Montag, 23. Februar 2015

BRIEF AN DIE MUTTER von Sergej Esenin (1895 - 1925)


 

BRIEF AN DIE MUTTER

von Sergej  Esenin  (1895 - 1925)


Bist du noch am Leben, gute Alte ?
Auch ich lebe noch. Sei mir gegrüßt !
Dass sich über deiner kleinen Kate
Stets am Abend jenes Licht ergießt !

Schreiben mir, dass du in siecher Sorge
Über mich in tiefen Kummer fällst,
Dass du auf und abläufst oft im Dorfe
Im verblichnen, abgetragnen Pelz.


Und im abendlichen, blauen Dunkel
Siehst du ein ums andre Mal nur wie
Mir bei Schlägereien in Spelunken
's Messer unter's Herz gestoßen wird.

Lass doch, traute Mutter, solche Gräuel,
Die bedrückend dir vor Augen stehn;
Bin noch nicht so'n abgehärmter Säufer,
Dass ich stürbe, ohne dich zu sehn.

Zärtlich bin ich noch, genau wie früher,
Und ich denk mir ständig Wege aus,
Wie ich aus der rauen Schwermut wieder
Heimkehrn kann in unser enges Haus.


Werde kommen, wenn der weiße Garten
Frühlingshaft die Zweige von sich streckt.
Doch dann weck mich nicht wie vor acht Jahren,
Als du mich früh morgens schon geweckt.

Das, was ausgeträumt ist, lass es ruhen,
Rühre nicht an das, was längst entschwand,–
Allzu früh hab ich vergebne Mühen
Und Verlust erfahren und gekannt.

Und belehr mich nicht, ich solle beten !
Sinnlos! Dorthin führt kein Weg zurück.
Du nur bist mein Schutz und Trost in Nöten,
Du nur bist mein abendliches Licht.


Lass es doch, dass du in siecher Sorge
Über mich in tiefen Kummer fällst.
Lauf nicht auf und ab so oft im Dorfe
Im verblichnen, abgetragnen Pelz.


1924









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