
        Der andre vor die Kammertür.
Komm, komm, mein Freund! Leise die Truppe herauf, sie schlafen alle. Der Mond hilft mir schon lange warten. Aber du kannst ja nicht zum Tor herein, das ist eine unleidliche Tracht. Das ist zu arg für den Spaß, mach ein Ende! Du rührst dich auch gar nicht, warum sprichst du nicht? Du machst mir Angst. Höre! die Leute sagen, du müßtest sterben, und machen dazu so ernsthafte Gesichter. Sterben! ich muß lachen über die Gesichter. Sterben! Was ist das für ein Wort? Sag mir's, Camille. Sterben! Ich will nachdenken. Da, da ist's. Ich will ihm nachlaufen; komm, süßer Freund, hilf mir fangen, komm! komm! (Sie läuft weg.)

Camille (ruft). - Lucile! Lucile!



FÜNFTE SZENE

Die Conciergerie
Danton an einem Fenster, was ins nächste Zimmer geht. Camille.
Philippeau. Lacroix. Hérault.


Danton. - Du bist jetzt ruhig, Fabre.

Eine Stimme (von innen). - Am Sterben.

Danton. - Weißt du auch, was wir jetzt machen werden?

Die Stimme. - Nun?

Danton. - Was du dein ganzes Leben hindurch gemacht hast - des vers.

Camille (für sich). - Der Wahnsinn saß hinter ihren Augen. Es sind schon mehr Leute wahnsinnig geworden, das ist der Lauf der Welt. Was können wir dazu? Wir waschen unsere Hände -. Es ist auch besser so.

Danton.- Ich lasse alles in einer schrecklichen Verwirrung. Keiner versteht das Regieren. Es könnte vielleicht noch gehn, wenn ich Robespierre meine Huren und Couthon meine Waden hinterließe.

Lacroix. - Wir hätten die Freiheit zur Hure gemacht!

Danton. - Was wäre es auch! Die Freiheit und eine Hure sind die kosmopolitischsten Dinge unter der Sonne. Sie wird sich jetzt anständig im Ehebett des Advokaten von Arras prostituieren. Aber ich denke, sie wird die Klytämnestra gegen ihn spielen; ich lasse ihm keine sechs Monate Frist, ich ziehe ihn mit mir.

Camille (für sich). - Der Himmel verhelf ihr zu einer behaglichen fixen Idee. Die allgemeinen fixen Ideen, welche man die gesunde Vernunft tauft, sind unerträglich langweilig. Der glücklichste Mensch war der, welcher sich einbilden konnte, daß er Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist sei.

Lacroix. - Die Esel werden schreien »Es lebe die Republik«, wenn wir vorbeigehen.

Danton. - Was liegt daran? Die Sündflut der Revolution mag unsere Leichen absetzen, wo sie will; mit unsern fossilen Knochen wird man noch immer allen Königen die Schädel einschlagen können.

Hérault. - Ja, wenn sich gerade ein Simson für unsere Kinnbacken findet.

Danton. - Sie sind Kainsbrüder.

Lacroix. - Nichts beweist mehr, daß Robespierre ein Nero ist, als der Umstand, daß er gegen Camille nie freundlicher war als zwei Tage vor dessen Verhaftung. Ist es nicht so, Camille?

Camille. - Meinetwegen, was geht das mich an? - (Für sich:) Was sie an dem Wahnsinn ein reizendes Kind geboren hat! Warum muß ich jetzt fort? Wir hätten zusammen mit ihm gelacht, es gewiegt und geküßt.

Danton. - Wenn einmal die Geschichte ihre Grüfte öffnet, kann der Despotismus noch immer an dem Duft unsrer Leichen ersticken.

Hérault. - Wir stanken bei Lebzeiten schon hinlänglich. - Das sind Phrasen für die Nachwelt, nicht wahr, Danton; uns gehn sie eigentlich nichts an.

Camille.-  Er zieht ein Gesicht, als solle es versteinern und von der Nachwelt als Antike ausgegraben werden. Das verlohnt sich auch der Mühe, Mäulchen zu machen und Rot aufzulegen und mit einem guten Akzent zu sprechen; wir sollten einmal die Masken abnehmen, wir sähen dann, wie in einem Zimmer mit Spiegeln, überall nur den einen uralten, zahnlosen, unverwüstlichen Schafskopf, nichts mehr, nichts weniger. Die Unterschiede sind so groß nicht, wir alle sind Schurken und Engel, Dummköpfe und Genies, und zwar das alles in einem: die vier Dinge finden Platz genug in dem nämlichen Körper, sie sind nicht so breit, als man sich einbildet. Schlafen, Verdauen, Kinder machen - das treiben alle; die übrigen Dinge sind nur Variationen aus verschiedenen Tonarten über das nämliche Thema. Da braucht man sich auf die Zehen zu stellen und Gesichter zu schneiden, da braucht man sich voreinander zu genieren! Wir haben uns alle am nämlichen Tische krank gegessen und haben Leibgrimmen; was haltet ihr euch die Servietten vor das Gesicht? Schreit nur und greint, wie es euch ankommt! Schneidet nur keine so tugendhafte und so witzige und so heroische und so geniale Grimassen, wir kennen uns ja einander, spart euch die Mühe!

Hérault. - Ja, Camille, wir wollen uns beieinandersetzen und schreien; nichts dummer, als die Lippen
zusammenzupressen, wenn einem was weh tut.  Griechen und Götter schrien, Römer und Stoiker machten die heroische Fratze.

Danton. - Die einen waren so gut Epikureer wie die andern. Sie machten sich ein ganz behagliches Selbstgefühl zurecht. Es ist nicht so übel, seine Toga zu drapieren und sich umzusehen, ob man einen langen Schatten wirft. Was sollen wir uns zerren? Ob wir uns nun Lorbeerblätter, Rosenkränze oder Weinlaub vor die Scham binden oder das häßliche Ding offen tragen und es uns von den Hunden lecken lassen?

Philippeau.- Meine Freunde, man braucht gerade nicht hoch über der Erde zu stehen, um von all dem wirren Schwanken und Flimmern nichts mehr zu sehen und die Augen von einigen großen, göttlichen Linien erfüllt zu haben. Es gibt ein Ohr, für welches das Ineinanderschreien und der Zeter, die uns betäuben, ein Strom von Harmonien sind.

Danton. - Aber wir sind die armen Musikanten und unsere Körper die Instrumente. Sind denn die häßlichen Töne, welche auf ihnen herausgepfuscht werden, nur da, um höher und höher dringend und endlich leise verhallend wie ein wollüstiger Hauch in himmlischen Ohren zu sterben?

Hérault.-  Sind wir wie Ferkel, die man für fürstliche Tafeln mit Ruten totpeitscht, damit ihr Fleisch schmackhafter werde?

Danton. - Sind wir Kinder, die in den glühenden Molochsarmen dieser Welt gebraten und mit Lichtstrahlen gekitzelt werden, damit die Götter sich über ihr Lachen freuen?

Camille.-  Ist denn der Äther mit seinen Goldaugen eine Schüssel mit Goldkarpfen, die am Tisch der seligen Götter steht, und die seligen Götter lachen ewig, und die Fische sterben ewig, und die Götter erfreuen sich ewig am Farbenspiel des Todeskampfes?

Danton. - Die Welt ist das Chaos. Das Nichts ist der zu gebärende Weltgott.

(Der Schließer tritt ein.)

Schließer. - Meine Herren, Sie können abfahren, die Wagen halten vor der Tür.

Philippeau.-  Gute Nacht, meine Freunde! Legen wir ruhig die große Decke über uns, worunter alle Herzen ausschlagen und alle Augen zufallen. (Sie umarmen einander.)

Hérault. (nimmt Camilles Arm). Freue dich, Camille, wir bekommen eine schöne Nacht. Die Wolken hängen am stillen Abendhimmel wie ein ausglühender Olymp mit verbleichenden, versinkenden Göttergestalten. (Sie gehen ab.)
SECHSTE SZENE

Ein Zimmer

Julie. - Das Volk lief in den Gassen, jetzt ist alles still. Keinen Augenblick möchte ich ihn warten lassen. (Sie zieht eine Phiole hervor.) Komm, liebster Priester, dessen Amen uns zu Bette gehn macht. (Sie tritt ans Fenster.) Es ist so hübsch, Abschied zu nehmen; ich habe die Türe nur noch hinter mir zuzuziehen. (Sie trinkt.) Man möchte immer so stehn. - Die Sonne ist hinunter; der Erde Züge waren so scharf in ihrem Licht, doch jetzt ist ihr Gesicht so still und ernst wie einer Sterbenden. - Wie schön das Abendlicht ihr um Stirn und Wangen spielt. - Stets bleicher und bleicher wird sie, wie eine Leiche treibt sie abwärts in der Flut des Äthers. Will denn kein Arm sie bei den goldnen Locken fassen und aus dem Strom sie ziehen und sie begraben?
Ich gehe leise. Ich küsse sie nicht, daß kein Hauch, kein Seufzer sie aus dem Schlummer wecke. - Schlafe, schlafe! (Sie stirbt.)
SIEBENTE SZENE

Der Revolutionsplatz

Die Wagen kommen angefahren und halten vor der Guillotine. Männer und Weiber singen und tanzen die Carmagnole. Die Gefangenen stimmen die Marseillaise an.

Ein Weib (mit Kindern).- Platz! Platz! Die Kinder schreien, sie haben Hunger. Ich muß sie zusehen machen, daß sie still sind. Platz!

Ein Weib. - He, Danton, du kannst jetzt mit den Würmern Unzucht treiben.

Eine andere. - Hérault, aus deinen hübschen Haaren laß ich mir eine Perücke machen.

Hérault. - Ich habe nicht Waldung genug für einen so abgeholzten Venusberg.

Camille. - Verfluchte Hexen! Ihr werdet noch schreien: »Ihr Berge, fallet auf uns!«

Ein Weib. - Der Berg ist auf euch, oder ihr seid ihn vielmehr hinuntergefallen.

Danton (zu Camille). - Ruhig, mein Junge! Du hast dich heiser geschrien.

Camille (gibt dem Fuhrmann Geld). - Da, alter Charon, dein Karren ist ein guter Präsentierteller! - Meine
Herren, ich will mich zuerst servieren. Das ist ein klassisches Gastmahl; wir liegen auf unsern Plätzen und verschütten etwas Blut als Libation. Adieu, Danton! (Er besteigt das Blutgerüst, die Gefangnen
folgen ihm, einer nach dem andern. Danton steigt zuletzt hinauf.)

Lacroix (zu dem Volk).-  Ihr tötet uns an dem Tage, wo ihr den Verstand verloren habt; ihr werdet sie an dem töten, wo ihr ihn wiederbekommt.

Einige Stimmen. - Das war schon einmal da; wie langweilig!

Lacroix. - Die Tyrannen werden über unsern Gräbern den Hals brechen.

Hérault (zu Danton). - Er hält seine Leiche für ein Mistbeet der Freiheit.

Philippeau (auf dem Schafott).- Ich vergebe euch; ich wünsche, eure Todesstunde sei nicht bittrer als die meinige.

Hérault.-  Dacht' ich's doch! er muß sich noch einmal in den Busen greifen und den Leuten da unten zeigen, daß er reine Wäsche hat.

Fabre. - Lebe wohl, Danton! Ich sterbe doppelt.

Danton. - Adieu, mein Freund! Die Guillotine ist der beste Arzt.

Hérault (will Danton umarmen). - Ach, Danton, ich bringe nicht einmal einen Spaß mehr heraus. Da ist's
Zeit. (Ein Henker stößt ihn zurück.)

Danton (zum Henker). - Willst du grausamer sein als der Tod? Kannst du verhindern, daß unsere
Köpfe sich auf dem Boden des Korbes küssen?

ACHTE SZENE

Eine Straße

Lucile. -  Es ist doch was wie Ernst darin. Ich will einmal nachdenken. Ich fange an, so was zu begreifen.
Sterben - Sterben -! - Es darf ja alles leben, alles, die kleine Mücke da, der Vogel. Warum denn er nicht? Der Strom des Lebens müßte stocken, wenn nur der eine Tropfen verschüttet würde. Die Erde müßte eine Wunde bekommen von dem Streich. Es regt sich alles, die Uhren gehen, die Glocken schlagen, die Leute laufen, das Wasser rinnt, und so alles weiter bis da, dahin - nein, es darf nicht geschehen, nein, ich will mich auf den Boden setzen und schreien, daß erschrocken alles stehn bleibt, alles stockt, sich nichts mehr regt. (Sie setzt sich nieder, verhüllt sich die Augen und stößt einen Schrei aus. Nach einer Pause erhebt sie sich:) Das hilft nichts, da ist noch alles wie sonst; die Häuser, die Gasse, der Wind geht, die Wolken ziehen. - Wir müssen's wohl leiden.

(Einige Weiber kommen die Gasse herunter.)

Erstes Weib. - Ein hübscher Mann, der Hérault!

Zweites Weib.-  Wie er beim Konstitutionsfest so am Triumphbogen stand, da dacht' ich so, der muß sich gut auf der Guillotine ausnehmen, dacht' ich. Das war so 'ne Ahnung.

Drittes Weib.-  Ja, man muß die Leute in allen Verhältnissen sehen; es ist recht gut, daß das Sterben so öffentlich wird. (Sie geben vorbei.)

Lucile. - Mein Camille! Wo soll ich dich jetzt suchen?
NEUNTE SZENE

Der Revolutionsplatz

Zwei Henker, an der Guillotine beschäftigt.

Erster Henker (steht auf der Guillotine und singt).
        Und wann ich hame geh,
        Scheint der Mond so scheh…

Zweiter Henker. - He, holla! Bist bald fertig?

Erster Henker. - Gleich, gleich! (Singt:)
        Scheint in meines Ellervaters Fenster -
        Kerl, wo bleibst so lang bei de Menscher?
So! Die Jacke her! (Sie gehn singend ab:)
        Und wann ich hame geh,
        Scheint der Mond so scheh…

Lucile (tritt auf und setzt sich auf die Stufen der Guillotine). - Ich setze mich auf deinen Schoß, du stiller Todesengel. (Sie singt:)
        Es ist ein Schnitter, der heißt Tod,
        Hat Gewalt vom höchsten Gott.
Du liebe Wiege, die du meinen Camille in Schlaf gelullt, ihn unter deinen Rosen erstickt hast. Du Totenglocke, die du ihn mit deiner süßen Zunge zu Grabe sangst. (Sie singt:)
        Viel Hunderttausend ungezählt,
        Was nur unter die Sichel fällt.

(Eine Patrouille tritt auf.)

Ein Bürger. - He, wer da?

Lucile (sinnend und wie einen Entschluß fassend, plötzlich). - Es lebe der König!

Bürger.-  Im Namen der Republik! (Sie wird von der Wache umringt und weggeführt.)




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